Magazin

Roland Faelske-Preisverleihung

Am Freitag, dem 10.02.2023, findet um 17:00 Uhr im Hauptgebäude der Universität Hamburg (Edmund-Siemers-Allee 1, Flügelbau West, Raum 221) die Preisverleihung des Roland Faelske-Preis für Comic- und Animationsfilm 2022 statt. In der Kategorie der besten Magister-, Diplom-, Master- oder Bachelor-Abschlussarbeit, dotiert mit 1000€, erhält den Preis Alma Magdalene Knispel für ihre Arbeit zum Thema Unsichtbarkeit: Der Einzug des Sichtbaren in Comics und Theorie. Der mit 3000€ dotierte Preis in der Kategorie beste Dissertation geht an ComFor-Mitglied Dr. Nina Eckhoff-Heindl, die sich dem Thema Comics begreifen: Ästhetische Erfahrung durch visuell-taktiles Erzählen in Chris Wares Building Stories (im Erscheinen im Reimer Verlag) widmete. Zum Anlass der Preisverleihung wird es einen Festvortrag des Hamburger Comickünstlers Simon Schwartz zum Thema „Vita Obscura“ geben.

Wir gratulieren den Preisträger*innen zu ihren herausragenden Arbeiten und freuen uns über die Bereicherung, die diese für die Comicforschung darstellen!

Weitere Informationen gibt es hier.

Auslobung des Martin Schüwer-Publikationspreis 2023

Martin Schüwer-Publikationspreis für herausragende Comicforschung

Förderpreis, ausgeschrieben von der Gesellschaft für Comicforschung (ComFor) sowie der AG Comicforschung der Gesellschaft für Medienwissenschaft (GfM)

Die Gesellschaft für Comicforschung (ComFor) und die AG Comicforschung der Gesellschaft für Medienwissenschaft (GfM) loben für 2023 zum fünften Mal den Martin Schüwer-Publikationspreis für herausragende Comicforschung aus. Der Preis wird seit 2019 jährlich verliehen. Er fördert Wissenschaftler_innen, die, unabhängig von ihrem Lebensalter, noch keine unbefristete akademische Anstellung innehaben. Mit der Auszeichnung herausragender Veröffentlichungen aus dem Bereich der interdisziplinären Comicforschung soll der Publikationspreis zur nachhaltigen Sichtbarmachung, Förderung und Vermittlung comicbezogener Forschungsarbeit beitragen.

Der Preis ist nach dem 2013 viel zu früh verstorbenen Anglisten und Comicforscher Martin Schüwer benannt. Seine vor 15 Jahren erschienene Dissertation Wie Comics erzählen (2008) hat Neuland für die narratologische Comicforschung erschlossen und ist zu einem Standardwerk der deutschsprachigen Comicforschung geworden. Mit dieser und seinen weiteren Arbeiten zu Comics sowie zur Didaktik der englischsprachigen Literatur hat Martin Schüwer Maßstäbe für die Exzellenz, die Zugänglichkeit und die Reichweite gesetzt, die Publikationen in unseren Fächern erreichen können. Als Comicforscher wie als Mensch zeichnete er sich durch seine interessierte und offene Art im Umgang mit anderen aus. Gemeinsam, im Austausch und im Abgleich mit anderen wollte er sein Fach weiterbringen. Diesen Zielen widmen wir den Preis in seinem Namen.

Einreichung und Nominierungen

Zur Nominierung angenommen werden bereits publizierte Beiträge von Artikel- oder Kapitellänge. Sie können als Artikel in Sammelbänden oder Zeitschriften, als Kapitel in längeren Monografien, aber auch als Essays und andere Textformen ähnlicher Länge erschienen sein. Die eingereichten bzw. nominierten Texte können von einem_einer oder mehreren Autor_innen verfasst worden sein. Alle Verfasser_innen dürfen zum Zeitpunkt der Nominierung noch keine unbefristete akademische Anstellung innehaben.

Beiträge, die für den Martin Schüwer-Preis 2023 nominiert werden, müssen zwischen dem 1. Januar 2021 und dem 31. Dezember 2022 in deutscher oder englischer Sprache publiziert worden sein. Noch im Druck befindliche oder erst zur Publikation angenommene Texte können nicht berücksichtigt werden. Wiederholte Einreichungen sind nicht möglich. Ebenfalls ausgeschlossen sind ganze Monografien und unveröffentlichte Qualifikationsschriften. Die Herausgeber_innenschaft von Sammelbänden oder Zeitschriftenausgaben ist nicht nominierungsfähig, wohl aber einzelne Beiträge in diesen Sammlungen.

Die Nominierung umfasst den nominierten Text und eine kurze Begründung (300-500 Wörter). Selbstnominierungen sind möglich und sehr erwünscht, die Jury möchte aber auch besonders zu Fremdnominierungen beeindruckender Texte aufrufen. Deadline für alle Einreichungen ist der 31. März 2023. Bitte senden Sie Ihre Nominierungen als ein vollständiges PDF an schuewer-preis@comicgesellschaft.de.

Preis und Preisvergabe

Die offizielle Verkündung des_der Preisträger_in erfolgt im Rahmen der Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft (27.–30. September 2023, Universität Bonn). Die Preisverleihung mit einem eingeladenen Vortrag des_der Preisträger_in findet zu einem gesonderten Termin statt. Der_die Preisträger_in erhält außerdem die auf 1000,00 € dotierte Preissumme, zahlt ein Jahr lang keinen Mitgliedsbeitrag bei der Gesellschaft für Medienwissenschaft (GfM) und wird zum Ehrenmitglied der ComFor auf Lebenszeit.

