CfP: CLOSURE #13, Schwerpunkt: »Animal Studies«

Publication
Journal Special Issue:
CLOSURE #13, https://www.closure.uni-kiel.de/
Stichtag: 15.11.2025

CLOSURE wird in seiner dreizehnten Ausgabe erneut allen Facetten der Comicforschung ein Forum bieten. Von Kultur-, Bild- und Medienwissenschaften bis zu Sozial- oder Naturwissenschaften und darüber hinaus: CLOSURE setzt auf Aufsätze und fachwissenschaftliche Rezensionen, die den ›state of the comic‹ verhandeln. Ob Detailanalyse, Comic-Theorie oder innovative Neuansätze – für den offenen Themenbereich begrüßen wir möglichst vielseitige Beiträge aus dem interdisziplinären Forschungsfeld ›Comic‹.

Schwerpunkt: »Animal Studies«

Die Bildsprache des Comics bietet einzigartige Möglichkeiten, Tiere und Mensch-Tier-Beziehungen neu zu denken und darzustellen. Farben, Stile und Fokalisierung etc. können eingesetzt werden, um die Grenzziehungen zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Lebenswelten zu erkunden und zu hinterfragen. Medienspezifische Leerstellen verweigern sich einer fixierten anthropozentrischen Determinierung. Auch weiteren auf weiteren formalen Ebene können Comic-Künstler_innen die Sequenzierung von Panels, Zeichen und Erzählsträngen experimentell umstellen, um Multispecies-Narrative zu schaffen und so tierliche Perspektiven als eigenständige Erfahrungsweisen sowie Tierlichkeit (José. 2020, 326–334) zu reflektieren. Hieran lassen sich viele Forschungsperspektiven anschließen: Wie fordert die Medienphänomenologie des Comics unsere anthropozentrische Wahrnehmung und Interpretation von Mensch-Tier-Verhältnissen heraus? Was passiert, wenn das Tierliche über die trauma-indizierte Kostümierung (Batman) oder die Aneignung von Tiereigenschaften (Spider-Man) hinausgeht (Vgl. Schatz u. Parson 2017)? Wann sind Tierdarstellungen im Comic klar als Metaphern aufzufassen (MAUS), wann als Anthropomorphisierungen realer Tiere (Pride of Baghdad), wann als unbestimmt phantastische Mischwesen (Donald, Micky, Goofy)? Und wieviel Tierisches bleibt bei Letzteren über das reine Grafikdesign hinaus tatsächlich erhalten? Wichtiger noch: Welche politischen Potentiale und Programme können entlang dieser – oder quer zu solch ganz unterschiedlichen – Strategien verbunden sein?

Die Human-Animal Studies, entstanden als interdisziplinäres Forschungsfeld in den 1980er Jahren im angloamerikanischen Raum, können unter anderem an solchen Fragen ansetzen. Sie etablierten sich ca. 10 Jahre später als eigenständiger (akademischer) Diskurs. Das Forschungsfeld ist somit relativ jung, hat aber gerade in den letzten Jahren an gesellschaftlicher Relevanz gewonnen – auch außerhalb seiner intersektionalen Anschlussfähigkeit mit den Bereichen den z. B. Postcolonial oder Eco Studies. Parallel dazu entwickelten sich die Critical Animal Studies als politisch-aktivistische Strömung, die eine explizite Verbindung von Tierrechtsaktivismus und akademischem Austausch anstrebt. Beide Forschungsfelder umfassen dabei sowohl deskriptive Analysen von Mensch-Tier-Beziehungen als auch kritische Untersuchungen von Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnissen, insbesondere ist aber die Anerkennung tierlicher agency und die Dekonstruktion anthropozentrischer Konzepte des Animalischen ein zentrales Anliegen. Eine Übertragung auf den Comic erscheint hier naheliegend, lässt sich doch sowohl der Einsatz von Tieren als stellvertretende Metaphern (vgl. Willmott 2018) bis hin zu eigenständig und tierlich agierenden Individuen nachzeichnen als auch die explizite Behandlung von Diskursen aus den Bereichen der Tierethik oder -philosophie (vgl. Kockel u. Hahn 2017).

