Im Herbst 2023 trafen sich erstmals verschiedene Vertreter:innen wissenschaftlicher Comicsammlungen zwecks Austausch und Vernetzung zu einem virtuellen Gespräch. Anlass war die Anfrage von Kolleg:innen aus Bielefeld, die mit einer großen Schenkung von Comic-Dubletten aus dem Frankfurter Comic-Archiv vor einem Berg bibliothekarischer Probleme standen. Während der Anlass also akut war, stand die Idee, Comics sammelnde Einrichtungen an Universitäten an einen Tisch zu bringen, bereits schon länger im Raum. Konkret wurden diese Fragen, als Matthias Harbeck und Felix Giesa gemeinsam an einem Beitrag zu Ressourcen für das Handbuch Comicforschung gearbeitet haben. Bekannt sind zwar die Einrichtungen, die Ralf Palandt vor vielen Jahren auf der Webseite der ComFor vorgestellt hat und auch deren Nutzungsmodalitäten. Jedoch gibt es darüber hinaus auch eine Vielzahl, teils hochspezialisierter Einrichtungen, die oft nur in kleinen Arbeitskontexten bekannt sind. Deren Status, die Nutzungsmodalitäten und -möglichkeiten für den Beitrag zu erarbeiten, stellte sich immer wieder als Augenöffner heraus: „Das gibt es? Das haben wir? Warum hat man davon noch nie gehört?“ Das sahen auch alle anderen so und so fand die Idee eines ersten Austauschs breites Interesse.
Der Inhalt dieses ersten Termins war sehr disparat, was aufgrund der unterschiedlichen Situationen in den diversen Sammlungen auch nicht anders zu erwarten war. Jede Sammlung hat eben so ihre eigenen Baustellen. Die größten sind dabei für alle, nicht zwingend in dieser Reihenfolge: Erschließung, Platz, Personal. Der Austausch wurde rundum positiv bewertet und so wurden weitere Treffen und der Gang in die Öffentlichkeit beschlossen. Für den Bibliothekskongress BiblioCon im Sommer 2024 wurde vereinbart, ein Panel und eine öffentliche Arbeitssitzung zu beantragen. Erfreulicherweise wurden alle Vorschläge angenommen und so konnten wir Anfang Juni in Hamburg erstmals persönlich zusammenkommen. Inhaltlich wurden dabei zum einen die grundsätzlichen Probleme des Sammelns von Comics diachron und synchron vorgestellt sowie anhand der Sammlungen des Ibero-Amerikanischen Instituts in Berlin (IAI)sowie des Frankfurter Comic-Archivs konkretisiert . Auch hier war der Zulauf und -spruch außerordentlich positiv. Insbesondere bei den Vorträgen konnte man sich fühlen wie bei Einführungsseminaren in den 2000er Jahren – das Publikum saß auf den Gängen und stand an den Fenstern.
Positiv bestärkt durch diesen Erfolg, wurde beschlossen, die gemeinsame Arbeit weiter zu intensivieren. Konkret wurde ein DFG-Rundgespräch für das Frühjahr 2025 in Frankfurt beantragt – und erfreulicherweise auch genehmigt. Die Idee für das Rundgespräch. das am 20. Februar 2025 stattfinden konnte, bestand vor allem darin, neben den sammelnden Einrichtungen auch Vertreter:innen aus der Forschungscommunity einzuladen, um gemeinsam Bedarfe zu klären und Desiderate zu katalogisieren. Das Ergebnis möchten wir hier dokumentieren und damit auch zur weiteren Diskussion stellen:
- Sammelprofile/Profilabsprachen: Es wird die Idee eines Konsortiums mit verbindlicher Vernetzung und jährlichen Treffen diskutiert. Absprachen zu Sammler:innenbibliotheken und Nachlässen (wer ist wofür zuständig, etc.) sollen hier koordiniert werden und als Kontaktstelle nach außen wirken. Konkret will man sich nach dem Vorbild Kalliope darum bemühen, Bestandsdatensätze anzulegen und einen breiten Einstieg für alle Nutzenden zu erreichen. Perspektivisch soll der Kreis der Teilnehmenden zukünftig um die Museen wegen der Expertise zu Originalzeichnungen erweitert werden.
- Nachweis/Auffindbarkeit: Es wird der Wunsch/Auftrag formuliert, einen Atlas/eine Landkarte zu erstellen, wo sich Comicsammlungen überhaupt befinden. Dies soll systematisch national, europäisch und global in sukzessiven Schritten gedacht werden. Der Vorgang soll bottom up durchgeführt werden und grundständige Informationen zu allen Sammlungen enthalten. In Abstimmung mit der Gesellschaft für Comicforschung (ComFor) könnte das Mapping auf der Homepage der Gesellschaft verankert werden. Auch soll eine Verzahnung mit der Wikipedia überlegt werden. Zu beachten ist dabei die Pflege/Nachhaltigkeit solcher Kartierungen und Verzeichnungen.
