Neues aus der ComFor

„Comics in Bildungskontexten“ erschienen!

Comics in Bildungskontexten:
Entwicklungen, Diskurse, Praxis

Sylvia Kesper-Biermann und Anna Strunk (Hg.)
Klinkhardt Verlag
2025
148 Seiten
Open Access
ISBN 978-3-7815-2746-1

Ankündigungstext:
„Der Band gibt neue Einblicke in die historische und aktuelle Rolle von Comics in Bildungskontexten, insbesondere in die vielschichtigen Ansätze, die in Forschung, (Hochschul-)Lehre und künstlerischer Praxis verfolgt werden. Besondere Aufmerksamkeit gilt den Entwicklungen von der Vorgeschichte bis zum 21. Jahrhundert, den damit verbundenen (pädagogischen) Diskursen sowie verschiedenen Ebenen der Praxis einschließlich des Erstellens eigener Comics und deren Einsatz in unterschiedlichen Bildungssettings. Die Beiträge beleuchten das Bildungsmedium Comic aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven und können somit als Auftakt für eine bildungshistorische und erziehungswissenschaftliche Auseinandersetzung dienen, die über die konkrete (fach-)didaktische Anwendung des Mediums hinausgeht und Impulse für weiterführende Forschungen liefert.“

Beiträge:

Sylvia Kesper-Biermann und Anna Strunk:
Comics in Bildungskontexten: Entwicklungen, Diskurse, Praxis. Zur Einführung

Ingrid Lohmann:
Zur Vorgeschichte von Comics als Bildungsmedien

Anna Strunk:
„Kulturpessimisten“ gegen „Micky Maus-Fortschrittsgläubige“? Der Wandel der Debatte um Comics als Bildungsmedien in der Zeitschrift Jugendschriften-Warte in den 1970er Jahren

Sylvia Kesper-Biermann:
Aufklärung mit „pädagogischem Touch“. Friedrich Karl Waechters Anti-Struwwelpeter

Tilman Grammes:
Marion unterwegs. Ein entwicklungspolitischer Lehrcomic im Gesellschaftslehreunterricht (1979) zwischen direktem Ansatz und Reflexion visueller Kommunikation

Heike Elisabeth Jüngst:
Die Quer-Comics: Die 1980er und ihre Ideale

Eva Matthes und Ann-Kathrin Mehwald:
Comics in didaktischen Kontexten – notwendige Unterscheidungen 

Yvonne Al-Taie und Susanne Schwertfeger:
Multimediales Erzählen in einer Welt der Krisen. Comics in der antisemitismus- und rassismuskritischen sowie diversitätssensiblen Hochschullehre

Jens Natter:
Über die Gestaltung von Historiencomics anhand des Beispiels 

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ComFor-Leseempfehlungen 2025

Auch in diesem Jahr wünscht die Gesellschaft für Comicforschung all ihren Leser*innen  und Freund*innen einen guten Start ins neue Jahr 2026 und präsentiert zu diesem Anlass wieder aktuelle Leseempfehlungen von Comicforscher*innen, die wir zum Jahresabschluss gesammelt haben. (Die Leseempfehlungen der letzten Jahre finden sich hier) Viele unserer Mitglieder haben uns dafür erneut ganz subjektive Lektüretipps geschickt, die aus den vergangenen zwölf Monaten im Gedächtnis geblieben sind – aus welchen Gründen auch immer.

Wie jedes Jahr: viel Vergügen bei unserer höchst subjektiven Retrospektive auf 2025, angenehme Feiertage und einen guten Rutsch, im Namen der ComFor-Redaktion und des Vorstands.

Jörn Ahrens

Kultursoziologe, Justus Liebig Universität Giessen

Romain Renard, übersetzt von Anne Bergen: Wiedersehen mit Comanche (Splitter)

Wiedersehen mit ComancheEin Spätwestern. Eine Hommage. Eine Interpretation. Romain Renard, der in Deutschland vor Jahren mit seinen zwei Bänden Melville hervorgetreten ist, imaginiert das Ende einer Geschichte. Die Figuren aus Hermann und Gregs klassischer Western-Serie Comanche nimmt er auf und übersetzt sie in ein Setting im Jahr 1932, aber die Jahreszahl erfährt man nur beiläufig, aufgedruckt auf einer Pulpnovel über den Wilden Westen. Der gealterte Red Dust lebt versteckt in Kalifornien, wird aber aufgespürt von einer jungen, schwangeren Frau, die sich als Journalistin ausgibt und ihn schließlich überredet, mit ihr zurück nach Wyoming auf die 666 Ranch zu fahren, um dort Comanche zu treffen und Zeugnis abzulegen über jene Old Times, als der Westen noch wild war. Am Ende trifft Red Dust nicht auf Comanche, sondern auf seine Nemesis in Gestalt der Familie Dobbs. Noch einmal muß er einen großen Shoot Out ausfechten und abermals verschwinden, denn noch immer sucht ihn die Polizei. Renard erzählt diese Geschichte mit großer Lakonie und in schönen, in schwarz, weiß und grau gehaltenen Bildern. Wie schon bei Hermann und Greg taucht Comanche im ganzen Comic nicht auf, sondern reduziert sich auf die Nennung im Titel des Bandes, was an sich schon eine clevere Hommage an die Serie ist. Dafür wird Red Dust eine komplexe Frauenfigur gegenübergestellt. Der Bilderfluß selbst, in dieser Zeit einer sich endgültig durchsetzenden industriellen Moderne, die nun auch die 666 erreicht, wird immer wieder unterbrochen durch Bildreminiszenzen an eine dystopisch gescheiterte Moderne. Über allem schweben die Sonette Shakespeares.

José Munoz und Carlos Sampayo, übersetzt von Myriam Alfano: Joe’s Bar (Avant Verlag)

Joe’s Bar

Kontinuierlich macht sich der Berliner avant-verlag um Gesamtausgaben von Sternstunden der Comic-Kunst verdient; so auch diejenige der Serie Joe’s Bar von den Argentiniern Munoz und Sampayo, die von 1978-1985 im französischen Magazin (À Suivre) erschien. Dreh- und Angelpunkt der Geschichten ist eine Bar in New York, eine Kaschemme, ein Treffpunkt für alle und keinen. Hier fischen die Autoren ihre Figuren aus der Masse der Barbesucher heraus, die in allen möglichen Couleurs, sozialen Schichten und subkulturellen Hintergründen in der Bar aufeinander treffen. Das ist zum einen eine in den Stories jeweils ungemein pointierte Sozialkritik, die ihre Figuren zu Typen, Allegorien, Experimentalanlagen verdichtet. Das ist zum anderen aber vor allem auch ganz große, nach wie vor ziemlich unerreichte Kunst. Während die Seitenanlage nicht sonderlich von der Konvention untereinander verlaufender Strips abweicht, die lediglich in der Höhe variieren, warten die Panels mit einer nahezu einzigartigen expressionistischen Ästhetik im Comic auf. Solche Figuren hat man zuvor nicht gesehen, wird sie so auch nicht wieder zu Gesicht bekommen. In die Groteske überzeichnete, zugleich ungeheuer pointierte Gesichter und Typen und den Moden und Stilen der Zeit extrem genau abgeschaute Accessoires und, bei aller Abstraktion, peinlich genau recherchierte Hintergründe eines zu jener Zeit exotistisch pittoresk heruntergekommenen New York. Die Hauptstadt der Welt, ein Krisenherd. Die Ästhetik in harten, gerade im Einsatz von Schwarz immer wieder stark flächigen schwarz-weiß Kontrasten bleibt zeitlos spektakulär. Eine Augenweide.

Manfred Sommer, übersetzt von Maximilian Lenz: Frank Cappa, Gesamtausgabe (Avant Verlag)

Frank Cappa

In einer weiteren, verdienstvollen Edition legt der avant-verlag eine Gesamtausgabe der Serie des Spaniers Manfred Sommer über den Kriegsreporter Frank Cappa vor, dessen Name in Anlehnung an Robert Capa Programm ist. An wechselnden Schauplätzen, die teils fiktiv teils authentisch sind, legt Cappa Zeugnis von den Greueln des Krieges ab. Ob dieser auch immer sinnlos ist, bleibt zuweilen dahingestellt, denn Cappa ist selbst, und das macht die Serie sympathisch komplex, nicht normativ positioniert. Seine an Hugo Pratts Corto Maltese erinnernde Lakonie (dessen Ironie ihm allerdings komplett abgeht) gegenüber dem Geschehen, das er dokumentiert, befähigt Cappa, die Perspektiven aller Protagonisten nachzuvollziehen, denen er begegnet. Das macht die Lektüre nicht immer leichter, aber in jedem Fall anregender als die Bereitstellung festgefügter Positionierungen, die sich moralisch sicher sein können. Cappas (und Sommers) Botschaft ist, daß es diese Sicherheit nicht gibt. Zu einer Generation spanischer Zeichner gehörend, die mit dem Ende der Diktatur Mitte der 1970er Jahre aufgebrochen ist, neue Inhalte und Ästhetiken zu erschließen, kommt er ebenso nah an Pratt heran wie an Caniff. Die Kunst der Pointierung beherrscht er ebenso wie die Abstraktion. Sommer, dessen Werk viel zu wenig beachtet geblieben ist, ist ein großer Meister im Umgang mit schwarz-weiß. Demgegenüber fallen die allzu gefällig im Stil der spanischen Comics der Zeit eingetuschten, farbigen Stories sichtbar ab. Die chronologisch vorgehende Ausgabe schließt eine editorische Lücke.

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Ole Frahm

Comicforscher, Arbeitsstelle für Graphische Literatur (ArGL) Hamburg

Ilan Manouach: Tarwar (Nero Press) / Emiolio López-Menchero: Théorie des bulles (La Lettre Volée)

Tarwar / Théorie des Bulles

Diese zwei Bände sind ein vergnügliches Muss für alle Freund*innen der Comic-Form. Beide haben keine erzählbare Handlung, sondern reflektieren das Funktionieren der Comics und bleiben, anders als manch wissenschaftliche Auseinandersetzung, unterhaltsam. López-Mencheros Hauptfigur ist die Sprechblase, die auf nicht weniger als 101 Seiten die verschiedensten Verwandlungen durchmacht. Während das Seitenraster weitgehend gleich bleibt – acht querformatige Panels, jeweils zwei in vier Zeilen – verwandeln sich die Sprechblasen ständig. Dabei ist vor allem faszinierend, wie die Lektüre zwischen der Betrachtung der Graphik, dem Lesen des Comics und der Konstruktion eines Sinns herumschlingert. Es könnten 101 One-Pager sein, oft genug wird die jeweilige Seite durch eine Idee dominiert, aber immer wieder ergeben sich Bezüge über die Seiten hinweg – und die nahezu immer leeren Sprechblasen füllen sich mit Vorstellungen und Worten. Während López-Manchero den eigenen Strich, die graphische Geste immer wieder betont, verzichtet Ilan Manouach schon seit langem auf solche Gesten. Bekannt geworden durch seine – zweifelhafte – Umzeichnung von MAUS zu KATZ 2012, hat Manouach inzwischen einige sehr viel überzeugendere Überarbeitungen veröffentlicht, wie Les Schtroumpfs Noirs, wo alle Farben in Schlumpfblau gedruckt sind. Tarwar begeistert, weil es die Arbeit, die Luis Gasca und Roman Gubern so verdienstvoll in El Discurso del Cómic 1994 begonnen haben, nämlich die Sammlung von bestimmten Idiomen und diskursiven Strukturen in Comics – wie schwarze oder nahezu schwarze Panels – in komischster Weise fortsetzt und radikalisiert. Das Team von Manouach hat auf über hundert Seiten mit vier bis fünf Zeilen unterschiedlichste Comic-Panels zusammengetragen, deren verbindendes Element ist, dass sie schwarz sind – schwarz mit Schrift, schwarz mit Augen, schwarz mit Bom, Baoum, Whamm! Und was nicht noch alles. Dabei geht es nicht um Semiotik und Philologie, sondern tatsächlich darum, aus diesen Elementen eine neue Geschichte zu assoziieren. Manchmal sind die Herkünfte einzelner Panels offensichtlich, wenn z.B. ein Copyright (1942 by Walt Disney) vermerkt ist. Oftmals sind die Quellen (zumindest mir) weniger deutlich, angeblich wurden angeblich mehr als 12 Millionen Comics aus aller Welt digital durchforstet. Nun mischen sie sich von schwarzem Panel zu schwarzem Panel munter. Es ist die lange Nacht der Comics, ein endloser Tunnel, an dessen Ende zwar ein paar Sterne leuchten, aber natürlich an einem tiefschwarzen Himmel. Wer dachte, dass Christian Marclay und Jochen Gerner in der Reflexion der Form schon alles ausgelotet hätten, wird mit diesen beiden Comics erfreulich eines Besseren belehrt.

Hannah Brinkmann: Zeit heilt keine Wunden. Das Leben des Ernst Grube (Avant Verlag)

Zeit heilt keine Wunden. Das Leben des Ernst GrubeDass formale Experimente nicht bei der Form stehen bleiben müssen, zeigt diese Geschichte des 20. Jahrhunderts: Ernst Grube wurde als jüdisches Kind von den nationalsozialistischen Deutschen verfolgt, als Kommunist in der Bundesrepublik. Brinkmann zeichnet nicht nur seine Geschichte, sondern auch die von dem Richter Geier und dessen Karriere im Dritten Reich – in der BRD weiter im Amt verurteilt er Grube. Das Dritte Reich, daran wird hier anders als in so vielen anderen Comics über den Holocaust erinnert, endete nicht 1945, sondern durch die vielen personellen Kontinuitäten ging für viele der Opfer etwas weiter, das, so zeigt auch die aktuelle politische Situation, nicht aufgehört hat zu existieren. Die besondere Qualität von Hannah Brinkmanns Darstellung ist die Freiheit ihrer zeichnerischen Umsetzung von Grubes Bericht. Wenn sie den Konventionen der Holocaust-Comics folgend mit dem Zeitzeugen-Gespräch beginnt, geht sie nicht gleich in die Vergangenheit, sondern zeichnet das Innere des Körpers, denn „die Gewalt … / … der Nazis … / … lässt dich auch … / … innerlich zerbrechen“ und findet auch im weiteren manch ungewohntes Bild. Immer wieder unterbrechen ganzseitige Reflexionen das Geschehen, die ohne jemals verspielt zu sein die formalen Elemente des Comics elegant in den Dienst nehmen. So wird nicht nur das vergangene, realistische Geschehen in Erfahrung gebracht, sondern auch innere Bilder und Gefühle – die so in unsere Gegenwart hinübergerettet werden.

