Comicgesellschaft

Roland Faelske-Preisverleihung

Am Freitag, dem 10.02.2023, findet um 17:00 Uhr im Hauptgebäude der Universität Hamburg (Edmund-Siemers-Allee 1, Flügelbau West, Raum 221) die Preisverleihung des Roland Faelske-Preis für Comic- und Animationsfilm 2022 statt. In der Kategorie der besten Magister-, Diplom-, Master- oder Bachelor-Abschlussarbeit, dotiert mit 1000€, erhält den Preis Alma Magdalene Knispel für ihre Arbeit zum Thema Unsichtbarkeit: Der Einzug des Sichtbaren in Comics und Theorie. Der mit 3000€ dotierte Preis in der Kategorie beste Dissertation geht an ComFor-Mitglied Dr. Nina Eckhoff-Heindl, die sich dem Thema Comics begreifen: Ästhetische Erfahrung durch visuell-taktiles Erzählen in Chris Wares Building Stories (im Erscheinen im Reimer Verlag) widmete. Zum Anlass der Preisverleihung wird es einen Festvortrag des Hamburger Comickünstlers Simon Schwartz zum Thema „Vita Obscura“ geben.

Wir gratulieren den Preisträger*innen zu ihren herausragenden Arbeiten und freuen uns über die Bereicherung, die diese für die Comicforschung darstellen!

Weitere Informationen gibt es hier.

Auslobung des Martin Schüwer-Publikationspreis 2023

Martin Schüwer-Publikationspreis für herausragende Comicforschung

Förderpreis, ausgeschrieben von der Gesellschaft für Comicforschung (ComFor) sowie der AG Comicforschung der Gesellschaft für Medienwissenschaft (GfM)

Die Gesellschaft für Comicforschung (ComFor) und die AG Comicforschung der Gesellschaft für Medienwissenschaft (GfM) loben für 2023 zum fünften Mal den Martin Schüwer-Publikationspreis für herausragende Comicforschung aus. Der Preis wird seit 2019 jährlich verliehen. Er fördert Wissenschaftler_innen, die, unabhängig von ihrem Lebensalter, noch keine unbefristete akademische Anstellung innehaben. Mit der Auszeichnung herausragender Veröffentlichungen aus dem Bereich der interdisziplinären Comicforschung soll der Publikationspreis zur nachhaltigen Sichtbarmachung, Förderung und Vermittlung comicbezogener Forschungsarbeit beitragen.

Der Preis ist nach dem 2013 viel zu früh verstorbenen Anglisten und Comicforscher Martin Schüwer benannt. Seine vor 15 Jahren erschienene Dissertation Wie Comics erzählen (2008) hat Neuland für die narratologische Comicforschung erschlossen und ist zu einem Standardwerk der deutschsprachigen Comicforschung geworden. Mit dieser und seinen weiteren Arbeiten zu Comics sowie zur Didaktik der englischsprachigen Literatur hat Martin Schüwer Maßstäbe für die Exzellenz, die Zugänglichkeit und die Reichweite gesetzt, die Publikationen in unseren Fächern erreichen können. Als Comicforscher wie als Mensch zeichnete er sich durch seine interessierte und offene Art im Umgang mit anderen aus. Gemeinsam, im Austausch und im Abgleich mit anderen wollte er sein Fach weiterbringen. Diesen Zielen widmen wir den Preis in seinem Namen.

Einreichung und Nominierungen

Zur Nominierung angenommen werden bereits publizierte Beiträge von Artikel- oder Kapitellänge. Sie können als Artikel in Sammelbänden oder Zeitschriften, als Kapitel in längeren Monografien, aber auch als Essays und andere Textformen ähnlicher Länge erschienen sein. Die eingereichten bzw. nominierten Texte können von einem_einer oder mehreren Autor_innen verfasst worden sein. Alle Verfasser_innen dürfen zum Zeitpunkt der Nominierung noch keine unbefristete akademische Anstellung innehaben.

Beiträge, die für den Martin Schüwer-Preis 2023 nominiert werden, müssen zwischen dem 1. Januar 2021 und dem 31. Dezember 2022 in deutscher oder englischer Sprache publiziert worden sein. Noch im Druck befindliche oder erst zur Publikation angenommene Texte können nicht berücksichtigt werden. Wiederholte Einreichungen sind nicht möglich. Ebenfalls ausgeschlossen sind ganze Monografien und unveröffentlichte Qualifikationsschriften. Die Herausgeber_innenschaft von Sammelbänden oder Zeitschriftenausgaben ist nicht nominierungsfähig, wohl aber einzelne Beiträge in diesen Sammlungen.

Die Nominierung umfasst den nominierten Text und eine kurze Begründung (300-500 Wörter). Selbstnominierungen sind möglich und sehr erwünscht, die Jury möchte aber auch besonders zu Fremdnominierungen beeindruckender Texte aufrufen. Deadline für alle Einreichungen ist der 31. März 2023. Bitte senden Sie Ihre Nominierungen als ein vollständiges PDF an schuewer-preis@comicgesellschaft.de.

Preis und Preisvergabe

Die offizielle Verkündung des_der Preisträger_in erfolgt im Rahmen der Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft (27.–30. September 2023, Universität Bonn). Die Preisverleihung mit einem eingeladenen Vortrag des_der Preisträger_in findet zu einem gesonderten Termin statt. Der_die Preisträger_in erhält außerdem die auf 1000,00 € dotierte Preissumme, zahlt ein Jahr lang keinen Mitgliedsbeitrag bei der Gesellschaft für Medienwissenschaft (GfM) und wird zum Ehrenmitglied der ComFor auf Lebenszeit.

Frühere Preisträger_innen

ComFor-Leseempfehlungen 2022

Auch in diesem Jahr wünscht die Redaktion der Gesellschaft für Comicforschung all ihren Leser_innen  und Freund_innen einen guten Start ins neue Jahr 2023 und präsentiert zu diesem Anlass wieder aktuelle Leseempfehlungen von Comicforscher_innen, die wir zum Jahresabschluss gesammelt haben. (Die Leseempfehlungen der letzten Jahre finden sich hier.) Einige unserer Mitglieder haben uns erneut ganz subjektive Lektüretipps geschickt, die aus den vergangenen zwölf Monaten im Gedächtnis geblieben sind – aus welchen Gründen auch immer. Darunter haben sich auch ein, zwei Titel eingeschlichen, die bereits vor 2022 publiziert worden sind, aber in diesem Jahr nochmal besonders im Gedächtnis geblieben sind.

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Yun-Jou Chen

Komparatistin, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Sonny Liew: The Art of Charlie Chan Hock Chye (neue Erstveröffentlichung Taiwan)

The Art of Charlie Chan Hock ChyeEs handelt sich um eine Pseudo-Biografie eines fiktiven Comic-Zeichners Charlie Chan Hock Chye (geb. 1938). Der Autor Sonny Liew (geb. 1974) erzählt die Lebensgeschichte dieses fiktiven Künstlers, die mit der jungen Geschichte Singapurs verschmolzen ist: Von der Unabhängigkeit Singapurs von der britischen Kolonialmacht, der Fusion Singapurs mit Malaysia und der Trennung kurz danach, bis auf das politische Ringen zwischen Lee Kuan Yew und Lim Chin Siong in den 50er und 60er Jahren, echte Ereignisse sind in der „Biografie“ überall zu sehen, und vor diesem echten historischen Hintergrund entfaltet sich die Geschichte des Künstlers, den es eigentlich nicht gab, die aber von zahlreichen „Beweisen“, wie z.B. Fotos des Künstlers und Zitate aus seinen Werken, gestützt ist. Eine kritische Haltung gegen die politische Lage sowie das Regime zeigt sich in den Parodien von Charlie Chan Hock Chye. Gerade die Kritik einer fiktiven Figur stellt eine echte, wenn auch subtile, Provokation gegen die nationale Narrativ Singapurs dar.

Die englische Ausgabe wurde bereits 2015 veröffentlicht und gewann 2016 den Singapore Literary Award und 2017 drei Will Eisner Awards (Best Writer/Artist, Best U.S. Edition of International Material-Asia und Best Publication Design). Die Ausgabe im traditionellen Chinesisch wird im Oktober dieses Jahr in Taiwan veröffentlicht.

