Call for Papers – 2. Internationale CLOSURE-Konferenz
Tropes of Comics and Manga
Kiel, 19.–21. November 2026
Comics und Manga arbeiten intensiv mit wiederkehrenden, konventionalisierten Situationen: der „backstory wound“ der Superheld*in, der lakonischen Tierreflexion im Vier-Panel-Strip, der Allianz von Held*in und Antagonist*in gegen eine größere Bedrohung. Solche Standardsituationen werden im populären wie im akademischen Diskurs zunehmend als tropes bezeichnet, wobei der Begriff eine eigentümliche Spannung zwischen Fan-Kulturen und Wissenschaft austrägt. Plattformen wie TVtropes.org systematisieren seit über zwanzig Jahren ein umfangreiches Kategorisierungswissen, derzeit über 30.000 Lemmata aus über 80.000 Medientexten, und handeln dabei Regeln korrekter Klassifizierung aus. Der Ethos dieser Beschreibungen – „contrast this to“, „downplayed here““ oder „subverted as“ – kann durchaus ernst genommen werden. Gegenüber der inszenierten Strenge innerhalb der Artikel bleibt dabei die übergeordnete Frage, was eine trope überhaupt auszeichnet, auf welchen Ebenen wir sie verorten und wie sie sich historisch wandelt, auf produktive Weise offen.
In der rhetorischen Tradition bezeichnet „Tropus“ eine Figur der figurativen Sprache: Analogie, Metonymie, Oxymoron. Im populären Gebrauch beschreibt trope hingegen eher die „Einstellungsgröße“ einer auskonventionalisierten Szene und ihrer Figurenkonstellationen. Bakhtins (1981 [1975]) Chronotopos etwa präfiguriert Handlungen und Begegnungen in charakteristischen Raumzeiten, so wie die dunkle Seitengasse den Überfall nahelegt und die Wegkreuzung die Begegnung unter Fremden. Auf breiterer Makroebene wurde auch Campbells (2008 [1949]) Heldenreise als identifizierbare tropeverstand
Besonders für Comics und Manga drängen sich medienspezifische Fragen auf. Gerade Manga wurde wiederholt als „Datenbank-Konsum“ charakterisiert, bei dem Antizipation von Kategorien und narrativen Strukturen erheblichen Lektüregenuss ausmacht (Kacsuk 2016). Aber begünstigt auch die wiederkehrende, oft schematisch vereinfachte Figurendarstellung der Handzeichnung ein besonders „tropistisches“ Erzählen? Spielt die Serialität des Mediums mit Wiedererkennbarkeit und Variation auf eine Weise, die anderen Medien fremd ist? Und falls Comics generell als tendenziell „parodistisches“ Medium zu verstehen sind (Frahm 2010), dürfte dies einem affirmativen, gleichsam naiven Gebrauch von tropes eigentlich entgegenwirken, obwohl wir ihn ohne Zweifel häufig vorfinden. Woher kommt dieser Widerspruch, und was sagt er über das Verhältnis von Formreflexivität und generischer Konvention in Comics aus?
Solche Fragen haben auch eine ausgeprägt transmediale Dimension. Viele tropes scheinen medienästhetisch so zugeschnitten, dass ihre Übersetzung in Live-Action-Formate lange scheiterte oder erst durch moderne CGI-Technik möglich wurde. In seinem neuen Superman (2025) zitiert James Gunn interdimensionale Invasionen lediglich im Bildhintergrund, als tropes, die keiner Plausibilisierung mehr bedürfen. Eine Handlung, die sie erst etablieren und naturalisieren müsste, käme gar nicht auf die Idee. Ähnliche Dynamiken lassen sich in Anime-Realadaptionen beobachten, denen vor der Netflix-One Piece-Umsetzung (2023) kaum kritischer Erfolg beschieden war, möglicherweise genau im Umgang mit tropistischen Figuren, Szenen und Character Designs. Transmedialität wird hier zum Prüfstein dafür, was an einer trope medienspezifisch und was strukturell-narrativ verankert ist.
Tropes sind auch politisch nicht neutral. Die sexistische „Women in Refrigerator“-trope ist nur das bekannteste Beispiel dafür, wie auf Szenenebene Hegemonie, Othering und intersektionale Kategorien wie Gender, race, class und dis/ability reproduziert oder subvertiert werden (Sina 2021). Ob Comics und Manga tropes dabei gegenüber subversiven oder affirmativen Einsatzmöglichkeiten strukturell präfigurieren, oder ob sich dies nur am Einzelfall entscheiden lässt, ist eine der offensten und produktivsten Fragen des Feldes. Sie berührt zugleich das ideologische Gewicht von trope-Kompetenz in Fan-Hierarchien und Fan-Praktiken, wo das Erkennen, Benennen und Variieren von tropes eine eigene Form kulturellen Wissens konstituiert.
Die 2. Internationale CLOSURE-Konferenz lädt zu Beiträgen ein, die sich diesen Fragen theoretisch, analytisch, historisch oder ideologiekritisch widmen. Mögliche Themenschwerpunkte umfassen:
Keynotes: Stephan Packard (Köln) und Jaqueline Berndt (Stockholm)
– Theoretische Bestimmung und Skalierung von tropes (Rhetoriktradition, Narratologie, Genretheorie)
– Medienspezifik von Comic- und Manga-tropes: Serialität, Zeichenstil, Figurendesign
– Parodie, Reflexivität und affirmativer trope-Gebrauch im Comic
– Transmediale und medienkomparative Perspektiven auf Übersetzbarkeit von tropes
– Historische Entwicklung und Wandel von Konventionen
– Ideologiekritik: Hegemonie, Othering und subversiver Gebrauch
– Intersektionale Perspektiven: Gender, race, class, dis/ability in trope-Strukturen
– Medienästhetik: Immersion, Bruch und Ambivalenz
– Fan-Diskurse: trope–
– Fan Fiction, Dōjinshi und andere Fan-Praktiken der Übersteigerung oder Auflösung von tropes
Abstracts von ca. 300 Wörtern (Deutsch oder Englisch) sowie eine kurze biobibliographische Notiz werden bis zum 1. Mai 2026 erbeten an: closure@email.uni-kiel.de. Vortragssprachen sind Deutsch und Englisch. Weitere Informationen zu CLOSURE finden Sie unter: www.closure.uni-kiel.de
Literatur:
Bakhtin, Mikhail: Forms of Time and of the Chronotope in the Novel, transl. Caryl Emerson and Michael Holquist. In The Dialogic Imagination. Austin: University of Texas Press, 1981 [1975], pp. 84–258.
Campbell, Joseph: The Hero with a Thousand Faces. Novato: New World Library, 2008 [1949].
Frahm, Ole: Die Sprache des Comics. Hamburg: Philo Fine Arts, 2010.
Kacsuk, Zoltan: “From ‘Game-Like Realism’ to the ‘Imagination-Oriented Aesthetic’: Reconsidering Bourdieu’s Contribution to Fan Studies in the Light of Japanese Manga and Otaku Theory.” In: Kritika Kultura, 26 (2016), pp. 274–292.
Kunz, Tobias, and Lukas R.A. Wilde: Transmedia Character Studies. New York: Routledge, 2023.
Sina, Véronique: “Comic, Körper und die Kategorie Gender: Geschlechtlich kodierte Visualisierungsmechanismen im Superheld_innen-Genre.” In: Closure. Kieler e-Journal für Comicforschung, 7.5 (2021), pp. 31–53.