Peter Maresca und Michael Tisserand: Jimmy! The Comic Art of James Swinnerton (Fantagraphics)

Jimmy! The Comic Art of James Swinnerton

Ich weiß nicht, wann ich zuletzt beim Lesen von Comics so gelacht habe: die Witze sind zwar über hundert Jahre alt, aber wer so komisch Tiere zeichnen kann, wie James Swinnerton, altert nicht. Wenn die Tiere die zeitgenössische Zeitungsproduktion auf der Arche Noah übernehmen und die von einem Äffchen an der Druckerpresse frisch gedruckten Zeitungen „Rain“, „Still Rain“ und „Extra Rain“ melden, während der Marabu auf die Schlagzeile „Steady Rain“ schaut und zufrieden „Ah, the circulation is increasing“ konstatiert, bleibt kein Auge trocken. Der großformatige Band beschränkt sich dementsprechend nicht nur auf James Swinnertons langlebigste Serie Jimmy und verfolgt diese von 1899 bis 1937 in ausgewählten Seiten, sondern gibt einen groben Überblick über das viel zu selten wieder gedruckte, vielfältige Werk eines Zeichners, der in der Frühzeit die Entwicklung der Comics zu einem Massenmedium maßgeblich mitgestaltet hat. Sogar einen Western-Strip mit dem Titel Rocky Mason ist dabei, für den Swinnerton Jimmy 1941 (mit 66 Jahren) aussetzte und der wunderbar ungelenk in seinem Übersetzungsversuch des Funnie-Stils in das Abenteuer-Genre daherkommt. Swinnerton hat zeitweise in Kayenta bzw. im Coconino County gelebt und auch George Herriman mit dieser eigenen Landschaft und der indigenen Bevölkerung bekannt gemacht: fast 20 Jahre zeichnete er die ebenfalls hier repräsentierten Canyon Kiddies. Dass uns Beispiele aus den letzten 13 Jahren Jimmy (1945-1958) vorenthalten werden, lässt sich ebenso verschmerzen wie die nicht gut aufeinander abgestimmten, zudem knappen Erläuterungen, die einen heiteren Philologen wie Bill Blackbeard vermissen lassen. Während die Geschlechterverhältnisse gelegentlich sehr konventionell dargestellt sind, gibt es auch Überraschungen, wenn Sam beispielsweise alle anderen auslacht und so – wie Tisserand erläutert – die Regeln des blackfacing und vom Minstrel unterläuft. Solche Strips geben nicht nur zu lachen, sondern auch zu denken.

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Benedikt L. Freiling

Germanistikstudent, Philipps-Universität Marburg

Sean Murphy, übersetzt von Harald Sachse: Zorro: Die Legende lebt (Splitter Verlag)

Zorro: Die Legende lebtZu Recht denken Fußballfans bei diesem Untertitel an die Hymne des 1. FC Nürnberg. In diesem Fall hat sie jedoch nichts mit dem neuen Album von Sean Murphy über die Westernlegende Zorro zu tun. Aus dem anfänglichen Mord an Alejandro de La Vega, dem „alten” Zorro, entwickelt sich eine furios erzählte Rachegeschichte gegen ein Drogenkartell, das die Stadt La Vega grausam ausbeutet und unterdrückt. Sein Sohn Diego übernimmt das Erbe Zorros und kämpft in den vier Kapiteln der Geschichte mit Degen und Peitsche gegen das Kartell unter der Führung von El Rojo, unterstützt von seiner Schwester Rosa. Mit seiner abwechslungsreichen und dynamischen Panelstruktur sowie den zahlreichen Schwarzflächen schlägt der Comic eine Brücke zwischen Superhelden- und Westerncomics. Das ist nicht sonderlich verwunderlich, ist doch Sean Murphy durch seine Alben im Batman-Universum bekannt geworden. Somit ist die Hinwendung zu einem anderen nach Gerechtigkeit strebenden Ritter nicht überraschend. Positiv hervorzuheben sind die ganzseitig angelegten Panels, die an den richtigen Stellen die wichtigsten Wegpunkte der Geschichte hervorheben. Aufmerksamen Lesern werden die Füchse auffallen, die Zorros ständige Begleiter sind und ein schönes wortspielerisches Geheimnis verkörpern. Fans der Genres Western und Superhelden sei diese Neuauflage des Zorro-Mythos sehr ans Herz gelegt. Abschließend sei noch auf die Seitenhiebe in der Geschichte auf die bereits existierenden Zorro-Filme und -Comics hingewiesen. Insofern ist dieser Comic auch allen Zorro-Fans zu empfehlen, die sich im Leseprozess auf diverse Anspielungen, etwa in den Panelhintergründen, freuen dürfen. In diesem Sinne: ¡Viva la Vega y viva el Zorro!

Jean Dufaux und Jaime Calderón, übersetzt von Hanna Reininger: Das Haus Usher (Splitter Verlag)

Das Haus UsherManche Geschichten sind niemals veraltet – vor allem dann nicht, wenn sie immer wieder neu interpretiert und weiterentwickelt werden. So ist es auch bei diesem Klassiker der Schwarzen Romantik von Edgar Allan Poe, den Jean Dufaux und Jaime Calderón neu interpretiert haben. Der unbenannte männliche Ich-Erzähler aus der ursprünglichen Geschichte erhält in der Comicversion den Namen Damon Price und einen sozialen Hintergrund. Im Comic tritt er als professioneller Spieler mit Schulden auf. Zudem wird ihm eine Freundin namens Nina angedichtet, die er aus der Prostitution freikaufen will. Vor seinen Gläubigern flieht er in eine dunkle Kutsche, die ihn zu dem Haus Usher und seinem etwas verrückten und mysteriösen Cousin Roderick bringt. An diesem Ort entfaltet sich eine gruselige Geschichte. Mit düsteren Grabkammern, mysteriösen Geschichten und einer kleinen Zombieapokalypse bietet die Geschichte alles, was es zum Gruseln braucht. Das schöne Szenario wird von den eindrucksvollen Zeichnungen von Calderón unterstützt, die den Figuren durch den besonders geschickten Einsatz von Farben eine ungewöhnliche Plastizität und Authentizität verleihen. Durch diesen Stil erreicht der Comic eine sehr realistische und filmische Wirkung. Besonders interessant wird es, wenn der Protagonist auf seinen Schöpfer, Edgar Allan Poe, trifft. Dieser ist in die Geschichte eingeflochten und scheint sie zu lenken, obwohl er nicht alles genau vorhersagen kann, da die durch ihn erschaffenen Figuren irgendwann ein Eigenleben entwickeln. Der Comic lässt sich sowohl aus literaturwissenschaftlicher Perspektive als auch aus musikwissenschaftlicher Sicht beleuchten, da Musik eine bedeutende dramaturgische Rolle spielt. Das Werk ist allerdings nicht nur aus wissenschaftlicher Perspektive interessant, sondern auch allen Poe- und Grusel-Fans wärmstens zu empfehlen.

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Dietrch Grünewald

Kunstdidaktiker, Emeritus Universität Koblenz-Landau, ehem. 1. Vorsitzender der ComFor

Yaroslav Schwarzstein: Potemkin Riot (ciconia ciconia)

Potemkin RiotPersimfans, ein dirigentenfreies Musikerkollektiv, 1922 in Moskau gegründet, unter Stalin 1932 aufgelöst, wurde 2008 reaktiviert. Zu seinen Projekten gehört die Vorführung von Eisensteins Stummfilm Panzerkreuzer Potemkin (Uraufführung 1925 im Moskauer Bolschoi-Theater) mit Edmund Meisels Musik (1926) als Live- Begleitung. Schwarzstein, geb. 1975 in Tula, Grafiker, Maler, Musiker, der in Hannover lebt und arbeitet, gehört als Leiter der Kunstabteilung zu Persimfans. Er schuf zunächst Plakate für das Projekt, was ihn anregte, dann den ganzen Film als Bildgeschichte zu gestaten. Eisenstein schuf ein durch Typisierung und Montageeffekte emtotional hochwirkungsvolles Werk, das über den Propagandauftrag Lenins künstlerisch weit hinausgeht. Die Meuterei auf dem Kriegsschff Potemkin 1905, ausgelöst, weil die Matrosen sich weigerten, vergammeltes Fleisch zu essen, wird als revolutionärer Akt in einer Verschmelzung von Fiktion und Realität verklärt. Schwarzstein, orientiert sich am Aufbau des Films und erweitert ihn durch eigene Fiktionenselemente. Seine Bildgeschichte steht in der Tradition der Holzschnitt-Romane Masareels, erzählt in doppel- und einseitigen Bildern, wo es die Dynamik der Handlung oder Signalgeben (gemäß der Maritime Semaphore Flags) erfordern, auch mit mehreren Panel auf der Doppelseite, im flächig expressiven Stil dem Film und seinem Plakat von 1925 (auch dem zeichenhaft-abstrakten von Hans Hillmann aus dem Jahr 1966) verpflichtet. Wie Eric Drooker in Flood! (1992) geht er über das reine Schwarz-Weiß hinaus, setzt durch die dominierende maritime Farbkombination Schwarz-Weiß-Blau, durch aggrssives Rot, durch Gelb- und Orangetöne emotionale Akzente, erweitert – wie der Film – die primär stumme Bildfolge partiell durch kurze Texteinfügungen (vornehmlich Rede der Akteure), die helfen, das Gezeigte besser zu verbinden und zu deuten. Eine großartige bildmächtige Erzählung (gegliedert in Prolog, fünf Akten, Epilog), die über eine reine Adaption weit hinausgeht und ein aufmerksames mitspielendes Bildlesen fordert.

Luz (Rénald Luzier), übersetzt von Lilian Pithan: Zwei weibliche Halbakte (Reprodukt)

Zwei weibliche HalbakteCatherine Meurisse und Luz hatten das zufällige Glück, dem Attentat auf die Redaktion von Charlie Hebdo 2015 zu entgehen. Meurisse suchte in der Begegnung mit Kunstwerken ihr Trauma zu überwinden (Die Leichtigkeit, 2017), und auch Luz wendet sich in seinem neuen Bildroman der Bildenden Kunst zu, erzählt die Geschichte eines Gemäldes, das überlebte. Es geht um ein 1919 von Otto Mueller gemaltes expressionistisches Temperabild, das der Sammler Littmann dem Künstler, gerade Professor für Aktmalerei in Breslau geworden, abkaufte, das dann dem Wahn der NS-Diktatur zum Opfer fiel, enteignet (sprich: gestohlen) und in die Wanderausstgellung „Entartete Kunst“, die offensiv und voller Hass die Kunst der Moderne herabzuwürdigen suchte, eingebunden wurde, glückerlicherweise der Vernichtung entkam und nach dem Krieg seinen Platz im Museum Ludwig in Köln fand. Luz wählt für seine Erzählung eine besondere Dramaturgie: den subjektiven Blick, wie ihn z. B. Bastien Vivés konsequent (In meinen Augen, 2010) heranzieht; aber bei Luz ist es nicht der Blick eines Menschen, sondern der des Gemäldes, durch den – und damit eine besondere Nähe und emotionale Identifikation erzeugend – die Rezipienten die Geschichte verfolgen (müssen). David Prudhomme hat den Kunstgriff vorgeführt, wenn er zeigt, wie eine genervte Mona Lisa auf das gaffende Publikum schaut (Einmal durch den Louvre, 2012). Ohne das Gemälde selbst zu sehen (aus Sprechblasentexten kann man auf das Bildmotiv schließen, erfährt Reaktionen von Betrachtern), erleben wir mit, wie das Gemälde entsteht, wobei, dem Malakt folgend, Fleck für Fleck der malende Otto Mueller sichtbar wird. Erst mit Fertigstellung des Gemälders zeigen nun auch vollständig sichtbare Panel chronologisch, was vor sich geht, was sich vor dem Gemälde abspielt, was mit ihm – das passiv das Geschehen erdulden muss – passiert. Luz hat exakt recherchiert, zeigt uns Orte, Akteure, Bilder, Szenen realitätsgetreu, denn er erzählt keine fiktive Geschichte. Die Geschichte dieses Bildes ist exemplarisch die Geschichte der modernen Kunst im 20. Jahrhundert, eine Überlebensgeschichte so vieler Werke, denn mit dem „Blick“ des Gemäldes begegnen wir auch anderen Werke, die vom NS-Maler und -Funktionär Ziegler aus deutschen Museen beschlagnahmt wurden. Zwei weibliche Halbakte hatte das Glück, nicht verbrannt zu werden, sondern wurde dank eines Tauschangebotes des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt gerettet, vonJosef Haubrich für seine Sammlung erworben und nach dem Krieg der Stadt Köln geschenkt. 1999 wird das Bild Ruth Haller, der Tochtert Lippmanns, zurückgegeben und wieder zurückgekauft. Und so hängt das Gemälde heute im Museum Ludwig, „sieht“, wie Lothar, der als kleiner Junge in der Münchener Ausstellung das Bild betrachtete, es nun als alter Herr (nun freilich in anderem Kontext) mit dem gleichen freudigen Lachen bewundert. Im Anhang präsentiert uns Luz dann eine dem Original nahe Adaption, die auch erkennen lässt, dass die Bildgerzählung in Stil und Farbe deutliche Nähe zu Muellers Malweise aufweist. Der Comic ist m. M. n. einer der besten und lesenswertesten der letzten Zeit.

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Iris Haist

Kunsthistorikerin u. Kulturmanagerin, Köln

Katharina Greve: Meine Geschichten von Mutter und Tochter (Avant Verlag)

Meine Geschichten von Mutter und Tochter

Hier Endlich, nach mehr als 90 Jahren nach dem Beginn der beliebten Vater und Sohn-Bildgeschichten von Erich Ohser alias e.o.plauen (1934–37), rücken nun auch Mutter und Tochter in den Fokus derartiger Comicreihen. Und das gleich zweimal: Nach Jannes Webers liebevoll gestaltetem Buch Mutter und Tochter von 2024 bereichert 2025 nun auch Katharina Greve dieses Feld mit ihren durchdachten Bildgeschichten mit dem Titel Meine Geschichten von Mutter und Tochter – online und analog. Greve schildert in ihrer unverkennbar reduzierten und direkten Art das Leben einer alleinerziehenden Mutter mit ihrer kleinen Tochter. Ihre Unternehmungen – Museumsbesuche, Zelten, Installieren eines Insektenhotels, Einkaufen auf dem Flohmarkt, etc. – sind eher kostengünstig, fördern aber die Bildung, sind nachhaltig und empowernd. Mutter und Tochter scheinen finanziell aber ausreichend abgesichert zu sein und damit nicht existentiell bedroht. Dadurch entwirft Greve, wie schon e.o.plauen, ein Umfeld für ihre Comics, das den Fokus auf die enge und liebevolle Interaktion zwischen den beiden Hauptfiguren, und nicht zu sehr auf äußere Einflüsse, legt. Es ist dieses vertraute Gefühl von Zweisamkeit, das viele Menschen in ihren positiv empfundenen Beziehungen besonders schätzen, das uns Greves Mutter und ihre Tochter vor Augen führen – und in welches sie uns ganz selbstverständlich miteinbeziehen. Es sind Geschichten zum Mit-Fühlen.