Frühere Preisträger_innen

ComicsExchange #3 zum Thema Schrift

Termin:
27.01.2023 17:00 Uhr - 27.01.2023

Als kurzfristige Ankündigung möchten wir auf den morgigen (27.01.2023) dritten ComicsExchange der AG Comicforschung hinweisen, der sich dem Thema Schrift widmet. Wie immer findet der ComicsExchange online statt und beginnt um 17:00 Uhr; der Teilnahmelink wird nach der Anmeldung versendet, welche per Email an kontakt@agcomic.net erfolgt.

Die Beiträge kommen dieses Mal von ComFor-Mitglied Kalina Kupczynska zum Thema Logovisualität in der polnischen Comic-Autobiografie, ComFor-Mitglied Katharina Serles über Katja Klengels Girlsplaining, Jasmin Berger über René Goscinny und Albert Uderzos Asterix als Legionär und ComFor-Mitglied Bernhard Frena zu Lorenzo Ghettis To be Continued.

Symposium: Bilder für das Unsichtbare – Comic-Künstler:innen im Dialog mit den Wissenschaften

Beim Symposium zum Zusammenspiel von Comic und Wissenschaft
im Literaturhaus München geht es einen Tag lang nur um den Dialog von Comic-Künstler:innen und Wissenschafts-Expert:innen aus Naturwissenschaft, Psychologie und Geschichtswissenschaft.

Das Symposium ist initiiert vom Netzwerk „Comic in Bayern“ und findet als öffentliche Veranstaltung in Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus München und mit Förderung des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst statt – der Eintritt für das Publikum zu den Paneldiskussionen und Bilderlesungen am
11. Februar 2023 von 14–21 Uhr ist dadurch kostenfrei.

Drei Panels: Comics und Naturwissenschaft, Comics und Psychologie, Comics und Geschichtswissenschaft

In drei jeweils 90-minütigen Panels des „Bilder für das Unsichtbare“-Symposiums – kuratiert von Jutta Pilgram und Barbara Yelin – sprechen Comic-Künstler:innen mit Expert:innen aus Naturwissenschaft, Psychologie und Geschichtswissenschaft über Berührungspunkte und Wechselwirkungen dieser beiden auf den ersten Blick weit entfernten Bereiche.

Bereits zugesagt haben u. a. die Comic-Künstler:innen Birgit Weyhe, Hannah Brinkmann, Lukas Jüliger und Markus Färber, zudem als Gesprächspartner:innen Prof. Senta Connert (Akademie der Bildenden Künste München), Alexandra Hamann (mintwissen.de) und Dr. phil. Véronique Sina (Goethe-Universität Frankfurt
a. M.). Moderiert werden die Paneldiskussionen von Christine Knödler, Niels Beintker und Jakob Hoffmann.

Öffentliche Veranstaltung – Eintritt frei – Anmeldung erbeten unter info@comic-in-bayern.de

Weitere Informationen und das genaue Programm finden Sie hier.

ComFor-Leseempfehlungen 2022

Auch in diesem Jahr wünscht die Redaktion der Gesellschaft für Comicforschung all ihren Leser_innen  und Freund_innen einen guten Start ins neue Jahr 2023 und präsentiert zu diesem Anlass wieder aktuelle Leseempfehlungen von Comicforscher_innen, die wir zum Jahresabschluss gesammelt haben. (Die Leseempfehlungen der letzten Jahre finden sich hier.) Einige unserer Mitglieder haben uns erneut ganz subjektive Lektüretipps geschickt, die aus den vergangenen zwölf Monaten im Gedächtnis geblieben sind – aus welchen Gründen auch immer. Darunter haben sich auch ein, zwei Titel eingeschlichen, die bereits vor 2022 publiziert worden sind, aber in diesem Jahr nochmal besonders im Gedächtnis geblieben sind.

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Yun-Jou Chen

Komparatistin, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Sonny Liew: The Art of Charlie Chan Hock Chye (neue Erstveröffentlichung Taiwan)

The Art of Charlie Chan Hock ChyeEs handelt sich um eine Pseudo-Biografie eines fiktiven Comic-Zeichners Charlie Chan Hock Chye (geb. 1938). Der Autor Sonny Liew (geb. 1974) erzählt die Lebensgeschichte dieses fiktiven Künstlers, die mit der jungen Geschichte Singapurs verschmolzen ist: Von der Unabhängigkeit Singapurs von der britischen Kolonialmacht, der Fusion Singapurs mit Malaysia und der Trennung kurz danach, bis auf das politische Ringen zwischen Lee Kuan Yew und Lim Chin Siong in den 50er und 60er Jahren, echte Ereignisse sind in der „Biografie“ überall zu sehen, und vor diesem echten historischen Hintergrund entfaltet sich die Geschichte des Künstlers, den es eigentlich nicht gab, die aber von zahlreichen „Beweisen“, wie z.B. Fotos des Künstlers und Zitate aus seinen Werken, gestützt ist. Eine kritische Haltung gegen die politische Lage sowie das Regime zeigt sich in den Parodien von Charlie Chan Hock Chye. Gerade die Kritik einer fiktiven Figur stellt eine echte, wenn auch subtile, Provokation gegen die nationale Narrativ Singapurs dar.

