Schlagwort-Archiv: Leseempfehlungen

ComFor-Leseempfehlungen 2017

Die Redaktion der Gesellschaft für Comicforschung wünscht Ihren Leser_Innen  und Freund_Innen nachträglich noch einmal einen guten Jahresstart. Auch zu diesem Jahreswechsel möchten wir uns an den Listen aus Leseempfehlungen beteiligen, die man zum Jahreswechsel allerorts finden kann (hier geht es zu Leseempfehlungen der Vorjahre 2014-2016). Unter der Redaktion von Lukas R.A. Wilde haben wir unsere Mitglieder um ganz und gar subjektive Lektüretipps gebeten, die aus den vergangenen zwölf Monaten im Gedächtnis geblieben sind – aus welchen Gründen auch immer. Im Folgenden also einige Notizen zum Comicjahr 2017!

Juliane Blank

Literaturwissenschaftlerin (Germanistik), Universität des Saarlandes

D’Orsay-VariationenManuele Fior: D’Orsay-Variationen
Avant-Verlag

Auch wenn es sich um ein Auftragswerk des Musée d’Orsay handelt, erzählt der Comic nicht einfach die Geschichte des Museums. Stattdessen träumt sich Fior einen Streifzug durch die Kunstgeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zusammen – und zwar ganz wörtlich. Die von den Besucher*innen und den Gemälden genervte Museumswärterin schläft während der Arbeit ein und sieht im Traum ‚ihre‘ Künstler, die sie so gut kennt: In Momentaufnahmen wird gezeigt, wie sich die impressionistischen Künstler*innen um Edgar Degas darüber streiten, ob Kunst in der Natur oder im Museum von den ‚Klassikern‘ gelernt wird. Was hier in Variationen durchgespielt wird, ist die Frage nach der Dynamik von Ablehnung und Verehrung, nach den Mechanismen der Zuschreibung von Kanon und Avantgarde. Die Anekdoten, die Fior erzählt, sind nicht immer belegt; aber der Band ist auch kein Lehrbuch der Kunstgeschichte. Er zeigt vielmehr, wieviel Bewegung in der Kunstgeschichte ist, die uns heute so fixiert und scheinbar unumstößlich entgegen tritt, zumal im Museum. Dabei sieht der Comic auch noch wunderschön aus. Fior demonstriert einmal mehr seine Spezialität, durch Variation des visuellen Stils zu erzählen. Die Überblendungen zwischen verschiedenen Bilderwelten lassen die Leser*innen abtauchen in den Traum von der Kunst, aber auch immer wieder in ihrer eigenen Welt aufwachen – vielleicht mit einem neuen Blick.
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Tillmann Courth

Comicjournalist und Blogger (COMIXENE, Comicoskop, tillmanncourth.de)

My Favorite Thing is MonstersEmil Ferris: My Favorite Thing is Monsters
Fantagraphics

Das ganze Jahr schon mache ich Propaganda für dieses US-amerikanische Werk, das aus dem Nichts kam. Mein Comic des Jahres 2017! Die Comicdebütantin Ferris legt einen 380-Seiten-Klotz vor, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat: ein höchst eigenwillig illustriertes Werk um ein Mädchen aus Chicago, das im Jahr 1968 mit ihrer sexuellen Identität ringt und ihre Umwelt wie einen düsteren Horror-Krimi wahrnimmt. Auf liniertem und gelochtem Schreibheftpapier (!) breitet Ferris mit feinem Buntstift ein Panoptikum der Zeit und ein Sittengemälde der Nachbarschaft aus. Protagonistin Karen fantasiert sich aus ihrem elenden Unterschichten-Alltag heraus, indem sie sich in Kunst flüchtet, Selbstermächtigung aus Horror-Trash gewinnt und als kecke Detektivin einem realen Mordfall nachgeht. Dabei kommen noch dunkle Geheimnisse zu Tage, die bis in ein deutsches Konzentrationslager zurückreichen. Das alles klingt wahnsinnig verblasen, therapeutisch und anspruchsvoll. Dank der Brille der Naivität, durch die Karen blickt, kann Ferris jedoch ihre Themen federleicht und mit viel trockenem Witz jonglieren. My Favorite Thing is Monsters bewältigt auf spielerische Weise, woran sich Dutzende Kunstcomicschaffende die Zähne ausgebissen haben: ein popkulturelles, genderbewusstes, zeitkritisches Familiendrama mit Humor! Für mich ist dieser Comic „the great American GRAPHIC novel“ (eine extensive Besprechung findet sich auf meinem Kulturblog).
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Weiterlesen: Empfehlungen von elf weiteren Comic-Expert_innen der ComFor

ComFor-Leseempfehlungen 2016

Die Redaktion der Gesellschaft für Comicforschung wünscht Ihren Leser_Innen  und Freund_Innen nachträglich noch einmal einen guten Jahresstart. Auch zu diesem Jahreswechsel findet man sie überall, die Jahresbestenlisten. Die ComFor möchte sich erneut beteiligen (hier geht es zu Leseempfehlungen der Vorjahre). Wir haben unsere Mitglieder um ganz und gar subjektive Leseempfehlungen gebeten, die aus den vergangenen zwölf Monaten im Gedächtnis geblieben sind – aus welchen Gründen auch immer. Hier also einige Notizen zum Comicjahr 2016:

Ole Frahm

Literaturwissenschaftler, Arbeitsstelle für Graphische Literatur (ArGL) Hamburg

van DrielGuido van Driel: Als wir gegen die Deutschen verloren haben

Sind Comics ein besonders geeignetes Medium für die Darstellung von Erfahrungen mit Gewalt? Nach der Lektüre von Als wir gegen die Deutschen verloren haben lässt sich sagen: ja, nicht zuletzt weil die gezeichnete, hier gemalte, pastose Bildserie als Tableaus eine Distanzierung erlaubt, in der Traum und Wirklichkeit, Projektion und Materialität seltsam gleichwertig und kritisierbar werden. Das Unwirkliche unserer Wirklichkeit und ihrer Geschichte wird erinnerbar – van Driel erzählt es berdrängend genau. Schon 2002 in den Niederlanden erschienen ist der Band in diesem Jahr endlich auf Deutsch veröffentlicht worden und wirkt so aktuell und überzeugend, als sei er gerade erst produziert.
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MeurisseCatherine Meurisse: Die Leichtigkeit

Sind Comics ein besonders geeignetes Medium für die Darstellung von Erfahrungen mit Gewalt? Nach der Lektüre von Catherine Meurisse Buch Die Leichtigkeit läßt sich sagen: ja, nicht zuletzt weil das gezeichnete Bild eine Distanzierung erlaubt, in der noch das grausamste Geschehen – wie das Massaker, bei dem ein großer Teil der Redaktion von Charlie Hébdo ermordet wurde – mit einem Witz in Rabelaischer Tradition tradiert werden kann. Das ist auch eine Strategie gegen den um sich greifenden identitären Wahn unserer Tage. Dabei ermäßigt Meurisse nichts, der Schrecken, der Schock, das Unwirkliche des Geschehens treten in ihren karikaturesken Zeichnungen deutlich hervor – und beweisen die Kraft der Karikatur und des seriellen Bildes, deren Wiederholungen nicht nur Bearbeitungen des Traumas erlauben, sondern auch manchen Scherz.
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GottfredsonFloyd Gottfredson: Mickey Mouse Vol. 5: ‚Outwits the Phantom Blot’

Sind Comics ein besonders geeignetes Medium für die Darstellung von Erfahrungen mit Gewalt? Nach der Lektüre von dem fünften Band der wiederveröffentlichten Tagesstrips von Mickey Mouse läßt sich sagen: nein. Zwar treten die Deformation der Menschen der kapitalistischen Gesellschaft in Floyd Gottfredsons Zeichnungen deutlich zu Tage, aber die Gewalt, die der Rassismus der 1930er in den Südstaaten bedeutet, wird kaum durch die Kannibalen mit gebrochenen Südstaatenakzent – oder wie Gottfredson schreibt: „cannibals who speak English with a colored accent“ – reflektiert. Da hilft es auch nicht, dass diese Darstellung gerahmt ist: sie findet als Film von Disney in einem Studio statt (und erinnert an den ersten Strip von Mickey Mouse, den Disney geschrieben hat und in dem es auch Kannibalen gibt). Diese Wiederveröffentlichung ist zwar eingeleitet, aber die Kommentare machen vor allem deutlich, wie wenig entwickelt die Comic-Wissenschaft hinsichtlich philologischer Editionen ist. Und so wird auch nur hagiographisch kommentiert, warum die Augen von Mickey am 22.12.1938 von einfachen schwarzen Pupillen in den beiden Rundungen ihres Gesichts zu kleineren Augen werden, wodurch die Rundungen ihre Bedeutung verlieren, und zwar genau in dem Strip, in dem der rassistische Film beginnt. Sehen wir Mickey seitdem nurmehr als Schauspieler, der – wie gegen den agilen Tintenfleck Phantom – alle möglichen Rollen annimmt?
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Dietrich Grünewald

Kunsthistoriker, Emeritus Universität Koblenz-Landau, ehem. 1. Vorsitzender der ComFor

Ich möchte auf zwei Comics hinweisen, die ich mit großem Vergnügen gelesen habe und die ich gerne empfehlen möchte. Beide legen neben der Geschichte besonderen Wert auf eine adäquate Visualisierung:
Smolderen Clerisse
Alexandre Clerisse und Thierry Smolderen: Ein diabolischer Sommer