 

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Imke Heine

Literaturwissenschaftlerin, TU Dresden

Tian: Le piano de Leipzig (Éditions Gallimard BD)

Le piano de Leipzig

1965. Die siebzehnjährige Dani verlässt ihr Heimatland Kambodscha, um in der DDR ein Klavierstudium zu beginnen. Weit weg von ihrem gewalttätigen Vater hofft sie auf eine bessere Zukunft, doch das neue Leben in Leipzig stellt die junge Frau vor zahlreiche Herausforderungen: Die deutsche Sprache ist schwer, der Winter hart und die Anforderungen des Studiums bringen sie an ihre körperlichen Grenzen. Zum Glück kann sie bei allen Widrigkeiten stets auf ihre Freunde und die Unterstützung der strengen, aber einfühlsamen Klavierlehrerin Ruth zählen – auch dann als Dani bemerkt, dass sie schwanger ist. Der Eiserne Vorhang schiebt sich nicht nur zwischen Nationen, sondern trennt Dani physisch und ideologisch vom Vater ihres Kindes, der sich eine Karriere in den USA aufbaut, während in Kambodscha der Bürgerkrieg ausbricht. Der französisch-kambodschanische Comicautor Tian erzählt in dieser Bande dessinée die berührende Geschichte seiner Tante, die er erst nach der deutschen Wiedervereinigung kennenlernte. In realistischen, klar umgesetzten Alltagsszenen zeichnet er die individuellen Erfahrungen der Protagonistin nach und setzt diese in den Kontext politischer Zusammenhänge. So wird jedes Kapitel von einer separaten Seite eingeleitet, die über das System der DDR informiert. Damit schafft Tian ein beeindruckendes Zeitzeugnis, welches das Augenmerk auf die weniger bekannten historischen Verbindungen zwischen Ostdeutschland und Kambodscha legt.

Karla Paloma: Ratten (Avant Verlag)

Ratten

Karla ist Dänin, doch das (Über-)Leben in Berlin als chronisch mittellose Künstlerin scheint alles andere als hygge. Positive skandinavische Stereotype lassen sich zumindest ausnutzen, um beim Klauen im Supermarkt mit der neunjährigen Herle einen Ladendetektiv übers Ohr zu hauen. Doch guter Rat ist teuer, wenn Mitbewohner Francesco mal wieder die Miete nicht zahlt, plötzlich alle Freundinnen Nachwuchs bekommen, der an Flatulenzen leidender Bullterrier Dexter die Luft verseucht und Karla hinter dem Flohmarktstand im Mauerpark ihr Dasein hinterfragt. Zumindest ist dann die kluge Hündin Lilsky stets eine moralische Stütze und kann in Notsituationen auch mal einen Krankenwagen rufen oder Spiegeleier braten. Karla Paloma, die 2025 in Angoulême mit dem „Fauve de la Bande Dessinée Alternative“ ausgezeichnet wurde, erzählt hier in drei herrlich schrägen Geschichten von den kleinen und großen Katastrophen des Großstadtalltags. Ganz in Manier der Underground-Comics gestalten sich die schwarz-weißen Panels dabei sowohl auf visueller als auch auf inhaltlicher Ebene schamlos und kantig. Gleichzeitig präsentiert sich Karla nicht ohne Ironie mit all ihren Unsicherheiten, was sie zu einer überaus sympathischen und nahbaren Figur macht. Der Ausgang ihrer Abenteuer, irgendwo zwischen Autofiktion und Tagtraum, ist stets unvorhersehbar. Eine amüsante Lektüre, die Lust auf eine Fortsetzung macht.

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Katharina Hülsmann

Japanologin, icon Düsseldorf

Shima Shinya, übersetzt von Ekaterina Mikulich: Lost Lad London, 3 Bde. (KAZÉ Pegasus Manga)

Lost Lad London Der Student Al Adley findet zu Hause in seiner Jacke ein blutiges Messer – anscheinend die Tatwaffe in einem Mordfall, der durch alle Medien geht: Londons Bürgermeister wurde in der U-Bahn erstochen! Al erinnert sich nicht, wie das Messer in seine Jackentasche kam. Allerdings muss er auch gegenüber der Polizei zugeben, dass er wohl in derselben U-Bahn fuhr, in der der Politiker tot aufgefunden wurde. Alleine der etwas grimmige Detective Ellis glaubt ihm und tut sich mit ihm zusammen, um den wahren Mörder zu finden. Lost Lad London ist ein spannender Krimi-Manga, in dem zwei People of Colour nicht nur die Hauptrollen spielen, sondern dessen Ensemble an Figuren die Diversität Londons widerspiegelt. Darüber hinaus ist der Manga in einem auffallend experimentellen Stil gezeichnet: Filigrane Linienführung, insbesondere bei der Gestaltung der Mimik der Figuren, und skizzenhaft plakative Verwendung von Farbflächen und Kontrasten bei den Hintergründen. Ungewöhnlich ist auch, dass der ganze Manga ohne Soundwords auskommt. Lost Lad London ist ein Pageturner und auch ästhetisch eine Erfahrung, perfekt zum Wegschnabulieren über die Feiertage. Alle drei Bände sind in deutscher Übersetzung zwischen August und Dezember bei Pegasus Manga erschienen.

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Björn Laser

Linguist und Sprachdidaktiker, PH Schwäbisch Gmünd

NON, übersetzt von Sakura Ilgert: Adabana, 3 Bde. (Tokyopop)

Adabana

„Adabana“ bezeichnet eine Blüte ohne Frucht, im übertragenen Sinne verschwendete Schönheit und vergebliche Hoffnung. In diesem dreibändigen Manga von NON geht es, nicht untypisch, um Jugendliche an der Schwelle des Erwachsenseins: um eine Jugend, die geprägt ist von Verlassenheit, Machtmissbrauch und sexueller Gewalt. Die 17jährige Mizuki Aikawa behauptet, ihre Mitschülerin Mako Igarashi getötet zu haben, ihre beste und einzige Freundin. Ihre Angaben klingen zunächst schlüssig, insbesondere als Mizukis Angaben zur Leiche des Mädchens führen und sie gleich noch einen weiteren Mord gesteht. Zunehmend scheint in den Befragungen aber durch, dass etwas an Mizukis Version der Ereignisse nicht stimmen kann, und ihr anfangs nicht sonderlich interessierter Pflichtverteidiger stellt sich nicht nur die Frage, was wirklich geschehen ist, sondern auch, warum Mizuki darauf beharrt, die Taten begangen zu haben. Die drei Bände erzählen aus unterschiedlichen Perspektiven und bilden damit eine echte Trilogie: Der erste Band schildert die Ereignisse in Rückblenden so, wie Mizuki sie gegenüber der Polizei und ihrem Verteidiger darstellt. Der zweite Band setzt zeitlich früher an und führt nun aus Makos Perspektive zu einem dramatischen Höhepunkt, der sich im ersten Band noch deutlich anders gestaltet. An diesem Wendepunkt nimmt der dritte Band Mizukis Perspektive wieder auf, die aber nun nicht mehr vermittelt durch Befragungen als Rückschau erscheint, sondern zum abschließenden Prozess führt. Vieles ist nicht so, wie es scheint, aber es geschehen auch keine Wunder. Dass man sich an Akira Kurosawas Rashomon erinnert fühlt, mag ebenso naheliegend wie oberflächlich sein, aber NON gelingt es sehr kunstvoll, durch die verschiedenen Erzählansätze nicht nur Spannung zu erzeugen, sondern auch emotionale Tiefe. Die erwächst ebenso aus der grafischen Darstellung von Verrat und Verzweiflung – mit einigen expliziten Darstellungen sexueller Gewalt, die die diesbezügliche Triggerwarnung auf dem Cover und auch die Altersvorgabe ab 18 angebracht erscheinen lassen.

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Laura Lewald-Romahn

Literatur- und Mediendidaktikerin (Universität Münster)

Paru Itagaki, übersetzt von Jürgen Seebeck: BEASTARS, 22 Bde. (KAZÉ) / BEASTARS (Anime, Netflix)

BEASTARS

Mit Beastars hat Paru Itagaki ein vielschichtiges Werk geschaffen. Coming-of-Age, (sozial unerwünschte) Liebe, Krimi, bitterböse Gesellschaftssatire – eine hybride Fabel, die existenzielle Fragen nach Identität, Aufwachsen, Moral, Begehren und sozialer Zugehörigkeit verhandelt. Der Manga spielt in der strikt dualistischen Welt anthropomorpher Tiere. Die Welt der Fleisch- und Pflanzenfresser hat eine fragile Ordnung, sie ist von Misstrauen und unausgesprochenen Machtverhältnissen konturiert. Die Angst der Herbivoren verschlungen zu werden, ist ebenso omnipräsent, wie die Hilflosigkeit der Carnivoren, ihre naturgegebene Fleischeslust nicht zügeln zu können – ein Natur-Kultur-Konflikt par excellence. Und doch beginnt die Erzählung mit dem Unaussprechlichen: Ein Pflanzenfresser wird brutal gerissen. Im Mittelpunkt der Erzählung steht die Liebe zwischen dem siebzehnjährigen Grauwolf Legoshi, dessen imposante Erscheinung im scharfen Kontrast zu seinem sensiblen Inneren steht, und dem achtzehnjährigen Zwergkaninchen Haru. Legoshi ringt mit seinen Instinkten, den gesellschaftlichen Erwartungen und seinen Gefühlen. Die Liebesgeschichte wird weder idealisiert noch moralisiert, sondern verletzlich erzählt. Begehren und Verzehren werden doppelt gelesen: Legoshi begehrt Haru so sehr, dass er Angst hat, seine Triebe nicht kontrollieren zu können. Es ist kaum verwunderlich, dass ‚Legoshi‘ eine Referenz auf Bela Lugosi ist – in cineastischer Referenz auf Dracula, Blutdurst und Verlangen. Gleichzeitig verzehrt sich Haru, um sich selbst spüren zu können. Beastars stellt sich mutig Spannungsfeldern wie Ausgrenzung, Rassismus, Kannibalismus, Lust/Sexualität, Devianz, Gewalt und Grenzüberschreitung in der adoleszenten Identitätskrise. Formal überzeugt der Manga dabei durch eine eindrucksvolle Bildsprache – intensive Hell-Dunkel-Kontraste und expressive Linienführung. Als Anime-Adaption sind bisher drei Staffeln verfügbar, die zweite Hälfte wird 2026 erwartet. Das Werk ist für Leser*innen ab 16 Jahren eine eindringliche (Verzehr-)Empfehlung.

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Hanspeter Reiter

Comicoskop-Redakteur

Alexander Braun: Ich, das Tier (Grimmwelt/Panini)

Ich, das Tier

Eine chronologisch wie thematisch umfassend-variantenreiche und zugleich pointiert-detailreiche Ausstellung (noch bis zum 12.04.2026), deren ausufernde Fülle sich mir schon vorab durch den Katalog offenbart hat, der die Exponate abbildet – und zugleich einordnet, durch den bekannten Kurators vertiefende Text-Beiträge! Um all das zu be- und zu durchleuchten: „Vom Bösen Wolf bis Donald Duck – Das anthropomorphe Tier im Comic“, auf dem Cover allerdings anstelle des Bösen Wolfs der wie üblich sardonisch grinsende Garfield: „Fabeln mit Tieren kennt die Kulturgeschichte der Menschheit seit dem Alten Testament, der Antike oder Jean de La Fontaine im 17. Jahrhundert. Aber erst die Moderne und der Comic haben das vermenschlichte Tier in Serie gehen lassen, zu Ikonen der Popkultur und Gefährten unseres Alltags gemacht. Das 20. Jahrhundert hat anthropomorphe Tiere von Micky Maus und Donald Duck über Garfield bis Wolverine zu Menschen wie Du und Ich gemacht.“ In den Blick genommen sind Märkte (Frankreich, USA), Medien-Macher (Walt Disney, Waner Bros.), vielerlei Illustratoren (von Gus Dirks über Carl Barks hin zu Ralf König etc.) plus Ausreißer wie Bilderbogen (als Vorläufer) oder Wölfe als vielfach vertretene Tier-Art. Nur als Randnotiz: Auch manche tierische Nebendarsteller*innen entwickeln durchaus menschennahe Züge und hätten durchaus ihren Platz einnehmen können, siehe Struppi oder Idefix etc. pp.

Thomas Klie und Peter Gaymann: Demensch (med2)

Demensch

Mal wieder ein Sach-Comic, gar aus einem medizinischen Fachverlag: „Für einen menschenfreundlichen Umgang mit Demenz“ plädieren hier Text-illustrierend Bilder, die verstärkt zur Reflexion – fast drängen. Dieser Illustrator ist vor allem bekannt für seine Hühner-Cartoon, doch hier kommen seine Bilder ernster und weniger leicht daher, dennoch ironisch, fast selbst-ironisch, wenn aus dem Erleben von „Demenschen“ möglich… Denn: „Mit Demenz leben? Das ist herausfordernd. Ohne Humor lassen sich die Unstimmigkeiten im Leben und in der Welt schwer ertragen. Das gilt auch für ein Leben mit Demenz. In menschenfreundlicher Weise und mit Humor sich den (auch) leidvollen Seiten der Demenz und Vergesslichkeit zu stellen – dies gelingt dem Sozialexperten und Gerontologen Prof. Dr. Thomas Klie gemeinsam mit dem Cartoonisten Peter Gaymann mit Bravour!“ Wie schon das trefflich gewählte Cover-Bild verdeutlicht – wie auch jenes auf der Rückseite… Gewohnt comicesk kommen Gaymanns Illustrationen allesamt daher, mal mehr, mal weniger: S. 15/19 gar mal als Panel-Folge, häufig mit Sprechblasen (S. 58 z.B.) statt der meist üblichen integrierte Text-Zeilen – wie etwa S. 109, mit einem Pärchen auf der Parkbank: „Weißt du noch früher?“ sie – und er antwortet „Weiß ich nicht. War aber alles besser!“. Eines von vielen Beispielen, in denen ins Bild eingefangen Sprüche neu interpretiert sind.