Die englische Ausgabe wurde bereits 2015 veröffentlicht und gewann 2016 den Singapore Literary Award und 2017 drei Will Eisner Awards (Best Writer/Artist, Best U.S. Edition of International Material-Asia und Best Publication Design). Die Ausgabe im traditionellen Chinesisch wird im Oktober dieses Jahr in Taiwan veröffentlicht.

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Jeannine Feix

Didaktikerin, FU Berlin

Nacha Vollenweider: Zurück in die Heimat

Nacha Vollenweider: Zurück in die Heimat„Nach sechs Jahren in Hamburg und einer gescheiterten Ehe entschließt sich Nacha Vollenweider in ihr Heimatland Argentinien zurückzukehren.“, so der Text auf der Rückseite dieser wunderbaren Graphic Novel. Nach ihrem Debüt „Fußnoten“, die einen Außenseiterinnenblick auf Hamburg und Deutschland wirft, wird man als Leser:in nun mitgenommen in das aktuelle Argentinien, das viel mehr mit unserem Leben im Westen der Welt zu tun hat, als man denken mag. Während wir über unsere Inflationsrate jammern, beträgt diese in Argentinien 50% jährlich. Während wir über Elektroautos als Heilsbringer reden, verursacht der Abbau von Lithium für die Batterien dieser in Argentinien eine Dürre nach der anderen und verändert dortige Ökosysteme für immer. Während wir über Fachkräftemangel klagen, muss eine junge qualifizierte Frau aufgrund ihrer Scheidung von einer Deutschen das Land verlassen, in dem sie sechs Jahre lebt und arbeitet. Die Themen, die Nacha Vollenweider anspricht, könnten aktueller, interessanter und brisanter nicht sein. Wie in ihrer ersten schwarz-weiß Graphic Novel mit interessantem Pinselstrich schafft sie es auf wunderbare Weise ihre Themen zu unseren zu machen.

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Ole Frahm

Comicforscher, Arbeitsstelle für Graphische Literatur (ArGL) Hamburg

David Kunzle: Rebirth of the English Comic Strip

Rebirth of the English Comic StripSeit mehreren Jahren macht David Kunzle, wie als Supplemente zu seinem maßgeblichen zweiten Band The History of the Comic Strip von 1990 in der Mississippi University Press die vielen Seiten zugänglich, die er dort oft nur in Auszügen veröffentlichte. Nach wunderbaren Bänden u.a. über Toepffer und Cham versammelt der marxistische Kunsthistoriker in seiner jüngsten Publikation diverse Zeichnende, vor allem aus Punch aber auch anderen Zeitschriften mit so klingenden Namen wie The Man in the Moon. Viele der Zeichnenden, auch Frauen wie Marie Duval sind darunter, sind eher durch Cartoons in Erinnerung geblieben, manche haben nur wenige Seiten zu der – im Begriff sicher befragbaren – Wiedergeburt des englischen Comic Strips beigetragen, aber es ist wunderbar, diese lang vergessenen Arbeiten so kundig kommentiert entdecken zu dürfen. So diskutabel Kunzles weiter Begriff des Comic Strips ist, so lehrreich bleibt es, den Blick über das 20. Jahrhundert hinaus in die Vergangenheit zu richten. Das 19. Jahrhundert, in dem das Bürgertum durch die Industrialisierung, forcierten Kolonialismus und die Ausweitung kapitalistischer Produktionsweisen die Erde ganz umpflügte, hält vieles zum besseren Verständnis der krisenhaften Gegenwart bereit. Kunzle zögert nicht, diese Aktualität zu benennen und darf so allen kommenden Comic-Forschenden als bewundernswürdiges Vorbild gelten.

Luka Lenzin: Nadel und Folie

Nadel und Folie<„Das Private ist stets politisch“, ist auf der Reprodukt-Seite über Luka Lenzin, vormalig Martina zu lesen – und „lebt nonbinär“. Doch anders als Abfackeln von Nino Bulling, der die Unsicherheit und den Wechsel des Geschlechts zum ausdrücklichen Thema macht und formal sicher ebenfalls einen der innovativsten Bände des Jahres vorgelegt hat, lenkt Lenzin nicht den Blick auf sich, sondern verdichtet in bewundernswürdiger, eleganter und die Lesenden wenig schonenden Weise Gespräche, die Lenzin in der Hamburger Drogenberatungsstelle beim Hauptbahnhof beim Jobben dort geführt hat. Jemanden wie mich, der lange in Hamburg gelebt hat, erfreut besonders, wie sehr hier sprachliche Idiome aufbewahrt und über die Grenzen der Stadt hinaus hörbar werden. Doch der größte Vorzug des Bandes stellt das überzeugende Plädoyer für einen anderen Umgang mit Drogen dar, vor allem mit deren Konsumierenden, deren verdichtete Erzählungen die Lektüre schwer aus der Hand legen lassen. Sind Bullings Innovationen auf die Form selbst bezogen, zeigt Lenzin wie groß der erzählerische Raum zwischen Autobiographie, Dokumentation und poetischer Verdichtung ist. Die überraschend selbstverständlich wirkenden Tierköpfe machen das Geschlecht der Figuren gelegentlich unlesbar und greifen so aufs Schönste die interessanteren Momente der Comic-Geschichte auf.