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Jeannine Feix

Didaktikerin, FU Berlin

Nacha Vollenweider: Zurück in die Heimat

Nacha Vollenweider: Zurück in die Heimat„Nach sechs Jahren in Hamburg und einer gescheiterten Ehe entschließt sich Nacha Vollenweider in ihr Heimatland Argentinien zurückzukehren.“, so der Text auf der Rückseite dieser wunderbaren Graphic Novel. Nach ihrem Debüt „Fußnoten“, die einen Außenseiterinnenblick auf Hamburg und Deutschland wirft, wird man als Leser:in nun mitgenommen in das aktuelle Argentinien, das viel mehr mit unserem Leben im Westen der Welt zu tun hat, als man denken mag. Während wir über unsere Inflationsrate jammern, beträgt diese in Argentinien 50% jährlich. Während wir über Elektroautos als Heilsbringer reden, verursacht der Abbau von Lithium für die Batterien dieser in Argentinien eine Dürre nach der anderen und verändert dortige Ökosysteme für immer. Während wir über Fachkräftemangel klagen, muss eine junge qualifizierte Frau aufgrund ihrer Scheidung von einer Deutschen das Land verlassen, in dem sie sechs Jahre lebt und arbeitet. Die Themen, die Nacha Vollenweider anspricht, könnten aktueller, interessanter und brisanter nicht sein. Wie in ihrer ersten schwarz-weiß Graphic Novel mit interessantem Pinselstrich schafft sie es auf wunderbare Weise ihre Themen zu unseren zu machen.

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Ole Frahm

Comicforscher, Arbeitsstelle für Graphische Literatur (ArGL) Hamburg

David Kunzle: Rebirth of the English Comic Strip

Rebirth of the English Comic StripSeit mehreren Jahren macht David Kunzle, wie als Supplemente zu seinem maßgeblichen zweiten Band The History of the Comic Strip von 1990 in der Mississippi University Press die vielen Seiten zugänglich, die er dort oft nur in Auszügen veröffentlichte. Nach wunderbaren Bänden u.a. über Toepffer und Cham versammelt der marxistische Kunsthistoriker in seiner jüngsten Publikation diverse Zeichnende, vor allem aus Punch aber auch anderen Zeitschriften mit so klingenden Namen wie The Man in the Moon. Viele der Zeichnenden, auch Frauen wie Marie Duval sind darunter, sind eher durch Cartoons in Erinnerung geblieben, manche haben nur wenige Seiten zu der – im Begriff sicher befragbaren – Wiedergeburt des englischen Comic Strips beigetragen, aber es ist wunderbar, diese lang vergessenen Arbeiten so kundig kommentiert entdecken zu dürfen. So diskutabel Kunzles weiter Begriff des Comic Strips ist, so lehrreich bleibt es, den Blick über das 20. Jahrhundert hinaus in die Vergangenheit zu richten. Das 19. Jahrhundert, in dem das Bürgertum durch die Industrialisierung, forcierten Kolonialismus und die Ausweitung kapitalistischer Produktionsweisen die Erde ganz umpflügte, hält vieles zum besseren Verständnis der krisenhaften Gegenwart bereit. Kunzle zögert nicht, diese Aktualität zu benennen und darf so allen kommenden Comic-Forschenden als bewundernswürdiges Vorbild gelten.

Luka Lenzin: Nadel und Folie

Nadel und Folie<„Das Private ist stets politisch“, ist auf der Reprodukt-Seite über Luka Lenzin, vormalig Martina zu lesen – und „lebt nonbinär“. Doch anders als Abfackeln von Nino Bulling, der die Unsicherheit und den Wechsel des Geschlechts zum ausdrücklichen Thema macht und formal sicher ebenfalls einen der innovativsten Bände des Jahres vorgelegt hat, lenkt Lenzin nicht den Blick auf sich, sondern verdichtet in bewundernswürdiger, eleganter und die Lesenden wenig schonenden Weise Gespräche, die Lenzin in der Hamburger Drogenberatungsstelle beim Hauptbahnhof beim Jobben dort geführt hat. Jemanden wie mich, der lange in Hamburg gelebt hat, erfreut besonders, wie sehr hier sprachliche Idiome aufbewahrt und über die Grenzen der Stadt hinaus hörbar werden. Doch der größte Vorzug des Bandes stellt das überzeugende Plädoyer für einen anderen Umgang mit Drogen dar, vor allem mit deren Konsumierenden, deren verdichtete Erzählungen die Lektüre schwer aus der Hand legen lassen. Sind Bullings Innovationen auf die Form selbst bezogen, zeigt Lenzin wie groß der erzählerische Raum zwischen Autobiographie, Dokumentation und poetischer Verdichtung ist. Die überraschend selbstverständlich wirkenden Tierköpfe machen das Geschlecht der Figuren gelegentlich unlesbar und greifen so aufs Schönste die interessanteren Momente der Comic-Geschichte auf.

Milt Gross: Gross Exaggerations. The Meshuga Comic Strips of Milt Gross

Cynthia Häfliger: Fremde BlickeA propos Comic-Geschichte: Manche von Milt Gross‘ Sonntagsseiten wirken wie Drogentrips. Die Verkettung des Unwahrscheinlichen erzeugt eine Komik, die auch 90 Jahre nach dem ersten Erscheinen ihre Wirkung nicht verfehlt. Zu einer Zeit als der Slapstick aus dem Kino zu verschwinden begann, wird er hier nicht nur aufbewahrt, sondern macht dessen gelegentliche Radikalität im Umgang mit den deformierenden gesellschaftlichen Verhältnissen unüberlesbar. Heute erscheinen auch die damals gängigen Sexismen und ethnische Stereotype wie vergrößert. Diese Ausgabe, wie in den letzten Jahren nicht mehr unüblich, kommt dem Druck im Zeitungsformat nahe, wodurch Gross‘ großartige zeichnerische Virtuosität lesbar wird. Ich hab sie jetzt erst in die Hände bekommen und hoffe, dass sie noch viele andere findet.

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Dietrich Grünewald

Kunstdidaktiker, Emeritus Universität Koblenz-Landau, ehem. 1. Vorsitzender der ComFor

Jennifer Daniel: Das Gutachten

Jennifer Daniel: Das GutachtenEine Kiste mit dem Foto aus dem Nachlass ihres Großvaters, der Assistent der Rechtsmedizin in Bonn war, ist Anstoß für Jennifer Daniels Bildroman. Die spannende Kriminalgeschichte ist fiktiv, wenngleich sie – bedrückend und mahnend – sehr reell an die deutsche Geschichte gebunden ist, an die Zeit des Dritten Reiches, den Zweiten Weltkrieg – und wie die schrecklichen Ereignisse und Verbrechen dieser Zeit (in der jungen Bundesrepublik nachhallen bzw. unterdrückt werden. Die Geschichte hat ihren Ausgangspunkt 1977, als der Protagonist Karl Martin – Mitarbeiter der Gerichtsmedizin – mitbekommt, wie bei einem Autounfall eine junge Frau zu Tode kommt. Es ist eine RAF-Sympathisantin; der Unfallverursacher flieht. Martin lässt das Geschehen keine Ruhe und er beginnt zu recherchieren. Daniel weiß spannend zu erzählen, bindet das Geschehen an reale Orte, verschiebt die Erzählebenen, Erinnerungen aus NS-Zeit und Krieg werden mit der Zeit aktuellen Erzählzeit verwoben und decken Haltungen, Verhalten, Positionen auf. Dabei steht das bedrückend düstere Geschehen im provokativen Kontrast zu Daniels farbiger Visualisierung.

Melani Garanin: Nils. Von Tod und Wut. Und von Mut

Melani Garanin: Nils. Von Tod und Wut. Und von MutDer Tod eines Kindes schlägt eine furchtbare seelische Wunde, insbesondere, wenn dieser Tod offenbar zu verhindern gewesen wäre. Was Garanin hier erzählt, ist autobiografisch. Ihre farbigen Zeichnungen, leicht karikaturistisch angelegt, bauen eine für Betrachter erträgliche Distanz zum tragischen Geschehen auf und sind für die Autorin selbst Mittel zur Verarbeitung. Sie schildert ihr glücklich-fröhliches Familienleben, in das der kleine Nils und seine drei älteren Geschwister eingebunden sind. Zeigt dann, wie er erkrankt, wie die Familie ihn begleitet, wie sie hofft und dann doch seinen Tod hinnehmen muss. Und wie sie versucht den offensichtlichen Fehler der ärztlichen Behandlung aufzuklären und zur Rechenschaft zu ziehen – gegen eine geschlossene Front von Ärzten, Politikern, Juristen. „Das Verfahren wird eingestellt.“ Die Fantasie, die in der Bildgeschichte Gestalt bekommt, hilft, die Wut zu überwinden und Nils mit den Wildgänsen, wie er es einst beobachtet hat, davon fliegen zu lassen aber stets in Erinnerung zu behalten.