Gerry Alanguilan, übersetzt von Jens R. Nielsen: Elmer (Dantes Verlag)

Elmer

Im abgelaufenen Jahr 2025 präsentierten sich die Philippinen als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse, wie üblich in thematisch strukturierten Bereichen des Forum, plus Auftritts-Bühne. Auch Comics waren dabei, in deutschsprachigen Auflagen in aller Regel beim Dantes Verlag erscheinend, etwa Elmer: Vermenschlichtes Verhalten von Tieren – und damit verbundenes eher entmenschlicht-unmenschliches von Menschen stehen hier im Mittelpunkt: Ein Geschehen zwischen Romantik und Massenmord, auf den Punkt gebracht. Das  SW-Album (mit farbigem Cover) lebt von der ausdrucksstark wiedergegebenen Mimik vor allem der Hühner, die durchaus unterschiedliche Charaktere (sehr menschlich = anthropomorph) repräsentieren. Zugleich sind Ansichten geboten, die an klassische (Gemälde-)Kunst erinnern: S. 28 etwa findet sich ein entzückendes ganzseitiges Beispiel, Friede & Freiheit mit weitem Blick im Natur-Kontext, zugleich konterkariert in einer (wie sich dann herausstellt) gefilmten Sequenz mit dem Filmstar aus der Hühner-Familie im Mittelpunkt (S. 92ff.)… Manch Assoziation mag beim Lesen und Betrachten aufkommen, etwa an Art Spiegelmans Maus – und damit an Massenvernichtung im Holocaust: Verdeutlicht u.a. via Schuld-Zuweisungen, hier: Vogelgrippe-Pandemie. Ergo aus verschiedenen Perspektiven interpretierbar… Ein durchaus anregender Einstieg, sich mit der sehr variantenreichen Comic-Szene dieses Inselreiches zu befassen, die teils auch die Folgen der jahrhundertelangen Kolonialzeit spiegelt. Im Nachklang zur Buchmesse sind diverse weitere Alben erschienen…

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Janek Scholz

Literaturwissenschaftler, Universität Leipzig

Birgit Weyhe: Schweigen (Avant Verlag)

Schweigen

Mein Comic-Highlight in diesem Jahr war zweifellos Birgit Weyhes Schweigen. Darin schildert sie die Verflechtungen der deutschen Nachkriegsgeschichte mit der argentinischen Militärdiktatur anhand der Schicksalsschläge zweier Frauen. Die Geschichten von Ellen Marx, die als Jüdin aus Nazideutschland flieht und deren Tochter später in Argentinien als eine von 30.000 Personen spurlos verschwindet, und Elisabeth Käsemann, einer jungen Deutschen, die ebenfalls in Argentinien verschwindet und ermordet wird, ohne diplomatische Bemühungen zu ihrer Rettung, werden abwechselnd erzählt, stets mit einem vorgeschalteten Kapitel zum historischen Kontext. Der Comic macht deutlich, wie eng die deutsche und die argentinische Geschichte verknüpft sind: Einerseits, da Ende der 1930er und Anfang der 1940er Jahre nicht nur Opfer des Naziregimes, sondern auch deren Täter nach Argentinien flohen, andererseits, da sich deutsche Studierende in den 1960er und 1970er Jahren zunehmend politisierten und für Lateinamerika interessierten. Am Fall Elisabeth Käsemanns wird jedoch deutlich, dass die wirtschaftlichen Interessen der jungen BRD politisch mehr Priorität genossen als ein Eintreten gegen den systematisch verübten politischen Terror der dortigen Militärdiktatur. In einem Schlusswort legt Weyhe ihre persönliche Motivation für diesen Comic offen. In einer Zeit, in der Hassrede und die Relativierung historischer Verbrechen hoch im Kurs stehen, gelte es umso mehr, sich der Vergangenheit bewusst zu werden, um neuerliche Ausgrenzung, Gewalt und Verfolgung zu vermeiden, denn: „Nie wieder ist jetzt. Nunca más“.

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Christine Vogt

Direktorin LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen

Walter Moers: QWERT (Penguin Verlag)

QWERTMit seiner Persiflage auf das Genre des Ritterromans hat Walter Moers ein neues Meisterwerk geschrieben und gezeichnet. Er gibt sich erstmals wieder selbst als Autor und Illustrator an. Sein Alter Ego Hildegunst von Mythenmetz erscheint nicht auf dem ausführlichen Innentitel, der die „43 Aventiuren“ einleitet. In einem turbulenten Ablauf, der wie ein Roadmovie von Station zu Station rast, lässt Moers uns an den Abenteuern des Gallertprinzen aus der 2364. Dimension, nun im Astralkörper des legendären Ritters Kaltbluth, teilhaben. Dabei kommt Qwert schon im ersten Zamonienroman von 1999 vor: Der Blaubär besucht zusammen mit Qwert und der Berghutze Fredda die Nachtschule von Prof. Dr. Abdul Nachtigaller. Wie in all seinen Romanen erzählt Moers die Geschichten in unfassbar detaillierten Zeichnungen, die weit über reine Illustrationen hinausgehen. Gleich im Vorsatzblatt führt eine Landkarte in das neue Land Orméa ein: Vom Endlosen Abgrund über die Seltsame Schlucht und Creatopolis bis zur Blutroten Wüste. Ein besonderes Highlight der Darstellungen ist die – drei aufeinander folgende Doppelseiten füllende – Architektur von Creatopolis. Überhaupt stellen die Zeichnungen die neue Welt in ihren eigenwilligen Ausprägungen eindrucksvoll dar. Der neue Moers-Band ist eine klare Empfehlung für alle Fans und vor allem die, die es noch werden wollen. Nicht nur das Reitwürmchen Schneesturm und der Knappe Oyo, der ebenfalls durch ein Dimensionsloch gefallen ist und aus der Insel der tausend Leuchttürme als Hildegunsts treuer Begleiter Queekwigg bekannt ist, werden alle Herzen im Sturm erobern.

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Lukas R.A. Wilde

Medienwissenschaftler, NTNU Trondheim

Deniz Camp und Javier Rodriguez: Absolute Martian Manhunter (DC Comics)

Absolute Martian Manhunter

Obwohl DCs neues „Absolute“-Universum zunächst nach einem ziemlich transparenten Abklatsch von Marvels „Ultimate“-Line aussah, ist alle meine Skepsis längst über Bord geworfen und ich bin hemmungslos fast jeder neuen Ausgabe verfallen wie seit Jahren nicht mehr. Viele der wegweisendsten DC-Comics von DKR über Red Son bis zu Kingdom Come waren bekanntlich „Elseworlds“, und vielleicht ist genau dies die neue Rolle von Comics im Transmedia-Kontinuitätsteppich: wieder alles aufzumischen! Zwischen all den unerwarteten Perlen – Absolute Batman hat mich ab „Abomination“ gepackt, Absolute Green Lantern ab der ersten Ausgabe – sticht Absolute Martian Manhunter nochmal besonders heraus, mit der Energie früher Vertigo-Anarchie: jedes Panel ein psychedelisches Kunstwerk, jede Captionbox gemeißelte Prosa, jede Ausgabe eine immer tiefere Reise in diesen irgendwie bekannten, aber irgendwie auch völlig neu entfesselten DC-Kosmos. Dieser „Martian Manhunter“ hat überhaupt keine physische Existenz sondern bewegt sich als reine Gedankenform zwischen Erinnerungsbildern, Caption-Boxen und allen anderen Darstellungsebenen, die die Comic-Sprache so anbietet. „What happens in your head also happens.“ Fühlt sich tatsächlich danach an, als ob diese Figuren gerade ganz neu erfunden werden…

Kieron Gillen und Caspar Wijngaard: The Power Fantasy (Image Comics)

The Power Fantasy

Von Gillen kennt man nicht viele Missgriffe. Die Prämisse von The Power Fantasy klingt zunächst ein wenig nach Watchmen: was, wenn einige wenige Superkräfte real wären und die Weltgeschichte verändert hätten? Das kennt man – hier aber sind die Protagonist*innen so übermächtig, dass jede Auseinandersetzung sofort das Ende der Welt bedeuten würde, darum muss genau auf das verzichtet werden, was das Genre sonst ausmacht: Ausgetragene Konflikte! Stattdessen taktieren, observieren, Allianzen schmieden, platzen lassen, Bauernopfer aushandeln… der weltumspannende Plot und die geschliffenen Schachspiel-Dialoge sind dann auch so dicht geschrieben, dass ich selten zuvor jede Ausgabe so oft wieder- und wiedergelesen habe, um alle Verbindungen herzustellen und alle Fäden zu entwirren – noch so eine neue Serie, bei der ich wieder auf jedes neue Trade harre und mir dann erstmal alle Termine frei schaufele, wenn es endlich da ist.

Tom King und Peter Gross: Animal Pound (BOOM! Studios)

Animal PoundDas ist ein Selbstläufer dieses Jahr, für diese Liste… das Comic, das man eigentlich jeder Person zu jedem Anlass schenken sollte, damit es mehr Verbreitung findet. Tom King mag in seiner Karriere-Biographie nicht ganz unproblematisch sein, aber als Comicautor ist er eine Naturgewalt und Animal Pound ist genau das Comic, das derzeit drängt: Wie der Titel schon erahnen lässt, haben wir es mit einer geupdateten Neuerzählung von Orwells Animal Farm zu tun. Aber, weil wir eben 2025 hatten, baut das Kammerspiel der Tiere uns keinen drohenden Kommunismus, sondern das aktuelle Erstarken des Trump-Faschismus als brillante Parabel nach. Weit über die politischen Analogien hinaus, funktioniert Animal Pound aber auch auf vielen anderen Ebenen gleichzeitig, überrascht,  überwältigt, und bricht einem auch ein wenig das Herz, obwohl man das Ende natürlich immer schon vorwegahnen kann.

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Verkündung der Preisträger*innen des Martin Schüwer-Publikationspreises 2025

Wir freuen uns, die Preisträger*innen des siebten Martin Schüwer-Publikationspreis für herausragende Comicforschung 2025 verkünden zu dürfen!

Since 2019, the Martin Schüwer Prize for Excellence in Comics Studies has been awarded annually by the Society for Comics Studies (ComFor) and the Committee for Comics Studies at the German Society for Media Studies (AG Comicforschung, GfM). It promotes the work of researchers who, regardless of their age, do not yet hold a permanent academic position as tenured faculty. Honoring outstanding publications in the interdisciplinary field of comics studies, the Martin Schüwer Publication Prize aims to create more visibility for comics- related research, promoting and communicating its importance to a wider public.

The prize is named after the late Martin Schüwer, a scholar of English Literature and Culture who specialized in comics studies and who, very unfortunately, died at a far too early age in 2013. His dissertation Wie Comics erzählen (2006) has opened up new ground for narratological comics research and has become a standard work in German-language comics studies. With this and his other works on comics as well as on the didactics of English literature, Martin Schüwer has set valuable standards regarding the excellence, accessibility and range that publications in our fields can achieve. Both as a comics researcher and as a person, Schüwer had a distinct way of talking to people, characterized by his open-mindedness and a genuine interest in others. Talking to and with others, he aimed to advance comics studies. We dedicate the award to him and this very goal.

This year, the Martin Schüwer Publication Prize for Outstanding Comics Research is awarded to Charlotte Johanne Fabricius for “Drawing in Circles: Feminized labour in autobiographical comics and cartoons on Instagram.” The article was published in the journal Studies in Comics 15.1–2 (2025). On behalf of ComFor and AG Comicforschung, this year’s jury congratulates Charlotte J. Fabricius on her incisive contribution to the field of comics research. The honorable mention is awarded to Andrea Hoff & Wanda John-Kehewin for their dialogical contribution “Unraveling Time: Reading Temporal Shifts as Intergenerational Narrative Weaving in Wanda John-Kehewin’s Vision of the Crow,” published in the journal Inks 8.3 (2024).

Laudatio for Charlotte Johanne Fabricius

In her article “Drawing in Circles: Feminized labour in autobiographical comics and cartoons on Instagram,” Charlotte J. Fabricius focusses on the highly topical and socio-politically relevant digital autobiographical comics publications on Instagram that address and are shaped by the conditions of care work and feminized labor. Methodologically, Fabricius closely followed 70 creators on Instagram over the course of two years, focusing on women and femme-identified non-binary creators who post comics regularly in a diary style series. In her interdisciplinary approach, Fabricius productively and exemplary combines comics studies perspectives with Marxist feminist theories, and applying among others Colin Beineke’s concept of comicity and Groensteen’s braiding, to digital comics on social media platforms.
Fabricius rightfully identifies digital comics on Instagram thus far as mostly ignored in academic discourses and approaches them both via their formal and narrative media “specificities” as well as via the “overlap with social issues of creative work and feminized labour” (both p. 14). With Lisa Adkins and others, Fabricius asserts that creative work has been feminized by the inclusion of women in the workforce as well as shifts towards “higher degrees of service work, emotional labour and other traditionally ‘feminine’-coded tasks,” concluding:

“As creative work is feminized, it takes on the historical associations with being overworked and underpaid, constantly cycling between productive labour in the workplace and reproductive labour in the house.” (both p. 16)

Circulation and repetition are structures that Fabricius discovers as recurring patterns in creative processes, forms and media-specificities of these digital comics phenomena that link working conditions of feminized labor and care work, narratives of the autobiographical diary comics, the aesthetics of the drawings, as well as the publication rhythms on social media pladorms. With Audre Lorde, Fabricius argues, that the drawings are “never-ending circles” (p. 19) in “scrappy lines” (p. 24). Therefore, emphasizing the fact that the qualities of the comics are conditioned by feminized work and care work in terms of line work, materials and techniques used as well as the narrative structures represented. Formal choices are read by Fabricius as both socially conditioned necessities and aesthetic choices (cf. p. 17) that can be attributed to the comics form of “drawing variations of an image over and over again to create meaning” (p. 28). Fabricius achieves a balanced interpretation of the socio-economics of feminized working conditions that show benefits and opportunities without withholding criticism towards the heightened precarity of comics creators (cf. p. 16) and the monetization of identities and personal experiences (cf. p. 29), concluding that these digital comics artists are at the “mercy of algorithmic precarity and late capitalist self-exploitation” (p. 29).

Fabricius argues that, while the late capitalist context of the comic artists sharing their work via an algorithmic media platform would situate the artists as solo entrepreneurs, they in fact find in Instagram a platform to collectively express their feminized working conditions. Fabricius carefully examines the Instagram format and explains, how the way that single images and image sequences are presented to the user on the platform influences the narratives created. She differentiates the comics that she examined clearly from the common webcomic format, in which the strips are presented in a format not dissimilar to the printed page. In contrast, Instagram cartoonists often utilize a square grid, arranging their comics in the so-called carousel function provided by the platform, so that users can swipe to follow the sequence of images. Another format she examines is the story-format in which the comics remain online for only 24 hours. Fabricius shows how the artists use the conditions of the platform to try and ensure that their comics will be presented to other platform users, through the nebulous system of the algorithm, which is impossible for the artists to master (cf. p. 29). Fabricius thus utilizes her careful observations to present us a snapshot of a moment in time. Platforms change quickly and studies like the one Fabricius undertook ensure that analysis of ephemeral online cultures remain accessible to the academic discourse.

Fabricius’ outstanding analyses of the digital comics phenomena skillfully combine form, content, and genre/medium. Her observations are careful and considerate. In summary, the paper is an impressive analytical intertwining of gendered socio-economic conditions (feminized work, care work), techniques (drawing in notebooks and on sticky notes), genre and medium (digital comics), and distribution (Instagram). Fabricius’ approach to comics studies is exemplary in how to combine practice-based comics research and theoretical thinking about media, form, aesthetics, and sociological conditioning and can be used as blueprint on how to viably think comics in the future.

Laudatio for Andrea Hoff & Wanda John-Kehewin

This year’s honorable mention is awarded to Andrea Hoff’s & Wanda John-Kehewin’s dialogical paper “Unraveling Time: Reading Temporal Shifts as Intergenerational Narrative Weaving in Wanda John-Kehewin’s Vision of the Crow,” published in the journal Inks in 2024. The experimental form of the paper puts the academic and artistic speaker perspectives into the spotlight and hence focusses productively on agency and (self-)representation – especially concerning marginalized groups – in comics as well as in academia. The jury congratulates Charlotte Johanne Fabricius, Andrea Hoff & Wanda John-Kehewin on their outstanding work.