Milt Gross: Gross Exaggerations. The Meshuga Comic Strips of Milt Gross

Cynthia Häfliger: Fremde BlickeA propos Comic-Geschichte: Manche von Milt Gross‘ Sonntagsseiten wirken wie Drogentrips. Die Verkettung des Unwahrscheinlichen erzeugt eine Komik, die auch 90 Jahre nach dem ersten Erscheinen ihre Wirkung nicht verfehlt. Zu einer Zeit als der Slapstick aus dem Kino zu verschwinden begann, wird er hier nicht nur aufbewahrt, sondern macht dessen gelegentliche Radikalität im Umgang mit den deformierenden gesellschaftlichen Verhältnissen unüberlesbar. Heute erscheinen auch die damals gängigen Sexismen und ethnische Stereotype wie vergrößert. Diese Ausgabe, wie in den letzten Jahren nicht mehr unüblich, kommt dem Druck im Zeitungsformat nahe, wodurch Gross‘ großartige zeichnerische Virtuosität lesbar wird. Ich hab sie jetzt erst in die Hände bekommen und hoffe, dass sie noch viele andere findet.

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Dietrich Grünewald

Kunstdidaktiker, Emeritus Universität Koblenz-Landau, ehem. 1. Vorsitzender der ComFor

Jennifer Daniel: Das Gutachten

Jennifer Daniel: Das GutachtenEine Kiste mit dem Foto aus dem Nachlass ihres Großvaters, der Assistent der Rechtsmedizin in Bonn war, ist Anstoß für Jennifer Daniels Bildroman. Die spannende Kriminalgeschichte ist fiktiv, wenngleich sie – bedrückend und mahnend – sehr reell an die deutsche Geschichte gebunden ist, an die Zeit des Dritten Reiches, den Zweiten Weltkrieg – und wie die schrecklichen Ereignisse und Verbrechen dieser Zeit (in der jungen Bundesrepublik nachhallen bzw. unterdrückt werden. Die Geschichte hat ihren Ausgangspunkt 1977, als der Protagonist Karl Martin – Mitarbeiter der Gerichtsmedizin – mitbekommt, wie bei einem Autounfall eine junge Frau zu Tode kommt. Es ist eine RAF-Sympathisantin; der Unfallverursacher flieht. Martin lässt das Geschehen keine Ruhe und er beginnt zu recherchieren. Daniel weiß spannend zu erzählen, bindet das Geschehen an reale Orte, verschiebt die Erzählebenen, Erinnerungen aus NS-Zeit und Krieg werden mit der Zeit aktuellen Erzählzeit verwoben und decken Haltungen, Verhalten, Positionen auf. Dabei steht das bedrückend düstere Geschehen im provokativen Kontrast zu Daniels farbiger Visualisierung.

Melani Garanin: Nils. Von Tod und Wut. Und von Mut

Melani Garanin: Nils. Von Tod und Wut. Und von MutDer Tod eines Kindes schlägt eine furchtbare seelische Wunde, insbesondere, wenn dieser Tod offenbar zu verhindern gewesen wäre. Was Garanin hier erzählt, ist autobiografisch. Ihre farbigen Zeichnungen, leicht karikaturistisch angelegt, bauen eine für Betrachter erträgliche Distanz zum tragischen Geschehen auf und sind für die Autorin selbst Mittel zur Verarbeitung. Sie schildert ihr glücklich-fröhliches Familienleben, in das der kleine Nils und seine drei älteren Geschwister eingebunden sind. Zeigt dann, wie er erkrankt, wie die Familie ihn begleitet, wie sie hofft und dann doch seinen Tod hinnehmen muss. Und wie sie versucht den offensichtlichen Fehler der ärztlichen Behandlung aufzuklären und zur Rechenschaft zu ziehen – gegen eine geschlossene Front von Ärzten, Politikern, Juristen. „Das Verfahren wird eingestellt.“ Die Fantasie, die in der Bildgeschichte Gestalt bekommt, hilft, die Wut zu überwinden und Nils mit den Wildgänsen, wie er es einst beobachtet hat, davon fliegen zu lassen aber stets in Erinnerung zu behalten.

Cynthia Häfliger: Fremde Blicke

Cynthia Häfliger: Fremde BlickeHäflingers leichter, fast skizzenhafter Zeichenstil, die zarte aquarellierte Farbgebung, das Zusammenspiel von handschriftlichem Text (wörtliche Rede, Erzählerkommentar) erwecken den Eindruck einer lyrisch-zarten Geschichte. Doch die Idylle familiären Alltags bricht. Seiten mit wilden, harten dynamisch bewegten Kritzelstrichen, brutalen Versalien (NEEEIIIIN) spielen immer wieder auf seelische Zustände an, eindrucksvolle, erschreckende Bildmetaphern. Es geht in der Geschichte um Lars, der seelisch erkrankt, was die Familie erst allmählich merkt, um seine Versuche, der gefühlten ständigen Bedrohung zu begegnen, die verlorene Realität wieder zu gewinnen. Einfühlsam nimmt die Autorin die Leserschaft mit auf diesen Weg, den Lars, seine Eltern, seine Schwester gehen müssen. Sie erzählt uns eine Geschichte, die die Augen öffnen kann, bedrohlich fremde Blicke zwar nicht zu wissenden, aber ahnend verständnisvollen zu wenden.