Es wird auch auf die Verlagsarchive hingewiesen, die zum Teil ihre Bestände einfach entsorgt hätten, weil weder sie noch die Archiv-/Bibliothekswelt hier an eine Konservierung gedacht hätten (Beispiel Bastei). Das zu bildende Konsortium (siehe 1.) müsste aber auch transparent machen, welche Einrichtungen überhaupt solche Bestände aufnehmen könnten/würden.
Neben dem Wunsch einer größeren Sichtbarkeit von Comicbeständen, besteht weiterhin ein zentrales Interesse, wissenschaftliche Texte und Personen für den weiteren Forschungsdiskurs sichtbar zu machen. Ermöglicht würde dies, indem bereits Masterarbeiten, Hochschulschriften und deren Autorschaften in das bekannte und bestehende Forschendennetzwerk aufgenommen würden. - Erschließung: Genreerschließung ist derzeit in der Gemeinsamen Normdatei gar nicht geregelt, das Desiderat aber bekannt. Da wenig Vorgaben gemacht werden können, aber der Wunsch da ist, die Bestände der Primärliteratur filterbar und sichtbar zu machen, wird der deutliche Wunsch zu Protokoll gegeben, dass das Pflichtfeld „Art des Inhalts“ konsequent mit „Comic“ zu belegen sei, auch sei es hilfreich, Notationen aus dem Bereich „Comics und Comicforschung“ der Regensburger Verbundklassifikation zu vergeben, da hier zumindest Region und Erscheinungsform klar filterbar seien. Es gibt aber auch alternative Wege, diese Informationen zu erschließen, wie das Beispiel des IAI (geografische Ländercodes und Klassifikationsangabe in der Bibliothekssoftware PICA) zeigt.
Eine weitere Empfehlung der Formalerschließung wäre, alle beteiligten Personen als Normdaten zu erschließen. Dies ist derzeit nicht Pflicht und auch keine flächendeckende Praxis und erhöht auch den Erschließungsaufwand erheblich. Für einen potentiellen gemeinsamen Nachweis über ein zusammenspielbares Portal wäre am besten der GVI-Index abzugreifen. Der geäußerte Wunsch, Gebrauchsspuren zu verzeichnen, wird schwer flächendeckend umzusetzen sein, da solche nur auf der Exemplarebene verzeichnet werden können. Dies würde wohl nur bei geschlossenen Sammlungen gemacht werden, die Verzeichnung solcher Spuren stellte quasi Forschungsdaten dar. Üblich und halbwegs bewältigbar in der bibliothekarischen Erschließungspraxis sind wohl eher klassische Provenienzangaben und die Verzeichnung von Widmungen und Signierungen. Die tiefe Erschließung wird in der Runde auch als Teil der Forschendenleistung gesehen – nicht alles sei durch die Gedächtnisinstitutionen leistbar. - Zugänglichkeit/Digitalisierung: Auch in dieser Arbeitsgruppe wird eine Kartierung für notwendig erachtet, auch von Lehrschwerpunkten (auch das Auflisten von Abschlussarbeiten wird als wünschenswert betrachtet). Für den Bereich Digitalisierung wurde über On-Demand-Konzepte nachgedacht – Anfragen nach Schwerpunkten (auch dafür ist die Kartierung notwendig). Um Probleme des Rechtemanagements zu umgehen, wird auf Lösungsmodelle wie den Digitalen Lesesaal verwiesen: Eine Rollenverteilung und Befristung im Fernzugriff oder ein offline-stand-alone-Rechner in der Bibliothek sind hier mögliche Mittel der Wahl. Hier seien auch noch mal die Konzepte der Onleihe in den Öffentlichen Bibliotheken auf Nachnutzbarkeit zu prüfen. Es wird in diesem Zusammenhang hervorgehoben, dass eine „normale“ Universitätsbibliothek keinen Archivierungsauftrag für ihren Bestand hat (Pflichtexemplare und Sondersammlungen, z. B. solche, die von den DFG-geförderten Fachinformationsdiensten aufgebaut werden, ausgenommen). In diesem Zusammenhang müsste für den Erhalt und Ausbau der Sammlung mit Forschungs- und Lehrnachfrage argumentiert werden.
Insgesamt solle die Fancommunity besser eingebunden werden (und das Wissen über Ressourcen aus der Fancommunity – Fandatenbanken etc. – bei den Gedächtnisinstitutionen verbessert werden). Es müsse aber auch der Erhalt von Fandatenbanken z.B. durch Datenabzug gesichert werden.
Nicht adressiert wurden die ebenfalls genannten Probleme der mangelnden Stellflächen und der mangelnden finanziellen Ressourcen – sowohl für den Erwerb und Erhalt als auch für Personalkapazitäten in der Erschließung. Die grundsätzliche Frage, ob eine Abstimmung zwischen den Akteur:innen, der konzertierte Aufbau von Sammlungen und gemeinsame Bestrebungen der verbesserten Sichtbar- und Zugänglichkeit von Sammlungen überhaupt notwendig seien, wird dadurch beantwortet, dass fast alle Comicforschenden derzeit entweder selbst Sammlungen zu ihrem Forschungsgegenstand aufbauen müssen oder Forschungsreisen zu den weit besser sichtbaren internationalen Sammlungen in Frankreich, Belgien und den USA unternehmen müssen. Als Konsequenz daraus wird eine stark auf wenige Titel eingeschränkte Auseinandersetzung mit Comics sowie eine in Teilen unmögliche historische Comicforschung gesehen, die als klarer Standortnachteil für Comicforschung im deutschsprachigen Raum gewertet wurde.