In Ein diabolischer Sommer erzählt ein Icherzähler ein einschneidendes Erlebnis aus seiner Jugend, das damit endet, dass sein Vater spurlos verschwindet. 20 Jahre später publiziert er die Erinnerung, trifft seine alte Jugendliebe wieder und erhält durch sie Hinweise, die das mysteriöse Geschehen aufklären. Die Geschichte entpuppt sich als spannende Agentengeschichte mit überraschendem Ausgang. Der Reiz des Bildromans liegt in seiner Gestaltung. Das Jugenderlebnis spielt sich 1967 ab – und der Zeichenstil greift wunderbar die bunte Illustrationswelt dieser Zeit auf, wie wir sie z. B. aus Kaukas Münchhausen, aus Bilderbüchern und Zeitschriften kennen, eine bunte glatte Farbenwelt, die mit der Pop-Art und ihr verbundenen Comics wie Jodelle korrespondiert. Nicht nur Architektur, Einrichtung und Kleidung spiegeln die 1960er Jahre, so manche Szene erinnert an die Motive David Hockneys, wobei die Landschaftsdarstellungen mit ihren sich in die Bildtiefe windenden Straßenverläufe seine grandiose Bildwelt aus den 1990er Jahren zitiert und damit eine Brücke über die Zeit schlägt. Und dann ist da noch Diabolik- der maskierte Dunkelmann aus der italienischen Comicserie um den 1962 von Angela und Luciana Giussani erfundenen und von Luigi Marchesi gezeichneten Gentlemen-Verbrecher, der im Geschehen auftaucht… So ist die Geschichte mit ihrem Verweis auf Diabolik und auf das Magazin Pilote auch eine Hommage an frühe Comiclektüre.
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LehmannMatthias Lehmann: Die Favoritin

Lehmann erzählt aus der Perspektive der kleinen Constanze, die isoliert von der Außenwelt in einem Schloss aufwächst, unter der Fuchtel einer gewalttätigen Großmutter und eines passiv-erduldenden Großvaters. Doch Constanze ist tatsächlich ein Junge, dem die Großmutter die Mädchenrolle aufzwingt. Das erinnert an Rilke, den die Mutter im Verlustschmerz über die verstorbene Schwester in eine Mädchenrolle drängte; wie einst Rilke muss auch „Constance“ Mädchenkleidung und lange Haare tragen. Der historisierende Aspekt wird durch die Visualisierung aufgegriffen. Die Zeichnungen wirken ein wenig wie alte Holzstiche, ihr Schwarz-Weiß trägt den bedrückenden Charakter der Geschichte, was wiederum durch absurd-witzige Elemente und die cartoonhafte Darstellung der Akteure, gebrochen wird. Realität und Fantasie, Wunsch und Konstruktion greifen ineinander. Das zeigt sich in Dramaturgie und Layout, in zahlreichen Bildmetaphern und Bildzitaten (wie Ary Scheffers Tod Géricaults, 1824), in den ohnmächtigen Gewaltfantasien „Constances“, der Einbeziehung von Comic-, Film- und Literaturlektüre (Goethes Leiden des jungen Werther) ins Kinderspiel. Wenn „Constance“ den Kindern des portugiesischen Hausmeisterpaares mit einer Maske begegnet, so spielt das auf raffinierte Weise mit der Doppelbödigkeit der Situation, und ihre Demaskierung (was die getragene Maske wie die aufgezwungene Mädchenrolle betrifft) veranschaulicht Leid und Tragik „Constanzes“, die – wie sich dann zu Ende der Geschichte herausstellt – eigentlich Maxime heißt und als Zweieinhalbjähriger geraubt worden war…
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Thomas Hausmanninger:

Christliche Sozialethik, Universität Augsburg

Dorison Allart Xavier Dorison und Thomas Allart: HSE – Human Stock Exchange 1-3

Xavier Dorisons Comics sind bei uns vor allem durch den Erfolg von Das Dritte Testament bekannt geworden und daher häufig auch in Deutsch übersetzt. Bei diesem Dreiteiler fehlt leider (bislang?) die deutsche Ausgabe. Dorison präsentiert darin eine Art Social Science fiction, in der er die neoliberale Konzeption der Marktwirtschaft und die Konsequenzen eines deregulierten Börsenkapitalismus weiter denkt: Die Börse war einst eine Erfindung, die die Acquisitation von Kapital für Unternehmen durch Ausgabe von Anteilsscheinen ermöglichen sollte und in der Folge diese Anteilsscheine selbst als auf dem Markt handelbare Ware betreute. Ausgehend von einem realen Fall lässt Dorison, selbst Absolvent einer Elite-Wirtschaftsschule, nun einzelne Personen und ihre wirtschaftlichen Unternehmungen börsennotierbar werden. Seine Hauptfigur Felix Fox, tätig als Verkäufer im Call Center eines Automobilproduzenten, versucht diese Chance zu nutzen und muss erfahren, was es bedeutet. wenn der Mensch als Ganzer nur noch durch die ökonomische Brille betrachtet wird. Die französische Gesellschaft der Zukunft wird von Dorison als extreme Klassengesellschaft mit über 50% Arbeitslosigkeit gezeichnet, in der die Bürger*innen in ökonomisch aufgeteilten, von paramilitärischen Truppen bewachten Zonen leben. Treffend zerlegt der Autor dabei die Stereotypen neoliberaler Ideologie.
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Rodolphe MarchalBertrand Marchal und Rodolphe: Memphis 1-3