Bereits um 1900 nutzt Gus Dircks anthropomorphe Tierfiguren in der Reihe Bugville (1900-1902), um über allzu Menschliches zu zeichnen (vgl. Eckhorst 2016). Ob Käfer, Mäuse oder Enten – Tiere fungierten oftmals als komische Repräsentationen menschlicher Eigenschaften. Mit den 1980er Jahren etablierten sich auch komplexe Metaphern, u. a. initiiert durch Art Spiegelmans MAUS, fortgeführt durch nicht-anthropomorphe Charaktere, wie in We Are On Our OwnA Memoir by MiriamKatin (2006).

Diese Darstellungen erweiterte sich durch kritische Auseinandersetzungen mit Tierrechten und Ökologie seit den 1970er Jahren. Tierische Themen fanden ihren Ausdruck sowohl in Underground Comix als auch in alternativen Comics. Eine Szene mit ökologischem Bewusstsein schuf sich einen Raum, in dem Mensch-Tier-Beziehungen und Artengrenzen befragt wurden. Tierlichkeit wurde als politisches und ethisches Thema ›entdeckt‹.

Inzwischen haben Webcomics und unabhängige Verlage viel dazu beigetragen, eine noch breitere Vielfalt an Mensch-Tier-Beziehungen und kritischen Perspektiven auf Animalität in die Comic-Welt zu bringen. In diesen Geschichten geht es nicht nur darum, Tiere zu zeigen, sondern sie auch als Subjekte mit eigenen Perspektiven zu etablieren, deren Darstellung über stereotype Projektionsflächen hinausgeht (Herman 2018a; 2018b). Erzählungen über Mensch-Tier-Verhältnisse finden sich auch früh im Bereich der Graphic Medicine und Umwelt-Comics, sowohl in aktivistischer und autobiografischer Form als auch zur gezielten Aufklärung über Tierrechte und Ökologie.

Diese Comics fordern sowohl gesellschaftliche Normen als auch Comic-Konventionen heraus, indem sie Animalität und Mensch-Tier-Beziehungen ins Bild setzen und dabei tierische Handlungsfähigkeit (agency) sehr unterschiedlich gegenüber den jeweiligen tierischen Bewusstseins- und Empfindungsvorstellungen konfigurieren. Während sich das Innenleben der Katzen-, Hunde- und Hasen-Protagonist_innen in Tom Kings und Peter Gross’ Animal Pound (2025), einem politisch zeitgemäßen Update zu George Orwells Animal Farm (1945), etwa kaum von Menschen unterscheidet, präsentiert uns Tony Fleecs und Trish Forstner Stray Dogs (2021) einen Thriller-Plot mit Hunden, deren Gedächtnisleistungen aber kaum über mehrere Tage hinausreichen. Grant Morrison und Frank Quitely wiederum versuchten in WE3 (2004) ein ganz und gar menschenunähnliches, geradezu fremdes Innenleben ihrer cybernetisch erweiterten Tierprotagonist_innen zu erhalten – oder überhaupt erfahrbar zu machen. Ähnliches gilt wohl auch für Lucky, den berühmten »Pizza Dog« aus David Aja and Matt Fractions Hawkeye #11 (2013).

Ein Verständnis all dieser Strategien erfordert die genaue Untersuchung der Werke und der sie umgebenden Diskurse. CLOSURE #13 lädt zur Einsendung von Beiträgen ein, die Animal Studies-Perspektiven in verschiedenen Comic-Kulturen erforschen und dabei Schnittpunkte mit tierischen Figuren, Formen und Narrativen untersuchen.