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Thomas Hausmanninger

Christliche Sozialethik, Universität Augsburg

Gerry Conway , Ross Andru, et al.: The Amazing Spiderman Omnibus 4 + 5

The Amazing Spiderman Omnibus 4 + 5.Die beiden Bände enthalten fast den ganzen Run von Ross Andru als penciller und sind (inklusive des Todes von Gwen Stacy) von Gerry Conway geschrieben. Andru ist ein leider unterschätzter Zeichner, dessen Perspektiven und anatomische Verzerrungen nicht hinter dem großen Gil Kane zurück stehen müssen. Als besonderes Highlight kann zudem gelten, dass Andru die Geschichten im real existierenden New York zeichnet. Anders als Kane, Romita sr. und Ditko erzeugt er keine generischen Hintergründe und Räume. Er hat mit seiner Kamera immer wieder dokumentiert und das ergibt das Vergnügen, eine reale Raumtiefe und ein Stadtbild sehen zu können, welches wirklich distinkt erscheint. Das hat viel Atmosphäre. Conway schreibt interessante Geschichten, deren Plots sich – typisch Marvel – über viele Hefte ziehen. Wer den frühen Spiderman mag, wird an diesen Bänden sein Vergnügen haben!

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Aleta-Amirée von Holzen

Schweizerisches Institut für Kinder- und Jugendmedien SIKJM

Patrick Wirbeleit, Andrew Matthews und Uwe Heidschötter: Das unsichtbare Raumschiff

Das unsichtbare Raumschiff
Der Kindercomic Das unsichtbare Raumschiff scheint seine Zugehörigkeit zum Medium a
priori infrage zu stellen, denn es handelt sich laut Verlag um einen Comic (fast) «ohne Bilder». Geht solches überhaupt, und kann das funktionieren? Ja, sogar erstaunlich gut – wenn die witzige Ausgangslage ist, ein Geschehen auf einem unsichtbaren Raumschiff mitten in einer schwarzen Gaswolke in der Weite des Alls zu erzählen. Denn die vierköpfige Mannschaft, die klar eine leicht parodistische Hommage an «Star War» ist, aktiviert die Unsichtbarkeit der «Invisibility 2», ohne die Konsequenzen zu bedenken: Wenn alles unsichtbar ist, findet man auf dem riesigen Schaltbord den Knopf zum Abstellen nicht so leicht wieder, und so spielt sich dieses Abenteuer in absoluter Dunkelheit ab. Auf den allermeisten Seiten sind daher bloß farbige Sprechblasen und Geräuscheffekte in lauter schwarzen Panels zu sehen. Eine Paradebeispiel, um zu zeigen, was allein die Gestaltung und Farbgebung von Sprechblasen und Schrift (die freilich durchaus eine bildliche Komponente haben) zu transportieren vermögen. Neben der gelungenen Umsetzung dieser Idee tragen auch die liebevoll dämlichen bzw. tollpatschigen Figuren dazu bei, dass dieser herrliche Unsinn eine sehr amüsantes Leseerlebnis ist. Nicht zuletzt drängt sich die Frage auf: Wie cool wäre es, Theaterstücke statt in eng gesetzten Textausgaben mit bunten Sprechblasen lesen zu können? Auf der Verlagshomepage ist übrigens einen sehenswerten (achtminütigen!) Trailer zu finden.

Mathieu Burniat: Eine Reise unter die Erde. Die Geheimnisse der Welt unter uns

Eine Reise unter die ErdeHades, der griechische Gott der Unterwelt, sucht einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin und lässt Einladungen zur Bewerbung über den Erdball flattern. Tatsächlich findet sich am Tor A 23 des Totenreichs bald eine ganze Schar von Anwärter:innen ein, darunter die 16-jährige Suzanne, die Hades eigentlich bloss bitten will, ihren Freund wieder lebendig zu machen. Das Bewerbungsprozedere entpuppt sich als mörderischer Wettbewerb mit «Hunger Games»-Vibe. Fünf Aufgaben gilt es zu lösen, die allesamt nicht etwa mythologische Kenntnisse verlangen, sondern Wissen um die Beschaffenheit des Erdreichs. Dazu werden die Bewerber:innen immer kleiner gezaubert und tauchen immer tiefer in die Mikroebene des unterirdischen Lebens ein, während sich die Rivalität unter ihnen verschärft. Suzanne freundet sich mit dem gleichaltrigen Tom an. Als unwahrscheinliche Heldenfiguren – Tom etwa hat Angst vor Mikroben, überwindet diese aber, als sie grösser sind als er – kommen die beiden unscheinbaren Teenager mit Kreativität, Teamgeist und dem nötigen Glück jeweils eine Runde weiter. Eingebettet in die actionreiche Handlung ist ein eindrückliches Sachbuch über die Mechanismen und Lebewesen in jenen anderthalb Metern Erdschicht, denen alles, was wächst, entspringt. Die Informationen etwa über Stickstoff, Pilze, Bakterien oder Nematoden stören dabei den Spannungsbogen des Wettbewerbs keineswegs, sondern wirken als Teil davon. Das befeuert beide Leseinteressen, das literarische und das sachliche – zu wissen, wie die Handlung ausgeht, aber auch mehr über den Boden zu erfahren.

Andreas Steinhöfel und Melanie Garanin (nach einem Drehbuch von Klaus Döring und Adrian Bickenbach): Völlig meschugge?!