Cynthia Häfliger: Fremde Blicke

Cynthia Häfliger: Fremde BlickeHäflingers leichter, fast skizzenhafter Zeichenstil, die zarte aquarellierte Farbgebung, das Zusammenspiel von handschriftlichem Text (wörtliche Rede, Erzählerkommentar) erwecken den Eindruck einer lyrisch-zarten Geschichte. Doch die Idylle familiären Alltags bricht. Seiten mit wilden, harten dynamisch bewegten Kritzelstrichen, brutalen Versalien (NEEEIIIIN) spielen immer wieder auf seelische Zustände an, eindrucksvolle, erschreckende Bildmetaphern. Es geht in der Geschichte um Lars, der seelisch erkrankt, was die Familie erst allmählich merkt, um seine Versuche, der gefühlten ständigen Bedrohung zu begegnen, die verlorene Realität wieder zu gewinnen. Einfühlsam nimmt die Autorin die Leserschaft mit auf diesen Weg, den Lars, seine Eltern, seine Schwester gehen müssen. Sie erzählt uns eine Geschichte, die die Augen öffnen kann, bedrohlich fremde Blicke zwar nicht zu wissenden, aber ahnend verständnisvollen zu wenden.

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Thomas Hausmanninger

Christliche Sozialethik, Universität Augsburg

Gerry Conway , Ross Andru, et al.: The Amazing Spiderman Omnibus 4 + 5

The Amazing Spiderman Omnibus 4 + 5.Die beiden Bände enthalten fast den ganzen Run von Ross Andru als penciller und sind (inklusive des Todes von Gwen Stacy) von Gerry Conway geschrieben. Andru ist ein leider unterschätzter Zeichner, dessen Perspektiven und anatomische Verzerrungen nicht hinter dem großen Gil Kane zurück stehen müssen. Als besonderes Highlight kann zudem gelten, dass Andru die Geschichten im real existierenden New York zeichnet. Anders als Kane, Romita sr. und Ditko erzeugt er keine generischen Hintergründe und Räume. Er hat mit seiner Kamera immer wieder dokumentiert und das ergibt das Vergnügen, eine reale Raumtiefe und ein Stadtbild sehen zu können, welches wirklich distinkt erscheint. Das hat viel Atmosphäre. Conway schreibt interessante Geschichten, deren Plots sich – typisch Marvel – über viele Hefte ziehen. Wer den frühen Spiderman mag, wird an diesen Bänden sein Vergnügen haben!

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Aleta-Amirée von Holzen

Schweizerisches Institut für Kinder- und Jugendmedien SIKJM

Patrick Wirbeleit, Andrew Matthews und Uwe Heidschötter: Das unsichtbare Raumschiff

Das unsichtbare Raumschiff
Der Kindercomic Das unsichtbare Raumschiff scheint seine Zugehörigkeit zum Medium a
priori infrage zu stellen, denn es handelt sich laut Verlag um einen Comic (fast) «ohne Bilder». Geht solches überhaupt, und kann das funktionieren? Ja, sogar erstaunlich gut – wenn die witzige Ausgangslage ist, ein Geschehen auf einem unsichtbaren Raumschiff mitten in einer schwarzen Gaswolke in der Weite des Alls zu erzählen. Denn die vierköpfige Mannschaft, die klar eine leicht parodistische Hommage an «Star War» ist, aktiviert die Unsichtbarkeit der «Invisibility 2», ohne die Konsequenzen zu bedenken: Wenn alles unsichtbar ist, findet man auf dem riesigen Schaltbord den Knopf zum Abstellen nicht so leicht wieder, und so spielt sich dieses Abenteuer in absoluter Dunkelheit ab. Auf den allermeisten Seiten sind daher bloß farbige Sprechblasen und Geräuscheffekte in lauter schwarzen Panels zu sehen. Eine Paradebeispiel, um zu zeigen, was allein die Gestaltung und Farbgebung von Sprechblasen und Schrift (die freilich durchaus eine bildliche Komponente haben) zu transportieren vermögen. Neben der gelungenen Umsetzung dieser Idee tragen auch die liebevoll dämlichen bzw. tollpatschigen Figuren dazu bei, dass dieser herrliche Unsinn eine sehr amüsantes Leseerlebnis ist. Nicht zuletzt drängt sich die Frage auf: Wie cool wäre es, Theaterstücke statt in eng gesetzten Textausgaben mit bunten Sprechblasen lesen zu können? Auf der Verlagshomepage ist übrigens einen sehenswerten (achtminütigen!) Trailer zu finden.

Mathieu Burniat: Eine Reise unter die Erde. Die Geheimnisse der Welt unter uns

Eine Reise unter die ErdeHades, der griechische Gott der Unterwelt, sucht einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin und lässt Einladungen zur Bewerbung über den Erdball flattern. Tatsächlich findet sich am Tor A 23 des Totenreichs bald eine ganze Schar von Anwärter:innen ein, darunter die 16-jährige Suzanne, die Hades eigentlich bloss bitten will, ihren Freund wieder lebendig zu machen. Das Bewerbungsprozedere entpuppt sich als mörderischer Wettbewerb mit «Hunger Games»-Vibe. Fünf Aufgaben gilt es zu lösen, die allesamt nicht etwa mythologische Kenntnisse verlangen, sondern Wissen um die Beschaffenheit des Erdreichs. Dazu werden die Bewerber:innen immer kleiner gezaubert und tauchen immer tiefer in die Mikroebene des unterirdischen Lebens ein, während sich die Rivalität unter ihnen verschärft. Suzanne freundet sich mit dem gleichaltrigen Tom an. Als unwahrscheinliche Heldenfiguren – Tom etwa hat Angst vor Mikroben, überwindet diese aber, als sie grösser sind als er – kommen die beiden unscheinbaren Teenager mit Kreativität, Teamgeist und dem nötigen Glück jeweils eine Runde weiter. Eingebettet in die actionreiche Handlung ist ein eindrückliches Sachbuch über die Mechanismen und Lebewesen in jenen anderthalb Metern Erdschicht, denen alles, was wächst, entspringt. Die Informationen etwa über Stickstoff, Pilze, Bakterien oder Nematoden stören dabei den Spannungsbogen des Wettbewerbs keineswegs, sondern wirken als Teil davon. Das befeuert beide Leseinteressen, das literarische und das sachliche – zu wissen, wie die Handlung ausgeht, aber auch mehr über den Boden zu erfahren.

Andreas Steinhöfel und Melanie Garanin (nach einem Drehbuch von Klaus Döring und Adrian Bickenbach): Völlig meschugge?!

Völlig meschugge?!Völlig meschugge?! ist der Comic zur gleichnamigen und gleichzeitig erschienenen ZDF/Kika-Fernsehserie. Das Freundestrio Benny, Charlie und Hamid hält sich für unzertrennlich. Doch dann trägt Benny nach dem Tod seines Opas dessen Judenstern um den Hals und löst damit eine ungewollte Lawine von Vorurteilen aus. Erst gibt es blöde Sprüche, dann stellt sogar Hamid ihre Freundschaft deswegen infrage. Dabei gerät Hamid selbst in Verdacht, ein Handydieb zu sein. So wimmelt es an der Schule plötzlich vor Vorurteilen, und trotz einzelner versöhnlicher Stimmen sind die Erwachsenen angesichts des grassierenden Rassismus zunehmend überfordert. So liegt es an Charlie, die ungläubig zwischen den Parteien steht, sich ins Zeug zu legen, um ihre zwei besten Freunde und die ganze Schule zur Räson zu bringen und nebenbei die Handydiebstähle aufzuklären. Damit das gelingt, braucht es natürlich ein dramatisches Finale. Im Unterschied zur Serie ist der Comic aus der Sicht von Charlie, dem einzigen Mädchen des Trios, erzählt. Zeichnerin Melanie Garanin hat den von Kinderbuchautor Andreas Steinhöfel («Rico und Oskar») verfassten Text kongenial ins Bild gesetzt. Bild- und Textebene überzeugen je für sich, aber auch in ihrem Zusammenspiel. Nah an jugendlichen Lebenswelten, hält die Erzählung gekonnt die Balance zwischen Ernsthaftigkeit und
Augenzwinkern. Mit 288 Seiten, sehr viel und zum Teil recht klein gedrucktem Text ist Völlig meschugge?! formal wie inhaltlich zwar eine durchaus fordernde, aber jederzeit lohnende Lektüre.