Jury of the Martin Schüwer Publication Prize 2025
Helene L. Bongers
Iris Haist
Katharina Hülsmann
Myriam Mycé
Martin Wambsganß

„Comparative Aspects in Comics Studies“ – Neuer ComFor-Tagungsband erschienen!

Comparative Aspects in Comics Studies:
Translation, Localisation, Imitation, and Adaptation

Juliane Blank, Stephan Packard und Christian A. Bachmann (Hg.)
Christian A. Bachmann Verlag
März 2025
286 Seiten
36,00 EUR
ISBN 978-3-96234-087-2

Soeben ist ein weiterer neuer Tagungsband im Christian A. Bachmann-Verlag erschienen, auf den sich die Gesellschaft für Comicforschung lange gefreut hat. Er geht auf die 14. ComFor-Jahrestagung in Schwarzenbach an der Saale zurück und versammelt nicht weniger als 12 Aufsätze.

Ankündigungstext:
„This volume reflects upon comparative aspects within the study of comics. It explores phenomena that cross boundaries between cultures, languages, economies, and media formats, paying special attention to translations, localisations, imitations, and adaptations that transport some aspects of one given material into a new shape or matter. Topics range from the direct translation of a given comic for a different audience through considerations of claims to translatability and untranslatability to naturalizing or alienating effects of translation, and on to emendations in cases of censorship or broader forms of media control, editorial interventions, revisions by original or new artists, as well as parodies and piracies. The interplay of aemulatio and imitatio, of purely imitative and rival imitation, gives way to the large field of media translation.“

Beiträge:

Christian A. BACHMANN, Juliane BLANK und Stephan PACKARD
Comparative Aspects of Comics Studies: Introduction

Lynn L. WOLFF
Self-Translation in Nora Krug’s Transcultural Graphic Memoir Belonging/Heimat

Yun-Jou CHEN
Popalania, the Perfect Country: Revisiting Bo Yang’s Taiwan Translation of Popeye Comic Strips (1967–1968)

Alexandra HENTSCHEL und Gerhard SEVERIN
Localizing Duckburg: How Translator Erika Fuchs Moved Duckburg to Post-War Germany

Romain BECKER
Possibilities and Strategies of Scanlations: How Fan-made Translations of Manga Contrast with Official Ones (and Inspire Them)

Nathalie MÄLZER
Comic Adaptations as Intersemiotic Translation: Asterix – Der Seher (1975)

Olga KOPYLOVA
Transformations of Style in Manga-To-Anime Adaptations: A Formal Analysis

Elisabeth KRIEBER
Queer Autographics on Broadway

Markus OPPOLZER
Van Gogh’s Pictorial After/life: A Look at Biopic as a Transmedial Genre

Dietrich GRÜNEWALD
The Art of Adaptation: Oscar Wilde’s The Picture of Dorian Gray

Marina RAUCHENBACHER
Who (and Where) is *Alice*? Anke Feuchtenberger’s Feminist-Disruptive Identity Criticism

Keren ZDAFEE
Egyptianizing Mickey and Minnie?

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AUSLOBUNG DES MARTIN SCHÜWER-PUBLIKATIONSPREISES 2025

Martin Schüwer-Publikationspreis für herausragende Comicforschung 2025

Call for Nominations:

Förderpreis, ausgeschrieben von der Gesellschaft für Comicforschung (ComFor) sowie der AG Comicforschung der Gesellschaft für Medienwissenschaft (GfM)

Die Gesellschaft für Comicforschung (ComFor) und die AG Comicforschung der Gesellschaft für Medienwissenschaft (GfM) loben für 2025 zum siebten Mal den Martin Schüwer-Publikationspreis für herausragende Comicforschung aus. Der Preis wird seit 2019 jährlich verliehen. Er fördert Wissenschaftler_innen, die, unabhängig von ihrem Lebensalter, noch keine unbefristete akademische Anstellung innehaben. Mit der Auszeichnung herausragender Veröffentlichungen aus dem Bereich der interdisziplinären Comicforschung soll der Publikationspreis zur nachhaltigen Sichtbarmachung, Förderung und Vermittlung comicbezogener Forschungsarbeit beitragen.

Der Preis ist nach dem 2013 viel zu früh verstorbenen Anglisten und Comicforscher Martin Schüwer benannt. Seine vor 17 Jahren erschienene Dissertation Wie Comics erzählen (2008) hat Neuland für die narratologische Comicforschung erschlossen und ist zu einem Standardwerk der deutschsprachigen Comicforschung geworden. Mit dieser und seinen weiteren Arbeiten zu Comics sowie zur Didaktik der englischsprachigen Literatur hat Martin Schüwer Maßstäbe für die Exzellenz, die Zugänglichkeit und die Reichweite gesetzt, die Publikationen in unseren Fächern erreichen können. Als Comicforscher wie als Mensch zeichnete er sich durch seine interessierte und offene Art im Umgang mit anderen aus. Gemeinsam, im Austausch und im Abgleich mit anderen wollte er sein Fach weiterbringen. Diesen Zielen widmen wir den Preis in seinem Namen.

Einreichung und Nominierungen:

Zur Nominierung angenommen werden bereits publizierte Beiträge von Artikel- oder Kapitellänge. Sie können als Artikel in Sammelbänden oder Zeitschriften, als Kapitel in längeren Monografien, aber auch als Essays und andere Textformen ähnlicher Länge erschienen sein. Die eingereichten bzw. nominierten Texte können von einem_einer oder mehreren Autor_innen verfasst worden sein. Alle Verfasser_innen dürfen zum Zeitpunkt der Nominierung noch keine unbefristete akademische Anstellung innehaben.

Beiträge, die für den Martin Schüwer-Preis 2025 nominiert werden, müssen zwischen dem 1. Januar 2023 und dem 31. Dezember 2024 in deutscher oder englischer Sprache publiziert worden sein. Noch im Druck befindliche oder erst zur Publikation angenommene Texte können nicht berücksichtigt werden. Wiederholte Einreichungen sind nicht möglich. Ebenfalls ausgeschlossen sind ganze Monografien und unveröffentlichte Qualifikationsschriften. Die Herausgeber_innenschaft von Sammelbänden oder Zeitschriftenausgaben ist nicht nominierungsfähig, wohl aber einzelne Beiträge in diesen Sammlungen.

Die Nominierung umfasst den nominierten Text und eine kurze Begründung (300–500 Wörter). Selbstnominierungen sind möglich und sehr erwünscht, die Jury möchte aber auch besonders zu Fremdnominierungen beeindruckender Texte aufrufen. Deadline für alle Einreichungen ist der 30. April 2025. Bitte senden Sie Ihre Nominierungen als ein vollständiges PDF an schuewer-preis@comicgesellschaft.de.

Preis und Preisvergabe:

Die offizielle Verkündung des_der Preisträger_in erfolgt im Rahmen der Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft (16.–19. September 2025, Universität Paderborn). Die Preisverleihung mit einem eingeladenen Vortrag des_der Preisträger_in findet im Rahmen der Jahrestagung der Gesellschaft für Comicforschung (08.–10. Oktober 2025, Universität Hamburg) statt. Der_die Preisträger_in erhält außerdem die auf 700 € dotierte Preissumme, zahlt ein Jahr lang keinen Mitgliedsbeitrag bei der Gesellschaft für Medienwissenschaft (GfM) und wird zum Ehrenmitglied der ComFor auf Lebenszeit.

Zur Ausschreibung als Pdf

„Der Comic und das Populäre“ – Neuer ComFor-Tagungsband erschienen!

Der Comic und das Populäre
Der Comic und das Populäre
Rolf Lohse und Joachim Trinkwitz (Hg.)
Christian A. Bachmann Verlag
Januar 2025
360 Seiten
39,90 EUR
ISBN 978-3-96234-090-2

Soeben ist ein neuer Tagungsband im Christian A. Bachmann-Verlag erschienen, auf den sich die Gesellschaft für Comicforschung lange gefreut hat. Er geht auf die 12. ComFor-Jahrestagung in Bonn zurück und versammelt nicht weniger als 14 Aufsätze.

Ankündigungstext:
»Der Comic und das Populäre« klingt für viele Menschen nach dem berühmten ›weißen Schimmel‹. Doch das Verhältnis der Kunstform zu der ihr quasi angeborenen Popularität hat sich im Lauf ihrer Geschichte als spannungsvoll erwiesen. Die Kritik kultureller Institutionen und tonangebender Kreise stieß sich immer wieder auch an der immensen Popularität des Comics. Zum Teil wird das Medium noch heute als minderwärtig betrachtet und ihm eine problematische Wirkungen unterstellt. Erst vor einigen Jahren wurde er als Graphic Novel gesellschaftsfähig, allerdings unter weitgehender Ausschluss seiner populären Anteile. Inwieweit prägt das spannungsgeladene Verhältnis des Comics zwischen high und low nach wie vor seinen Platz in Kultur und Gesellschaft? 14 Aufsätze belichten unterschiedliche Aspekte dieser grundlegenden Fragestellung.“

Beiträge:

Joachim Trinkwitz und Rolf Lohse:
Der Comic und das Populäre – einführende Überlegungen

Jörn Ahrens:
Der Comic ist das Populäre
Zur populärkulturellen Gestalt eines Mediums der Massenkultur

Ole Frahm:
Proletarität statt Popularität
Eine kleine Kritik der Rede über Comics

Mario Zehe:
Das Popula(e)re und das Signifikante
Der Comic als Antwort auf die Krise liberaler Erzählungen?

Joachim Trinkwitz:
»Auteur«-Serien im Comic
Prestigeprobleme eines populären Erzählverfahrens

Daniel Stein:
Batmans queere Popularität
Eine serienpolitische Dialektik

Véronique Sina:
»Comickeit is Jüdischkeit«
Populärkultur, Performativität und kulturelle jüdische Identität(en) in den Comics von Aline Kominsky-Crumb, Harvey Pekar und Art Spiegelman

Lukas R.A. Wilde:
Diesseits und jenseits der Diegese
Populäre, partizipatorische und transfiktionale Facetten der gezeichneten Figur

Dietrich Grünewald:
Grenzgang
Comics zitieren Kunstwerke

Rolf Lohse:
Museum und Magie
Das Populäre des Comics und die Kommunikationsstrategie des Louvre

Kirsten von Hagen:
Tintin und die Recherche
Von der Ligne Claire Hergés zu den synästhetischen Traumsequenzen bei Heuet

Markus Oppolzer:
Der Fluch der Graphic Novel
Ein kritischer Blick aus (sprach)didaktischer Sicht

Daniela Kaufmann:
»A Study in Black and White«
Die Signifikanz der Farben »Schwarz« und »Weiß« in Cartoons und Comics von George Herriman

Zita Hüsing:
Being and Nature
The Significance of the Southern Space of the Swamp in Alan Moore’s The Saga of the Swamp Thing

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*Die ComFor-Redaktion bedauert den Mangel an Diversität in dieser Publikation. Wir sind bestrebt, möglichst neutral über das Feld der Comicforschung in all seiner Breite zu informieren und redaktionelle Selektionsprozesse auf ein Minimum zu beschränken. Gleichzeitig sind wir uns jedoch auch der problematischen Strukturen des Wissenschaftsbetriebs bewusst, die häufig dazu führen, dass insbesondere Comicforscherinnen sowie jene mit marginalisierten Identitäten weniger sichtbar sind. Wir wissen, dass dieses Ungleichgewicht oft nicht der Intention der Herausgeber_innen / Veranstalter_innen entspricht und möchten dies auch nicht unterstellen, wollen aber dennoch darauf aufmerksam machen, um ein Bewusstsein für dieses Problem zu schaffen.

ComFor-Leseempfehlungen 2024

Auch in diesem Jahr wünscht die Redaktion und der Vorstand der Gesellschaft für Comicforschung all ihren Leser_innen  und Freund_innen einen guten Start ins neue Jahr 2025 und präsentiert zu diesem Anlass wieder aktuelle Leseempfehlungen von Comicforscher_innen, die wir zum Jahresabschluss gesammelt haben. (Die Leseempfehlungen der letzten Jahre finden sich hier.) Viele unserer Mitglieder haben uns erneut ganz subjektive Lektüretipps geschickt, die aus den vergangenen zwölf Monaten im Gedächtnis geblieben sind – aus welchen Gründen auch immer. Darunter haben sich auch ein, zwei Titel eingeschlichen, die bereits zuvor publiziert worden sind, aber in diesem Jahr nochmal besonders im Gedächtnis geblieben sind.

Jörn Ahrens

Kultursoziologe, Justus Liebig Universität Giessen

Neyef: Hoka Hey!
Hoka Hey!
Die Pine Ridge Reservation 1904. Die Frontier ist geschlossen, die Kinder der Lakota werden zu Amerikanern erzogen. So auch George, ein Junge, der Arzt werden will, die rechte Hand des Reservatsverwalters und doch nur sein Diener ist. Der Comic eröffnet mit einem Picknick in der Prärie, dessen Idylle schnell gestört, der Verwalter erschossen wird von einer Gruppe aus zwei versprengten Indianern (zur Legitimität des Begriffs vgl. Mattioli 2023) und einem Weißen. Die kleine Gruppe ist der letzte Widerstand indigener Identität gegen die längst vollzogene Eroberung des Westens. Sie müssen sehr viel und sehr viele rächen und versuchen zugleich, eine Lebensweise zu rekonstruieren, die ihre ist, die sie aber selbst gar nicht mehr wirklich kennen. George müssen sie mitnehmen, erst als Gefangenen, als Ballast, dann als Schüler und Kompagnon, schließlich als Nachfolger. Die Gruppe wird bald von einem Kopfgeldjäger beseitigt, auch eine aussterbende Art der Zeit. Nur George überlebt; er wird die Rache sechs Jahre später vollenden und den Faden einer Existenz als Lakota wieder aufnehmen. In lichten Bildern, stilistisch irgendwo zwischen Manga und Bande Dessinée, der Text gut verteilt, in schönen Panels, die den Lesefluss ebenso steuern, wie sie die Lust am Hinschauen befeuern, erzählt dieser Band ebenso ruhig wie atemlos. Die 220 Seiten legt man nicht vor der letzten Seite aus der Hand.

Noel Simsolo und Bézian: Doktor Radar, Bd.1: Mörder der Wissenschaftler
Doktor Radar
Was ist das für ein Zeichner, dieser Bézian! Warum liegt bislang kaum etwas von ihm vor auf deutsch? Rasant skizzenhafte Zeichnungen, Hintergründe nur wo nötig, von Seite zu Seite, manchmal von Panel zu Panel wechselnd monochrome Kolorierung, zuweilen unterbrochen von Farbtupfern, so viel Gebrauchsgraphik des Art déco als Stilistik. Dieser Comic entfaltet schon allein ästhetisch eben jene Dynamik, die auch seine Geschichte prägt, ruhelose Helden, die nie Charaktere werden, immer Schablonen bleiben, das aber erstklassig. Doktor Radar, dessen Gesicht niemand kennt, tötet Wissenschaftler. Ob er damit auch die Vernunft mordet, bleibt dahingestellt. Gejagt wird er vom Gentleman-Detektiv Ferdinand Straub, ein Ass, ein detektivisches Genie, aber immer einen Moment zu spät. Angesiedelt in den frühen 1920er Jahren ruft dieser Comic die ganze Kolportage der Zeit auf, kreiert ihr eine große Hommage mit ständigem Augenzwinkern. Am Ende entkommt Doktor Radar als Roter Baron und die Frage steht im Raum: „Wird die Welt weiterhin erzittern?“ In Frankreich gibt es bereits mindestens drei Bände. Bitte schnell übertragen!