Durch die Zusammenarbeit mit Leo am Universum von Kenya und Namibia steht der Name Rodolphe in letzter Zeit mehr und mehr für phantastische period pieces, also in einer zurückliegenden Epoche mit recht authentischer Zeitgeschichte angesiedelter Erzählungen, die Historie und Phantastik miteinander verweben. Bertrand Marchal und sein ausgezeichneter Colorist Sebastien Bouet setzen mit Memphis nun eine Geschichte in scheinbar den 1960er Jahren in den USA um, bei der sich zunehmend zeigt, dass man sich mitnichten in dieser Region und Zeit befindet. Verschwörungstheoretische Elemente und eine an Rätseln orientierte Narration sorgen für Spannung in einer angenehm langsam und sorgfältig erzählten Geschichte, die als Krimi beginnt und als Science fiction endet. Sebastian Bouets Lichtführung in den Farben ist – wie schon in Namibia – erneut ein Augenschmaus.
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Philippe Richelle u.a.: Les mystères de la … republique

Richelle Philippe Richelle hat sich einen Namen gemacht durch seine beiden vorangehenden Serien Sectrets bancaire und Secrets bancaire USA, in denen er – ähnlich Dorison, aber in der aktuellen Zeitgeschichte platziert – die Folgen des Finanzkapitalismus durchbuchstabiert. Mit den drei parallel laufenden Serien Les mystéres de la – triosième, quatrième, cinquième – republique arbeitet er nun die Zeitgeschichte Frankreichs nach dem Zweiten Weltkrieg auf. Alle drei Serien sind außerordentlich lesenswert, werden aber wegen ihrer ausschließlichen Konzentration auf die französische Geschichte kaum je übersetzt werden. Es handelt sich jeweils um Krimis, die fokalisiert auf jeweils einen Kommissar als Hauptfigur durcherzählt werden. Skandalöse politische Hintergründe werden dabei stets aufgedeckt, die die Hauptfiguren mit der politischen Zeitgeschichte konfrontieren. Richelle geht mit Frankreich sehr kritisch ins Gericht. Wer Es war einmal in Frankreich hierzulande geschätzt hat, wird mit diesen drei Serien gut und spannend bedient sein. Zeichnerisch leisten Pierre Wachs, der hier einen fließenden Pinselstrich pflegt, und François Ravard, der ähnlich arbeitet, in zwei der drei Serien detailreiche, atmosphärische Bilder. Alfio Buscaglia, der die mittlere Serie zeichnet, bleibt leider hinter den beiden anderen zurück.
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Stephan Packard

Juniorprofessor für Medienkulturwissenschaft in Freiburg, 1. Vorsitzender der ComFor
King Walta
Tom King, Gabriel Hernandez Walta und Jordie Bellaire: The Vision

Superheldencomics habe ich an dieser Stelle schon öfter empfohlen. Die Geschichte, die Tom King hier in 12 Episoden anspinnt und zu Ende bringt, ist auf den ersten und auf den dritten Blick auch einer. Auf den ersten, weil der Protagonist Marvels Superheld The Vision ist: ein vom bösartigen Ultron geschaffener und später zum Guten bekehrter Androide, Mitglied der Avenger, und bisher siebenunddreißigmal Retter der Welt, wie wir in der neuen Serie vorgerechnet bekommen.
Auf den zweiten Blick erweist sich die Erzählung als subtile und perfekt skandierte Tragödie. Ihre meisten Szenen spielen in dem amerikanischen Vorstadthaus, in dem die künstliche Familie, die der Androide sich gebaut hat, scheitert. Die empfindsame Komposition läuft ruhig und nachdenklich ab und raubt den Atem. Zugleich bietet sie beste Hard SF, die noch einmal präzise die bekannte und wieder aktuelle Frage nach dem künstlichen Menschen als Frage nach dem Menschen überhaupt stellt. Eine Antwort auf diese Frage kann ja Liebe lauten. Wie das unerbittlich schiefgeht, steht hier.
Mit Kings genialem Arrangement des Sujets und seinem Wort für Wort perfektem Text (unbedingt im Original lesen!) spielt die graphische Brillanz zusammen: Waltas scheinbar sachliche Zeichnungen treffen jeden emotionalen Ton exakt, und Bellaires gedämpfte Farben kehren die künstliche Pose der Androiden dort hervor, wo sie die verzweifelte Bemühung um authentische Affekte besonders menschlich macht. Dass es allen dreien in Plot, Wort und Bild dann gelingt, auf den dritten Blick auch noch der ganzen Vorgeschichte der Hauptfigur aus mehreren Jahrzehnten populärer Superheldencomics gerecht zu werden, kann man wahrscheinlich erst glauben, wenn man es selbst liest.
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Lukas R.A. Wilde