Fazit / Arbeitsauftrag / Ausblick
- Es besteht der dringende Wunsch, in der Runde regelmäßig zum Austausch zusammenzukommen.
- Auf der BiblioCon 2025 gab es erneut ein Panel zu Comics in Bibliotheken, sodass zumindest das Netzwerk Comics in Bibliotheken bei dieser Gelegenheit wieder in Teilen zusammenkam und den Austausch pflegen konnte, für die BiblioCon 2026 wurden wieder Einreichungen für ein gemeinsames Panel koordiniert.
- Eine erweiterte Abstimmung mit Akteur:innen auf europäischer Ebene und auch darüber hinaus soll ebenfalls mittelfristig für zukünftige Treffen in den Blick genommen werden.
- Zur Bildung des über das Netzwerk hinausgehenden Konsortiums von Forschung und Infrastrukturen sollen Interessenbekundungen eingeholt werden, dieser Kreis wird in die künftige Kommunikation weiter eingebunden.
- Die Kartierung soll mittelfristig durch das Netzwerk Comics in Bibliotheken und die ComFor erfolgen. Hierfür steht die Bildung einer gemeinsamen Arbeitsgruppe im Raum.
- Auf der Grundlage der Diskussionen wird ein Maßnahmenkatalog für die Verbesserung der infrastrukturellen Bereitstellung von Comics für die Forschung formuliert werden.
Als erstes konkretes Ergebnis dieser Diskussionen ist eine Wikipedia-Seite entstanden, auf der die Comic-Sammlungen in wissenschaftlichen Bibliotheken kartiert sind. Die BiblioCon-Aktivitäten 2025 in Bremen mit einem Schwerpunkt auf digitaler Infrastruktur und die jetzigen Einreichungen für die BiblioCon 2026 in Berlin belegen das konstante Interesse aus den Sammlungen, die Themenfelder in die bibliothekarische Öffentlichkeit zu tragen. Für die Kommunikation im Netzwerk wurden verschiedene Kanäle diskutiert, aber aufgrund der Ressourcenknappheit als nicht realistisch durchführbar verworfen. Dass wir nun die Möglichkeit haben, über die Webseite der ComFor zu senden, ist das logisches Ergebnis der bisherigen Diskussionen: Als sammelnde Einrichtungen sind wir nur so relevant, wie wir der Forschung zuarbeiten können – und dafür müssen wir im Austausch sein.
Die zukünftige Arbeit findet weiterhin in Form von virtuellen Treffen statt. Die bestehende Arbeitsgruppe freut sich immer über neue Teilnehmende und am Gegenstand Interessierte und lädt hiermit zur Mitarbeit über sammlungs-netzwerk@comicgesellschaft ein!
Beteiligte Rundgespräch:
Sammelnde Einrichtungen:
Arbeitsstelle für Graphische Literatur
Bonner Online Bibliographie
Comic-Archiv, Goethe-Universität Frankfurt am Main
Deutsche Nationalbibliothek Frankfurt am Main
Ibero-Amerikanisches Institut – Preußischer Kulturbesitz
Literaturarchiv Marbach
Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen (SUB Göttingen)
schauraum comic + cartoon Dortmund
Staatsbibliothek zu Berlin
Universitätsbibliothek Bielefeld
Universitätsbibliothek FU Berlin, Fachbibliothek Nordamerikastudien
Fachinformationsdienste:
Fachinformationsdienst Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft
Fachinformationsdienst Anglo-American-Culture
Fachinformationsdienst Asien/CrossAsia
Fachinformationsdienst für die Medien-, Kommunikations- und Filmwissenschaft
Forschungsinstitutionen:
AG Comicforschung in der Gesellschaft für Medienwissenschaften
Berliner Comic Kolloquium
Comicforschung am Rhein
Gesellschaft für Comicforschung
Redaktion Netzwerk (sammlungs-netzwerk@comicgesellschaft):
Dorothea Schuller, FID Anglo-American Culture, Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen (schuller@sub.uni-goettingen.de)
Felix Giesa, Comic-Archiv, Institut für Jugendbuchforschung, Goethe-Universität Frankfurt am Main (giesa@em.uni-frankfurt.de)
Gabriele Pendorf, Fachreferentin UB Bielefeld (gabriele.pendorf@uni-bielefeld.de)
Leonore Sell, FID Anglo-American Culture, Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen (sell@sub.uni-goettingen.de)
Markus Trapp, FID Romanistik, SUB Hamburg (markus.trapp@sub.uni-hamburg.de)
Matthias Harbeck, FID Sozial- und Kulturantrhopologie (matthias.harbeck@ub.hu-berlin.de)
Sophia Gloe, schauraum comic + cartoon (sgloe@stadtdo.de)