Auch in diesem Jahr wünscht die Gesellschaft für Comicforschung all ihren Leser*innen und Freund*innen einen guten Start ins neue Jahr 2026 und präsentiert zu diesem Anlass wieder aktuelle Leseempfehlungen von Comicforscher*innen, die wir zum Jahresabschluss gesammelt haben. (Die Leseempfehlungen der letzten Jahre finden sich hier) Viele unserer Mitglieder haben uns dafür erneut ganz subjektive Lektüretipps geschickt, die aus den vergangenen zwölf Monaten im Gedächtnis geblieben sind – aus welchen Gründen auch immer.
Wie jedes Jahr: viel Vergügen bei unserer höchst subjektiven Retrospektive auf 2025, angenehme Feiertage und einen guten Rutsch, im Namen der ComFor-Redaktion und des Vorstands.
Jörn Ahrens
Kultursoziologe, Justus Liebig Universität Giessen
Romain Renard, übersetzt von Anne Bergen: Wiedersehen mit Comanche (Splitter)
Ein Spätwestern. Eine Hommage. Eine Interpretation. Romain Renard, der in Deutschland vor Jahren mit seinen zwei Bänden Melville hervorgetreten ist, imaginiert das Ende einer Geschichte. Die Figuren aus Hermann und Gregs klassischer Western-Serie Comanche nimmt er auf und übersetzt sie in ein Setting im Jahr 1932, aber die Jahreszahl erfährt man nur beiläufig, aufgedruckt auf einer Pulpnovel über den Wilden Westen. Der gealterte Red Dust lebt versteckt in Kalifornien, wird aber aufgespürt von einer jungen, schwangeren Frau, die sich als Journalistin ausgibt und ihn schließlich überredet, mit ihr zurück nach Wyoming auf die 666 Ranch zu fahren, um dort Comanche zu treffen und Zeugnis abzulegen über jene Old Times, als der Westen noch wild war. Am Ende trifft Red Dust nicht auf Comanche, sondern auf seine Nemesis in Gestalt der Familie Dobbs. Noch einmal muß er einen großen Shoot Out ausfechten und abermals verschwinden, denn noch immer sucht ihn die Polizei. Renard erzählt diese Geschichte mit großer Lakonie und in schönen, in schwarz, weiß und grau gehaltenen Bildern. Wie schon bei Hermann und Greg taucht Comanche im ganzen Comic nicht auf, sondern reduziert sich auf die Nennung im Titel des Bandes, was an sich schon eine clevere Hommage an die Serie ist. Dafür wird Red Dust eine komplexe Frauenfigur gegenübergestellt. Der Bilderfluß selbst, in dieser Zeit einer sich endgültig durchsetzenden industriellen Moderne, die nun auch die 666 erreicht, wird immer wieder unterbrochen durch Bildreminiszenzen an eine dystopisch gescheiterte Moderne. Über allem schweben die Sonette Shakespeares.
José Munoz und Carlos Sampayo, übersetzt von Myriam Alfano: Joe’s Bar (Avant Verlag)

Kontinuierlich macht sich der Berliner avant-verlag um Gesamtausgaben von Sternstunden der Comic-Kunst verdient; so auch diejenige der Serie Joe’s Bar von den Argentiniern Munoz und Sampayo, die von 1978-1985 im französischen Magazin (À Suivre) erschien. Dreh- und Angelpunkt der Geschichten ist eine Bar in New York, eine Kaschemme, ein Treffpunkt für alle und keinen. Hier fischen die Autoren ihre Figuren aus der Masse der Barbesucher heraus, die in allen möglichen Couleurs, sozialen Schichten und subkulturellen Hintergründen in der Bar aufeinander treffen. Das ist zum einen eine in den Stories jeweils ungemein pointierte Sozialkritik, die ihre Figuren zu Typen, Allegorien, Experimentalanlagen verdichtet. Das ist zum anderen aber vor allem auch ganz große, nach wie vor ziemlich unerreichte Kunst. Während die Seitenanlage nicht sonderlich von der Konvention untereinander verlaufender Strips abweicht, die lediglich in der Höhe variieren, warten die Panels mit einer nahezu einzigartigen expressionistischen Ästhetik im Comic auf. Solche Figuren hat man zuvor nicht gesehen, wird sie so auch nicht wieder zu Gesicht bekommen. In die Groteske überzeichnete, zugleich ungeheuer pointierte Gesichter und Typen und den Moden und Stilen der Zeit extrem genau abgeschaute Accessoires und, bei aller Abstraktion, peinlich genau recherchierte Hintergründe eines zu jener Zeit exotistisch pittoresk heruntergekommenen New York. Die Hauptstadt der Welt, ein Krisenherd. Die Ästhetik in harten, gerade im Einsatz von Schwarz immer wieder stark flächigen schwarz-weiß Kontrasten bleibt zeitlos spektakulär. Eine Augenweide.
Manfred Sommer, übersetzt von Maximilian Lenz: Frank Cappa, Gesamtausgabe (Avant Verlag)

In einer weiteren, verdienstvollen Edition legt der avant-verlag eine Gesamtausgabe der Serie des Spaniers Manfred Sommer über den Kriegsreporter Frank Cappa vor, dessen Name in Anlehnung an Robert Capa Programm ist. An wechselnden Schauplätzen, die teils fiktiv teils authentisch sind, legt Cappa Zeugnis von den Greueln des Krieges ab. Ob dieser auch immer sinnlos ist, bleibt zuweilen dahingestellt, denn Cappa ist selbst, und das macht die Serie sympathisch komplex, nicht normativ positioniert. Seine an Hugo Pratts Corto Maltese erinnernde Lakonie (dessen Ironie ihm allerdings komplett abgeht) gegenüber dem Geschehen, das er dokumentiert, befähigt Cappa, die Perspektiven aller Protagonisten nachzuvollziehen, denen er begegnet. Das macht die Lektüre nicht immer leichter, aber in jedem Fall anregender als die Bereitstellung festgefügter Positionierungen, die sich moralisch sicher sein können. Cappas (und Sommers) Botschaft ist, daß es diese Sicherheit nicht gibt. Zu einer Generation spanischer Zeichner gehörend, die mit dem Ende der Diktatur Mitte der 1970er Jahre aufgebrochen ist, neue Inhalte und Ästhetiken zu erschließen, kommt er ebenso nah an Pratt heran wie an Caniff. Die Kunst der Pointierung beherrscht er ebenso wie die Abstraktion. Sommer, dessen Werk viel zu wenig beachtet geblieben ist, ist ein großer Meister im Umgang mit schwarz-weiß. Demgegenüber fallen die allzu gefällig im Stil der spanischen Comics der Zeit eingetuschten, farbigen Stories sichtbar ab. Die chronologisch vorgehende Ausgabe schließt eine editorische Lücke.
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Ole Frahm
Comicforscher, Arbeitsstelle für Graphische Literatur (ArGL) Hamburg
Ilan Manouach: Tarwar (Nero Press) / Emiolio López-Menchero: Théorie des bulles (La Lettre Volée)