Medienwissenschaftler, Universität Tübingen

BaitingerMax Baitinger: Röhner

Meine erste Begegnung mit Max Baitingers gleichermaßen brachialer wie subtiler Befindlichkeitsstudie fand in der Erlanger Schuhstraße statt, in der Rotopol während des Comic-Salons eine hübsche kleine Ausstellung arrangiert hatte. Es war aber weniger der Vernissage-Sekt und nicht einmal die Anwesenheit des Künstlers, die mich hinein gelockt hat, sondern eine etwas grummelige Bemerkung eines Erlanger Passanten: „Jetzt stelle’se do schon Gebrauchsanweisungen aus!“ Der aufgeräumte Minimalismus in Baitingers zweitem längeren Werk (nach einer grandiosen Heimdall-Neuinterpretation) ist aber durchaus kein Selbstzweck. Es geht um die pedantischen Zwangsneurosen, die festgelegten Flächen und geordneten Abläufe einer Großstadtexistenz, in die eine Art Naturgewalt namens „Röhner“ einbricht – der „Freund von früher“, den man nicht mal seinem ärgsten Feind wünscht, obwohl er doch eine absolut nette Type ist. Und es gibt ja noch die Frau von Nebenan, und alle Dreiecks-Geometrien dazwischen. Von „unterkühlten Punchlines“ schrieb Oliver Ristau in seiner Kritik, das trifft es recht genau: aber nicht nur sprachlich so perfekt geschliffen, dass keine Silbe Verschleiß bleibt, sondern eben auch in der Bildersprache, die Räume und Gegenstände ständig mit aberwitzigen Metamorphosen bedroht. Das Alltägliche und das Surreale – am Ende ist man sich tatsächlich nicht mehr sicher, warum man beides je für Gegenpole hielt.
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BonhommeMatthieu Bonhomme: Der Mann, der Lucky Luke erschoss

Apropos Comic-Salon: Von all den wiederkehrenden Gesprächsthemen dieses Salon-Jahres ist mir ein etwas alberner Running Gag in besonders guter Erinnerung. „Also dieser Matthieu Bonhomme… Ein guter Mann!„, „Wirklich, ein guter Mann, muss man sagen!“ Scherz beiseite, Bonhomme ist sogar ein ganz großartiger Mann, dem hier etwas wirklich Wunderbares geglückt ist! Überzeugende Nebenfiguren, Italo-Western, kritische Mythen-Reflexion… zu all dem Lob, das dieser Überraschungs-Band bereits erhalten hat, lässt sich nichts hinzufügen. Besonders raffiniert fand ich, dass alles, was man über die Figur „Lucky Luke“ zu wissen glaubte, in Bonhommes Welt selbst Hörensagen-Status hat; quasi die Lagerfeuer-Folklore eines etwas romantisch-überschwänglichen Biographen. Bei Bonhomme zieht niemand schneller als ein Schatten, aber jeder möchte (natürlich!) weiter daran glauben. Und wenn keine Zigaretten mehr geraucht werden können, dann aufgrund von allzumenschlicher Ressourcenverknappung, gemeinen Regenschauern und plötzlichen Windstößen. Auf den Nikotinentzug folgt dann auch unvermeidlich der Zitterich, da ist es mit schnellem Ziehen ohnehin vorbei. Man liest unweigerlich ein wenig mit hinein, wie etwa Tim und Struppi unter einem Bonhomme’schen Weltfilter aussehen könnten…
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Millar QuitelyMark Millar und Frank Quitely: Jupiter’s Legacy

Apropos Dekonstruktion: Ich bin selbst sehr überrascht, dass ich mich noch einmal auf Mark Millars (gefühlt ca. 7000ten) Entwurf einer Superhelden-Entmantelung einlassen konnte. „Was, wenn Menschen in bunten Kostümen die Realpolitik der Gegenwart übernehmen und ein totalitäres Regime zur Weltenrettung errichten würden?“: Von Watchmen über Kingdom Come bis zu The Authority, eigentlich wäre kein Element dieser wilden, genre-reflexiven Collage nicht bereits in den 1990ern in den Tropen-Baukasten eingegangen und längst bekannt. Aber es liegt nicht nur an Frank Quitelys weiterhin atemberaubender Inszenierung, dass es sich hier – einmal mehr, diesmal wirklich, jetzt aber! –“larger than life“ anfühlt. Vielleicht paradoxerweise, weil Millar hier gar nicht größer schreiben will als das Leben. Es sind doch die ganz kleinen Geschichten der sorgfältig ausgearbeiteten Nebenfiguren, die sich am stimmigsten anfühlen. Der leider schon etwas gewohnte Zynismus des Autors lässt hier endlich wieder viel Platz für anderes, für das Licht am Ende des Tunnels, für eine Familien-Saga über drei Generationen, für leise Töne und unverhohlenes Mitfiebern! Endlich wieder mehr als eine Vorlage für actionreiche Verfilmungen (die paradoxerweise vermutlich genau darum auch einen großartigen Film abgeben könnte)! Man darf tatsächlich gespannt sein, ob die Schöpfer diese Töne länger durchhalten.
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ComFor-Leseempfehlungen 2015