Völlig meschugge?!Völlig meschugge?! ist der Comic zur gleichnamigen und gleichzeitig erschienenen ZDF/Kika-Fernsehserie. Das Freundestrio Benny, Charlie und Hamid hält sich für unzertrennlich. Doch dann trägt Benny nach dem Tod seines Opas dessen Judenstern um den Hals und löst damit eine ungewollte Lawine von Vorurteilen aus. Erst gibt es blöde Sprüche, dann stellt sogar Hamid ihre Freundschaft deswegen infrage. Dabei gerät Hamid selbst in Verdacht, ein Handydieb zu sein. So wimmelt es an der Schule plötzlich vor Vorurteilen, und trotz einzelner versöhnlicher Stimmen sind die Erwachsenen angesichts des grassierenden Rassismus zunehmend überfordert. So liegt es an Charlie, die ungläubig zwischen den Parteien steht, sich ins Zeug zu legen, um ihre zwei besten Freunde und die ganze Schule zur Räson zu bringen und nebenbei die Handydiebstähle aufzuklären. Damit das gelingt, braucht es natürlich ein dramatisches Finale. Im Unterschied zur Serie ist der Comic aus der Sicht von Charlie, dem einzigen Mädchen des Trios, erzählt. Zeichnerin Melanie Garanin hat den von Kinderbuchautor Andreas Steinhöfel («Rico und Oskar») verfassten Text kongenial ins Bild gesetzt. Bild- und Textebene überzeugen je für sich, aber auch in ihrem Zusammenspiel. Nah an jugendlichen Lebenswelten, hält die Erzählung gekonnt die Balance zwischen Ernsthaftigkeit und
Augenzwinkern. Mit 288 Seiten, sehr viel und zum Teil recht klein gedrucktem Text ist Völlig meschugge?! formal wie inhaltlich zwar eine durchaus fordernde, aber jederzeit lohnende Lektüre.

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Hanspeter Reiter

Comicoskop-Redakteur

Sophie Standing: … ist ziemlich strange

... ist ziemlich strangeVisualisieren als hoch relevantes Thema, in einem Begleitbuch fürs eigene Umsetzen oder fürs Begleiten im Umsetzen durch Fachleute, bei diesen Themen in aller Regel: Therapeuten. Doch auch diesseits von Therapie für Weiterbildner jeglicher Couleur sinnvoll nutzbar, sich anregen zu lassen! Geschrieben/getextet von unterschiedlicher Fach-Autorenschaft, alle illustriert von der selben Zeichnerin: Bis dato sind fünf Hefte erschienen, jeweils als Graphic Novel umgesetzt, im je gleichartigen Konzept – hier für Trauma kurz dargestellt: „Trauma ist ziemlich strange. Was ist ein Trauma? Wie verändert es die Funktionsweise unseres Gehirns? Und wie können wir es bewältigen, es überwinden und wieder ganz werden? Schafft Verständnis für die Betroffenen, unterstützt Helfer in ihrer Arbeit, hilft Betroffenen, sich und den eigenen Körper zu verstehen… Mit klugen Bildern und Katz- und Maus-Metaphern, grundlegenden wissenschaftlichen Fakten und einer gesunden Portion Humor erläutert Steve Haines, wie zur Heilung eines Traumas nicht nur die Psyche, sondern insbesondere auch der Körper mit einbezogen wird. Er zeigt Methoden und Übungen, mit denen Spannungen abgebaut und tiefe muskuläre Stressmuster gelöst werden können.“ Jeweils um 32 Seiten, variiertes Layout, meist mit Erklär-Texten im Panel, teils auch mit Sprechblasen, je sequenzielle Passagen: So gelingt Erklär-Comic auf beste Weise!

Manny Mercer et al.: Enzyklopädie der deutschen Micky-Maus-Hefte. Band VIII / 1959 – Das 1. Micky Maus-Halbjahr und die Verdienste der Erika Fuchs

Enzyklopädie der deutschen Micky-Maus-Hefte. Band VIII / 1959 – Das 1. Micky Maus-Halbjahr und die Verdienste der Erika FuchsOha, dieses Mal ist eine Menge mehr drin, in diesem nun schon achten Band der MM-Enzyklopädie – nämlich eine starke Analyse zum Einfluss der großen Erika Fuchs! Mehrere Autoren haben dazu beigetragen, u.a.: ich 😉 … Als Comicoskop-Redakteur habe ich die damalige Leiterin des Erika-Fuchs- Hauses und –Museums in Schwarzenbach a.d. Saale interviewt, als studierter Sprachwissenschaftler zentrale linguistische Momente des Wirkens der grande dame eingedeutschter Disney-Comics dargestellt. Eingedeutscht? Ja, denn sie hat weit mehr geschafft (und geschaffen!) als ein Übersetzen – sie hat im besten Sinne die Sprechblasen lokalisiert. So, genug verraten, Details lese Leser:in gefälligst selbst. Denn „das Buch zeigt auf 312 Seiten alle Cover und Rückseiten der Micky Maus-Hefte von 1959 und zu jeder Ausgabe die etwa fünf oder sechs wichtigsten Innenseiten – und das alles in Originalgröße und in den Originalfarben der uralten Hefte.“ Das allein genügt im Grunde, zuzugreifen. Doch weiter geht´s mit der oben genannten Besonderheit: „Wir haben in Band 8 das wissenschaftliche wie leidenschaftliche Vorwort Frau Dr. Erika Fuchs gewidmet, der wir mehr als nur perfekte Übersetzungen verdanken. Ein Sprach-Experte, eine Museums-Leiterin, ein mehr als fachkundiger Donaldist und der Autor selbst haben auf 25 Seiten die unsterblich gewordenen Verdienste der Frau Dr. Erika Fuchs zusammengetragen…“. Very special!

