Sprachen: Deutsch und Englisch
Beiträge sollen in einem Sammelband / Themenheft veröffentlicht werden
Call for Papers: Was ist deutscher Manga?
Tagung, 29./30. April 2027, Frankfurt am Main
Manga haben in den letzten zwei Jahrzehnten nicht nur den deutschsprachigen Buchmarkt verändert, sondern auch die Lese- und Medienpraktiken Jugendlicher und junger Erwachsener tiefgreifend geprägt. Diesem kommerziellen und kulturellen Bedeutungsgewinn steht jedoch eine auffällige wissenschaftliche Leerstelle gegenüber: Als eigenständiger Forschungsgegenstand ist Manga in der deutschsprachigen Forschung bislang nur fragmentarisch erschlossen. Innerhalb der Comicforschung hat sich die deutschsprachige Forschung vor allem der Graphic Novel als medialer Ausprägung zugewandt, während Manga trotz deutlich höherer Auflagenstärke und Verbreitung meist nur als Nischenphänomen behandelt wird. Manga – und mit ihnen ein transmedialer Verbund aus Anime, Cosplay, Games und Musik – zählen damit zu den prägenden zeitgenössischen popkulturellen Phänomenen, die im wissenschaftlichen Diskurs ähnlich marginalisiert werden, wie es Comics vor dem Erscheinen der Graphic Novel waren.
Diese Leerstelle innerhalb der Comicforschung ist dabei nur ein Teil eines größeren Befundes: Auch zwischen den Disziplinen, die sich mit Manga befassen – Japanologie (vgl. Berndt 2024), Kinder- und Jugendliteraturwissenschaft (vgl. Eckstein 2016), Medienwissenschaft (vgl. Heinze 2014), Bildwissenschaft, Bildungswissenschaften (vgl. Volbrecht 2001) und Gender Studies (vgl. Shamoon 2016) – bestehen kaum Verbindungen. Ein gemeinsamer methodischer und theoretischer Bezugsrahmen fehlt weitgehend. Diese wissenschaftliche Zersplitterung steht zudem in auffälligem Kontrast zu einer längst ausdifferenzierten nichtakademischen Infrastruktur aus Verlagen, Fanszene, Convention-Kultur und Fan-Gemeinschaften in Sozialen Medien, die das Feld seit Jahren aktiv gestaltet, ohne bislang in einen wissenschaftlichen Austausch eingebunden zu sein.
Die Tagung fragt daher nicht einfach nur, was über Manga geforscht wird, sondern vor allem, wie sich das Feld und der Gegenstand konstituieren – disziplinär, institutionell und methodisch.
Willkommen sind Beiträge, die Manga in ihrer Materialität, Ästhetik und Narratologie, Marktlogik, Übersetzungspraxis, inhaltlichen Verfasstheit und Rezeption in den Blick nehmen und dabei explizit oder implizit die Frage nach der Konstitution eines Forschungsfeldes mitreflektieren. Ausdrücklich erwünscht sind interdisziplinäre Perspektiven sowie Beiträge von Nachwuchswissenschaftler:innen.
1. Objekt, Markt und Zirkulation
Wie werden Manga produziert, vermarktet, übersetzt und materiell wie digital gestaltet? Was unterscheidet Manga als physisches oder digitales Objekt von anderen Lesemedien (Erwachsene vs. Jugendliche)? Welche Rolle spielen Verlagspolitiken, Reihenformate, Sondereditionen und Sammler:innen-Märkte? Wie werden Manga lokalisiert und in den deutschsprachigen Markt überführt – was geschieht mit Leserichtung, Format, Sprache und Inhalt im Transfer, und welche Akteur:innen (Übersetzer:innen, Letterer:innen, Redaktionen, Lizenzgeber) prägen das Objekt „deutscher Manga“? Wie verändern Webtoons, Scanlation, offizielle Plattformen und KI-gestützte Produktion das Feld, und welche neuen Distributionspraktiken entstehen dadurch? Wo unterscheiden sich Marktentwicklung und Verlagslandschaft innerhalb des deutschsprachigen Raums (Deutschland, Österreich, Schweiz)?
2. Bedeutung und Genre
Welche Themen, Konflikte und Figuren werden im Manga verhandelt – von Shōnen und Shōjo über Seinen und Josei bis zu BL/Yuri, Sportmanga, Horror- oder Alltagsmanga? Wie funktionieren Manga transmedial (Anime, Film, Videospiel, Merchandise, Live-Action)? Welche Rolle spielen Altersfreigabe und Jugendmedienschutz bei der Verhandlung solcher Inhalte, etwa in Diskursen um BL/Yuri oder vermeintlich „schädliche“ Inhalte?
3. Rezeptionspraxis und Anschlusskommunikation
Wie, warum und in welchen sozialen Kontexten wird Manga gelesen – von Jugendlichen ebenso wie von jungen und erwachsenen Leser:innen, etwa im Seinen- oder Josei-Segment? Welche Rolle spielen Anschlusskommunikation in Sozialen Medien, Cosplay, Conventions, Fan-Übersetzungen, Bookstagram, BookTok?
4. Wissenschaftsgeschichte, Methoden und Theoriebildung
Welche Disziplinen beforschen Manga mit welchen Methoden? Wie entsteht ein Forschungskanon? Welche theoretischen Ansätze (Bildwissenschaft, Narratologie, Cultural Studies, Gender Studies, Diskursanalyse) sind anschlussfähig? Wo liegen Leerstellen – und wie positioniert sich eine deutschsprachige Manga-Forschung angesichts einer ersten eigenen Fachtagung?
5. Manga in Institutionen und pädagogischen Kontexten
Wie wird Manga in Bibliotheken erschlossen und vermittelt? Welche Rolle spielt er in Schule, Leseförderung und Jugendmedienschutz? Wie verhandeln Ausstellungen, Museen, Buchhandel und Preise Manga als kulturelles Objekt?
Rahmendaten
- Format: Vorträge à 20 Min. + Diskussion; Panels willkommen
- Sprachen: Deutsch und Englisch
- Termin: 29./30. April 2027, Frankfurt am Main
- Einreichung: Abstract (max. 300 Wörter) + Kurzbiographie bis 01.11.2026 an giesa@em.uni-frankfurt.de und vogelan@uni-mainz.de
- Rückmeldung: bis 01.12.2026
- Publikation: Beiträge sollen in einem Sammelband / Themenheft veröffentlicht werden
Organisation und Kontakt
Prof. Dr. Anke Vogel
Mainzer Buchwissenschaft, Johannes Gutenberg-Universität
vogelan@uni-mainz.de
Dr. Felix Giesa
Institut für Jugendbuchforschung, Goethe-Universität Frankfurt a. M.
giesa@em.uni-frankfurt.de
Frankfurt a. M. & Mainz, Rhein-Main-Universitäten