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Hanspeter Reiter

Comicoskop-Redakteur

Sophie Standing: … ist ziemlich strange

... ist ziemlich strangeVisualisieren als hoch relevantes Thema, in einem Begleitbuch fürs eigene Umsetzen oder fürs Begleiten im Umsetzen durch Fachleute, bei diesen Themen in aller Regel: Therapeuten. Doch auch diesseits von Therapie für Weiterbildner jeglicher Couleur sinnvoll nutzbar, sich anregen zu lassen! Geschrieben/getextet von unterschiedlicher Fach-Autorenschaft, alle illustriert von der selben Zeichnerin: Bis dato sind fünf Hefte erschienen, jeweils als Graphic Novel umgesetzt, im je gleichartigen Konzept – hier für Trauma kurz dargestellt: „Trauma ist ziemlich strange. Was ist ein Trauma? Wie verändert es die Funktionsweise unseres Gehirns? Und wie können wir es bewältigen, es überwinden und wieder ganz werden? Schafft Verständnis für die Betroffenen, unterstützt Helfer in ihrer Arbeit, hilft Betroffenen, sich und den eigenen Körper zu verstehen… Mit klugen Bildern und Katz- und Maus-Metaphern, grundlegenden wissenschaftlichen Fakten und einer gesunden Portion Humor erläutert Steve Haines, wie zur Heilung eines Traumas nicht nur die Psyche, sondern insbesondere auch der Körper mit einbezogen wird. Er zeigt Methoden und Übungen, mit denen Spannungen abgebaut und tiefe muskuläre Stressmuster gelöst werden können.“ Jeweils um 32 Seiten, variiertes Layout, meist mit Erklär-Texten im Panel, teils auch mit Sprechblasen, je sequenzielle Passagen: So gelingt Erklär-Comic auf beste Weise!

Manny Mercer et al.: Enzyklopädie der deutschen Micky-Maus-Hefte. Band VIII / 1959 – Das 1. Micky Maus-Halbjahr und die Verdienste der Erika Fuchs

Enzyklopädie der deutschen Micky-Maus-Hefte. Band VIII / 1959 – Das 1. Micky Maus-Halbjahr und die Verdienste der Erika FuchsOha, dieses Mal ist eine Menge mehr drin, in diesem nun schon achten Band der MM-Enzyklopädie – nämlich eine starke Analyse zum Einfluss der großen Erika Fuchs! Mehrere Autoren haben dazu beigetragen, u.a.: ich 😉 … Als Comicoskop-Redakteur habe ich die damalige Leiterin des Erika-Fuchs- Hauses und –Museums in Schwarzenbach a.d. Saale interviewt, als studierter Sprachwissenschaftler zentrale linguistische Momente des Wirkens der grande dame eingedeutschter Disney-Comics dargestellt. Eingedeutscht? Ja, denn sie hat weit mehr geschafft (und geschaffen!) als ein Übersetzen – sie hat im besten Sinne die Sprechblasen lokalisiert. So, genug verraten, Details lese Leser:in gefälligst selbst. Denn „das Buch zeigt auf 312 Seiten alle Cover und Rückseiten der Micky Maus-Hefte von 1959 und zu jeder Ausgabe die etwa fünf oder sechs wichtigsten Innenseiten – und das alles in Originalgröße und in den Originalfarben der uralten Hefte.“ Das allein genügt im Grunde, zuzugreifen. Doch weiter geht´s mit der oben genannten Besonderheit: „Wir haben in Band 8 das wissenschaftliche wie leidenschaftliche Vorwort Frau Dr. Erika Fuchs gewidmet, der wir mehr als nur perfekte Übersetzungen verdanken. Ein Sprach-Experte, eine Museums-Leiterin, ein mehr als fachkundiger Donaldist und der Autor selbst haben auf 25 Seiten die unsterblich gewordenen Verdienste der Frau Dr. Erika Fuchs zusammengetragen…“. Very special!

Ulrike Bauer-Eberhardt et al.: Die Bilderbibel aus Padua

Die Bilderbibel aus PaduaStrahlende Bilderwelten des Mittelalters erleben, so der Slogan dieses einzig verbliebenen Luzerner Faksimile-Verlags. Und diese auf 680 Exemplare weltweit strikt limitierte Edition ist ein bestensgelungener Beleg für diese Aussage. Denn „Das Alte Testament in 529 Bildern“ ist in diesem Faksimile exzellent wieder gegeben – in einer Bild(er)geschichte also: Im weitesten Sinne ein früher Comic, nämlich vom Ende des 14. Jahrhunderts. Das zeigt schon der Auszug in der Abbildung, dort auch das durchaus variable Layout erkennbar, das meist allerdings vier Bilder pro Seite zeigt. Alles im allem also „eine prächtige Bilderbibel: In Text und Bild verschmelzen auf einzigartige Weise die Vergangenheit der biblischen Geschichte mit der Gegenwart des Auftraggebers aus Padua um 1400….allesamt Teile des Weltkulturerbes. Unter der Lupe: Bilder wie in einem Film“ oder eben wie in seiner sequenziellen Abfolge von Bildern, mit begleitenden Texten unter dem jeweiligen „Panel“. (Mehr dazu hier) Zwar fehlen Sprechblasen, wie sie in manch anderer mittelalterlicher Bilderhandschrift durchaus auftreten (als Textbanderole in der Regel), doch gibt es durchaus kurze Texte in manchem Bild, meist Personen benamsend: Ein wenig den Begleit-Texten in manchem Comic entsprechend… Wieder ein feines Beispiel dafür, wie Bildgeschichten schon vor Jahrhunderten heutige Comics (besser: Graphic Novels) erahnen ließen!

Timur Vermes: Comic-Verführer

Comic-VerführerWow, ein feiner und gelungener Mix aus Ratgeber, Handbuch und tour d´horizon durch Geschichte und Genre der Comics (plus Graphic Novel und Manga)! Geboten sind „über 250 aufregende Empfehlungen und Abbildungen – durchgehend vierfarbig“, auf deutlich über 300 Seiten, gewidmet eben der Neunten Kunst… Oder schlicht anregende Lektüre mit einer Fülle an Einblicken in Comic-Themen quasi jeder Art: Drei Dutzend Artikel sind geboten, unterschiedlicher Länge, durchweg bebildert und mit Kurz-Verzeichnis der jeweils besprochenen Comics (bzw. Reihen) – dazu „Outtakes“, die kurz kommentiert derlei aufführen (S. 7 erläutert): „die …a) sich super verkaufen (die ich aber weniger gut finde), b) gut aussehen, aber mich erzählerisch nicht überzeugen, c) toll sind, aber leider nicht mehr leicht erhältlich“. Beiträge u.a. Wiedereinstiegsdrogen I bis IV / Ein Sattelfest: Lucky Luke und seine Enkel / Der rote Faden für den Blasendschungel /) / Die echten Reporter ohne Grenzen [Comic-Journalismus] / Panel, Splash & Gutter: Begriffe für Blasendrescher / Was steckt hinter der neuen Comic-Hoffnung? [Graphic Novel] / Die Sache mit den Mangas [sic!] / Mittendrin statt nur dabei (Comic-Künstlern beim Arbeiten) Schon diese zufällig (und dennoch bewusst 🙂 …) ausgewählten Überschriften zeigen, wie unterhaltsam der Stoff geboten ist – und wie „dennoch“ höchst informativ!

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Janek Scholz

Literaturwissenschaftler, PBI an der Universität zu Köln

Marcelo D’Salete: Mukanda Tiodora

Mukanda TiodoraIn der brasilianischen Comicszene gab es im November 2022 ein Highlight, auf das viele lange gewartet haben: Die Veröffentlichung von Marcelo D’Saletes neuem Comic Mukanda Tiodora. Nach Cumbe und Angola Janga beschäftigt sich der Autor ein weiteres Mal mit der Geschichte der Sklaverei in Brasilien und erzählt anhand der Titelfigur Tiodora von den Möglichkeiten und Schwierigkeiten, die 1866, 22 Jahre vor der Abschaffung der Sklaverei, für versklavte Personen bestanden, mittels Briefe miteinander in Kontakt zu treten. Tiodoras Brief muss zugestellt werden, doch diese Zustellung wird zum Abenteuer für Benê, der sich dafür von São Paulo bis zu den Kaffeeplantagen im Hinterland durchschlagen muss.

Wie immer verdichtet D’Salete verschiedene historische Zusammenhänge in seinem Comic und arbeitet mit einer überaus wirkmächtigen Bildsprache. Mukanda Tiodora setzt stark auf die Kraft des Bildes, Sprache tritt dabei fast in den Hintergrund. Das Besondere an D’Saletes Schwarz-Weiß-Stil ist das komplexe Blickregime: Wer blickt in welche Richtung? Wer sieht wen an (und wann)? Wer erblickt welches Detail? Die Blicke der Leser*innen werden dabei stets Teil des komplexen Gefüges aus erblicken und erblickt werden Der 220 Seiten starke Band enthält 45 Seiten Anhang, in dem sich neben historischen Karten und einer Zeittafel auch zahlreiche Fotos und ein Quellenverzeichnis befinden. Besonders außergewöhnlich sind aber zweifellos die sieben Briefe Tiodoras, die D’Salete zu seinem Comic inspirierten und die sowohl als Fotografie als auch als Transkript abgedruckt sind und den Band zu einem interessanten Forschungsgegenstand machen, sowohl in den Comic Studies als auch in den Geschichtswissenschaften. Doch auch ganz unabhängig von jeglichen Forschungsinteressen sei der
Band als bereichernde Lektüre wärmstens empfohlen!