Diese zwei Bände sind ein vergnügliches Muss für alle Freund*innen der Comic-Form. Beide haben keine erzählbare Handlung, sondern reflektieren das Funktionieren der Comics und bleiben, anders als manch wissenschaftliche Auseinandersetzung, unterhaltsam. López-Mencheros Hauptfigur ist die Sprechblase, die auf nicht weniger als 101 Seiten die verschiedensten Verwandlungen durchmacht. Während das Seitenraster weitgehend gleich bleibt – acht querformatige Panels, jeweils zwei in vier Zeilen – verwandeln sich die Sprechblasen ständig. Dabei ist vor allem faszinierend, wie die Lektüre zwischen der Betrachtung der Graphik, dem Lesen des Comics und der Konstruktion eines Sinns herumschlingert. Es könnten 101 One-Pager sein, oft genug wird die jeweilige Seite durch eine Idee dominiert, aber immer wieder ergeben sich Bezüge über die Seiten hinweg – und die nahezu immer leeren Sprechblasen füllen sich mit Vorstellungen und Worten. Während López-Manchero den eigenen Strich, die graphische Geste immer wieder betont, verzichtet Ilan Manouach schon seit langem auf solche Gesten. Bekannt geworden durch seine – zweifelhafte – Umzeichnung von MAUS zu KATZ 2012, hat Manouach inzwischen einige sehr viel überzeugendere Überarbeitungen veröffentlicht, wie Les Schtroumpfs Noirs, wo alle Farben in Schlumpfblau gedruckt sind. Tarwar begeistert, weil es die Arbeit, die Luis Gasca und Roman Gubern so verdienstvoll in El Discurso del Cómic 1994 begonnen haben, nämlich die Sammlung von bestimmten Idiomen und diskursiven Strukturen in Comics – wie schwarze oder nahezu schwarze Panels – in komischster Weise fortsetzt und radikalisiert. Das Team von Manouach hat auf über hundert Seiten mit vier bis fünf Zeilen unterschiedlichste Comic-Panels zusammengetragen, deren verbindendes Element ist, dass sie schwarz sind – schwarz mit Schrift, schwarz mit Augen, schwarz mit Bom, Baoum, Whamm! Und was nicht noch alles. Dabei geht es nicht um Semiotik und Philologie, sondern tatsächlich darum, aus diesen Elementen eine neue Geschichte zu assoziieren. Manchmal sind die Herkünfte einzelner Panels offensichtlich, wenn z.B. ein Copyright (1942 by Walt Disney) vermerkt ist. Oftmals sind die Quellen (zumindest mir) weniger deutlich, angeblich wurden angeblich mehr als 12 Millionen Comics aus aller Welt digital durchforstet. Nun mischen sie sich von schwarzem Panel zu schwarzem Panel munter. Es ist die lange Nacht der Comics, ein endloser Tunnel, an dessen Ende zwar ein paar Sterne leuchten, aber natürlich an einem tiefschwarzen Himmel. Wer dachte, dass Christian Marclay und Jochen Gerner in der Reflexion der Form schon alles ausgelotet hätten, wird mit diesen beiden Comics erfreulich eines Besseren belehrt.
Hannah Brinkmann: Zeit heilt keine Wunden. Das Leben des Ernst Grube (Avant Verlag)
Dass formale Experimente nicht bei der Form stehen bleiben müssen, zeigt diese Geschichte des 20. Jahrhunderts: Ernst Grube wurde als jüdisches Kind von den nationalsozialistischen Deutschen verfolgt, als Kommunist in der Bundesrepublik. Brinkmann zeichnet nicht nur seine Geschichte, sondern auch die von dem Richter Geier und dessen Karriere im Dritten Reich – in der BRD weiter im Amt verurteilt er Grube. Das Dritte Reich, daran wird hier anders als in so vielen anderen Comics über den Holocaust erinnert, endete nicht 1945, sondern durch die vielen personellen Kontinuitäten ging für viele der Opfer etwas weiter, das, so zeigt auch die aktuelle politische Situation, nicht aufgehört hat zu existieren. Die besondere Qualität von Hannah Brinkmanns Darstellung ist die Freiheit ihrer zeichnerischen Umsetzung von Grubes Bericht. Wenn sie den Konventionen der Holocaust-Comics folgend mit dem Zeitzeugen-Gespräch beginnt, geht sie nicht gleich in die Vergangenheit, sondern zeichnet das Innere des Körpers, denn „die Gewalt … / … der Nazis … / … lässt dich auch … / … innerlich zerbrechen“ und findet auch im weiteren manch ungewohntes Bild. Immer wieder unterbrechen ganzseitige Reflexionen das Geschehen, die ohne jemals verspielt zu sein die formalen Elemente des Comics elegant in den Dienst nehmen. So wird nicht nur das vergangene, realistische Geschehen in Erfahrung gebracht, sondern auch innere Bilder und Gefühle – die so in unsere Gegenwart hinübergerettet werden.
Peter Maresca und Michael Tisserand: Jimmy! The Comic Art of James Swinnerton (Fantagraphics)

