Tagungsbericht: Panel „Comics und Recht“ der AG Comicforschung

Termin:
04.10.2014 - 04.10.2014

Bericht vom Panel “Comics und Recht” der AG Comicforschung auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft 2014 („Medien ❘ Recht“)

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Am 4. Oktober 2014 fand im Rahmen der Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft (GfM) in Marburg das zweite Panel der AG Comicforschung statt. Zu dem Thema “Comics und Recht” gab es drei Vorträge, die sich mit den unterschiedlichsten Rechtsdiskursen im und um den Comic beschäftigten. Das von der AG-Sprecherin Véronique Sina (Ruhr-Universität Bochum) moderierte Panel lockte rund 20 Zuhörer_innen in den Seminarraum.

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Den Anfang machte der Kunst- und Medienwissenschaftler Jakob F. Dittmar (Hochschule Malmö) mit seinem Vortrag zur „Verwendung fremder Bilder und Texte im Comic zwischen Aneignung und Urheberrechtsverletzung“. Er verzichtete dabei bewusst auf Bildmaterial, denn – so seine Ausgangsthese – im digitalen Zeitalter ist die Überfrachtung mit Bildern so stark, dass man als Comic-Zeichner zwangsläufig fremdes Bildmaterial zitiert, auch ohne dies bewusst zu tun oder dies, auf rein formaler Ebene, überhaupt vermerken zu können. Am Beispiel von Jens Harders Alpha Directions zeigte er auf, wie schnell es zu Plagiatsvorwürfen kommen kann und wie problematisch die Abgrenzung zwischen Plagiat und Inspiration speziell im Medium Comic ist. Dittmar zog den Vergleich zur „Appropriation Art“, die sich, ähnlich wie Comics, in einer rechtlichen Grauzone befindet. Dieser Umstand erschwert der Comic-Industrie den Umgang mit Plagiatsvorwürfen ungemein. Tatsache ist, dass sich Comic-Künstler in der heutigen Zeit der (digitalen) Bilderflut nicht entziehen können und zudem überwiegend digital arbeiten. Letztendlich plädierte Dittmar für eine Unterscheidung zwischen der veränderter Lesart eines ‘Originials’ und der plumpen Kopie eines solchen, also einem Plagiat. Aus kultureller Sicht spricht also nichts gegen Bildzitate, solange dadurch eine neue Erzählqualität entsteht. Rechtlich gesehen bewegen sich Comics und ihre Macher_innen dabei allerdings weiterhin in einer Grauzone des Urheberrechts.

Foto_GfM AG Panel 2014_Julia Eckel

Im Anschluss folgte ein Vortrag von Medienwissenschaftler Andreas Rauscher (Universität Siegen) über “Auteur Politics vs. Author’s Duties – Probleme der Autorenpolitik im US-Comic-Mainstream”. Nach einer kurzen Einführung in die “Auteur Theory” veranschaulichte Rauscher fünf Arten des Umgangs mit der Autorschaft, speziell bei der filmischen Adaption von US-Mainstream-Comics. Die Verfilmung von Alan Moores Watchmen steht z.B. für die Adaption als illustrierter Klassiker, welche das Hin- und Herschieben kulturellen Kapitals beinhaltet. Die Adaption von The Avengers durch Joss Whedon gilt als Exploration der Comic-Vorlage, während Frank Millers Sin City einen adaptiven Ausbau darstellt. Statt einer reinen Auftragsarbeit wie bei Whedon, handelt es sich bei Millers Film um eine Erweiterung des Originalmaterials durch den ursprünglichen Autor. Guardians of the Galaxy ist hingegen ein Beispiel für eine Aneignung; eine Comic-Verfilmung mit eigenem Blickwinkel und individuellem ästhetischen Ansatz die auch parodistische Elemente integriert. Chris Nolans Batman Returns entspricht dagegen einer relativ freien Interpretation des Originals. Abschließend gab Rauscher einen Ausblick auf aktuelle Tendenzen und mögliche Zukunftsmodelle (z.B. “shared auteurism”) im Umgang mit Autorschaft. Er bemerkte dabei, dass Auteur-Ansätze transmedial erweitert werden können und stellte fest, dass Autorschaft in Zukunft sehr von weiter gefassten “storyworlds” und neuen “modes of production” abhängen wird.

Den letzten der drei Vorträge hielt Hans-Joachim Backe (IT-Universität Kopenhagen) zum Thema „Ästhetik der Selbstjustiz. Bruch von Comickonventionen als Reflektion von Rechtsdiskursen”. Mit Hilfe zahlreicher Beispiele illustrierte Backe anschaulich, dass sich die fragwürdigen Rechtskonzepte von zeitgenössischen Superhelden-Charakteren oft nicht nur auf der inhaltlichen, sondern v. a. auch auf der ästhetischen Ebene widerspiegeln. In traditionellen Superhelden-Comics wird die inhärente Dialektik von Recht grundsätzlich ignoriert, was sich erst durch die große Revision des Genres in den 1980er Jahren änderte. Anhand von Alan Moores Watchmen (1986-87) arbeitet Backe inhaltliche und formale Aspekte heraus, die von traditionellen Konventionen des Superhelden-Genres nicht nur abweichen, sondern auch deren Rechtsdiskurs reflektieren. Die aktuelleren Beispiele Sleeper (2003-05) und Dial H (2012-13) unterstrichen die Beobachtungen zur ästhetischen Verhandlung von Gut und Böse zusätzlich. “Die kritische Auseinandersetzung mit Recht und Gesetz,” so Backes These, “geht im Superhelden-Comic daher stets mit einer Thematisierung der eigenen Ästhetik einher”.

Die nächste Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft findet vom 1. bis 3. Oktober 2015 an der Universität Bayreuth zum Thema „Utopien“ statt; ein Call for Papers folgt noch. Sicher wird es aber auch in Bayreuth wieder ein Panel der AG Comicforschung geben.

Bericht: Laura Oehme (Universität Bayreuth)
Foto: Julia Eckel (Philipps-Universität Marburg)

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