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Lukas R.A. Wilde

Medienwissenschaftler, NTNU Trondheim

Tom King & Greg Smallwood: The Human Target

Jennifer Daniel: Das GutachtenEs ist mittlerweile ja fast schon eine feste Formel, nach der King Jahr um Jahr einen neuen legacy character von Marvel oder DC ausgräbt und dann seine ganz eigene, paranoid-psychologische Erzählweise mit mehr oder minder kurioser Superhelden-Continuity verbindet um so die merkwürdigsten narrativen Kippfiguren zu generieren. Nach Vision, Mister Miracle (meinem bisherigen Highlight) und zuletzt Strange Adventures wird nun also Christopher Chance, „The Human Target“, durch diese Maschine gejagt. King überblendet hier – doch nochmal verblüffend – eine hübsche Noir/Crime-Story im Brubaker-Stil mit Keith Giffens und J.M. DeMatteis‘ eher für Ulk-Humor erinnerte Justice League International-Ära (1987-89). Das ist an sich bereits ein wilder, äußerst lesenswerter Mix, beeindruckend wird das Ganze aber erst durch Greg Smallwoods Mise-en-page und Layouts, die so einzigartig und unkonventionell anmuten, dass man sie sofort in Parodien wiedererkennen könnte.

Lisa Frühbeis: Der Zeitraum/ A Fraction of Time

Der ZeitraumEigentlich bereits zum Jahresabschluss 2021 auf Tapas fertiggestellt, habe ich Lisa Frühbeis‘ 15teiliges Webcomic zu meiner Schande erst durch seine Prämierung mit dem diesjährigen GINCO-Award entdeckt. Die Autorin schöpft dabei das Potenzial digitaler Comics – und nochmal spezieller das serielle Scroll-Down von Tapas – voll aus. Dies aber so selbstbewusst, formal reduziert und ästhetisch präzise, dass Der Zeitraum wirklich eines der faszinierendsten Comics seit langem für mich ist. Auch inhaltlich entfesselt die Geschichte einer alleinerziehenden Mutter und Klavierkomponistin, die auf einer einsamen Insel ein Portal in eine Parallelwelt findet, gleich mit der ersten Folge eine ganz eigene Faszination; Lisa Frühbeis schafft es dabei ganz zauberhaft, Alltägliches mit mehr und mehr Fantastischem zu verbinden und beides zu ganz präzisen Aussagen und Charakterisierungen  zu bündeln. Als I-Tüpfelchen ist zudem alleine die innovative Bildsprache für Musikillustrationen einigermaßen spektakulär – eine wirklich ganz bemerkenswerte Geschichte, die mal wieder an das große Potenzial von Tapas erinnert!

James Tynion IV & Alvaro Martinez Bueno: The Nice House on the Lake

The Nice House on the LakeAuf James Tynion IV ist immer Verlass, eingespielte Genre-Formeln auf den Kopf zu stellen, hier: die „Cabin in the Woods“-trope, bei der am Ende nur eine Person überleben darf. Stattdessen beobachten wir hier einen 11köpfigen Freundeskreis bei der langsamen Realisierung, dass außerhalb ihrer Hütte im Wald die Apokalypse begonnen haben könnte und nur sie selbst gerettet und unsterblich sind, alles Dank ihres langjährigen Freundes Walter, der womöglich schon immer ein Alien ist. Rückblenden durch viele Jahrzehnte meditieren dabei in überraschender Tiefsinnigkeit und Ernsthaftigkeit über Freundschaften, Lebenswege und Lebensziele. All das wird auch noch sehr originell durch häufig wechselnde Erzählebenen – Dialogprotokolle, Email-Verkehr, Diagramme – trianguliert. Lange war ich nicht mehr so auf ein zweites (abschließendes) Trade Paperback gespannt wie hier.

Letzter Post des Jahres 2022 + ComicsExchange am 27.01.2023

Das Jahr neigt sich dem Ende zu und wie immer verabschiedet sich die Redaktion der Gesellschaft für Comicforschung zu diesem Anlass in eine kurze Pause über die Feiertage. Wir bedanken uns bei allen Leser_innen unseres Blogs, die uns in diesem Jahr begleitet haben! Wir wünschen angenehme Feiertage und einen guten Start ins Jahr 2023.

Ab dem 12. Januar 2023 geht es mit regelmäßigen Neuigkeiten zur Comicforschung weiter und wie immer beginnen wir das neue Jahr mit unseren Leseempfehlungen.

Last but not least möchten wir schonmal den Termin des ComicsExchange am 27.01.2023 zum Thema „Schrift“ ankündigen. Das Diskussionsforum findet online statt und beginnt um 17:00 Uhr. Beiträge können noch bis zum 06.01.2023 eingereicht werden. Nähere Informationen auf der Website der Veranstalter_innen.

Frohe Feiertage,
Vanessa Ossa, Michaela Schober & Natalie Veith

Publikationshinweis: „The Social, Political, and Ideological Semiotics of Comics and Cartoons“

„The Social, Political, and Ideological Semiotics of Comics and Cartoons“, eine Spezialausgabe (7:2) von PUNCTUM: International Journal for Semiotics, wurde soeben als Open Access fertiggestellt. Sie enthält acht Beiträge und wurde von den ComFor Mitgliedern Lukas R.A. Wilde und Stephan Packard herausgegeben, von denen auch die Einführung stammt. Folgende spannende Einträge sind in dem Band zu finden:

  • Stephan Packard, Lukas R.A. Wilde: „What More Can Semiotics do for Comics? Looking at Their Social, Political, and Ideological Significations“
  • Chiara Polli: „Isotopy as a Tool for the Analysis of Comics in Translation: The Italian ‘Rip-Off’ of Gilbert Shelton’s Freak Brothers“
  • Nicholas Wirtz: „The Repeatable Hand and the Mediated Self in Mira Jacob’s Good Talk
    Adam Whybray: „Objectifying Visual Language in Autobiographical Comics“
  • Caitlin Casiello: „Drawing Sex: Pages, Bodies, and Sighs in Japanese Eromanga“
  • Martin Foret: „Signs of Disintegration: Subversive Visual Expressions of Processes of Social Transformation and Ideological Clashes in a Czech Graphic Novel Series about Political History“
  • Roula Kitsiou, Maria Papadopoulou: „Mapping Europe’s Attitudes Towards Refugees in Political Cartoons through CMT and CMA“
  • Eirini Papadaki: „The Synergy of Animation and Tourism Industry: Myths and Ideologies in Mickey Mouse’s Traveling Adventure“

Rezension zu: Comics in der Schule

Rezension zu:
Markus Engelns, Ulrike Preusser, Felix Giesa: Comics in der Schule: Theorie und Unterrichtspraxis.

Tagungsband zur 11. Wissenschaftstagung der Gesellschaft für Comicforschung (ComFor)

Ch. A Bachmann, 2020
ISBN 978-3-96234-029-2
Zur Verlagswebsite

Rezensiert von:
Dr. Karoline Pohl-Otto

Der Band Comics in der Schule: Theorie und Unterrichtspraxis ist aus der gleichnamigen Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Comicforschung im Jahr 2016 hervorgegangen, die auf die immer häufiger werdenden Überlegungen zu Comics in Unterrichtskontexten reagiert und ihnen Gehör verschafft hat. In 18 Beiträgen verbinden Autor_innen sowohl comicwissenschaftliche als auch didaktische Expertise miteinander. Sie gehen dem Potenzial von vornehmlich geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Einsatzfeldern nach – zum Teil auch jenseits enger fachlicher Grenzen (vgl. im Band Engelns, Preußer und Giesa 16f.). Ein verbindender Gedanke ist dabei der stets kompetenzorientierte Ansatz. Anliegen des Sammelbandes ist es, „didaktische Anschlussstellen für den Einsatz von Comics in dem bereits bestehenden Unterricht zu schaffen“, in der Hoffnung, „dass der Einsatz von Comics die vorhandenen Problemstellungen der jeweiligen Unterrichtsfächer als oftmals ideales Beispiel“ bereichert (a.a.O. 16). Dafür teilen sich die Beiträge in drei Abschnitte:

Bereits in der Einleitung und den „historischen sowie medialen Annäherungen“ des ersten Teils wird dicht dargestellt und zusammengefasst, was den Comic als Kunstform auszeichnet und für gewisse Lernprozesse prädestiniert (vgl. a.a.O.). Damit wird der Medialität und Komplexität von Comics als Text-Bild-Korrelate Rechnung getragen (vgl. dazu besonders den Beitrag von Wilde im Band). Dies zeigt die Aktualität und gleichzeitig die Neuorientierung der Comic-bezogenen Didaktik, die sich durch den Band zieht: Im Gegensatz zu vielen didaktischen Beiträgen der Vorjahre werden nicht nur Stories/Inhalte bestimmter Comics, sondern auch die damit verbundenen Kompetenzanforderungen betrachtet. (Auch wenn dies laut Staiger kein gänzlich neues Feld speziell für Deutschdidaktiker_innen ist.) Es zeigt sich so, dass aktuelle und vielfältige comicwissenschaftliche Fragestellungen auch in didaktischen Kontexten fruchtbar erschlossen werden können, etwa wenn Materialität und Trägermedien sowie inhärente Rezeptions- und Kompetenzherausforderungen des Mediums diskutiert werden (vgl. im Band Bachmann, Eckhoff-Heindl, Grünewald, Oppolzer).