Ich weiß nicht, wann ich zuletzt beim Lesen von Comics so gelacht habe: die Witze sind zwar über hundert Jahre alt, aber wer so komisch Tiere zeichnen kann, wie James Swinnerton, altert nicht. Wenn die Tiere die zeitgenössische Zeitungsproduktion auf der Arche Noah übernehmen und die von einem Äffchen an der Druckerpresse frisch gedruckten Zeitungen „Rain“, „Still Rain“ und „Extra Rain“ melden, während der Marabu auf die Schlagzeile „Steady Rain“ schaut und zufrieden „Ah, the circulation is increasing“ konstatiert, bleibt kein Auge trocken. Der großformatige Band beschränkt sich dementsprechend nicht nur auf James Swinnertons langlebigste Serie Jimmy und verfolgt diese von 1899 bis 1937 in ausgewählten Seiten, sondern gibt einen groben Überblick über das viel zu selten wieder gedruckte, vielfältige Werk eines Zeichners, der in der Frühzeit die Entwicklung der Comics zu einem Massenmedium maßgeblich mitgestaltet hat. Sogar einen Western-Strip mit dem Titel Rocky Mason ist dabei, für den Swinnerton Jimmy 1941 (mit 66 Jahren) aussetzte und der wunderbar ungelenk in seinem Übersetzungsversuch des Funnie-Stils in das Abenteuer-Genre daherkommt. Swinnerton hat zeitweise in Kayenta bzw. im Coconino County gelebt und auch George Herriman mit dieser eigenen Landschaft und der indigenen Bevölkerung bekannt gemacht: fast 20 Jahre zeichnete er die ebenfalls hier repräsentierten Canyon Kiddies. Dass uns Beispiele aus den letzten 13 Jahren Jimmy (1945-1958) vorenthalten werden, lässt sich ebenso verschmerzen wie die nicht gut aufeinander abgestimmten, zudem knappen Erläuterungen, die einen heiteren Philologen wie Bill Blackbeard vermissen lassen. Während die Geschlechterverhältnisse gelegentlich sehr konventionell dargestellt sind, gibt es auch Überraschungen, wenn Sam beispielsweise alle anderen auslacht und so – wie Tisserand erläutert – die Regeln des blackfacing und vom Minstrel unterläuft. Solche Strips geben nicht nur zu lachen, sondern auch zu denken.
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Benedikt L. Freiling
Germanistikstudent, Philipps-Universität Marburg
Sean Murphy, übersetzt von Harald Sachse: Zorro: Die Legende lebt (Splitter Verlag)
Zu Recht denken Fußballfans bei diesem Untertitel an die Hymne des 1. FC Nürnberg. In diesem Fall hat sie jedoch nichts mit dem neuen Album von Sean Murphy über die Westernlegende Zorro zu tun. Aus dem anfänglichen Mord an Alejandro de La Vega, dem „alten” Zorro, entwickelt sich eine furios erzählte Rachegeschichte gegen ein Drogenkartell, das die Stadt La Vega grausam ausbeutet und unterdrückt. Sein Sohn Diego übernimmt das Erbe Zorros und kämpft in den vier Kapiteln der Geschichte mit Degen und Peitsche gegen das Kartell unter der Führung von El Rojo, unterstützt von seiner Schwester Rosa. Mit seiner abwechslungsreichen und dynamischen Panelstruktur sowie den zahlreichen Schwarzflächen schlägt der Comic eine Brücke zwischen Superhelden- und Westerncomics. Das ist nicht sonderlich verwunderlich, ist doch Sean Murphy durch seine Alben im Batman-Universum bekannt geworden. Somit ist die Hinwendung zu einem anderen nach Gerechtigkeit strebenden Ritter nicht überraschend. Positiv hervorzuheben sind die ganzseitig angelegten Panels, die an den richtigen Stellen die wichtigsten Wegpunkte der Geschichte hervorheben. Aufmerksamen Lesern werden die Füchse auffallen, die Zorros ständige Begleiter sind und ein schönes wortspielerisches Geheimnis verkörpern. Fans der Genres Western und Superhelden sei diese Neuauflage des Zorro-Mythos sehr ans Herz gelegt. Abschließend sei noch auf die Seitenhiebe in der Geschichte auf die bereits existierenden Zorro-Filme und -Comics hingewiesen. Insofern ist dieser Comic auch allen Zorro-Fans zu empfehlen, die sich im Leseprozess auf diverse Anspielungen, etwa in den Panelhintergründen, freuen dürfen. In diesem Sinne: ¡Viva la Vega y viva el Zorro!
Jean Dufaux und Jaime Calderón, übersetzt von Hanna Reininger: Das Haus Usher (Splitter Verlag)
Manche Geschichten sind niemals veraltet – vor allem dann nicht, wenn sie immer wieder neu interpretiert und weiterentwickelt werden. So ist es auch bei diesem Klassiker der Schwarzen Romantik von Edgar Allan Poe, den Jean Dufaux und Jaime Calderón neu interpretiert haben. Der unbenannte männliche Ich-Erzähler aus der ursprünglichen Geschichte erhält in der Comicversion den Namen Damon Price und einen sozialen Hintergrund. Im Comic tritt er als professioneller Spieler mit Schulden auf. Zudem wird ihm eine Freundin namens Nina angedichtet, die er aus der Prostitution freikaufen will. Vor seinen Gläubigern flieht er in eine dunkle Kutsche, die ihn zu dem Haus Usher und seinem etwas verrückten und mysteriösen Cousin Roderick bringt. An diesem Ort entfaltet sich eine gruselige Geschichte. Mit düsteren Grabkammern, mysteriösen Geschichten und einer kleinen Zombieapokalypse bietet die Geschichte alles, was es zum Gruseln braucht. Das schöne Szenario wird von den eindrucksvollen Zeichnungen von Calderón unterstützt, die den Figuren durch den besonders geschickten Einsatz von Farben eine ungewöhnliche Plastizität und Authentizität verleihen. Durch diesen Stil erreicht der Comic eine sehr realistische und filmische Wirkung. Besonders interessant wird es, wenn der Protagonist auf seinen Schöpfer, Edgar Allan Poe, trifft. Dieser ist in die Geschichte eingeflochten und scheint sie zu lenken, obwohl er nicht alles genau vorhersagen kann, da die durch ihn erschaffenen Figuren irgendwann ein Eigenleben entwickeln. Der Comic lässt sich sowohl aus literaturwissenschaftlicher Perspektive als auch aus musikwissenschaftlicher Sicht beleuchten, da Musik eine bedeutende dramaturgische Rolle spielt. Das Werk ist allerdings nicht nur aus wissenschaftlicher Perspektive interessant, sondern auch allen Poe- und Grusel-Fans wärmstens zu empfehlen.
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Dietrch Grünewald
Kunstdidaktiker, Emeritus Universität Koblenz-Landau, ehem. 1. Vorsitzender der ComFor
Yaroslav Schwarzstein: Potemkin Riot (ciconia ciconia)
Persimfans, ein dirigentenfreies Musikerkollektiv, 1922 in Moskau gegründet, unter Stalin 1932 aufgelöst, wurde 2008 reaktiviert. Zu seinen Projekten gehört die Vorführung von Eisensteins Stummfilm Panzerkreuzer Potemkin (Uraufführung 1925 im Moskauer Bolschoi-Theater) mit Edmund Meisels Musik (1926) als Live- Begleitung. Schwarzstein, geb. 1975 in Tula, Grafiker, Maler, Musiker, der in Hannover lebt und arbeitet, gehört als Leiter der Kunstabteilung zu Persimfans. Er schuf zunächst Plakate für das Projekt, was ihn anregte, dann den ganzen Film als Bildgeschichte zu gestaten. Eisenstein schuf ein durch Typisierung und Montageeffekte emtotional hochwirkungsvolles Werk, das über den Propagandauftrag Lenins künstlerisch weit hinausgeht. Die Meuterei auf dem Kriegsschff Potemkin 1905, ausgelöst, weil die Matrosen sich weigerten, vergammeltes Fleisch zu essen, wird als revolutionärer Akt in einer Verschmelzung von Fiktion und Realität verklärt. Schwarzstein, orientiert sich am Aufbau des Films und erweitert ihn durch eigene Fiktionenselemente. Seine Bildgeschichte steht in der Tradition der Holzschnitt-Romane Masareels, erzählt in doppel- und einseitigen Bildern, wo es die Dynamik der Handlung oder Signalgeben (gemäß der Maritime Semaphore Flags) erfordern, auch mit mehreren Panel auf der Doppelseite, im flächig expressiven Stil dem Film und seinem Plakat von 1925 (auch dem zeichenhaft-abstrakten von Hans Hillmann aus dem Jahr 1966) verpflichtet. Wie Eric Drooker in Flood! (1992) geht er über das reine Schwarz-Weiß hinaus, setzt durch die dominierende maritime Farbkombination Schwarz-Weiß-Blau, durch aggrssives Rot, durch Gelb- und Orangetöne emotionale Akzente, erweitert – wie der Film – die primär stumme Bildfolge partiell durch kurze Texteinfügungen (vornehmlich Rede der Akteure), die helfen, das Gezeigte besser zu verbinden und zu deuten. Eine großartige bildmächtige Erzählung (gegliedert in Prolog, fünf Akten, Epilog), die über eine reine Adaption weit hinausgeht und ein aufmerksames mitspielendes Bildlesen fordert.
Luz (Rénald Luzier), übersetzt von Lilian Pithan: Zwei weibliche Halbakte (Reprodukt)
Catherine Meurisse und Luz hatten das zufällige Glück, dem Attentat auf die Redaktion von Charlie Hebdo 2015 zu entgehen. Meurisse suchte in der Begegnung mit Kunstwerken ihr Trauma zu überwinden (Die Leichtigkeit, 2017), und auch Luz wendet sich in seinem neuen Bildroman der Bildenden Kunst zu, erzählt die Geschichte eines Gemäldes, das überlebte. Es geht um ein 1919 von Otto Mueller gemaltes expressionistisches Temperabild, das der Sammler Littmann dem Künstler, gerade Professor für Aktmalerei in Breslau geworden, abkaufte, das dann dem Wahn der NS-Diktatur zum Opfer fiel, enteignet (sprich: gestohlen) und in die Wanderausstgellung „Entartete Kunst“, die offensiv und voller Hass die Kunst der Moderne herabzuwürdigen suchte, eingebunden wurde, glückerlicherweise der Vernichtung entkam und nach dem Krieg seinen Platz im Museum Ludwig in Köln fand. Luz wählt für seine Erzählung eine besondere Dramaturgie: den subjektiven Blick, wie ihn z. B. Bastien Vivés konsequent (In meinen Augen, 2010) heranzieht; aber bei Luz ist es nicht der Blick eines Menschen, sondern der des Gemäldes, durch den – und damit eine besondere Nähe und emotionale Identifikation erzeugend – die Rezipienten die Geschichte verfolgen (müssen). David Prudhomme hat den Kunstgriff vorgeführt, wenn er zeigt, wie eine genervte Mona Lisa auf das gaffende Publikum schaut (Einmal durch den Louvre, 2012). Ohne das Gemälde selbst zu sehen (aus Sprechblasentexten kann man auf das Bildmotiv schließen, erfährt Reaktionen von Betrachtern), erleben wir mit, wie das Gemälde entsteht, wobei, dem Malakt folgend, Fleck für Fleck der malende Otto Mueller sichtbar wird. Erst mit Fertigstellung des Gemälders zeigen nun auch vollständig sichtbare Panel chronologisch, was vor sich geht, was sich vor dem Gemälde abspielt, was mit ihm – das passiv das Geschehen erdulden muss – passiert. Luz hat exakt recherchiert, zeigt uns Orte, Akteure, Bilder, Szenen realitätsgetreu, denn er erzählt keine fiktive Geschichte. Die Geschichte dieses Bildes ist exemplarisch die Geschichte der modernen Kunst im 20. Jahrhundert, eine Überlebensgeschichte so vieler Werke, denn mit dem „Blick“ des Gemäldes begegnen wir auch anderen Werke, die vom NS-Maler und -Funktionär Ziegler aus deutschen Museen beschlagnahmt wurden. Zwei weibliche Halbakte hatte das Glück, nicht verbrannt zu werden, sondern wurde dank eines Tauschangebotes des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt gerettet, vonJosef Haubrich für seine Sammlung erworben und nach dem Krieg der Stadt Köln geschenkt. 1999 wird das Bild Ruth Haller, der Tochtert Lippmanns, zurückgegeben und wieder zurückgekauft. Und so hängt das Gemälde heute im Museum Ludwig, „sieht“, wie Lothar, der als kleiner Junge in der Münchener Ausstellung das Bild betrachtete, es nun als alter Herr (nun freilich in anderem Kontext) mit dem gleichen freudigen Lachen bewundert. Im Anhang präsentiert uns Luz dann eine dem Original nahe Adaption, die auch erkennen lässt, dass die Bildgerzählung in Stil und Farbe deutliche Nähe zu Muellers Malweise aufweist. Der Comic ist m. M. n. einer der besten und lesenswertesten der letzten Zeit.
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Iris Haist
Kunsthistorikerin u. Kulturmanagerin, Köln
Katharina Greve: Meine Geschichten von Mutter und Tochter (Avant Verlag)