Die Redaktion der Gesellschaft für Comicforschung wünscht Ihren Leser_Innen  und Freund_Innen nachträglich noch einmal einen guten Jahresstart. Auch zu diesem Jahreswechsel findet man sie überall, die Jahresbestenlisten. Die ComFor möchte sich erneut beteiligen und hat ihre Mitglieder_Innen um ganz und gar subjektive Leseempfehlungen gebeten, die aus den vergangenen zwölf Monaten im Gedächtnis geblieben sind – aus welchen Gründen auch immer. Hier also einige Notizen zum Comicjahr 2015:

Ole Frahm

Literaturwissenschaftler, Arbeitsstelle für Graphische Literatur (ArGL) Hamburg

Kus 23
Kus #23: Redrawing Stories from the Past
Zu diesem Band, das sei vorweg gewarnt, habe ich das Nachwort geschrieben. Weil die lettische, kleinformatige (A6), aber international vertriebene Comic-Zeitschrift aber wenig bekannt ist, erlaube ich mir dennoch hier den Hinweis. Der Band erscheint mir aus mindestens fünf Gründen lesenswert: 1. Weil er andere Perspektiven auf den Holocaust eröffnet – und auf das Verhältnis von Comic und Holocaust. 2. Weil die fünf Kurzgeschichten indirekt die seltsam selbstverständlich gewordene Notwendigkeit in Frage stellen, vom Holocaust als Graphic Novel zu erzählen. 3. Weil die fünf ZeichnerInnen sehr unterschiedliche ästhetische und narrative Entscheidungen getroffen haben. 4. Weil sie aus vier verschiedenen Ländern kommen: Paula Bulling and Max Baitinger aus Deutschland, Zosia Dzierżawska aus Polen, Vuc Palibrk aus Serbien und Mārtiņš Zutis aus Lettland und auch die den Diskurs interessant öffnet. 5. Paula Bulling an die vergessene Solidarität zwischen arabischen und jüdischen Franzosen erinnert. http://www.komikss.lv/

Golem's VoiceDavid G. Klein: The Golem’s Voice:
Diese Graphic Novel über den Holocaust wäre nicht der Rede wert, wenn sie nicht noch einmal auf den Punkt bringen würde, was seit siebzig Jahren viele Comics umtreibt, die geheime Verbindung zwischen dem Golem und den Comics, dem anorganischen Lehmwesen, das zugleich lebt und nicht lebt, nicht tot ist, aber auch nicht lebendig, und dem anorganischen, bedruckten Papier. Klein lässt wenig Klischees aus, die Geschichte lässt sich ohne weiteres als kitschig bezeichnen, aber wer, die oder der Comics gerne liest, würde das als Argument gegen einen Band verstehen wollen?

LindberghAhndongshik: Lindbergh (8 Bände):
Lindbergh von Ahndonghik enthält alles, was das postmoderne Leser-Herz begehrt: eine Vielzahl von Charakteren, die weder gut noch böse sind; Figuren, die zugleich original wirken und zahllose Klischees zitieren; keine zentrale Erzählperspektive; die Gleichzeitigkeit verschiedener historischer Moden; eine Handlung aus noch mehr Versatzstücken: Ben Hur in den Lüften, Ritterromantik, Piratenabenteuer und moderne Kriegsführung, ein par force-Flug durch die Menschheitsgeschichte – kurzum ein völlig selbstreferentieller Kosmos, der gleichwohl einen entscheidenden bürgerlichen Mythos aufs Korn nimmt: die Beherrschung der Natur, ihre Maschinisierung. Und dies in interessanten Bildern und Verdichtungen, die daran erinnern, dass der Zeichenstift ganz andere Phantasien freizusetzen vermag als selbst das digitalisierte Filmbild.

Dietrich Grünewald

Kunsthistoriker, Emeritus Universität Koblenz-Landau, ehem. Vorsitzender der ComFor

Humboldts letzte ReiseFroissard & Le Roux: Humboldts letzte Reise, eine fantastische Geschichte in packenden und zugleich poetischen Bildern über die (fiktive) letzte Reise des großen Wissenschaftlers.

Ètienne Davadeau: Der schielende Hund – für alle, die Spaß an Kunst und Museen haben – eine amüsante Geschichte um und im Louvre.

Flurin von Salis: Der Mon Ventoux. Kein Comic im eigentlichen Sinne, eine Wort-Bild-Geschichte über den Berg in der Provence, der immer wieder die Fahrradfahrer anlockt – gerade in der etwas spröden Art der Zeichnung ein sehr poetisches Werk…