Mikael: Harlem
Harlem
New York City im Jahr 1931. In original zwei Bänden, hier zusammengefasst zu einer Ausgabe, tauchen wir ein in eine Welt, in der der Jazz entsteht und der moderne Journalismus, in der Rassismus nicht nur alltäglich ist, sondern gut sichtbar die Ordnung der Gesellschaft prägt, ihre Strukturen und Institutionen, und in der Kriminalität und Unternehmergeist so eng beieinander liegen, dass klar wird, weshalb gerade zu dieser Zeit Disruption und kreative Zerstörung zu einem Topos werden konnten. Mittendrin eine schwarze Frau ohne wirklichen Namen, „Queenie“ oder „Frenchy“, die als Zugewanderte aufgestiegen ist und ein undurchsichtiges Imperium aus eher zwielichtigen Unternehmungen regiert. In losen Rückblenden wird ihre Geschichte halbwegs transparent gemacht. Atmosphäre, Erzähltempo und Artwork stimmen sehr schön zueinander. In großen Bildern in gedeckten Farben, während die Rückblenden in blau und gelb gehalten sind, und in visuell stark durchkomponierten Seiten entfaltet dieser Comic große erzählerische und graphische Intensität. Vordergründig geht es dabei um das allzu gut bekannte, ikonische New York der dreißiger Jahre, dessen vielfach zu Klischees geronnene Facetten auch allesamt bedient werden. Aber in Wirklichkeit geht es um Emanzipation, der schwarzen Amerikaner_innen, der Migrant_innen, der Frauen. Dafür dreht dieser Band dann so ziemlich alles um und entwirft eine Reihe beeindruckend starker Charaktere, die die Geschichte noch einmal neu lesbar machen.

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Arnold Bärtschi

Klassischer Philologe, Ruhr-Universität Bochum

Mari Yamazaki und Tori Mikki: Plinius (Pline), Band 12

Pline 12

Im Mai 2024 erschien der zwölfte und letzte Band der französischsprachigen Übersetzung der Mangareihe Plinius von Mari Yamazaki und Tori Mikki (Casterman 2017-2024). Die Serie folgt dem antiken Naturforscher Gaius Plinius Secundus auf seinen Forschungsreisen quer durch das Mittelmeer und illustriert die Entstehung seiner monumentalen Enzyklopädie Naturalis historia. Nicht nur geben die Autor_innen mit ihren realistischen Zeichnungen einen lebendigen Einblick in die antike Welt unter Kaier Nero, sondern sie liefern auch eine neue und subtile Darstellung von dessen Karriere, die von gesundheitlichen Problemen und Machenschaften am Kaiserhof geprägt ist. Dementsprechend bietet die Lektüre nicht nur spannende Anknüpfungspunkte an Aspekte der Antikerezeption wie den berühmten Ausbruch des Vesuvs, sondern auch an den Bereich der Graphic Medicine. (Und nebenbei erweitert man beim Lesen gehörig seinen französischen Wortschatz, da sich Plinius für alle möglichen obskuren Naturerscheinungen interessiert.) Allen Leser_innen, die von Yamazaki-senseis unterhaltsamer Serie Thermae Romae um den zeitreisenden Thermenarchitekten Lucius begeistert waren, ist Plinius wärmstens zu empfehlen!

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Ole Frahm

Comicforscher, Arbeitsstelle für Graphische Literatur (ArGL) Hamburg

Salomon J. Brager: Heavyweight. A Family Story of the Holocaust, Empire, and Memory

HeavyweightEin Comic wie eine Doktorarbeit. Etwas zu lang, zu viele Themen, sehr belesen und mit Fußnoten am Ende. Und doch ist es sicher einer der interessanteren Beiträge der letzten Jahre: gerade weil es wie ein langer Essay wirkt, der nach über 300 Seiten gesteht, er hätte gerade mal die Oberfläche angekratzt. Schade, dass Brager daraus kein Argument für den Comic selbst macht, der ja immer wieder der Oberflächlichkeit bezichtigt wurde. Gleichzeitig ist dies nicht die Tradition, in die sich Brager stellen will. Lange Zitate, von Primo Levi bis Dirk Moses, unterbrechen die Geschichten, es geht um settler colonialism (ohne Israel zu erwähnen), Stolpersteine, Deutsche Erinnerungspolitik, die Frage nach Entschädigungen… Es ist der Versuch, die eigene Familiengeschichte, die nicht eine, sondern mehrere Geschichten meint, in einem größeren historischen Kontext zu begreifen – bis zu einem afro-amerikanischen Friedhof, der in Flatbush, Brooklyn, wo Brager wohnt, überbaut wurde. „It’s the unmarked graves that haunt, that call to be unsettled“. Bragers Comic ist ein solcher Ruf, erschüttert zu sein – ohne vorzuschreiben, was aus dieser Erschütterung folgt. Es ist kein Zufall, dass die Comics deutscher Zeichner_innen in ihren Familiengeschichten eher die Momente aufsuchen, die beruhigend wirken… Der Urgroßvater Bragers war übrigens Boxer, was den Titel etwas ‚leichter‘ macht…

Leela Corman: Victory Parade

Victory ParadeDas ist das Beste, was ich seit Jahren gelesen habe. Corman lässt erfrischend die meisten Konventionen der Holocaust-Comics beiseite, wie schon der Titel andeutet: er ist farbig, es gibt nicht eine Hauptfigur (und sei es nur, wie bei Salomon J. Brager die eigene Persona), sondern mehrere, die vor dem Tod nicht sicher sind; die Vernichtung der Juden wird zwar erzählt, aber vor allem durch ihre Auswirkungen auf die Leben in New York; es spielt in der Working Class; die Träume, Alpträume, die Phantasien und Kinofilme der Zeit sind ebenso real wie das, was gemeinhin als real begriffen wird; es gibt keine Erzählerin, die das ganze rahmt und durch in der Perspektive absichert; Figuren der Leinwand und Gespenster treten auf wie alle anderen Figuren. Dies führt nicht zu einer Relativierung, Banalisierung oder Trivialisierung, sondern erinnert aufgrund der Schilderungen der Wirkungen des Holocaust daran, was uns heute daran noch betreffen sollte.

Sascha Hommer: Das kalte Herz

Das kalte HerzWalter Benjamin und Siegfried Kracauer lobten in den 1920er Jahren die Erzählform des Märchens als eine, die sich der bürgerlichen Welterklärung, wie sie im Roman populär und bis heute dominant wurde, entziehen würde. Walter Benjamin hat 1932 sogar Hauffs Das kalte Herz für das Radio als Hörspiel eingerichtet. In den Graphic Novels, die leider viel zu häufig der Ästhetik des Romans folgen und damit das proletarische Erbe der Comics verdrängen, sind Märchen selten. Authentische Lebensbeichten oder Familiengeschichten, wie sie Bragers Heavyweight vorführen, herrschen vor. Doch in den letzten Jahren scheint sich etwas zu ändern, wie auch Cormans Victory Parade andeutet. Sascha Hommer, der in Freiburg, nahe des Schwarzwalds aufgewachsen ist, wendet sich in seiner jüngsten Publikation Hauffs Klassiker zu. Hommers Werk darf sicher zu einem der heterogensten und insofern experimentellsten im deutschsprachigen Comic gelten. Es gibt Autobiographisches (In China), das aber eher als Vorwand dient, über die Fremdheit verschiedener Kulturen nachzudenken (weshalb er Spiegelmans Masken aus Maus zitiert), es gibt Fantasy (Im Spinnenwald), eine eher erkenntnistheoretische Erzählung, er hat mit Jan-Frederik Bandel einen Comic-Strip gezeichnet (Im Museum) und sich literarische Texte angeeignet (Dri Chinisin nach Brigitte Kronauer), auch hier favorisiert Hommer die kleine Form der Erzählung gegenüber dem Roman. Nun also Das kalte Herz, das 1827 zuerst veröffentlicht wurde. Kein einfacher Stoff, zur Romantik zählend und von Geld, Geiz und Wucher als bösen Kräften handelt. Doch Hommer weiß den Stoff aus seinen antisemitischen Implikationen zu lösen – und durch kleine Veränderungen (aus dem Glasmännlein wird ein Glasweiblein) zu etwas zeitgenössischem zu machen. Alles überzeugt: die gedeckten Farben, die naive Hauptfigur Peter Munk, der vom Köhler zum Handelsherr wird, die rätselhaften Geister des Waldes – vor allem aber die Erzählung selbst, die den Ton wahrt, das Phantastische unterstreicht und ohne Zierrat zum Nachdenken über das Verhältnis von Märchen, Moderne und Comics einlädt.

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Benedikt L. Freiling

Germanistikstudent, Philipps-Universität Marburg

Edgar Allan Poe, adaptiert von Gaby von Borstel und Peter Eikmeyer: Der Rabe/The Raven
The RavenDie neue Adaption von Edgar Allan Poes Gedicht „Der Rabe/The Raven“ ist ein absolutes Meisterwerk! Die Autor_innen Gaby von Borstel und Peter Eickmeyer haben es geschafft, Comic und beeindruckende Bildkunst auf eine völlig neue Art und Weise zu arrangieren. Doch für das kreative Autor_innenpaar ist das keineswegs eine neue Erfahrung. Nach der Adaption von „Im Westen nichts Neues“ und „Heinrich Heine – Eine Lebensfahrt“ reiht sich das Gedicht von Poe in diese beeindruckende Reihe ein.
Die zweisprachige Ausgabe, die dieses Jahr im Splitter Verlag erschienen ist, ist ein echtes Highlight! Die Autor_innen verknüpfen darin die Lyrik mit einem roten Faden, der den Inhalt unterstreicht, und präsentieren uns dazu noch bildgewaltige Hintergrundportraits von dem Raben. Die Dualität der zweisprachigen Ausgabe ist absolut beeindruckend und wird von den kontrastreichen Zeichnungen perfekt ergänzt. Der Band enthält nicht nur einen faszinierenden Beitrag über das Leben des Autors, sondern auch einen inspirierenden Text über die Rehabilitierung eines verkannten Tieres, der spannende Bezüge zur Comicwelt aufweist. Die düstere Stimmung wird auf eindrucksvolle Weise durch dunkle Farben und gezielte Akzente eingefangen. Auf jeden Fall eine absolute Empfehlung für alle Lyrik-Fans, die auch mit Comics beschäftigen. Nach dem Lesen sollte man allerdings darauf achten, dass die Antwort auf die Frage „Wie oft man denn dieses Buch in der Zukunft lesen will?“ nicht lautet „Nimmermehr“.

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Aleta-Amirée von Holzen

Schweizerisches Institut für Kinder- und Jugendmedien SIKJM

Flix: Das Zyx

Das Zyx

Hier legt der deutsche Comic-Künstler Flix erstmals ein Werk vor, das an Kleinkinder (und ihre vorlesenden Eltern) gerichtet ist. Versiert kombiniert er Bilderbuch und Comic, bleibt seinem cartoonhaften Stil treu, präsentiert diesen aber so bunt und rasant wie noch selten – ausgerechnet in einem ABC-Buch, das in eine Gutenachtgeschichte mündet. Der Clou ist, dass das ABC von hinten aufgesagt wird. Auf jeder Seite beginnt der durchgehend gereimte Text mit dem nächsten Buchstaben des Alphabets. Am Anfang stehen entsprechend die letzten drei: Zyx. Sie bilden Namen eines putzigen Fantasiewesens, das beim Zähneputzen von einem wundersamen Licht in eine Zwischenwelt «geblitzt» wird – hier steht es vor lauter Türen, die aber alle verschlossen sind. Zum Glück sitzt in der Nähe «am Lagerfeuer […] ein riesiges Ungeheuer», das als Gegenleistung für seine Hilfe nur gemeinsames Teetrinken fordert. Nach 26 Tassen rückt es den Schlüssel für Tür Nummer 17 raus. Schon schwebt das Zyx in rosa Wolken und landet flugs auf einem Piratenschiff, das von einer Seemannsbraut befehligt wird – hier wird es brenzlig für das Zyx, aber sehr spassig für die Lesenden. Von Doppelseite zu Doppelseite fällt, schwebt, rudert und schwingt das Zyx von einer absurden Situation in die nächste, bis das Bett verlockender scheint als alle Abenteuer. Das Umschlagen der Seite nutzt Flix meisterlich für die Szenenwechsel, und die Freude an der Sprache ist allgegenwärtig. Bei dieser irrwitzig-spektakulären Abenteuerfahrt muss man einfach gute Laune bekommen.

 

Pei-Yu Chan, Jian-xin Zhou (aus dem Taiwanischen von Johannes Fiederling):Tsai Kun-Lin (4 Bde.)

Tsai-Kun LIn

«Tsai Kun-lin – Der Junge, der gerne las» lautet der schlichte Titel des ersten Bandes dieser

Biografie des taiwanischen Verlegers und Menschenrechtsaktivisten Tsai Kun-lin (1930–1923). Seine Lebensgeschichte, die immer wieder von erschütternden Schicksalsschlägen geprägt wird, bündelt dabei gleichsam die Nachkriegsgeschichte Taiwans und macht die schwer überschaubare Geschichte des Landes als Spielball der Weltmächte greifbar.  Wort und Bild prägen dabei eine gewisse Behutsamkeit, die Tsai Kun-lin als Menschen und seine Geschichte umso beeindruckender wirken lassen. Jeder Band ist stilistisch angepasst: In zarten Rosatönen und Bleistiftgrau wird von der relativ ungetrübten Kindheit erzählt, während seine Familie die Kriegszeit übersteht. Dank seiner Liebe zu Büchern kommt er auf eine höhere Schule, doch wird ihm diese zum Verhängnis. Weil er einen Buchklub besucht hat, wird er während der Schreckensherrschaft der Kuomintang als Verräter verurteilt und auf eine Gefangeneninsel deportiert. Die unmenschlichen Zustände während seiner zehnjährigen Haft dort spiegelt ein harter, holzschnittartiger Stil. Der Neuanfang danach ist in klaren Filzstiftstrichen und mit Gelbtönen präsentiert, und für Comic-Geschichtsinteressierte ist vor allem auch dieser Band interessant: Tsai Kun-lin war eine prägende Figur für Comics in Taiwan. Er brachte als Übersetzer Mangas nach Taiwan und gründete eine erfolgreiche Kinderzeitschrift – bis auch hier eine Naturkatastrophe für die Pleite sorgte. Der letzte Band schliesslich ist seinem Engagement für das Erinnern und Aufarbeiten der Erlebnisse seiner Generation gewidmet. Beeindruckend ist dabei, wie Tsai Kun-lin trotz all der politischen Verwerfungen, die sein Leben prägen und immer wieder erschweren, nicht verbittert, sondern stets Wissensdurst, Schaffensdrang und Bescheidenheit zu erhalten vermag. Eine unbedingte Leseempfehlung!