Hier Endlich, nach mehr als 90 Jahren nach dem Beginn der beliebten Vater und Sohn-Bildgeschichten von Erich Ohser alias e.o.plauen (1934–37), rücken nun auch Mutter und Tochter in den Fokus derartiger Comicreihen. Und das gleich zweimal: Nach Jannes Webers liebevoll gestaltetem Buch Mutter und Tochter von 2024 bereichert 2025 nun auch Katharina Greve dieses Feld mit ihren durchdachten Bildgeschichten mit dem Titel Meine Geschichten von Mutter und Tochter – online und analog. Greve schildert in ihrer unverkennbar reduzierten und direkten Art das Leben einer alleinerziehenden Mutter mit ihrer kleinen Tochter. Ihre Unternehmungen – Museumsbesuche, Zelten, Installieren eines Insektenhotels, Einkaufen auf dem Flohmarkt, etc. – sind eher kostengünstig, fördern aber die Bildung, sind nachhaltig und empowernd. Mutter und Tochter scheinen finanziell aber ausreichend abgesichert zu sein und damit nicht existentiell bedroht. Dadurch entwirft Greve, wie schon e.o.plauen, ein Umfeld für ihre Comics, das den Fokus auf die enge und liebevolle Interaktion zwischen den beiden Hauptfiguren, und nicht zu sehr auf äußere Einflüsse, legt. Es ist dieses vertraute Gefühl von Zweisamkeit, das viele Menschen in ihren positiv empfundenen Beziehungen besonders schätzen, das uns Greves Mutter und ihre Tochter vor Augen führen – und in welches sie uns ganz selbstverständlich miteinbeziehen. Es sind Geschichten zum Mit-Fühlen.
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Imke Heine
Literaturwissenschaftlerin, TU Dresden
Tian: Le piano de Leipzig (Éditions Gallimard BD)

1965. Die siebzehnjährige Dani verlässt ihr Heimatland Kambodscha, um in der DDR ein Klavierstudium zu beginnen. Weit weg von ihrem gewalttätigen Vater hofft sie auf eine bessere Zukunft, doch das neue Leben in Leipzig stellt die junge Frau vor zahlreiche Herausforderungen: Die deutsche Sprache ist schwer, der Winter hart und die Anforderungen des Studiums bringen sie an ihre körperlichen Grenzen. Zum Glück kann sie bei allen Widrigkeiten stets auf ihre Freunde und die Unterstützung der strengen, aber einfühlsamen Klavierlehrerin Ruth zählen – auch dann als Dani bemerkt, dass sie schwanger ist. Der Eiserne Vorhang schiebt sich nicht nur zwischen Nationen, sondern trennt Dani physisch und ideologisch vom Vater ihres Kindes, der sich eine Karriere in den USA aufbaut, während in Kambodscha der Bürgerkrieg ausbricht. Der französisch-kambodschanische Comicautor Tian erzählt in dieser Bande dessinée die berührende Geschichte seiner Tante, die er erst nach der deutschen Wiedervereinigung kennenlernte. In realistischen, klar umgesetzten Alltagsszenen zeichnet er die individuellen Erfahrungen der Protagonistin nach und setzt diese in den Kontext politischer Zusammenhänge. So wird jedes Kapitel von einer separaten Seite eingeleitet, die über das System der DDR informiert. Damit schafft Tian ein beeindruckendes Zeitzeugnis, welches das Augenmerk auf die weniger bekannten historischen Verbindungen zwischen Ostdeutschland und Kambodscha legt.
Karla Paloma: Ratten (Avant Verlag)

Karla ist Dänin, doch das (Über-)Leben in Berlin als chronisch mittellose Künstlerin scheint alles andere als hygge. Positive skandinavische Stereotype lassen sich zumindest ausnutzen, um beim Klauen im Supermarkt mit der neunjährigen Herle einen Ladendetektiv übers Ohr zu hauen. Doch guter Rat ist teuer, wenn Mitbewohner Francesco mal wieder die Miete nicht zahlt, plötzlich alle Freundinnen Nachwuchs bekommen, der an Flatulenzen leidender Bullterrier Dexter die Luft verseucht und Karla hinter dem Flohmarktstand im Mauerpark ihr Dasein hinterfragt. Zumindest ist dann die kluge Hündin Lilsky stets eine moralische Stütze und kann in Notsituationen auch mal einen Krankenwagen rufen oder Spiegeleier braten. Karla Paloma, die 2025 in Angoulême mit dem „Fauve de la Bande Dessinée Alternative“ ausgezeichnet wurde, erzählt hier in drei herrlich schrägen Geschichten von den kleinen und großen Katastrophen des Großstadtalltags. Ganz in Manier der Underground-Comics gestalten sich die schwarz-weißen Panels dabei sowohl auf visueller als auch auf inhaltlicher Ebene schamlos und kantig. Gleichzeitig präsentiert sich Karla nicht ohne Ironie mit all ihren Unsicherheiten, was sie zu einer überaus sympathischen und nahbaren Figur macht. Der Ausgang ihrer Abenteuer, irgendwo zwischen Autofiktion und Tagtraum, ist stets unvorhersehbar. Eine amüsante Lektüre, die Lust auf eine Fortsetzung macht.
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Katharina Hülsmann
Japanologin, icon Düsseldorf
Shima Shinya, übersetzt von Ekaterina Mikulich: Lost Lad London, 3 Bde. (KAZÉ Pegasus Manga)
Der Student Al Adley findet zu Hause in seiner Jacke ein blutiges Messer – anscheinend die Tatwaffe in einem Mordfall, der durch alle Medien geht: Londons Bürgermeister wurde in der U-Bahn erstochen! Al erinnert sich nicht, wie das Messer in seine Jackentasche kam. Allerdings muss er auch gegenüber der Polizei zugeben, dass er wohl in derselben U-Bahn fuhr, in der der Politiker tot aufgefunden wurde. Alleine der etwas grimmige Detective Ellis glaubt ihm und tut sich mit ihm zusammen, um den wahren Mörder zu finden. Lost Lad London ist ein spannender Krimi-Manga, in dem zwei People of Colour nicht nur die Hauptrollen spielen, sondern dessen Ensemble an Figuren die Diversität Londons widerspiegelt. Darüber hinaus ist der Manga in einem auffallend experimentellen Stil gezeichnet: Filigrane Linienführung, insbesondere bei der Gestaltung der Mimik der Figuren, und skizzenhaft plakative Verwendung von Farbflächen und Kontrasten bei den Hintergründen. Ungewöhnlich ist auch, dass der ganze Manga ohne Soundwords auskommt. Lost Lad London ist ein Pageturner und auch ästhetisch eine Erfahrung, perfekt zum Wegschnabulieren über die Feiertage. Alle drei Bände sind in deutscher Übersetzung zwischen August und Dezember bei Pegasus Manga erschienen.
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Björn Laser
Linguist und Sprachdidaktiker, PH Schwäbisch Gmünd
NON, übersetzt von Sakura Ilgert: Adabana, 3 Bde. (Tokyopop)

„Adabana“ bezeichnet eine Blüte ohne Frucht, im übertragenen Sinne verschwendete Schönheit und vergebliche Hoffnung. In diesem dreibändigen Manga von NON geht es, nicht untypisch, um Jugendliche an der Schwelle des Erwachsenseins: um eine Jugend, die geprägt ist von Verlassenheit, Machtmissbrauch und sexueller Gewalt. Die 17jährige Mizuki Aikawa behauptet, ihre Mitschülerin Mako Igarashi getötet zu haben, ihre beste und einzige Freundin. Ihre Angaben klingen zunächst schlüssig, insbesondere als Mizukis Angaben zur Leiche des Mädchens führen und sie gleich noch einen weiteren Mord gesteht. Zunehmend scheint in den Befragungen aber durch, dass etwas an Mizukis Version der Ereignisse nicht stimmen kann, und ihr anfangs nicht sonderlich interessierter Pflichtverteidiger stellt sich nicht nur die Frage, was wirklich geschehen ist, sondern auch, warum Mizuki darauf beharrt, die Taten begangen zu haben. Die drei Bände erzählen aus unterschiedlichen Perspektiven und bilden damit eine echte Trilogie: Der erste Band schildert die Ereignisse in Rückblenden so, wie Mizuki sie gegenüber der Polizei und ihrem Verteidiger darstellt. Der zweite Band setzt zeitlich früher an und führt nun aus Makos Perspektive zu einem dramatischen Höhepunkt, der sich im ersten Band noch deutlich anders gestaltet. An diesem Wendepunkt nimmt der dritte Band Mizukis Perspektive wieder auf, die aber nun nicht mehr vermittelt durch Befragungen als Rückschau erscheint, sondern zum abschließenden Prozess führt. Vieles ist nicht so, wie es scheint, aber es geschehen auch keine Wunder. Dass man sich an Akira Kurosawas Rashomon erinnert fühlt, mag ebenso naheliegend wie oberflächlich sein, aber NON gelingt es sehr kunstvoll, durch die verschiedenen Erzählansätze nicht nur Spannung zu erzeugen, sondern auch emotionale Tiefe. Die erwächst ebenso aus der grafischen Darstellung von Verrat und Verzweiflung – mit einigen expliziten Darstellungen sexueller Gewalt, die die diesbezügliche Triggerwarnung auf dem Cover und auch die Altersvorgabe ab 18 angebracht erscheinen lassen.
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Laura Lewald-Romahn
Literatur- und Mediendidaktikerin (Universität Münster)
Paru Itagaki, übersetzt von Jürgen Seebeck: BEASTARS, 22 Bde. (KAZÉ) / BEASTARS (Anime, Netflix)