Ulrike Bauer-Eberhardt et al.: Die Bilderbibel aus Padua

Die Bilderbibel aus PaduaStrahlende Bilderwelten des Mittelalters erleben, so der Slogan dieses einzig verbliebenen Luzerner Faksimile-Verlags. Und diese auf 680 Exemplare weltweit strikt limitierte Edition ist ein bestensgelungener Beleg für diese Aussage. Denn „Das Alte Testament in 529 Bildern“ ist in diesem Faksimile exzellent wieder gegeben – in einer Bild(er)geschichte also: Im weitesten Sinne ein früher Comic, nämlich vom Ende des 14. Jahrhunderts. Das zeigt schon der Auszug in der Abbildung, dort auch das durchaus variable Layout erkennbar, das meist allerdings vier Bilder pro Seite zeigt. Alles im allem also „eine prächtige Bilderbibel: In Text und Bild verschmelzen auf einzigartige Weise die Vergangenheit der biblischen Geschichte mit der Gegenwart des Auftraggebers aus Padua um 1400….allesamt Teile des Weltkulturerbes. Unter der Lupe: Bilder wie in einem Film“ oder eben wie in seiner sequenziellen Abfolge von Bildern, mit begleitenden Texten unter dem jeweiligen „Panel“. (Mehr dazu hier) Zwar fehlen Sprechblasen, wie sie in manch anderer mittelalterlicher Bilderhandschrift durchaus auftreten (als Textbanderole in der Regel), doch gibt es durchaus kurze Texte in manchem Bild, meist Personen benamsend: Ein wenig den Begleit-Texten in manchem Comic entsprechend… Wieder ein feines Beispiel dafür, wie Bildgeschichten schon vor Jahrhunderten heutige Comics (besser: Graphic Novels) erahnen ließen!

Timur Vermes: Comic-Verführer

Comic-VerführerWow, ein feiner und gelungener Mix aus Ratgeber, Handbuch und tour d´horizon durch Geschichte und Genre der Comics (plus Graphic Novel und Manga)! Geboten sind „über 250 aufregende Empfehlungen und Abbildungen – durchgehend vierfarbig“, auf deutlich über 300 Seiten, gewidmet eben der Neunten Kunst… Oder schlicht anregende Lektüre mit einer Fülle an Einblicken in Comic-Themen quasi jeder Art: Drei Dutzend Artikel sind geboten, unterschiedlicher Länge, durchweg bebildert und mit Kurz-Verzeichnis der jeweils besprochenen Comics (bzw. Reihen) – dazu „Outtakes“, die kurz kommentiert derlei aufführen (S. 7 erläutert): „die …a) sich super verkaufen (die ich aber weniger gut finde), b) gut aussehen, aber mich erzählerisch nicht überzeugen, c) toll sind, aber leider nicht mehr leicht erhältlich“. Beiträge u.a. Wiedereinstiegsdrogen I bis IV / Ein Sattelfest: Lucky Luke und seine Enkel / Der rote Faden für den Blasendschungel /) / Die echten Reporter ohne Grenzen [Comic-Journalismus] / Panel, Splash & Gutter: Begriffe für Blasendrescher / Was steckt hinter der neuen Comic-Hoffnung? [Graphic Novel] / Die Sache mit den Mangas [sic!] / Mittendrin statt nur dabei (Comic-Künstlern beim Arbeiten) Schon diese zufällig (und dennoch bewusst 🙂 …) ausgewählten Überschriften zeigen, wie unterhaltsam der Stoff geboten ist – und wie „dennoch“ höchst informativ!

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Janek Scholz

Literaturwissenschaftler, PBI an der Universität zu Köln

Marcelo D’Salete: Mukanda Tiodora

Mukanda TiodoraIn der brasilianischen Comicszene gab es im November 2022 ein Highlight, auf das viele lange gewartet haben: Die Veröffentlichung von Marcelo D’Saletes neuem Comic Mukanda Tiodora. Nach Cumbe und Angola Janga beschäftigt sich der Autor ein weiteres Mal mit der Geschichte der Sklaverei in Brasilien und erzählt anhand der Titelfigur Tiodora von den Möglichkeiten und Schwierigkeiten, die 1866, 22 Jahre vor der Abschaffung der Sklaverei, für versklavte Personen bestanden, mittels Briefe miteinander in Kontakt zu treten. Tiodoras Brief muss zugestellt werden, doch diese Zustellung wird zum Abenteuer für Benê, der sich dafür von São Paulo bis zu den Kaffeeplantagen im Hinterland durchschlagen muss.

Wie immer verdichtet D’Salete verschiedene historische Zusammenhänge in seinem Comic und arbeitet mit einer überaus wirkmächtigen Bildsprache. Mukanda Tiodora setzt stark auf die Kraft des Bildes, Sprache tritt dabei fast in den Hintergrund. Das Besondere an D’Saletes Schwarz-Weiß-Stil ist das komplexe Blickregime: Wer blickt in welche Richtung? Wer sieht wen an (und wann)? Wer erblickt welches Detail? Die Blicke der Leser*innen werden dabei stets Teil des komplexen Gefüges aus erblicken und erblickt werden Der 220 Seiten starke Band enthält 45 Seiten Anhang, in dem sich neben historischen Karten und einer Zeittafel auch zahlreiche Fotos und ein Quellenverzeichnis befinden. Besonders außergewöhnlich sind aber zweifellos die sieben Briefe Tiodoras, die D’Salete zu seinem Comic inspirierten und die sowohl als Fotografie als auch als Transkript abgedruckt sind und den Band zu einem interessanten Forschungsgegenstand machen, sowohl in den Comic Studies als auch in den Geschichtswissenschaften. Doch auch ganz unabhängig von jeglichen Forschungsinteressen sei der
Band als bereichernde Lektüre wärmstens empfohlen!