Und auf noch eine Bildgeschichte möchte ich verweisen, auch wenn sie bereits 2014 erschienen ist, aber wohl zu wenig Aufmerksamkeit bekommen hat:
Der FlussAlessandro Sanna: Der Fluss.
Eine textfreie Geschichte: Jede Jahreszeit wird mit einem seitenfüllenden Bild eingeleitet, um dann über zahlreiche Seiten textfreie Episoden in Registern, i. d. R. in vier untereinander geordneten Panorama-Bildstreifen, zu präsentieren. In einer Reise den Fluss entlang verfolgen wir, wie das Hochwasser im Herbst über die Ufer tritt, im Winter Nebel und Schnee Fluss und Ufer beherrschen und im Stall ein Kälbchen geboren wird, wie im Frühling Hochzeit gefeiert wird mit Tanz und Feuerwerk und im Sommer ein Tiger aus dem Zirkus ausbricht, den ein mutiger Maler im Bild festhält. In wunderbaren, stimmungsvollen Aquarellen, in zarten wie kräftigen Farben, die die Jahreszeiten atmosphärisch aufgreifen, lässt uns Sanna das Leben am Fluss erleben. Das braucht keine Worte; Bildstreifen für Bildstreifen taucht der Betrachter in die gezeigte Stimmung wie in den erzählten Prozess ein und wird vom Beobachter zu Mitspieler, zum Radler auf dem Damm, zum Bootsführer, zum Fluggast im Fesselballon. Die Bildgeschichte ist eine lyrisch-visuelle Ballade, eine Hymne auf den Fluss, nicht nur auf Norditaliens Po, der Sanna inspirierte, sondern übertragbar eine Liebeserklärung an alle Natur.

Max Höllen

Kulturwissenschaft und Kulturmanagement an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg
Der TrinkerJakob Hinrichs: Hans Fallada – Der Trinker.
Scott McCloud beschreibt in seinem Lehrbuch Comics machen vier verschiedene Typen von Comic-Künster_innen: Klassizisten, Animisten, Formalisten und Ikonoklasten. Wenn solche Archetypen auch oft einer universalen Anwendbarkeit entbehren und mit der Zeit überdacht werden müssen, so kann man sie doch zur Analyse der Dimensionen Schönheit, Erzählung, Originalität und Authentizität verwenden, wobei man feststellen muss, dass Hans Fallada – Der Trinker von Jakob Hinrichs an allen vier Lagerfeuern seinen Platz findet: Die expressionistischen Illustrationen mit ihren ständig wechselenden Farbkombinationen und –kompositionen lassen den Grafik-Design-Handwerker erkennen, doch reizt dieser damit das Medium Comic bis an seine Grenzen aus und experimentiert grafisch mit Figurengestaltung, Seitenarchitektur und Paneleinteilung was das Zeug hält. Die Geschichte ist dabei genial verschränkt und so vielschichtig, dass man in der Mitte bei einem Buch in einem Buch in einem Buch angekommen ist, nur damit die Ebenen am Ende auf verblüffende Weise zusammenkrachen. Das Farbenspiel hilft bei der Orientierung, wobei die bunte Welt, die Hinrichs erschafft, nicht über Dreck und Elend von Drogensucht, Gefängnis und nationalsozialistischer Unterdrückung hinwegtäuschen kann. So bekommt sogar die deutsche Comic-Koryphäe und Zeitgenosse Hans Falladas e.o.plauen seine Hommage. Wer nüchtern an die Sache herangeht, wird durch die komplexe Erzählung, die aufreizende Farbsymbolik und die psychedelischen Zeichnungen bald betrunken sein von diesem künstlerischen Hochgenuss – also bitte nicht zu viel auf einmal zu Gemüte führen, sondern in kleinen Dosen konsumieren.

Stephan Packard

Medienkulturwissenschaftler, Vertretungsprofessor für Theorien und Kulturen des Populären an der Universität zu Köln
Resist Comics
Can Yalçınkaya hat mit Resist Comics: Scenes from the Gezi Resistance eine bemerkenswerte, ästhetisch wie politisch widerständige Anthologie herausgegeben. Auf 110 Seiten finden sich fast 30 Comics: abstrakte und konkrete, Erzählungen und Impressionen, Einseiter und Fortsetzungsgeschichten, von bekannten Namen und pseudonymen sowie anonymen Künstler_innen. Alle beschäftigen sich mit der sog. „Occupy Gezi“-Bewegung in der Türkei im Sommer 2013. Am Protest gegen ein Bauprojekt im Gezi-Park in Istanbul hatte sich ein allgemeiner Widerstand gegen Erdogans Regierung gebildet; nach der gewaltsamen Räumung am 31. Mai wiederholten sich Proteste in anderen Städten. Die vorliegende Sammlung verhandelt die Möglichkeiten von Politik und Zeitgeschichte in Comics in verschiedensten Registern: Einige Beiträge sind unmittelbar engagierte Kunst, die zu spezifischem Handeln aufruft; andere reflektierten autobiographisch Erlebnisse bei den Protesten; etliche finden Bilder für die oft nur indirekt greifbare Hoffnung auf eine andere und anders politische Zukunft. Die Sammlung entstand auf sozialen Netzwerken; an #diren/#resist hängte sich #DirenCizgiRoman/#ResistComics an. Neben einer Kickstarter-finanzierten Druckausgabe hat sich die Anthologie nun vor allem digital über Comixology international verbreitet. „Gezi“ bedeutet Rundgang oder Spaziergang; die Comics in dieser spannenden Sammlung durchwandern persönliche Erinnerungen und politische Entwürfe und werfen ruhige oder aufgeregte Blicke in die jüngste Vergangenheit und auf mögliche Szenarien für die Zukunft.