Mit Beastars hat Paru Itagaki ein vielschichtiges Werk geschaffen. Coming-of-Age, (sozial unerwünschte) Liebe, Krimi, bitterböse Gesellschaftssatire – eine hybride Fabel, die existenzielle Fragen nach Identität, Aufwachsen, Moral, Begehren und sozialer Zugehörigkeit verhandelt. Der Manga spielt in der strikt dualistischen Welt anthropomorpher Tiere. Die Welt der Fleisch- und Pflanzenfresser hat eine fragile Ordnung, sie ist von Misstrauen und unausgesprochenen Machtverhältnissen konturiert. Die Angst der Herbivoren verschlungen zu werden, ist ebenso omnipräsent, wie die Hilflosigkeit der Carnivoren, ihre naturgegebene Fleischeslust nicht zügeln zu können – ein Natur-Kultur-Konflikt par excellence. Und doch beginnt die Erzählung mit dem Unaussprechlichen: Ein Pflanzenfresser wird brutal gerissen. Im Mittelpunkt der Erzählung steht die Liebe zwischen dem siebzehnjährigen Grauwolf Legoshi, dessen imposante Erscheinung im scharfen Kontrast zu seinem sensiblen Inneren steht, und dem achtzehnjährigen Zwergkaninchen Haru. Legoshi ringt mit seinen Instinkten, den gesellschaftlichen Erwartungen und seinen Gefühlen. Die Liebesgeschichte wird weder idealisiert noch moralisiert, sondern verletzlich erzählt. Begehren und Verzehren werden doppelt gelesen: Legoshi begehrt Haru so sehr, dass er Angst hat, seine Triebe nicht kontrollieren zu können. Es ist kaum verwunderlich, dass ‚Legoshi‘ eine Referenz auf Bela Lugosi ist – in cineastischer Referenz auf Dracula, Blutdurst und Verlangen. Gleichzeitig verzehrt sich Haru, um sich selbst spüren zu können. Beastars stellt sich mutig Spannungsfeldern wie Ausgrenzung, Rassismus, Kannibalismus, Lust/Sexualität, Devianz, Gewalt und Grenzüberschreitung in der adoleszenten Identitätskrise. Formal überzeugt der Manga dabei durch eine eindrucksvolle Bildsprache – intensive Hell-Dunkel-Kontraste und expressive Linienführung. Als Anime-Adaption sind bisher drei Staffeln verfügbar, die zweite Hälfte wird 2026 erwartet. Das Werk ist für Leser*innen ab 16 Jahren eine eindringliche (Verzehr-)Empfehlung.
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Hanspeter Reiter
Comicoskop-Redakteur
Alexander Braun: Ich, das Tier (Grimmwelt/Panini)

Eine chronologisch wie thematisch umfassend-variantenreiche und zugleich pointiert-detailreiche Ausstellung (noch bis zum 12.04.2026), deren ausufernde Fülle sich mir schon vorab durch den Katalog offenbart hat, der die Exponate abbildet – und zugleich einordnet, durch den bekannten Kurators vertiefende Text-Beiträge! Um all das zu be- und zu durchleuchten: „Vom Bösen Wolf bis Donald Duck – Das anthropomorphe Tier im Comic“, auf dem Cover allerdings anstelle des Bösen Wolfs der wie üblich sardonisch grinsende Garfield: „Fabeln mit Tieren kennt die Kulturgeschichte der Menschheit seit dem Alten Testament, der Antike oder Jean de La Fontaine im 17. Jahrhundert. Aber erst die Moderne und der Comic haben das vermenschlichte Tier in Serie gehen lassen, zu Ikonen der Popkultur und Gefährten unseres Alltags gemacht. Das 20. Jahrhundert hat anthropomorphe Tiere von Micky Maus und Donald Duck über Garfield bis Wolverine zu Menschen wie Du und Ich gemacht.“ In den Blick genommen sind Märkte (Frankreich, USA), Medien-Macher (Walt Disney, Waner Bros.), vielerlei Illustratoren (von Gus Dirks über Carl Barks hin zu Ralf König etc.) plus Ausreißer wie Bilderbogen (als Vorläufer) oder Wölfe als vielfach vertretene Tier-Art. Nur als Randnotiz: Auch manche tierische Nebendarsteller*innen entwickeln durchaus menschennahe Züge und hätten durchaus ihren Platz einnehmen können, siehe Struppi oder Idefix etc. pp.
Thomas Klie und Peter Gaymann: Demensch (med2)

Mal wieder ein Sach-Comic, gar aus einem medizinischen Fachverlag: „Für einen menschenfreundlichen Umgang mit Demenz“ plädieren hier Text-illustrierend Bilder, die verstärkt zur Reflexion – fast drängen. Dieser Illustrator ist vor allem bekannt für seine Hühner-Cartoon, doch hier kommen seine Bilder ernster und weniger leicht daher, dennoch ironisch, fast selbst-ironisch, wenn aus dem Erleben von „Demenschen“ möglich… Denn: „Mit Demenz leben? Das ist herausfordernd. Ohne Humor lassen sich die Unstimmigkeiten im Leben und in der Welt schwer ertragen. Das gilt auch für ein Leben mit Demenz. In menschenfreundlicher Weise und mit Humor sich den (auch) leidvollen Seiten der Demenz und Vergesslichkeit zu stellen – dies gelingt dem Sozialexperten und Gerontologen Prof. Dr. Thomas Klie gemeinsam mit dem Cartoonisten Peter Gaymann mit Bravour!“ Wie schon das trefflich gewählte Cover-Bild verdeutlicht – wie auch jenes auf der Rückseite… Gewohnt comicesk kommen Gaymanns Illustrationen allesamt daher, mal mehr, mal weniger: S. 15/19 gar mal als Panel-Folge, häufig mit Sprechblasen (S. 58 z.B.) statt der meist üblichen integrierte Text-Zeilen – wie etwa S. 109, mit einem Pärchen auf der Parkbank: „Weißt du noch früher?“ sie – und er antwortet „Weiß ich nicht. War aber alles besser!“. Eines von vielen Beispielen, in denen ins Bild eingefangen Sprüche neu interpretiert sind.
Gerry Alanguilan, übersetzt von Jens R. Nielsen: Elmer (Dantes Verlag)

Im abgelaufenen Jahr 2025 präsentierten sich die Philippinen als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse, wie üblich in thematisch strukturierten Bereichen des Forum, plus Auftritts-Bühne. Auch Comics waren dabei, in deutschsprachigen Auflagen in aller Regel beim Dantes Verlag erscheinend, etwa Elmer: Vermenschlichtes Verhalten von Tieren – und damit verbundenes eher entmenschlicht-unmenschliches von Menschen stehen hier im Mittelpunkt: Ein Geschehen zwischen Romantik und Massenmord, auf den Punkt gebracht. Das SW-Album (mit farbigem Cover) lebt von der ausdrucksstark wiedergegebenen Mimik vor allem der Hühner, die durchaus unterschiedliche Charaktere (sehr menschlich = anthropomorph) repräsentieren. Zugleich sind Ansichten geboten, die an klassische (Gemälde-)Kunst erinnern: S. 28 etwa findet sich ein entzückendes ganzseitiges Beispiel, Friede & Freiheit mit weitem Blick im Natur-Kontext, zugleich konterkariert in einer (wie sich dann herausstellt) gefilmten Sequenz mit dem Filmstar aus der Hühner-Familie im Mittelpunkt (S. 92ff.)… Manch Assoziation mag beim Lesen und Betrachten aufkommen, etwa an Art Spiegelmans Maus – und damit an Massenvernichtung im Holocaust: Verdeutlicht u.a. via Schuld-Zuweisungen, hier: Vogelgrippe-Pandemie. Ergo aus verschiedenen Perspektiven interpretierbar… Ein durchaus anregender Einstieg, sich mit der sehr variantenreichen Comic-Szene dieses Inselreiches zu befassen, die teils auch die Folgen der jahrhundertelangen Kolonialzeit spiegelt. Im Nachklang zur Buchmesse sind diverse weitere Alben erschienen…
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Janek Scholz
Literaturwissenschaftler, Universität Leipzig
Birgit Weyhe: Schweigen (Avant Verlag)