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Lukas R.A. Wilde

Medienwissenschaftler, NTNU Trondheim

Tom King & Greg Smallwood: The Human Target

Jennifer Daniel: Das GutachtenEs ist mittlerweile ja fast schon eine feste Formel, nach der King Jahr um Jahr einen neuen legacy character von Marvel oder DC ausgräbt und dann seine ganz eigene, paranoid-psychologische Erzählweise mit mehr oder minder kurioser Superhelden-Continuity verbindet um so die merkwürdigsten narrativen Kippfiguren zu generieren. Nach Vision, Mister Miracle (meinem bisherigen Highlight) und zuletzt Strange Adventures wird nun also Christopher Chance, „The Human Target“, durch diese Maschine gejagt. King überblendet hier – doch nochmal verblüffend – eine hübsche Noir/Crime-Story im Brubaker-Stil mit Keith Giffens und J.M. DeMatteis‘ eher für Ulk-Humor erinnerte Justice League International-Ära (1987-89). Das ist an sich bereits ein wilder, äußerst lesenswerter Mix, beeindruckend wird das Ganze aber erst durch Greg Smallwoods Mise-en-page und Layouts, die so einzigartig und unkonventionell anmuten, dass man sie sofort in Parodien wiedererkennen könnte.

Lisa Frühbeis: Der Zeitraum/ A Fraction of Time

Der ZeitraumEigentlich bereits zum Jahresabschluss 2021 auf Tapas fertiggestellt, habe ich Lisa Frühbeis‘ 15teiliges Webcomic zu meiner Schande erst durch seine Prämierung mit dem diesjährigen GINCO-Award entdeckt. Die Autorin schöpft dabei das Potenzial digitaler Comics – und nochmal spezieller das serielle Scroll-Down von Tapas – voll aus. Dies aber so selbstbewusst, formal reduziert und ästhetisch präzise, dass Der Zeitraum wirklich eines der faszinierendsten Comics seit langem für mich ist. Auch inhaltlich entfesselt die Geschichte einer alleinerziehenden Mutter und Klavierkomponistin, die auf einer einsamen Insel ein Portal in eine Parallelwelt findet, gleich mit der ersten Folge eine ganz eigene Faszination; Lisa Frühbeis schafft es dabei ganz zauberhaft, Alltägliches mit mehr und mehr Fantastischem zu verbinden und beides zu ganz präzisen Aussagen und Charakterisierungen  zu bündeln. Als I-Tüpfelchen ist zudem alleine die innovative Bildsprache für Musikillustrationen einigermaßen spektakulär – eine wirklich ganz bemerkenswerte Geschichte, die mal wieder an das große Potenzial von Tapas erinnert!

James Tynion IV & Alvaro Martinez Bueno: The Nice House on the Lake

The Nice House on the LakeAuf James Tynion IV ist immer Verlass, eingespielte Genre-Formeln auf den Kopf zu stellen, hier: die „Cabin in the Woods“-trope, bei der am Ende nur eine Person überleben darf. Stattdessen beobachten wir hier einen 11köpfigen Freundeskreis bei der langsamen Realisierung, dass außerhalb ihrer Hütte im Wald die Apokalypse begonnen haben könnte und nur sie selbst gerettet und unsterblich sind, alles Dank ihres langjährigen Freundes Walter, der womöglich schon immer ein Alien ist. Rückblenden durch viele Jahrzehnte meditieren dabei in überraschender Tiefsinnigkeit und Ernsthaftigkeit über Freundschaften, Lebenswege und Lebensziele. All das wird auch noch sehr originell durch häufig wechselnde Erzählebenen – Dialogprotokolle, Email-Verkehr, Diagramme – trianguliert. Lange war ich nicht mehr so auf ein zweites (abschließendes) Trade Paperback gespannt wie hier.

Letzter Post des Jahres 2022 + ComicsExchange am 27.01.2023

Das Jahr neigt sich dem Ende zu und wie immer verabschiedet sich die Redaktion der Gesellschaft für Comicforschung zu diesem Anlass in eine kurze Pause über die Feiertage. Wir bedanken uns bei allen Leser_innen unseres Blogs, die uns in diesem Jahr begleitet haben! Wir wünschen angenehme Feiertage und einen guten Start ins Jahr 2023.

Ab dem 12. Januar 2023 geht es mit regelmäßigen Neuigkeiten zur Comicforschung weiter und wie immer beginnen wir das neue Jahr mit unseren Leseempfehlungen.

Last but not least möchten wir schonmal den Termin des ComicsExchange am 27.01.2023 zum Thema „Schrift“ ankündigen. Das Diskussionsforum findet online statt und beginnt um 17:00 Uhr. Beiträge können noch bis zum 06.01.2023 eingereicht werden. Nähere Informationen auf der Website der Veranstalter_innen.

Frohe Feiertage,
Vanessa Ossa, Michaela Schober & Natalie Veith