Der zweite und umfangreichste Teil stellt die zentrale Frage nach dem „literarischen und sprachlichen Lernen“ in ganz verschiedenen Lern-, Fach- und Alterskontexten. So werden etwa „Dimensionen literarischer Kompetenz“ (im Band Hollerweger 240) und die Bedeutung von medienstruktureller Multimodalität und entsprechenden rezeptionsästhetischen Deutungsfolien zusammengedacht (vgl. im Band Kreuzberger). Auch hier respektiert man in den meisten Fällen die medienspezifischen Kompetenzfelder, die Heranwachsende erst ausbilden müssen (vgl. im Band Oppolzer, Kreuzberger Langschmidt/Rymarczyk, Wild/Wulff, Jeanette Hoffmann). Die Überlegungen von Wild und Wulff sind m.E. besonders hervorzuheben, da es ihnen um Bildungsgewinn in sprachlichen Vorbereitungsklassen geht, die in bildungstheoretischen Kontexten oft wenig Aufmerksamkeit erhalten. Überlegungen zur gegenwärtigen Entwicklung auf dem Kindercomicmarkt, zu empirischen Fragen sowie das Thema hypertextuelle Transmedialität runden diesen Teil ab und unterstreichen erneut die Aktualität und Relevanz der Beiträge (vgl. im Band Hollerweger, Meier, Jeanette Hoffmann).

Wer nun denkt, hier sei nur von Theorie die Rede, liegt tatsächlich falsch. Die meisten Beiträge wagen zumindest am Ende einen Sprung in den praktischen Kontext, sowohl mit Ideen als auch mit realen Unterrichtserfahrungen (im Band etwa Grünewald 110ff., Oppolzer 146, Langschmidt/Rymarczyk 161ff., Wild/Wulff 188ff., Hollerweger 255ff., Trippó 345ff.). Die Verfasser_innen behandeln und erforschen eine Vielzahl unterschiedlicher konkreter Werke/Comics unterschiedlicher Couleur. (Allein in Bezug auf den Manga wird man weniger fündig.) So werden die komplexen theoretischen Überlegungen praktisch rückgebunden.

Trotzdem schließt sich noch dezidiert ein dritter Teil mit „Inspirationen und Sachanalysen“ an, der erneut eine praktische Ausrichtung andeutet. Als ‚Sachanalyse‘ bezeichnet man in unterrichtstheoretischen Kontexten die inhaltsorientierte Analyse eines Gegenstandes, der didaktisch-methodische Überlegungen begleiten bzw. ihnen vorausgehen muss. Tatsächlich unterscheidet sich dieser Teil des Buches weniger stark von den vorangehenden, als man denken könnte. Denn der grundsätzlich bejahende Charakter der meisten Beiträge, die sich darauf konzentrieren, comicbezogene Zusammenhänge zu analysieren und dann Chancen für die Didaktik geltend zu machen, wird hier fortgesetzt: durch die Analyse eines Don Rosa-Werks (Lewald-Romahn) sowie von X-Men-Comics (Büschken), durch konkrete Ideen für den Philosophie- (Knopf) und Geographie-Unterricht (Reumont/Budke) sowie die Hochschuldidaktik (Trippó) und schließlich über die praxisnahe Diskussion des Potenzials der Begegnung zwischen Lernenden und Comic-Künstler_innen (Jakob Hoffmann).

Insgesamt legen die Wahl der Themen und der Grundton des Bandes überzeugend nahe, wie begrüßenswert und sinnvoll es wäre, wenn Lehrende in der Schule Impulse aus der comicdidaktischen Forschung zu Bildungszwecken aufgreifen würden. Denn die einleitend genannten „Problemstellungen der jeweiligen Unterrichtsfächer“ in den Beiträgen werden mit viel Wissen um jene Fächer adressiert. Der Vorzug des Bandes, verschiedene Autoritäten des Forschungsfeldes, die auch sprachlich der Komplexität des Mediums gerecht werden, zu versammeln, könnte mitunter freilich dazu führen, dass sich unbedarfte Lehrkräfte etwas überfordert sehen (etwa wenn von „diachrone[r] Verschiebung medialer Grenzziehungen“ die Rede ist, Wilde 57). Aber der Band richtet sich auch nicht gezielt an Lehrpersonen, was unbedingt zu beachten ist. Weiter gefasste Herausforderungen der Schulwirklichkeit werden im Sammelband noch ausgeklammert (etwa die Tatsache, dass etwa 20 % aller Fünfzehnjährigen nicht richtig sinnentnehmend lesen können; Fragen der Bildungsgerechtigkeit und der Marginalisierung von mehrsprachigen Gruppen etc.). Das hätte den Rahmen gesprengt und hierfür wäre wohl eine eigenständige Tagung notwendig, die zweifelsohne ebenso vielversprechende Ergebnisse liefern würde. Möglicherweise könnte die Forschung hier auch andere Fächer wie Musik, Religion und das MINt-Spektrum in gleicher Weise bereichern.

Fazit:

Die große Stärke von Comics in der Schule liegt unter anderem in der Aktualität und Verschränkung von didaktischen und comicwissenschaftlichen Fragestellungen und Ergebnissen. Ferner in der Tatsache, dass der komplexen Medialität von Comics tatsächlich Rechnung getragen wird. Und schließlich in den vielen Bezüge zur schon im Titel versprochenen Praxis, die unter anderem durch die Diskussion zahlreicher und unterschiedlicher Comicbeispiele für unterschiedliche Altersgruppen und Kompetenzziele anvisiert wird. Wer zu Comics in der Schule forschen – und sie vielleicht sogar einsetzen! – will, kommt in Zukunft nicht mehr an diesem Sammelband vorbei, der die Forschung durch die Expertise der Autor_innen einen großen Schritt weitergebracht hat.

Über die Verfasserin:

Dr. disc. pol. Karoline Pohl-Otto hat nach dem Studium des Lehramts für Sekundarstufe I und II für Deutsch und ev. Religion in Hamburg und Göttingen zu Comics in der Didaktik und Religionspädagogik geforscht. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Themen Unterrichtsqualität, Lernpsychologie und Comic-gestützte Religionspädagogik. Aktuell arbeitet sie als Lehrerin in Schleswig-Holstein.

Veröffentlichungen im Bereich des Comics:

  • Comics in Schule und Religionsunterricht: Diversität begegnen, Kompetenzen fördern, Unterricht verbessern, Göttingen 2021.
  • „Dialog in Sprechblasen: Wie graphische Literatur zum jüdisch-christlichen Austausch beitragen kann.“ In: Begegnungen: Zeitschrift für Kirche und Judentum, 1/2014, S. 12-21.
  • „Sinn im Leben des Erbonkels: Eine philosophische Betrachtung der dagobertschen Biographie.“ In: Der Donaldist 146, 2014, S. 37-41.

ComFor Tagungsband „Comics and Agency“

Der Tagungsband zur 15. ComFor-Jahrestagung (2020) zum Thema „Comics and Agency“ ist nun erschienen. Herausgegeben von Vanessa Ossa, Jan-Noël Thon und Lukas Wilde, versammelt der Band auf 350 Seiten 15 Aufsätze von ComFor-Mitgliedern und international renommierten Autor*innen:

„Comics & Agency:
This volume aims to intensify the interdisciplinary dialogue on comics and related popular multimodal forms (including manga, graphic novels, and cartoons) by focusing on the concept of medial, mediated, and mediating agency. To this end, a theoretically and methodologically diverse set of contributions explores the interrelations between individual, collective, and institutional actors within historical and contemporary comics cultures. Agency is at stake when recipients resist hegemonic readings of multimodal texts. In the same manner, “authorship” can be understood as the attribution of agency of and between various medial instances and roles such as writers, artists, colorists, letterers, or editors, as well as with regard to commercial rights holders such as publishing houses or conglomerates and reviewers or fans. From this perspective, aspects of comics production (authorship and institutionalization) can be related to aspects of comics reception (appropriation and discursivation), and circulation (participation and canonization), including their potential for transmedialization and making contributions to the formation of the public sphere.“

Der Band bildet auch den Auftakt von De Gruyters neuer „Comics Studies: Aesthetics, Histories, Practices“-Reihe, herausgegeben von Jaqueline Berndt, Patrick Noonan, Karin Kukkonen und Stephan Packard.