Mein Comic-Highlight in diesem Jahr war zweifellos Birgit Weyhes Schweigen. Darin schildert sie die Verflechtungen der deutschen Nachkriegsgeschichte mit der argentinischen Militärdiktatur anhand der Schicksalsschläge zweier Frauen. Die Geschichten von Ellen Marx, die als Jüdin aus Nazideutschland flieht und deren Tochter später in Argentinien als eine von 30.000 Personen spurlos verschwindet, und Elisabeth Käsemann, einer jungen Deutschen, die ebenfalls in Argentinien verschwindet und ermordet wird, ohne diplomatische Bemühungen zu ihrer Rettung, werden abwechselnd erzählt, stets mit einem vorgeschalteten Kapitel zum historischen Kontext. Der Comic macht deutlich, wie eng die deutsche und die argentinische Geschichte verknüpft sind: Einerseits, da Ende der 1930er und Anfang der 1940er Jahre nicht nur Opfer des Naziregimes, sondern auch deren Täter nach Argentinien flohen, andererseits, da sich deutsche Studierende in den 1960er und 1970er Jahren zunehmend politisierten und für Lateinamerika interessierten. Am Fall Elisabeth Käsemanns wird jedoch deutlich, dass die wirtschaftlichen Interessen der jungen BRD politisch mehr Priorität genossen als ein Eintreten gegen den systematisch verübten politischen Terror der dortigen Militärdiktatur. In einem Schlusswort legt Weyhe ihre persönliche Motivation für diesen Comic offen. In einer Zeit, in der Hassrede und die Relativierung historischer Verbrechen hoch im Kurs stehen, gelte es umso mehr, sich der Vergangenheit bewusst zu werden, um neuerliche Ausgrenzung, Gewalt und Verfolgung zu vermeiden, denn: „Nie wieder ist jetzt. Nunca más“.
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Christine Vogt
Direktorin LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen
Walter Moers: QWERT (Penguin Verlag)
Mit seiner Persiflage auf das Genre des Ritterromans hat Walter Moers ein neues Meisterwerk geschrieben und gezeichnet. Er gibt sich erstmals wieder selbst als Autor und Illustrator an. Sein Alter Ego Hildegunst von Mythenmetz erscheint nicht auf dem ausführlichen Innentitel, der die „43 Aventiuren“ einleitet. In einem turbulenten Ablauf, der wie ein Roadmovie von Station zu Station rast, lässt Moers uns an den Abenteuern des Gallertprinzen aus der 2364. Dimension, nun im Astralkörper des legendären Ritters Kaltbluth, teilhaben. Dabei kommt Qwert schon im ersten Zamonienroman von 1999 vor: Der Blaubär besucht zusammen mit Qwert und der Berghutze Fredda die Nachtschule von Prof. Dr. Abdul Nachtigaller. Wie in all seinen Romanen erzählt Moers die Geschichten in unfassbar detaillierten Zeichnungen, die weit über reine Illustrationen hinausgehen. Gleich im Vorsatzblatt führt eine Landkarte in das neue Land Orméa ein: Vom Endlosen Abgrund über die Seltsame Schlucht und Creatopolis bis zur Blutroten Wüste. Ein besonderes Highlight der Darstellungen ist die – drei aufeinander folgende Doppelseiten füllende – Architektur von Creatopolis. Überhaupt stellen die Zeichnungen die neue Welt in ihren eigenwilligen Ausprägungen eindrucksvoll dar. Der neue Moers-Band ist eine klare Empfehlung für alle Fans und vor allem die, die es noch werden wollen. Nicht nur das Reitwürmchen Schneesturm und der Knappe Oyo, der ebenfalls durch ein Dimensionsloch gefallen ist und aus der Insel der tausend Leuchttürme als Hildegunsts treuer Begleiter Queekwigg bekannt ist, werden alle Herzen im Sturm erobern.
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Lukas R.A. Wilde
Medienwissenschaftler, NTNU Trondheim
Deniz Camp und Javier Rodriguez: Absolute Martian Manhunter (DC Comics)

Obwohl DCs neues „Absolute“-Universum zunächst nach einem ziemlich transparenten Abklatsch von Marvels „Ultimate“-Line aussah, ist alle meine Skepsis längst über Bord geworfen und ich bin hemmungslos fast jeder neuen Ausgabe verfallen wie seit Jahren nicht mehr. Viele der wegweisendsten DC-Comics von DKR über Red Son bis zu Kingdom Come waren bekanntlich „Elseworlds“, und vielleicht ist genau dies die neue Rolle von Comics im Transmedia-Kontinuitätsteppich: wieder alles aufzumischen! Zwischen all den unerwarteten Perlen – Absolute Batman hat mich ab „Abomination“ gepackt, Absolute Green Lantern ab der ersten Ausgabe – sticht Absolute Martian Manhunter nochmal besonders heraus, mit der Energie früher Vertigo-Anarchie: jedes Panel ein psychedelisches Kunstwerk, jede Captionbox gemeißelte Prosa, jede Ausgabe eine immer tiefere Reise in diesen irgendwie bekannten, aber irgendwie auch völlig neu entfesselten DC-Kosmos. Dieser „Martian Manhunter“ hat überhaupt keine physische Existenz sondern bewegt sich als reine Gedankenform zwischen Erinnerungsbildern, Caption-Boxen und allen anderen Darstellungsebenen, die die Comic-Sprache so anbietet. „What happens in your head also happens.“ Fühlt sich tatsächlich danach an, als ob diese Figuren gerade ganz neu erfunden werden…
Kieron Gillen und Caspar Wijngaard: The Power Fantasy (Image Comics)