 

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Myriam Macé

Literaturwissenschaftlerin, Uni Bremen

Lou Lubie: Racines (franz.)

Racines

In dieser Bande Dessinée (BD) erzählt Lou Lubie die Geschichte von Rose: Im französischen Überseegebiet La Réunion geboren, hadert das Mädchen mit ihrem genetischen Erbe. Denn mit ihrer hellen Hautfarbe ähnelt sie den metropol-französischen Mädchen in ihrer Klasse – wären da nicht ihre krausen Haare! Um auch beim späteren Studium in Paris als ‚echte‘ Französin durchzugehen, glättet Rose ihre Haare mit allen erdenklichen Mitteln. Die BD thematisiert Identitätskonflikte und Selbstverleugnung, Rassismus und strukturelle Diskriminierung sowie die französischen Kolonialgeschichte und ihre postkolonialen Effekte. Gleichzeitig zeigt Lou Lubie anhand von Roses Geschichte, wie tief das dominierende Schönheitsideal glatter Haare in sozialen Machtstrukturen verankert ist und welche Rolle Haare als Ausdruck von Identität und Widerstand spielen.

Wie Rose durch die Akzeptanz ihrer kreolischen (Haar-)Wurzeln (= Racines) ihre Identität neu definiert und stolz zu zeigen lernt, erzählt die selbst aus La Réunion stammende Autorin durch die Verbindung von (auto-)fiktionaler Erzählung und Sachcomic-Elementen. Lou Lubie verbindet damit persönliche und gesellschaftliche Themen zu einem Werk, das soziale, kulturelle und historische Zusammenhänge nachvollziehbar macht. Eine lesenswerte BD für alle, die die Geschichte des menschlichen Haars und die gesellschaftlichen Verflechtungen und politischen Dimensionen eines scheinbar alltäglichen Themas erkunden möchten.

Luz: Deux filles nues (franz.)

Deux filles nues

Die Geschichte eines Bildes aus seiner Perspektive erzählen? Luz zeigt uns mit seiner neusten quasi-biographischen Bande Dessinée (BD), dass dies möglich ist! In ihrem Zentrum steht das Gemälde Zwei weibliche Halbakte (=Deux filles nues) des deutschen Malers Otto Mueller. Von seinen ersten Pinselstrichen im Berliner Vorstadtwald 1919, über seine Zeit an den Wänden seines ersten Besitzers, bis hin zu seiner nationalsozialistischen Einstufung als „entartete Kunst“ während der NS-Diktatur blickt das Gemälde auf die Menschen und Ereignisse um es herum – und wird damit zum stillen Zeugen einer der dunkelsten Epochen der Moderne.

Bezeichnend ist die Verbindung zwischen Luz‘ neustem Werk und seiner eigenen Lebensgeschichte. Als langjähriger Zeichner bei Charlie Hebdo und Überlebender des Anschlags auf die Redaktion am 07. Januar 2015 hat er mit Deux filles nues eine historische Erzählung geschaffen, die sich mit Überleben, Zensur und der Instrumentalisierung von Kunst durch autoritäre Regime auseinandersetzt. Ob seine künstlerisch-pointierte Recherche mit Lorbeeren belohnt wird, bleibt abzuwarten: Die BD ist Teil der Sélection Officielle des Festivals von Angoulême 2025 und könnte eine der größten Auszeichnungen Europas für Comics gewinnen, die Ende Januar vergeben wird.

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Hanspeter Reiter

Comicoskop-Redakteur

Andrus Kivirähk, Maximilian Murmann (Übersetzer) und Veiko
Tammjärv (Illustrator): November, Erster Teil

November

Eine Graphic Novel im Sinne grafischer Literatur, übertragen aus reiner Text-Vorlage in eine Bild-Geschichte. November handelt von einem namenlosen Dorf in Estland, in einer Zeit, als die Esten den Deutsch-Balten als Leibeigene dienten, mit einer gehörigen Portion Bauernschläue und Mystizismus. Da gibt es die Geister der Toten, die zu Allerseelen an den Familientisch geladen werden und die aus Haushaltsgegenständen gefertigten „Kratts“, die den Esten bei ihren Machenschaften gegen die Obrigkeit helfen. Mit staunenswerten Figuren wie Meereskühen aus Normal-Kuh plus Seekuh – ergänzt ums Fliegen. Oder eine Werwölfin. Graphic Novel-klassisch ist dies in SW plus Grautönen, allerdings ergänzt um die Schmuckfarbe Rot, spärlich und deshalb umso auffallender eingesetzt, etwa bei eben der Werwölfin oder besonders nachvollziehbar, um Feuer zu verdeutlichen – doch auch für eher Übernatürliches. Das Layout ist variabel eingesetzt, seien es sechs Panels oder auch ganzseitige. Texte kommen ergänzend in Umrahmung, wenn auch schlecht lesbar (Negativschrift schwach auf schwarzem Fond), in Versalien wie auch (leider üblich) in den Sprechblasen. Interessant die in manchen der 16 Kapitel einleitenden Personen-Vorstellungen, z.B. S. 99 „Die junge Baronin“.

Bastien Vivès: Letztes Wochenende im Januar

Letztes Wochenende im JanuarDas Cover deutet es gleich bildlich an, der Rückseiten-Text verstärkt es: Hier geht es um einen Seitensprung beim Comicfestival in Angoulême. Mit dem Besucher_innenstrom aus aller Welt trifft der etablierte Zeichner Denis Choupin ein, als Teil dieser gigantischen Maschinerie. Routiniert arbeitet er die Signierstunden und Meetings ab, plaudert leutselig mit Fans. Alles ist wie immer… Bis in der Schlange vor seinem Signiertisch eine Frau steht, die für ihren Mann eine Widmung möchte… Es kömmt, wie es kommen „muss“. Dargestellt mit feiner Feder, frei von jeglichem Porno-Anklang und ziemlich „ohne Worte“. Ähnlich wie vorher die schwungvollen Tanz-Szenen, in denen die beiden einander näher kommen, Bewegungen toll ausgearbeitet, unter Verzicht auf sonst Comic-übliche Hilfsmittel à la Swoosh oder Speedlines: Hier wie dort zeigt der Zeichner meisterlich, dass und wie Comic rein bildlich wirken kann & wirkt! Apropos, die SW-Graphic Novel bietet vielerlei Grau-Töne und „Massen-“ wie auch Einzel-Porträts, fein gestaltet – siehe Doppelseite 46/47 im Vergleich mit/ohne Fond plus Schattenwürfe usw. Nun, wieviel Autobiografisches ist da drin, ist dieser Story rund um „brich doch mal aus der family aus“, die eben an jenem Wochenende die Verlobung des Sohnes feiert? Schön dieses Verbinden mit quasi Meta-Position und einer feinen Liebes-Geschichte!

Rewriting Earth: Der wichtigste Comic der Welt

Der wichtigste Comic der WeltQuasi ein Reader zum Thema – oder ist das dann ein „Viewer“, weil: Comic 🙂 ?! Nun also 120 Geschichten zur Rettung des Planeten: 300 Umweltschützer_innen, Künstler_innen, Autoren_innen, Schauspieler_innen, Filmemacher_innen und Musiker_innen haben sich für den wichtigsten Comic aller Zeiten zusammengeschlossen, inkl. zwei für Deutschland exklusive Zusatz-Storys von Timo Wuerz  – und übrigens mehrfach vertreten Wars and Peas, ebenfalls bei Panini erschienen (ursprünglich in den USA veröffentlicht). Mit einer Förderung für die beteiligten Organisationen je verkauftem Exemplar. Apropos: Deren sieben werden vorgestellt, intensiv illustrativ präsentiert als „Projektprofil“, mit integrierten Text-Beiträgen, etwa „Born Free“ (Lasst Wildtiere in der Wildnis). Das sind die Kapitel: 1 Veränderung (u.a. Konsum-Verhalten), 2 Schützen (u.a. Plastik…) 3 Retten (u.a. Regenerierung) 4 Motivieren (Geschichten…). Neben klassischen Comics mit vielseitig gestalteten Panel-Folgen und variierenden Layouts, Ligne-claire z.B., gibt´s auch integrierte ganz- und doppelseitige Darstellungen: Ein Füllhorn anregender Impulse, nachdenklich machend – oder gar Vorlagen liefernd. Und natürlich inkl. klimaneutraler Herstellung als nachhaltigem Konzept – wenn auch mit den üblichen Text-Fragezeichen: Fast durchgängig kommen die Sprechblasen-Texte in Versalien daher = schlecht(er) lesbar. Ausnahmen gibt es, erfreulich immerhin: S. 168ff., 207ff. u.a. Und übrigens auch besondere Fundstücke, siehe OHNO als Pogo-Remake. Manga-Adaptionen dagegen suchen Betrachter_innen vergebens…

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Natalie Veith

Anglistin und Mediendidaktikerin, Universität Frankfurt

Emil Ferris: My Favourite Thing Is Monsters, Book 2

My Favourite Thing Is Monsters, Book 2

Monster werden häufig als Manifestationen von Ängsten gesehen, doch Emil Ferris dreht den Spieß um: Für ihre junge Protagonistin Karen Reyes sind Monster Teil ihrer Identität sowie eine Bewältigungsstrategie, um mit den Herausforderungen ihres Lebens umzugehen, etwa mit Trauer, Verlust, Gewalterfahrung und Diskriminierung. Monster werden hier zur positiven Antithese menschlicher Abgründe und zum Zeichen von Geborgenheit. Da sich Karens Liebe für Monster mit einer Leidenschaft fürs Zeichnen und Kunst paart, stellt Ferris Comic auch eine Art grafische Sammlung des Monströsen dar – von den Titelbildern billiger Groschenromane bis hin zu berühmten Gemälden.
Nachdem der erste Band so einige Fragen offen gelassen hatte, war ich sehr gespannt auf die Fortsetzung, die nahtlos an die geschichtsträchtige Handlung anknüpft: Wir befinden uns erneut im turbulenten Chicago der 1960er Jahre. Noch immer beschäftigt Karen der mysteriöse Tod ihrer Nachbarin, der KZ-Überlebenden Anka, und nun auch die Identität von Viktor und ihre eigenen Familiengeheimnisse. Wie schon der erste Band ist auch dieser so gestaltet, als blicke man direkt in Karens Tagebuch: ein Ringbuch mit handschriftlichen Texten, Zeichnungen und Kommentaren. Ferris gelingt es hier, ihrer Geschichte eine spontane und unmittelbare Atmosphäre zu verleihen und klassische Erzählstrategien und visuelle Konventionen von Comics durch andere Elemente zu ergänzen, ohne dabei jedoch Abstriche bei der ästhetischen Gestaltung zu machen – im Gegenteil!

Ram V, Filipe Andrade: Rare Flavours

Rare FlavoursDer menschenfressende Dämon Rubin träumt davon, in die Fußstapfen Anthony Bourdains zu treten und möchte mithilfe des arbeitslosen Filmabsolventen Mo eine Netflix-Food-Doku drehen. Aus dieser bizarren Ausgangssituation entwickelt sich eine wunderbare Parabel über die Rolle von Gier und Genuss in der kapitalistischen Massen- und Konsumgesellschaft, über die Wertschätzung von Geschmack und die Anerkennung von Geschichten und Schicksalen, die mit Essen verbunden sind. Für Mo wird die Geschichte zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie und Einstellung zum Essen und Filmemachen, während anhand von Rubin die Frage nach Menschlichkeit und Monstrosität verhandelt wird.
Ram V hat mich schon oft mit seinem Talent beeindruckt, interessante Szenarien und ungewöhnliche Charaktere zu schreiben, die trotzdem sehr greifbar wirken und sich klar vom Comic-Mainstream abheben, und Rare Flavours ist hier keine Ausnahme! Auch habe ich mich sehr gefreut, dass es eine erneute Zusammenarbeit mit Zeichner Filipe Andrade ist, mit dem Ram V bereits The Many Deaths of Leila Starr veröffentlicht hat. Die Darstellung der massiven körperlichen Präsenz Rubins in Kombination mit den teils surrealen Farben und dem Zeichenstil ist wirklich sehr gelungen und unterstreicht die Geschichte ganz wunderbar.

Zoe Thorogood: It’s Lonely at the Centre of the Earth

It’s Lonely at the Centre of the EarthComics zum Thema mentale Gesundheit gibt es einige, aber leider enden sie manchmal (zu?) versöhnlich – in einem Moment der sozialen Integration oder der persönlichen Erfüllung und des Wachstums einer fiktiven Figur. Sowas ist zwar eine nette Geschichte, angenehm zu lesen, hat aber leider häufig wenig mit der Realität zu tun, denn Depression zieht sich oft wie Kaugummi und es fällt den Betroffenen schwer, die Situation zu akzeptieren oder einen Sinn darin zu finden. Thorogoods „auto-bio-graphic-novel“ sticht hier als eine vergleichsweise ehrliche und ungeschönte Auseinandersetzung mit Depressionen heraus. Sie zeigt den realen, zwischen Höhen und Tiefen schwankenden Alltag einer an Depressionen leidenden Comicschaffenden: In Momenten des Beisammenseins fällt es ihr schwer, eine echte Verbindung zu ihren Mitmenschen zu fühlen. In Momenten des Erfolgs nagt stets der Selbstzweifel an ihr (und das in einer unbeständigen Branche mit hohem Leistungsdruck).
Auch die grafische Umsetzung des Themas ist bemerkenswert, denn Thorogood experimentiert mit grafischen Konventionen, etwa wenn ihre verschiedenen Alter Egos, die unterschiedliche Aspekte ihrer Persönlichkeit verkörpern und in unterschiedlichen Zeichenstilen dargestellt sind, miteinander interagieren. Dieser uneinheitliche, bisweilen zerrüttete Stil trägt viel dazu bei, dieses schwer greifbare Thema zu veranschaulichen und hilft bei einer angemessenen Auseinandersetzung und Sensibilisierung. Der Comic ist schon seit einiger Zeit im englischen Original verfügbar, seit 2024 gibt es nun auch eine deutsche Übersetzung.

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Christine Vogt

Direktorin LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen

Eva Müller: Scheiblettenkind

ScheiblettenkindEin ungewöhnliches, aber wichtiges gesellschaftliches Thema verarbeitet Eva Müller in ihrem in sehr direkten Bleistiftzeichnungen ausgeführten Werk Scheiblettenkind: die Scham über die soziale Herkunft und den Zweifel an sich selbst, ob der Bildungsferne des eigenen Elternhauses. Die Autorin beginnt mit einem Intro, in dem sie erklärt, dass sie die Autofiktion als Erzählweise gewählt habe und wünscht „Viel Spaß beim Lesen“, während sie Herz und Hirn der Leserschaft entgegenstreckt. Mit vielfachen Zitaten erzählt sie ihre Lebensgeschichte. Aus einem Dorf und einfachen Verhältnissen stammend, stets – teils schwer – für ihr eigenes Geld arbeiten müssend, findet sie nach und nach ihren Weg zur Zeichnerin und Künstlerin. Doch bleibt der Selbstzweifel in Form der Schlange visualisiert, stets an ihrer Seite und schleicht sich manchmal nur am Rande und manchmal sie gänzlich verzehrend ins Bild. Eine große Erzählung und grandiose Identifikation für alle, die einen Bildungsaufstieg machen und sehen, dass sie mit ihren inneren Widerständen nicht allein sind. Karl Marx kommentiert jedes Kapitel am Schluss humorvoll.