Den Band finden Sie hier.

Roland Faelske-Preisträger_innen 2022

Die Preisträgerinnen des Roland Faelske-Preis für Comic und Animationsfilm 2022 stehen fest: Besonders freuen wir uns, ComFor-Mitglied Nina Eckhoff-Heindl zu gratulieren, die mit Comics begreifen: Ästhetische Erfahrung durch visuell-taktiles Erzählen in Chris Wares Building Stories den Preis in der Kategorie „Beste Dissertation“ erhalten hat. Auch Alma Knispel gratulieren wir herzlich zum Preis in der Kategorie „Beste Abschlussarbeit“ mit dem Titel Unsichtbarkeit: Der Entzug des Sichtbaren in Comics und Theorie. Die Preisverleihung wird am 10.02.2023 stattfinden.

DerRoland Faelske-Preis wird von der Arbeitsstelle für Graphische Literatur (ArGL) der Universität Hamburg zweijährlich ausgelobt. Weitere Informationen und eine Übersicht vergangener Preisträger_innen gibt es hier.

Rezension: Comics in Schule und Religionsunterricht

Rezension zu:
Karoline Pohl-Otto: Comics in Schule und Religionsunterricht: Vielfalt adressieren, Kompetenzen fördern, Unterricht verbessern

V&R unipress, 2021
Arbeiten zur Religionspädagogik, Bd. 73
ISBN: 978-3-8471-1372-0
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Rezensiert von:
Anja Lange

Über das Thema ‚Comics in der Schule‘ ist bereits viel geschrieben worden und es stehen den Lehrkräften und Schüler_innen vielfältige Fachartikel und sogar eigene Comicgeneratoren im Internet zur Verfügung1. Auch zum Thema ‚Comic und Religionsunterricht‘ liegen bereits fachdidaktische und populärwissenschaftliche Arbeiten und Analysen vor2. Wieso braucht es nun noch einen Beitrag zum Thema ‚Comic und Schule‘, respektive ‚Comic und Religionsunterricht‘?

Karoline Pohl-Ottos 607 Seiten starkes Werk ist ein Kompendium, das sich lohnt, soviel sei bereits zu Beginn gesagt. Sie verbindet gekonnt Theorie mit Praxis anhand ausgewählter Beispiele. Diese Verbindung stellt die größte Stärke des Buches dar, denn man findet in den vorher zitierten Quellen entweder stark theoretische Arbeiten (bspw. Dahrendorf) oder praktische Unterrichtsentwürfe (bspw. „Mein eigener Comic“). Pohl-Otto gelingt es vor allem, umfangreich recherchierte Theorie mit analysierter Praxis zu verbinden.

Beginnend mit begrifflichen und konzeptionellen Grundlagen und einer Einführung in das Medium Comic (plus einer ausführlichen Charakteristik des Mediums) bietet der umfangreiche Band Informationen für Neulinge gleichermaßen wie für Kenner der Materie. Besonders die gegenwärtigen Fragestellungen zum Comic laden zum weiteren Forschen ein und stellen einen großen Mehrwert der Publikation dar.

Pohl-Ottos Ausgangspunkt könnte aktueller nicht sein: Sie geht von einer kulturellen, weltanschaulichen und sprachlichen Vielfalt aus, wie sie in deutschen Schulen heutzutage die Regel ist. Gleichzeitig hat Pohl-Otto eine große Mission: Sie will die zunehmend kirchenfernen Jugendlichen mit Comics zurück in den Religionsunterricht bringen. Dies soll u.a. dadurch erreicht werden, dass den Jugendlichen einerseits Gehaltvolles beigebracht wird und sie andererseits durch die Verwendung eines aus ihrem Alltag vertrauten Mediums in ihrer Lebenswelt ernstgenommen werden (vgl. Pohl-Otto, 11). Ob das gelingt, wenn ihr Ansatz im Unterricht benutzt wird, kann an dieser Stelle nicht geprüft werden. Kein Zweifel besteht darüber, dass die Behandlung von Comics für Kinder und Jugendliche interessant ist, das ist neben anderen ein Ansatzpunkt Pohl-Ottos, den sie konsequent vertritt. Das Interesse an Comics käme daher, dass sie am „Puls der Zeit“ (Pohl-Otto, 11) lägen und sie als Massenmedium noch immer den digitalen Angeboten trotzen würden (vgl. Pohl-Otto, 11-12). Gerade in der Papierform besäßen Comics noch immer eine große Anziehungskraft auf die Jugendlichen (Pohl-Otto, 552).

Sie will den Nutzen von Comics in Lernkontexten systematisch analysieren und tut dies nicht nur gut recherchiert, sondern auch lesbar aufgearbeitet, samt einer Einführung in die Grundlagen der Comicstudien, die sie mit der Pädagogik verbindet. Anschaulich zeigt Pohl-Otto außerdem, wie in der Religionspädagogik Comics stiefmütterlich behandelt wurden. Daher analysiert sie Forschungsergebnisse aus dem Bereich der Religionspädagogik, der Unterrichts- und Comicforschung und der Schulpädagogik, was eine wahrlich große Aufgabe war.

Pohl-Ottos Aufbau des Buches ist dabei sehr gut nachvollziehbar und leserfreundlich: Vom allgemeinen Medium Comic kommt sie zur Fachdidaktik der Religion und stellt schließlich zwei einzelne Werke, Persepolis von Marjane Satrapi und den Band Onkel Dagobert: Sein Leben, seine Milliarden von Don Rosa für den Religionsunterricht vor. Dieser Aufbau macht das Werk auch für andere Fächer, beispielsweise den Deutsch- oder Ethikunterricht, interessant, da die Analysekategorien ohne Weiteres auch in diesen Fächern im Unterricht didaktisiert werden können.

Es verwundert, dass in dem breit angelegten Werk lediglich 35 Abbildungen zu finden sind – wer auf eine reich bebilderte Illustration gehofft hat, wird von Pohl-Ottos Werk enttäuscht sein. Die wenigen Illustrationen tun der Comicanalyse jedoch keinen Abbruch, denn sie ist der mit Abstand interessanteste Teil des Werkes. Die Auswahl der Comics zur Illustration der Analyse könnte unterschiedlicher nicht sein: Persepolis zog eine „enthusiastic worldwide reception“ (Simidchieva, 88) nach sich und Onkel Dagobert: Sein Leben, seine Milliarden ist nur vermeintlich ein purer Comic für Kinder: Gerade in diesem ausgiebigen Werk rund um die bekannte Figur aus Entenhausen analysiert Pohl-Otto „existentielle, philosophische und theologische Themen“ (Pohl-Otto, 471), die man in dem Comic auf den ersten Blick nicht erwartet hätte. Die umfangreiche Comicanalyse wird jeweils von einer kurzen Zusammenfassung des Inhalts bzw. der Kapitel begleitet. Es werden inhaltliche Aspekte analysiert, beispielsweise von „Identität und Entfremdung“ (Pohl-Otto, 476). Diese Kategorien sind universell und können analog in anderen Comics herangezogen werden. Eine selbstständige Weiterarbeit bzw. Didaktisierung anderer Werke ist damit für Lehrende kein Problem. Aber auch als Inspiration und Fundgrube eignet sich Pohl-Ottos Werk hervorragend, da sie viele Anhaltspunkte zum weiteren Forschen und Didaktisieren bietet.

Ebenfalls sehr interessant sind die 12 Thesen, die sie für den Einsatz von Comics in Schule und Religionsunterricht aufstellt. Diese können als Zusammenfassung ihrer Arbeit bewertet werden und veranschaulichen kurz und prägnant, wieso sich Pohl-Otto für den Einsatz von Comics im Unterricht ausspricht. Sie sieht Comics als „Chancengeber im Unterricht“ (Pohl-Otto, 111), das wird von der ersten bis zur letzten Seite deutlich. Comics können im Unterricht dann „Wirkkraft entfalten“ (Pohl-Otto, 111), wenn sie dazu benutzt werden, schülerzentriert zu unterrichten, an die Lebenswelt der Jugendlichen anzuknüpfen und ein lernproduktives Klima zu schaffen. Somit sind sie für die Lehrkräfte und die Schüler_innen Chancengeber. Klar benennt Pohl-Otto die Vorteile eines Comiceinsatzes im Unterricht, gibt jedoch auch zu bedenken, dass viele Lehrkräfte eine geringe Fachkompetenz im Bereich Comics besitzen. Diese kann durch das Durcharbeiten des Buches sicher erheblich gesteigert werden!

