Von „Oor Wullie“ bis „Doctor Who“ und „Heartstopper“: Anglophone Comics und Graphic Novels an der SUB Göttingen

Gastbeitrag von Dorothea Schuller, Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen (SUB Göttingen)
ORCID: https://orcid.org/0000-0003-2988-7576
Kontakt: schuller@sub.uni-goettingen.de

Comics im Lesesaal der SUB Göttingen

[Foto: Comics im Lesesaal der SUB Göttingen]

Bevor die Rubrik „Bibliotheken & Archive“ auf der ComFor-Webseite Anfang 2026 mit dem Bericht vom DFG-Rundgespräch ‚wiederbelebt‘ wurde, war hier lange ein Beitrag von 2014 als letztes Update zu finden: Am 25. November 2014 wurde die Comic-Sammlung der Bibliothek des John-F.-Kennedy-Instituts in Berlin feierlich eröffnet, zwei Vorträge aus dem Programm (von Daniel Stein und der damaligen Bibliotheksleiterin Julia Mayer) wurden zum Nachlesen veröffentlicht.

Der Vortrag von Julia Mayer endete mit folgendem hoffnungsvollen Ausblick:

„Wie es weitergeht ist noch unklar. Gemeinsam mit der [Niedersächsischen] Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen werden wir [2015] einen Antrag für einen Fachinformationsdienst bei der DFG stellen, der auch die Bereitstellung von [nordamerikanischen] Comics beinhaltet. Wenn das scheitert, werden wir hoffentlich an anderen Stellen Sondermittel auftun, denn aus dem eigenen Etat können wir die Sammlung nur langsam weiter ausbauen. Eines ist aber auf jeden Fall sicher: Es wird weitergehen.“

Der Antrag war erfolgreich: Seit 2016 betreuen die SUB Göttingen und die Fachbibliothek Nordamerikastudien (UB der FU Berlin, ehemals JFKI-Bibliothek) gemeinsam den Fachinformationsdienst Anglo-American Culture (FID AAC). Die Sammlung nordamerikanischer Comics am Berliner Standort konnte somit wie geplant mit Hilfe von DFG-Drittmitteln weiter ausgebaut werden.

In der aktuellen 3. Förderphase hat auch die SUB Göttingen damit begonnen, eine Sammlung englischsprachiger Comics und Graphic Novels aufzubauen. Ergänzend zur Berliner Sammlung, die sich auf die USA und Kanada konzentriert, werden anglophone Werke v.a. aus Großbritannien, Irland, Australien und Neuseeland erworben, um so alle Länder aus dem Erwerbungsprofil des FID abzudecken. Auch Forschungsliteratur zu anglophonen Comics und Graphic Novels wird von der SUB Göttingen mit Unterstützung der DFG erworben.

Alle Comics können über die Fernleihe ausgeliehen werden und stehen so der Forschung als Primärquellen zur Verfügung. Vor Ort in Göttingen kann der Großteil der noch wachsenden Sammlung auch direkt am Regal (im Lesesaal der Zentralbibliothek) durchstöbert werden – eine vorherige Bestellung über den Katalog ist also nicht notwendig.

Die Sammlung enthält Klassiker von Alan Moore, Posy Simmonds, Bryan Talbot, Raymond Briggs und aktuelle Bestseller wie Alice Osemans Heartstopper-Reihe, aber auch Werke, die bisher kaum oder gar nicht an deutschen Bibliotheken vorhanden bzw. für die Öffentlichkeit zugänglich sind. Dazu gehören z. B. Comics zur britischen Science-Fiction-Fernsehserie Doctor Who sowie Titel australischer und neuseeländischer Autor*innen wie Chris Gooch, Mandy Ord, Lee Lai, Ben Stenbeck oder Campbell Whyte.

Comics aus Australien

[Foto: Comics aus Australien]

Um ein möglichst breites Spektrum abzudecken, werden Werke unterschiedlicher Genres gesammelt, also z. B. auch Comic-Biographien, Comics zu historischen Ereignissen, Adaptionen von Literaturklassikern und Anthologien einschlägiger Magazine (z. B. 2000 AD).

Alle an der SUB Göttingen erworbenen englischsprachigen Comics werden mit der Regensburger Verbundklassifikation erschlossen (AP 89316 – AP 89999) und können über formale Kriterien aus dem Katalog herausgefiltert werden.

Zur Göttinger Sammlung gibt es außerdem als Ergänzung zum Bibliothekskatalog eine öffentliche Zotero-Bibliographie. Hier ist z. B. das Filtern nach Ländern möglich, und die bibliographischen Daten können leicht in die eigene Zotero-Bibliothek übernommen werden – ein Beitritt zur Gruppe ist dafür nicht notwendig.

Wir freuen uns auch über Erwerbungsvorschläge, die direkt in die Zotero-Bibliographie eingetragen werden können. Wer der Gruppe beitreten möchte, ist herzlich willkommen! Erwerbungsvorschläge können ansonsten auch über das Formular auf unserer FID-Webseite oder per E-Mail an uns gerichtet werden.

Im Vergleich zu anderen deutschen Comic-Sammlungen steht Göttingen noch ziemlich am Anfang. Umso mehr freuen wir uns, dass sich der neue Erwerbungsschwerpunkt schon ein wenig herumgesprochen hat und uns bereits einige Geschenkabgaben erreicht haben.

Ein besonderes Highlight sind einige Anthologien der einflussreichen schottischen Serien Oor Wullie und The Broons, die in Kürze bei uns verfügbar sein werden. Seit den 1930er Jahren erscheinen diese in Scots verfassten Comicstrips in der schottischen Zeitung The Sunday Post. Sowohl für kulturgeschichtliche wie sprachwissenschaftliche Fragestellungen stellen diese Comics interessantes Quellenmaterial dar. Sie wurden uns von Anne Günther (vormals Hoyer) überlassen, die sich in ihrer Dissertation The Scottishness of Oor Wullie mit diesen Comics auseinandergesetzt hat.

Oor Wullie & The Broons

[Foto: Oor Wullie & The Broons]

Der FID AAC bringt sich außerdem aktiv ins Netzwerk „Comics in Bibliotheken“ ein und steht mit anderen FID, die ebenfalls Comics sammeln, im Austausch. Auf der diesjährigen BiblioCon gab es ein vom Netzwerk koordiniertes Comics-Panel mit u. a. einem gemeinsamen Vortrag von FID AAC und FID Romanistik.

Im September 2026 werden wir zusammen mit unserer Berliner Partnerbibliothek einen weiteren Fortsetzungsantrag für den FID AAC bei der DFG einreichen. Ganz sicher ist die Zukunft also nicht, aber ich wiederhole an dieser Stelle gerne die zu Beginn zitierte optimistische Prognose: Es wird weitergehen!