Mögliche Themen sind unter anderem:

  • Animal Studies-Theorien im Comic: Visuelle Umsetzung theoretischer Konzepte zu Animalität, z. B. Speziesismus (Singer 1974), Xenomonie etc.
  • Posthumane und multispecies Narrative: Comics, die menschliche Exzeptionalität hinterfragen
  • Anthropomorphismus und seine Grenzen: Kritische Analyse anthropomorpher Tierfiguren und ihrer ideologischen Funktionen
  • Animal Studies und ihre Grenzen: Ist die tierliche Perspektive darstellbar?
  • Metaphorische Verwendung von Tieren: Politische und soziale Allegorien
  • Superheld_innen mit Tierkräften: Von Batman bis zu Squirrel Girl und Marven Mutts
  • Hybride und chimäre Identitäten: Comics über Mensch-Tier-Transformationen und Grenzüberschreitungen
  • Mythologische und fantastische Tierwesen: Drachen, Werwölfe und andere chimäre Gestalten
  • Ökologische Comics und Klimawandel: Darstellung von Mensch-Natur-Verhältnissen und Umweltzerstörung
  • Tierrechtsdiskurse in Comics: Aktivistische und aufklärende Darstellungen von Tierleid und -befreiung, Tierschutz-Comics im pädagogischen Kontext: Einsatz an Schulen und Universitäten
  • Intersektionale Perspektiven: Verbindungen zwischen Tierunterdrückung und anderen Formen der Diskriminierung
  • Domestizierung vs. Wildheit Jagd und Fleischkonsum vs. ›beste Freunde‹ (?)

Darstellung von zahmen und wilden Tieren sowie deren kulturelle Codierungen; kritische Darstellungen der Instrumentalisierung von Tieren zu Zwecken des Konsums, der Wissenschaft o. ä.

  • Comics für verschiedene Zielgruppen: Von Kinderbüchern bis zu Graphic Novels für Erwachsene oder Wissenschaftscomics – wie didaktisieren wir tierliche Entitäten?

Bitte senden Sie Ihr Abstract zum offenen Themenbereich oder zum Schwerpunkt »Animal Studies« (max. 3000 Zeichen inkl. Leerzeichen) sowie eine kurze bio-bibliographische Angabe bis zum 15. November 2025 an: closure@email.uni-kiel.de. Die fertigen Beiträge (35.000-50.000 Zeichen inkl. Leerzeichen) werden bis zum 01. März 2026 erwartet. Weitere Informationen zu CLOSURE sowie die bisherigen Ausgaben finden Sie unter: www.closure.uni-kiel.de.

Lit.

  • Alaniz, José: Animals in Graphic Narrative. In The Oxford Handbook of Comic Book Studies, hg. v. Frederick Luis Aldama, Oxford: Oxford University Press 2020, S. 326–334.
  • Dembicki, Matt: Xoc. The Journey of a Great White, Portland: Oni 2012.
  • Eckhorst, Tim: Gus Dirks — Käfer, Kunst & Kummer, Berlin: Christian A. Bachmann Verlag 2016.
  • Herman, David (Hg.): Animal Comics: Multispecies Storyworlds in Graphic Narratives, London: Bloomsbury 2018a.
  • Herman, David (Hg.): Narratology beyond the Human: Storytelling and Animal Life, New York: Oxford University Press 2018b.
  • Katin, Miriam: We Are On Our Own. A Memoir. Montreal: Drawn & Quaterly 2006.
  • Kockel, Julia von und Oliver Hahn: Tierethik – der Comic zur Debatte, München: Verlag Wilhelm Fink 2017.
  • Spiegelmans, Art: Die vollständige Maus: Die Geschichte eines Überlebenden Taschenbuch, Frankfurt a. M.: Fischer 2008.
  • Willmott, Glenn: The Animalized Character and Style, in: David Herman (Hg.): Animal Comics: Multispecies Storyworlds in Graphic Narratives, London: Bloomsbury 2018, S. 53–76.