Tanja Esch: Boris, Babette und lauter Skelette

Boris, BabetteAuf amüsante und ganz selbstverständliche Weise nähert sich Tanja Esch in diesem unterhaltsamen Buch dem Thema der Identitätssuche und des „Andersseins“. Boris erhält von seiner Nachbarin Lynette deren „Haustier“, das sie vor langer Zeit in einer Tierhandlung als Hamster gekauft hat. Doch ein Hamster ist Babette nicht und auch die anderen Versuche sie einer Tierart zuzuordnen – hier lernen die jungen Leser_innen ganz nebenbei etwas über Tiere, wie zum Beispiel das Wiesel – misslingen. Babette ist gelb, kann sprechen und liebt Grusel und Skelette. Da Boris mit seinem Haustieranliegen bei seinen Eltern auf Ablehnung trifft – seine Mutter arbeitet ständig, ist zugewandt aber geistig abwesend, sein Vater putzt ständig und ist übertrieben ordentlich – geht er zu seinem Opa, der skurril mit lauter ausgestopften Tieren zusammenlebt. Er hilft Boris „Knochen“ aus Ästen zu schnitzen und für Babette ein erstes Skelett zu bauen. Schließlich zieht Babette bei dem Opa ein und sie tauschen sich über das „Anderssein“ aus, das der Opa als dunkelhäutiger Zuwanderer in den 1970er Jahren ebenfalls persönlich erfahren hat.

Walter Moers: EDWARD GOREY. Großmeister des Kuriosen

GoreyBestseller-Autor Walter Moers hat sich von seinem zamonischen Kontinent weg in ein neues Abenteuer gewagt: die Vorstellung des amerikanischen Zeichners und Autors Edward Gorey. In einem Prachtband mit zahlreichen Abbildungen der Werke Goreys sowie Fotografien zu seinem Schaffensort, dem Elephant House, gibt Moers Einblick in das Werk des Multitalents, das das eigene Schaffen Moers stark beeinflusst (hat). In einem Abecedarium, das mit diesem Begriff anfängt und mit „Z wie ZILLAH – who dank too much gin“ aufhört, werden spezielle Begriffe aus dem Gorey-Kosmos gedeutet. Moers übersetzt einige der bekanntesten Geschichten Goreys ins Deutsche, so Eine Harfe ohne Saiten, Der fragwürdige Gast, Die Kleinen von Gashlycrumb oder Der Westflügel. Herrlich auch die Zeichnungen mit Zweizeilern zu Die Stimmgabel und Der Wackelhump. Ebenfalls wird der Cover-Kunst Goreys, seinen handgenähten kuriosen Figbash-Puppen und dem Dracula-Theater jeweils eigene Kapitel gewidmet Ein wundervolles Buch um sich mit den grafischen wie textlichen Umsetzungen der fantastischen Art des Edward Gorey bekannt zu machen oder sein Wissen zu vertiefen. Eine Reise in fremde und anrührende Welten.

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Lukas R.A. Wilde

Medienwissenschaftler, NTNU Trondheim

Adam Ellis: Bad Dreams in the Night

Bad Dreams in the NightUnbemerkt von Feuilleton Comic-Kritik wurde Adam Ellis in den letzten Jahren zu einem echten Webcomic-Superstar mit Millionen von Follower_innen auf allen wichtigen Social Media-Kanälen. Diese Print-Ausgabe, eine Horror-Anthologie namens Bad Dreams in the Night, gibt einen faszinierenden Einblick, wie meisterlich Ellis die vielleicht schwierigste Erzählform überhaupt bespielt, nämlich extrem kompakte Kurzgeschichten. Auch wenn die Artworks eher funktional als überwältigend anmuten transportieren sie perfekt die große Bandbreite erzählerischer Stile, die zwar alle irgendwie im Genre Horror verortet sind, dabei aber enorm experimentierfreudig daherkommen und ihre jeweilige Schreckenspointe zu einem immer wieder überraschenden, schnörkellosen Kern verdichten. Die beigefügten Endnoten, in denen der Künstler Einblicke bietet, wie und warum das jeweilige Szenario entstanden ist, wirken authentisch und sympathisch – eine rundherum beeindruckende Publikation!

Richard Blake: Hexagon Bridge

Hexagon BridgeHier ist es ein wenig umgekehrt wie bei Ellis: die Zeichnungen, Layouts und das grafische Welt-Design sind absolut überragend und einzigartig, während sich die Handlung weitgehend verschließt und auch an einer einigermaßen beliebigen Stelle endet bzw. abbricht. Vielleicht weil die anzitierten Themen KI und Multiversen dennoch genau den erzählerischen Zeitgeist treffen, wurde Richard Blakes Hexagon Bridge sicher eines der meistgenannten „Best of 2024“-Comics des vergangenen Jahres. Immer wieder wurde dieses „High Concept“-SciFi-Opus mit den Filmen Christopher Nolans, den Romanen Isaac Asimovs  oder den Comic-Frühwerken Jonathan Hickmans verglichen. Für mich ist es eher eine Art Musikvideo in Moebius-Ästhetik, das seinen Sog alleine über Rhythmus und visuelle Symphonien entfaltet. Dass es sich dabei tatsächlich um das Comic-Debut von Blake handeln soll, ist kaum zu glauben – hoffentlich ein Name, den man noch viel häufiger hören und lesen wird!

Ken Forkish und Sarah Becan: Let’s Make Bread: A Comic Book Cookbook

Let's make breadDas ist jetzt, zugegeben, schon eher die Kategorie „Highly Special Interest“, aber was einem als Deutscher im Ausland natürlich vor allem immer fehlt, ist: gutes Brot! Zufällig habe ich in diesem Jahr damit begonnen, fast täglich zu backen als ich zeitgleich in einem Comicladen über dieses herrliche Sachcomic gestolpert bin, das eine ganz wunderbare Handreichung zur Pflege von Sauerteigkulturen, zu verschiedensten Backtechniken und -traditionen sowie zahlreiche Brot-„Fun Facts“ mit äußerst empfehlenswerten Rezepten kombiniert. Forkish hat bereits zahlreiche „richtige“ Bücher übers Brotbacken verfasst, aber die schönen Bebilderungen von Becan und die sympathischen Avatare machen (mir) viel mehr Lust aufs Ausprobieren als irgendwelche Hochglanz-Stock Photos. Highly special interest, wie gesagt…

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„International Public History“-Ausgabe zu „Teaching History Through Comic Books“ erschienen

International Public History: Teaching History Through Comic Books

Einleitung von Amie Wright und Christine Gundermann
De Gruyter
2024
ISSN: 2567-1111

Christine Gundermann und Amie Wright  haben diese neue Sonderausgabe zum Thema „Teaching History Through Comic Books“ mitverantwortet und zahlreiche Beiträge darin verfasst und betreut, die Comicforschung und Comiceinsatz möglichst interdisziplinär und breit vorzustellen versuchen. Einige Beiträge sind bereits open access, andere sollen noch freigeschaltet werden:

 

Introduction by Amie Wright and Christine Gundermann

“The Graphic Anne: Anne Frank Comics as Transnational Lieux de Mémoire” by Christine Gundermann

“Illustrating History: April 25th and Its Legacy in Portuguese Comics” by Alexandra Lourenco Dias

“Teaching History Through Comic Books: New Opportunities for Public and Visual History” by Amie Wright

Visualizing the ‘Godmothers’ of the First World War: About the perks of writing a hybrid theses in image and text” by Aliénor Gandanger

Roundtable Conversation – ‘Making the Invisible and Private Seen and Public: On the Potentials of Graphic Medicine for Public History’, a discussion by Matthew Noe, Ian Williams, Soha Bayoum and Eugenia Garcia Amor

Graphic Collections and Resources

  • Katharina Hülsmann: Yoshihiro Yonezawa Memorial Library of Manga and Subcultures
  • Barbara Margarethe Eggert: nextcomic Festival (Austria)
  • Felipe Gómez-Gutiérrez: Latin American Comics Archive (LACA) – Carnegie Mellon
  • Felix Giesa: Comic Archive at Goethe-University Frankfurt, Institute of Children’s and Young Adult Literature Research
  • Astrid Böger: The Center for the study of Graphic Literature @ University of Hamburg
  • Graphic Medicine Collection – Harvard Medical (Boston, USA)

 

Zur Verlagsseite

Neuerscheinung: „Faust-Comics“ von Linda-Rabea Heyden

Faust-Comics: Adaption und Arbeit am Klassiker

Linda-Rabea Heyden
Christian A. Bachmann Verlag
2024
470 Seiten
ISBN 978-3-96234-082-7

Vor einigen Monaten bereits ist im Christian A. Bachmann Verlag eine neue Publikation von Linda-Rabea Heyden erschienen, auf die wir hier noch einmal aufmerksam machen möchten:

„Goethes Faust ist eines der zentralen Werke der deutschen Literatur. Unter den vielen Adaptionen hat es auch mehrfach seinen Weg zum Comic gefunden. Doch weder die Faust-Forschung noch die Comicwissenschaft hat das Phänomen der Faust-Comics bis jetzt in einer Weise aufgearbeitet, die dem Drama-›Klassiker‹ mit seiner langen und intensiven Rezeptionsgeschichte und den spezifischen medialen Bedingungen einer Dramenadaption im Comic gerecht wird.

Die vorliegende Studie schließt diese Lücke. Sie führt ein Analysemodell ein, das die Faust-Comics und ihre Verfahren anhand der Dimensionen Inhalt, Medialität und Rezeption genau in den Blick zu nehmen vermag. Dazu werden fünf Faust-Comics vorgestellt und an ihnen demonstriert, welche Arbeit am ›Klassiker‹ sie leisten, ein Status, den sie in der Adaption erst herstellen und im eigenen Sinnzusammenhang modellieren. Der Status als ›Klassiker‹ zeigt sich so als wichtige Bezugsgröße, zu der sich Comic­adaptionen positionieren. Dabei unterlaufen sie die vermeintliche Spaltung von ›Hochliteratur‹ und ›trivialem‹ Comic.“

Zur Verlagsseite

Closure #10.5 erschienen

Titelbild von Closure, Ausgabe 10.5.Kürzlich ist Ausgabe #10.5 des Kieler eJournals CLOSURE unter der Gastherausgeber*innenschaft von Irmela Marei Krüger-Fürhoff und Nina Schmidt erschienen: »KörperZeitenBilder: Verkörperte Darstellungen ›anderen‹ Zeiterlebens im Comic«.  Die Ausgabe stellt gleichzeitig die Dokumentation eines internationalen Workshops dar, den die »PathoGraphics«-Forschungsgruppe der Freien Universität Berlin in Kooperation mit der »AG Comicforschung« veranstaltete.  Aus der zweisprachigen Online-Veranstaltung im ersten Corona-Sommer ist nun ein deutsch- und englischsprachiges Themenheft geworden. Sie enthält Beiträge der ComFor-Mitglieder Marina Rauchenbacher und Natalie Veith:

Über die Ausgabe:

„Comics und Literatur sind auf je spezifische Weise ›Zeitkünste‹, die Handlungen entfalten, Erzählzeit und erzählte Zeit kontrastieren und zeitliche Abläufe narrativ – im Comic zusätzlich visuell-räumlich – darstellen können. Dabei sind sie keiner einfachen Chronologie unterworfen, sondern können Analepsen und Prolepsen einsetzen und Fragmentierungen, Überlagerungen und Gleichzeitigkeiten evozieren. Vor allem bei der Darstellung ›ungewöhnlicher‹, als ›anders‹ wahrgenommener Erfahrungen wie derjenigen von Krankheit oder Behinderung spielen Zeitwahrnehmungen, die von einer ›normalen‹ chronometrischen (oder chrononormativen) Zeit abweichen, eine zentrale Rolle: Angesichts tiefgreifender körperlicher oder psychischer Veränderungen sowie existentieller Bedrohungen kann Zeit sich subjektiv dehnen oder zusammenziehen, Vergangenes gewaltsam in die Gegenwart einbrechen oder die Endlichkeit des Lebens in den Blick geraten. Eine subjektiv erlebte Krankheits-Zeit, die mit Schmerzen oder Warten verbunden ist, erfordert ebenso spezifische Darstellungsweisen wie das Zeitempfinden, das mit chronischem Leiden, degenerativen Erkrankungen und Traumatisierungen einhergeht oder als crip time (Kafer 2013, 25–27) bezeichnet werden kann, also als veränderte – aus der Perspektive der clock time einer ableistischen Gesellschaft verlängerte – Zeit für die Bewältigung von Alltagsaktivitäten unter erschwerten Bedingungen.

Die Beiträge im Themenheft »KörperZeitenBilder: Verkörperte Darstellungen ›anderen‹ Zeiterlebens im Comic« untersuchen Comics unterschiedlicher Genres (Autobiographie, Reportage, (historische) Fiktion); drei der sieben Aufsätze berücksichtigen zudem vergleichend literarische Texte verschiedener Gattungen (Lyrik, Drama, Prosa). Obgleich das Spektrum der behandelten Phänomene groß ist und so unterschiedliche Erfahrungen wie das Leben mit psychischen Krankheiten, die Sterbebegleitung vertrauter Menschen und das Erleiden medizinischer Menschenversuche oder Folter umspannt, fragen alle Beiträge nach den ästhetischen und gesellschaftspolitischen Bedeutungen individueller ›KörperZeiten‹, die als ›ZeitenBilder‹ in Form graphischer und literarischer Narrationen eine breite Öffentlichkeit adressieren.“

→ Zur Website von CLOSURE.

Beiträge:

  • Nancy Pedri: „Manipulating Time across the Body: Subjectivity in Graphic Illness Narratives“
  • Nina Schmidt: „»So I took some photos.«: Time, Photography and the Materialization of Memory in Graphic Narratives of Bereavement“
  • Sucharita Sarkar: „Repairing Time out of Joint: Narratives of Caring for Mothers with Cancer“
  • Anne Rüggemeier: „Krankheit, Tod und Sterblichkeit: Die ›arthrologische‹ Gestaltung von Nacht-Zeiten in Drama, Lyrik und Comic am Beispiel von Sarah Kane, Philip Larkin und David Small“
  • Marina Rauchenbacher: „Zeit-Körper: Zeitkonzepte in Ulli Lusts und Marcel Beyers Flughunde
  • Sebastian Köthe: „Zeitlichkeiten von Folter und Zeugenschaft in Sarah Mirks dokumentarischer Comic-Anthologie Guantánamo Voices
  • Natalie Veith: „Diseased Bodies and Notions of Time in Ian Edginton and Davide Fabri’s Comic Book Series Victorian Undead