Lukas R.A. Wilde

Medienwissenschaftler, Doktorand Universität Tübingen

Sousanis: UnflatteningNick Sousanis‘ Unflattening
hat nun wahrlich einiges an Aufmerksamkeit erhalten im vergangenen Jahr – eine Dissertation in Form eines Comics, eingereicht und angenommen an der ältesten erziehungswissenschaftlichen Graduiertenschule der USA, dem Teachers College der Columbia University, das hatte einiges an Spektakelwert! Dieser hat meines Erachtens leider ein wenig überschattet, was für ein inspirierender Lesestoff Unflattening vor Allem geworden ist! Entlang Edwin A. Abbotts phantastischer Novelle Flatland (1884), in der ein Bewohner eines 2D-Universums Ausflüge in die erste, dritte und schließlich sogar vierte Dimension unternimmt, lädt Sousanis ebenfalls auf eine Reise an die Grenzen der Vorstellungskraft und des Denkens ein – und zwar programmatisch entlang des Zusammenspiels von Textlichkeit und Bildlichkeit. Dass er dabei ohne gezeichnete Erzählerfiguren à la McCloud, aber auch ganz ohne Darstellungen raumzeitlicher „Storyworlds“ auskommt, stellt nebenbei eine interessante Herausforderung an solche „Comic“-Definitionen dar, die allzu sehr dem Narrativen verhaftet sind. Auf fast jeder Doppelseite darf man sich neu von den diskursiven, metaphorischen und epistemischen Funktionen von „Bildern“ überraschen lassen, die weitaus mehr (und immer wieder anderes) können, als die Wahrnehmbarkeit von physischen Einzeldingen abzubilden. Ob Unflatting wissenschaftlich anschlussfähig sein mag, dahingestellt – trotz unzähliger Fußnoten und weiter kulturgeschichtlicher Überblicke bleibt es doch vor Allem ein Lektürespaß, den man schon alleine aus diesem Grund zur Hand nehmen sollte.
Weiterlesen: Drei Bonus-Empfehlungen von Max Höllen aus dem Kalenderjahr 2014

ComFor-Leseempfehlungen 2014

Zu jedem Jahreswechsel findet man ihn überall, den geheimnisvollen Zauber der Liste. Auch die Gesellschaft für Comicforschung möchte sich beteiligen und hat ihre Mitglieder nach subjektiven Leseempfehlungen befragt, die aus den vergangenen zwölf Monaten im Gedächtnis geblieben sind – aus welchen Gründen auch immer. Hier also einige Notizen zum vergangenen Comicjahr 2014:

Ole Frahm:

Medienwissenschaftler, Arbeitsstelle für Graphische Literatur Hamburg

2014_Burns_kleinCharles Burns: Sugar Skull
Es ist immer traurig, den dritten Band einer Trilogie zu lesen, der doch auch gerne der erst dritte Band einer unendlichen Serie werden könnte. Und dann lösen sich die verschiedenen Auslassungen, ausgemerzten Erinnerungen, mit denen der erste Band X’ed Out seine Leser verwirrte, bei einer ersten Lektüre vielleicht zu leicht auf, was immer einen Grund für eine Enttäuschung bietet. Doch Charles Burns gelingt es mit dieser scheinbaren Einfachheit überhaupt erst sein Argument über die Comics, insbesondere Tim und Struppi zu entfalten. Das alte Thema der Abwesenheit von Sexualität in Hergés Serie gewinnt hier in dieser graphischen Psychoanalyse eine neue, keineswegs einfach zu deutende Perspektive – nicht zuletzt in der Konstellation mit Romance Comics, dem New Wave-Aufbruch der frühen 1980er Jahre, Jugendkultur und der aktuellen Frage der Aneignung der Zeichen.

2014_tardi_kleinJacques Tardi: Ich, René Tardi, Kriegsgefangener im Stalag IIB
Ein merkwürdiger Comic. Der Zeichner als Jugendlicher geht in einem dauernden Verfremdungseffekt mit seinem Vater durch dessen Soldatenleben im 2. Weltkrieg, besonders dessen Gefangenschaft im Stalag. Die Penetranz, mit der Tardi als Junge unbeantwortete Fragen stellt – sein Vater ist schon lange tot, der Zeichner vermerkt im Vorwort, dass er eben versäumte, diese Fragen zu stellen, erzeugt eine ganz eigenartige, dichte Atmosphäre, in der die Geschichte als Konstruktion tatsächlich von der Jetztzeit erfüllt ist, wie sie nur im Comic zu haben ist: gespalten, aber auf einer Seite, in einem Buch. Und es macht deutlich, wie säumig die bundesdeutschen Comiczeichner sind.

2014_kichka_kleinMichel Kichka: Zweite Generation
Ein wirklich kluger und anrührender Versuch vom Leben der Generation zu erzählen, deren Eltern den Holocaust überlebt haben. Vor allem Kichkas am funny geschulter Zeichenstil vermag es, der Überlieferung des Holocaust in unseren Tagen einen bisher so nicht gekannten Aspekt abzugewinnen.

Weiterlesen: Zu drei mal drei weiteren Leseempfehlungen