Von Gillen kennt man nicht viele Missgriffe. Die Prämisse von The Power Fantasy klingt zunächst ein wenig nach Watchmen: was, wenn einige wenige Superkräfte real wären und die Weltgeschichte verändert hätten? Das kennt man – hier aber sind die Protagonist*innen so übermächtig, dass jede Auseinandersetzung sofort das Ende der Welt bedeuten würde, darum muss genau auf das verzichtet werden, was das Genre sonst ausmacht: Ausgetragene Konflikte! Stattdessen taktieren, observieren, Allianzen schmieden, platzen lassen, Bauernopfer aushandeln… der weltumspannende Plot und die geschliffenen Schachspiel-Dialoge sind dann auch so dicht geschrieben, dass ich selten zuvor jede Ausgabe so oft wieder- und wiedergelesen habe, um alle Verbindungen herzustellen und alle Fäden zu entwirren – noch so eine neue Serie, bei der ich wieder auf jedes neue Trade harre und mir dann erstmal alle Termine frei schaufele, wenn es endlich da ist.
Tom King und Peter Gross: Animal Pound (BOOM! Studios)
Das ist ein Selbstläufer dieses Jahr, für diese Liste… das Comic, das man eigentlich jeder Person zu jedem Anlass schenken sollte, damit es mehr Verbreitung findet. Tom King mag in seiner Karriere-Biographie nicht ganz unproblematisch sein, aber als Comicautor ist er eine Naturgewalt und Animal Pound ist genau das Comic, das derzeit drängt: Wie der Titel schon erahnen lässt, haben wir es mit einer geupdateten Neuerzählung von Orwells Animal Farm zu tun. Aber, weil wir eben 2025 hatten, baut das Kammerspiel der Tiere uns keinen drohenden Kommunismus, sondern das aktuelle Erstarken des Trump-Faschismus als brillante Parabel nach. Weit über die politischen Analogien hinaus, funktioniert Animal Pound aber auch auf vielen anderen Ebenen gleichzeitig, überrascht, überwältigt, und bricht einem auch ein wenig das Herz, obwohl man das Ende natürlich immer schon vorwegahnen kann.
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Ein Comic wie eine Doktorarbeit. Etwas zu lang, zu viele Themen, sehr belesen und mit Fußnoten am Ende. Und doch ist es sicher einer der interessanteren Beiträge der letzten Jahre: gerade weil es wie ein langer Essay wirkt, der nach über 300 Seiten gesteht, er hätte gerade mal die Oberfläche angekratzt. Schade, dass Brager daraus kein Argument für den Comic selbst macht, der ja immer wieder der Oberflächlichkeit bezichtigt wurde. Gleichzeitig ist dies nicht die Tradition, in die sich Brager stellen will. Lange Zitate, von Primo Levi bis Dirk Moses, unterbrechen die Geschichten, es geht um settler colonialism (ohne Israel zu erwähnen), Stolpersteine, Deutsche Erinnerungspolitik, die Frage nach Entschädigungen… Es ist der Versuch, die eigene Familiengeschichte, die nicht eine, sondern mehrere Geschichten meint, in einem größeren historischen Kontext zu begreifen – bis zu einem afro-amerikanischen Friedhof, der in Flatbush, Brooklyn, wo Brager wohnt, überbaut wurde. „It’s the unmarked graves that haunt, that call to be unsettled“. Bragers Comic ist ein solcher Ruf, erschüttert zu sein – ohne vorzuschreiben, was aus dieser Erschütterung folgt. Es ist kein Zufall, dass die Comics deutscher Zeichner_innen in ihren Familiengeschichten eher die Momente aufsuchen, die beruhigend wirken… Der Urgroßvater Bragers war übrigens Boxer, was den Titel etwas ‚leichter‘ macht…
Das ist das Beste, was ich seit Jahren gelesen habe. Corman lässt erfrischend die meisten Konventionen der Holocaust-Comics beiseite, wie schon der Titel andeutet: er ist farbig, es gibt nicht eine Hauptfigur (und sei es nur, wie bei Salomon J. Brager die eigene Persona), sondern mehrere, die vor dem Tod nicht sicher sind; die Vernichtung der Juden wird zwar erzählt, aber vor allem durch ihre Auswirkungen auf die Leben in New York; es spielt in der Working Class; die Träume, Alpträume, die Phantasien und Kinofilme der Zeit sind ebenso real wie das, was gemeinhin als real begriffen wird; es gibt keine Erzählerin, die das ganze rahmt und durch in der Perspektive absichert; Figuren der Leinwand und Gespenster treten auf wie alle anderen Figuren. Dies führt nicht zu einer Relativierung, Banalisierung oder Trivialisierung, sondern erinnert aufgrund der Schilderungen der Wirkungen des Holocaust daran, was uns heute daran noch betreffen sollte.
Walter Benjamin und Siegfried Kracauer lobten in den 1920er Jahren die Erzählform des Märchens als eine, die sich der bürgerlichen Welterklärung, wie sie im Roman populär und bis heute dominant wurde, entziehen würde. Walter Benjamin hat 1932 sogar Hauffs Das kalte Herz für das Radio als Hörspiel eingerichtet. In den Graphic Novels, die leider viel zu häufig der Ästhetik des Romans folgen und damit das proletarische Erbe der Comics verdrängen, sind Märchen selten. Authentische Lebensbeichten oder Familiengeschichten, wie sie Bragers Heavyweight vorführen, herrschen vor. Doch in den letzten Jahren scheint sich etwas zu ändern, wie auch Cormans Victory Parade andeutet. Sascha Hommer, der in Freiburg, nahe des Schwarzwalds aufgewachsen ist, wendet sich in seiner jüngsten Publikation Hauffs Klassiker zu. Hommers Werk darf sicher zu einem der heterogensten und insofern experimentellsten im deutschsprachigen Comic gelten. Es gibt Autobiographisches (In China), das aber eher als Vorwand dient, über die Fremdheit verschiedener Kulturen nachzudenken (weshalb er Spiegelmans Masken aus Maus zitiert), es gibt Fantasy (Im Spinnenwald), eine eher erkenntnistheoretische Erzählung, er hat mit Jan-Frederik Bandel einen Comic-Strip gezeichnet (Im Museum) und sich literarische Texte angeeignet (Dri Chinisin nach Brigitte Kronauer), auch hier favorisiert Hommer die kleine Form der Erzählung gegenüber dem Roman. Nun also Das kalte Herz, das 1827 zuerst veröffentlicht wurde. Kein einfacher Stoff, zur Romantik zählend und von Geld, Geiz und Wucher als bösen Kräften handelt. Doch Hommer weiß den Stoff aus seinen antisemitischen Implikationen zu lösen – und durch kleine Veränderungen (aus dem Glasmännlein wird ein Glasweiblein) zu etwas zeitgenössischem zu machen. Alles überzeugt: die gedeckten Farben, die naive Hauptfigur Peter Munk, der vom Köhler zum Handelsherr wird, die rätselhaften Geister des Waldes – vor allem aber die Erzählung selbst, die den Ton wahrt, das Phantastische unterstreicht und ohne Zierrat zum Nachdenken über das Verhältnis von Märchen, Moderne und Comics einlädt.
Die neue Adaption von Edgar Allan Poes Gedicht „Der Rabe/The Raven“ ist ein absolutes Meisterwerk! Die Autor_innen Gaby von Borstel und Peter Eickmeyer haben es geschafft, Comic und beeindruckende Bildkunst auf eine völlig neue Art und Weise zu arrangieren. Doch für das kreative Autor_innenpaar ist das keineswegs eine neue Erfahrung. Nach der Adaption von „Im Westen nichts Neues“ und „Heinrich Heine – Eine Lebensfahrt“ reiht sich das Gedicht von Poe in diese beeindruckende Reihe ein.