Fazit:

Pohl-Ottos Werk eignet sich besonders für Lehrkräfte, die sich intensiv mit dem Thema „Comics“ beschäftigen wollen und nicht nur bei dem Ausfüllen von Sprechblasen3 bleiben wollen. Sie zeigt, wie man mit Gewinn Comics im Unterricht gewinnbringend behandeln und lernerzentriert unterrichten kann. Die von ihr aufgestellten Analysekategorien können ohne Weiteres ebenso auf Romane oder Filme angewendet werden und sind sicher auch für eine Behandlung in anderen Unterrichtsfächern interessant. Daher ist Pohl-Ottos Kompendium nicht nur für den Religionsunterricht zu empfehlen, sondern bietet für alle Lehrenden, die sich mit Comics im Unterricht beschäftigen möchten, wertvolle Anhaltspunkte.

 

Über die Verfasserin:

Anja Lange ist DAAD-Lektorin am Kirgisisch-Deutschen Institut für Angewandte Informatik in Bischkek, Kirgistan. Sie studierte Slawistik in Leipzig und Kyjiw, Ukraine. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Fachdidaktik und im Fachsprachenunterricht.
Publikationen im Bereich Comic:

  • “The Beginning of Ukrman – a Fighter Against the Evil and the Coronavirus” (in: Galactica Media: Journal of Media Studies Bd. 2, Nr. 3, 2020, S. 245-272)
  • “Daohopak, a Comic Series about Cossacks as Part of the Identity Formation of Ukraine” (in: Bernd Dolle-Weinkauff, Hg.: Geschichte im Comic: Befunde – Theorien – Erzählweisen, Christian A. Bachmann Verlag, 2017, S. 157-170).

 


[1] Beispielsweise der Aufsatz von Malte Dahrendorf „Comics in der Schule: Ein Unterrichtsmodell“, mit welchem bereits 1977 eine Handreichung zur Arbeit mit Comics im Unterricht angeboten wurde, und die Mappe Comics in der Schule von Petra Lange-Weber, die auf spielerische Art und Weise u.a. Bildperspektiven von Schüler_innen untersuchen lässt. Auch die vielen Onlineangebote, beispielsweise „Mein eigener Comic“ (https://medienkompetenzrahmen.nrw/unterrichtsmaterialien/detail/mein-eigener-comic/) bestehen aus didaktisierten Materialien.

[2] Hier muss der Fachdidaktische Beitrag von Reiner Riedel erwähnt werden, in dem eigene Comics im Religionsunterricht erstellt werden, oder auch der Bibelcomic „Am Anfang war der Teig“.

[3] In einigen Publikationen zum Thema „Comic in der Schule“ kommt es vor allem darauf an, Sprechblasen auszufüllen, so beispielsweise Mein eigener Comic vom Medienkompetenzrahmen NRW.

 

Literatur

  • Dahrendorf, Malte: „Comics in der Schule: Ein Unterrichtsmodell.“ In: Fuchs, W.J. (Hgs) Comics im Medienmarkt, in der Analyse, im Unterricht. Schriftenreihe des Institut Jugend Film Fernsehen, Bd. 1. VS Verlag für Sozialwissenschaften, 1977. S. 149–162. https://doi.org/10.1007/978-3-322-89768-8_20
  • Heinze, Andrea: „Religion im Comic: Am Anfang war der Teig.“ Deutschlandfunk, 2018. https://www.deutschlandfunk.de/religion-im-comic-am-anfang-war-der-teig-100.html
  • Lange-Weber, Petra: Comics in der Schule: Merkmale, Gestaltung, Sprache. Bergedorfer Kopiervorlagen Bd. 252. Persen Verlag, 2010.
  • „Mein eigener Comic.“ Medienkompetenzrahmen NRW, LVR Zentrum für Medien und Bildung, Düsseldorf, 2022. https://medienkompetenzrahmen.nrw/unterrichtsmaterialien/detail/mein-eigener-comic/
  • Riedel, Reiner: „Erzählen mit Bildern.“ In: rpi-Impulse: Beiträge zur Religionspädagogik aus EKKW und EKHN Bd. 1, 2018,. S. 23-25.
  • Simidchieva, Marta: “Marjane Satrapi’s Persepolis through the Lens of Persian Historiagraphy.”  International Journal of Persian Literature, Bd. 2, 2017, S. 87-137.

 

PROGRAMM DER COMFOR-JAHRESTAGUNG 2022: “Arbeits- und Klassenverhältnisse im Comic”

Termin:
16.11.2022 - 18.11.2022

17. Jahrestagung der Gesellschaft für Comicforschung:

Arbeits- und Klassenverhältnisse im Comic

Online | Live via Zoom

Anmeldung:

Es gibt keine Tagungsgebühr; eine Registrierung ist bis zum 04. November 2022 unter fhi@stadtdo.de möglich.

Organisator_innen:

Iuditha Balint (Fritz-Hüser-Institut)
Markus Engelns (Universität Duisburg-Essen)

Programm:

16.11.2022 (Mittwoch)

13:00 – 14 Uhr: Mitgliederversammlung der Gesellschaft für Comicforschung

15:00 Uhr: Einführung und Grußworte

Panel: Gattungsfragen (Moderation: Iuditha Balint)

15:15 Uhr: Christoph Schmitt (Schwäbisch Gmünd): *Bling* – Vom ersten Kreuzer zum Geldspeicher. Arbeits- & Klassenverhältnisse in Entenhausen

16:00 Uhr: Arnold Bärtschi (Bochum): „Omnes Thermae Romam Ducunt!“ Die Aushandlung von Arbeits- und Klassenverhältnissen in Mari Yamazakis Manga Thermae Romae

16:45 Uhr: Pause

17:15 Uhr: Aleyna Akkaya (Essen): Zur Darstellung von Arbeits- und Machtverhältnissen in Comics zu Avatar – Der Herr der Elemente

18:00 Uhr: Katharina Serles (Wien): Organisiert euch! Kontexte und Bedingungen der Comics-Arbeit

18:45 Uhr: Schluss

17.11.2022 (Donnerstag)

Panel: Arbeits- und Klassenkampf (Moderation: Markus Engelns)

10:00 Uhr: Kim Christian Priemel (Oslo): Eine Welt aus Papier. Printmedienarbeit in Comics des 20. Jahrhunderts

10:45 Uhr: Dietrich Grünewald (Koblenz): Arbeitswelt und Arbeitskampf als Thema historischer und aktueller textfreie Bildgeschichten

11:30 Uhr: Pause

Panel: Arbeits- und Klassenverhältnisse zu Zeiten des Holocaust (Moderation: Markus Engelns)

12:00 Uhr: Emily Allegra Dreyfus (Babelsberg): Drawn Discourses of Forced Labor: Internment, Work and Class in Holocaust-Era Comics

12:45 Uhr: Gudrun Heidemann (Łódź): Intersektionale Überzeichnung in polnischen Ghetto-Comics

13:30 Uhr: Mittagspause

Panel: Interkulturelle Perspektiven I (Moderation: Lukas R.A. Wilde)

14:30 Uhr: Robin Frisch (Bayreuth): Kapitalismus und Kolonialismus im Comic

15:15 Uhr: Sylvia Kesper-Biermann (Hamburg): Eine klassische Sozialreportage? Der Gastarbeiter-Zyklus von Dragutin Trumbetas

16:00 Uhr: Pause

16:30 Uhr: Nishant K Narayanan (Hyderabad): Zeitwandlungen und Klassenspaltungen: Lebens- und Gesellschaftsverhältnisse in Berlin und New Delhi

17:15 Uhr: Rita Maricocchi (Münster): Defining ‘Postcolonial Comics’: A Case Study of Marguerite Dabaie’s 23AndMe Doesn’t Know What Makes a Palestinian

18:00 Uhr: Pause

18:15 Uhr: Verleihung des Martin Schüwer-Publikationspreises für herausragende Comicforschung an Prof. Felipe Gomez (Carnegie Mellon University) für seinen Artikel Will it be possible? Apocalypse and Resistance in Latin American Graphic Novels mit Festvortrag des Preisträgers

18.11.2022 (Freitag)

Panel: Interkulturelle Perspektiven II (Moderation: Iuditha Balint)

10:00 Uhr: Agnieszka Komorowska (Mannheim): Monsters / Managers in the City. Die Darstellung der Wirtschaftskrise im französischen und spanischen Graphic Novel.

10:45 Uhr: Markus Engelns (Duisburg-Essen): „Stadt der Sünde“: Darstellung von Klasse und Arbeit im amerikanischen Superheldencomic

11:30 Uhr: Pause

Roundtable und Abschlussdiskussion

12:00 Uhr: Roundtable mit Eva Müller (Comicschaffende), Ulrike Preußer (Didaktik), Jennifer Stais (Lehrerin) und Iuditha Balint (Fritz-Hüser-Institut)

13:30 Uhr: Abschlussdiskussion