Das Cover deutet es gleich bildlich an, der Rückseiten-Text verstärkt es: Hier geht es um einen Seitensprung beim Comicfestival in Angoulême. Mit dem Besucher_innenstrom aus aller Welt trifft der etablierte Zeichner Denis Choupin ein, als Teil dieser gigantischen Maschinerie. Routiniert arbeitet er die Signierstunden und Meetings ab, plaudert leutselig mit Fans. Alles ist wie immer… Bis in der Schlange vor seinem Signiertisch eine Frau steht, die für ihren Mann eine Widmung möchte… Es kömmt, wie es kommen „muss“. Dargestellt mit feiner Feder, frei von jeglichem Porno-Anklang und ziemlich „ohne Worte“. Ähnlich wie vorher die schwungvollen Tanz-Szenen, in denen die beiden einander näher kommen, Bewegungen toll ausgearbeitet, unter Verzicht auf sonst Comic-übliche Hilfsmittel à la Swoosh oder Speedlines: Hier wie dort zeigt der Zeichner meisterlich, dass und wie Comic rein bildlich wirken kann & wirkt! Apropos, die SW-Graphic Novel bietet vielerlei Grau-Töne und „Massen-“ wie auch Einzel-Porträts, fein gestaltet – siehe Doppelseite 46/47 im Vergleich mit/ohne Fond plus Schattenwürfe usw. Nun, wieviel Autobiografisches ist da drin, ist dieser Story rund um „brich doch mal aus der family aus“, die eben an jenem Wochenende die Verlobung des Sohnes feiert? Schön dieses Verbinden mit quasi Meta-Position und einer feinen Liebes-Geschichte!
Quasi ein Reader zum Thema – oder ist das dann ein „Viewer“, weil: Comic 🙂 ?! Nun also 120 Geschichten zur Rettung des Planeten: 300 Umweltschützer_innen, Künstler_innen, Autoren_innen, Schauspieler_innen, Filmemacher_innen und Musiker_innen haben sich für den wichtigsten Comic aller Zeiten zusammengeschlossen, inkl. zwei für Deutschland exklusive Zusatz-Storys von Timo Wuerz – und übrigens mehrfach vertreten Wars and Peas, ebenfalls bei Panini erschienen (ursprünglich in den USA veröffentlicht). Mit einer Förderung für die beteiligten Organisationen je verkauftem Exemplar. Apropos: Deren sieben werden vorgestellt, intensiv illustrativ präsentiert als „Projektprofil“, mit integrierten Text-Beiträgen, etwa „Born Free“ (Lasst Wildtiere in der Wildnis). Das sind die Kapitel: 1 Veränderung (u.a. Konsum-Verhalten), 2 Schützen (u.a. Plastik…) 3 Retten (u.a. Regenerierung) 4 Motivieren (Geschichten…). Neben klassischen Comics mit vielseitig gestalteten Panel-Folgen und variierenden Layouts, Ligne-claire z.B., gibt´s auch integrierte ganz- und doppelseitige Darstellungen: Ein Füllhorn anregender Impulse, nachdenklich machend – oder gar Vorlagen liefernd. Und natürlich inkl. klimaneutraler Herstellung als nachhaltigem Konzept – wenn auch mit den üblichen Text-Fragezeichen: Fast durchgängig kommen die Sprechblasen-Texte in Versalien daher = schlecht(er) lesbar. Ausnahmen gibt es, erfreulich immerhin: S. 168ff., 207ff. u.a. Und übrigens auch besondere Fundstücke, siehe OHNO als Pogo-Remake. Manga-Adaptionen dagegen suchen Betrachter_innen vergebens…
Der menschenfressende Dämon Rubin träumt davon, in die Fußstapfen Anthony Bourdains zu treten und möchte mithilfe des arbeitslosen Filmabsolventen Mo eine Netflix-Food-Doku drehen. Aus dieser bizarren Ausgangssituation entwickelt sich eine wunderbare Parabel über die Rolle von Gier und Genuss in der kapitalistischen Massen- und Konsumgesellschaft, über die Wertschätzung von Geschmack und die Anerkennung von Geschichten und Schicksalen, die mit Essen verbunden sind. Für Mo wird die Geschichte zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie und Einstellung zum Essen und Filmemachen, während anhand von Rubin die Frage nach Menschlichkeit und Monstrosität verhandelt wird.
Comics zum Thema mentale Gesundheit gibt es einige, aber leider enden sie manchmal (zu?) versöhnlich – in einem Moment der sozialen Integration oder der persönlichen Erfüllung und des Wachstums einer fiktiven Figur. Sowas ist zwar eine nette Geschichte, angenehm zu lesen, hat aber leider häufig wenig mit der Realität zu tun, denn Depression zieht sich oft wie Kaugummi und es fällt den Betroffenen schwer, die Situation zu akzeptieren oder einen Sinn darin zu finden. Thorogoods „auto-bio-graphic-novel“ sticht hier als eine vergleichsweise ehrliche und ungeschönte Auseinandersetzung mit Depressionen heraus. Sie zeigt den realen, zwischen Höhen und Tiefen schwankenden Alltag einer an Depressionen leidenden Comicschaffenden: In Momenten des Beisammenseins fällt es ihr schwer, eine echte Verbindung zu ihren Mitmenschen zu fühlen. In Momenten des Erfolgs nagt stets der Selbstzweifel an ihr (und das in einer unbeständigen Branche mit hohem Leistungsdruck).
Ein ungewöhnliches, aber wichtiges gesellschaftliches Thema verarbeitet Eva Müller in ihrem in sehr direkten Bleistiftzeichnungen ausgeführten Werk Scheiblettenkind: die Scham über die soziale Herkunft und den Zweifel an sich selbst, ob der Bildungsferne des eigenen Elternhauses. Die Autorin beginnt mit einem Intro, in dem sie erklärt, dass sie die Autofiktion als Erzählweise gewählt habe und wünscht „Viel Spaß beim Lesen“, während sie Herz und Hirn der Leserschaft entgegenstreckt. Mit vielfachen Zitaten erzählt sie ihre Lebensgeschichte. Aus einem Dorf und einfachen Verhältnissen stammend, stets – teils schwer – für ihr eigenes Geld arbeiten müssend, findet sie nach und nach ihren Weg zur Zeichnerin und Künstlerin. Doch bleibt der Selbstzweifel in Form der Schlange visualisiert, stets an ihrer Seite und schleicht sich manchmal nur am Rande und manchmal sie gänzlich verzehrend ins Bild. Eine große Erzählung und grandiose Identifikation für alle, die einen Bildungsaufstieg machen und sehen, dass sie mit ihren inneren Widerständen nicht allein sind. Karl Marx kommentiert jedes Kapitel am Schluss humorvoll.
Auf amüsante und ganz selbstverständliche Weise nähert sich Tanja Esch in diesem unterhaltsamen Buch dem Thema der Identitätssuche und des „Andersseins“. Boris erhält von seiner Nachbarin Lynette deren „Haustier“, das sie vor langer Zeit in einer Tierhandlung als Hamster gekauft hat. Doch ein Hamster ist Babette nicht und auch die anderen Versuche sie einer Tierart zuzuordnen – hier lernen die jungen Leser_innen ganz nebenbei etwas über Tiere, wie zum Beispiel das Wiesel – misslingen. Babette ist gelb, kann sprechen und liebt Grusel und Skelette. Da Boris mit seinem Haustieranliegen bei seinen Eltern auf Ablehnung trifft – seine Mutter arbeitet ständig, ist zugewandt aber geistig abwesend, sein Vater putzt ständig und ist übertrieben ordentlich – geht er zu seinem Opa, der skurril mit lauter ausgestopften Tieren zusammenlebt. Er hilft Boris „Knochen“ aus Ästen zu schnitzen und für Babette ein erstes Skelett zu bauen. Schließlich zieht Babette bei dem Opa ein und sie tauschen sich über das „Anderssein“ aus, das der Opa als dunkelhäutiger Zuwanderer in den 1970er Jahren ebenfalls persönlich erfahren hat.
Bestseller-Autor Walter Moers hat sich von seinem zamonischen Kontinent weg in ein neues Abenteuer gewagt: die Vorstellung des amerikanischen Zeichners und Autors Edward Gorey. In einem Prachtband mit zahlreichen Abbildungen der Werke Goreys sowie Fotografien zu seinem Schaffensort, dem Elephant House, gibt Moers Einblick in das Werk des Multitalents, das das eigene Schaffen Moers stark beeinflusst (hat). In einem Abecedarium, das mit diesem Begriff anfängt und mit „Z wie ZILLAH – who dank too much gin“ aufhört, werden spezielle Begriffe aus dem Gorey-Kosmos gedeutet. Moers übersetzt einige der bekanntesten Geschichten Goreys ins Deutsche, so Eine Harfe ohne Saiten, Der fragwürdige Gast, Die Kleinen von Gashlycrumb oder Der Westflügel. Herrlich auch die Zeichnungen mit Zweizeilern zu Die Stimmgabel und Der Wackelhump. Ebenfalls wird der Cover-Kunst Goreys, seinen handgenähten kuriosen Figbash-Puppen und dem Dracula-Theater jeweils eigene Kapitel gewidmet Ein wundervolles Buch um sich mit den grafischen wie textlichen Umsetzungen der fantastischen Art des Edward Gorey bekannt zu machen oder sein Wissen zu vertiefen. Eine Reise in fremde und anrührende Welten.
Unbemerkt von Feuilleton Comic-Kritik wurde Adam Ellis in den letzten Jahren zu einem echten Webcomic-Superstar mit Millionen von Follower_innen auf allen wichtigen Social Media-Kanälen. Diese Print-Ausgabe, eine Horror-Anthologie namens Bad Dreams in the Night, gibt einen faszinierenden Einblick, wie meisterlich Ellis die vielleicht schwierigste Erzählform überhaupt bespielt, nämlich extrem kompakte Kurzgeschichten. Auch wenn die Artworks eher funktional als überwältigend anmuten transportieren sie perfekt die große Bandbreite erzählerischer Stile, die zwar alle irgendwie im Genre Horror verortet sind, dabei aber enorm experimentierfreudig daherkommen und ihre jeweilige Schreckenspointe zu einem immer wieder überraschenden, schnörkellosen Kern verdichten. Die beigefügten Endnoten, in denen der Künstler Einblicke bietet, wie und warum das jeweilige Szenario entstanden ist, wirken authentisch und sympathisch – eine rundherum beeindruckende Publikation!
Hier ist es ein wenig umgekehrt wie bei Ellis: die Zeichnungen, Layouts und das grafische Welt-Design sind absolut überragend und einzigartig, während sich die Handlung weitgehend verschließt und auch an einer einigermaßen beliebigen Stelle endet bzw. abbricht. Vielleicht weil die anzitierten Themen KI und Multiversen dennoch genau den erzählerischen Zeitgeist treffen, wurde Richard Blakes Hexagon Bridge sicher eines der meistgenannten „Best of 2024“-Comics des vergangenen Jahres. Immer wieder wurde dieses „High Concept“-SciFi-Opus mit den Filmen Christopher Nolans, den Romanen Isaac Asimovs oder den Comic-Frühwerken Jonathan Hickmans verglichen. Für mich ist es eher eine Art Musikvideo in Moebius-Ästhetik, das seinen Sog alleine über Rhythmus und visuelle Symphonien entfaltet. Dass es sich dabei tatsächlich um das Comic-Debut von Blake handeln soll, ist kaum zu glauben – hoffentlich ein Name, den man noch viel häufiger hören und lesen wird!
Das ist jetzt, zugegeben, schon eher die Kategorie „Highly Special Interest“, aber was einem als Deutscher im Ausland natürlich vor allem immer fehlt, ist: gutes Brot! Zufällig habe ich in diesem Jahr damit begonnen, fast täglich zu backen als ich zeitgleich in einem Comicladen über dieses herrliche Sachcomic gestolpert bin, das eine ganz wunderbare Handreichung zur Pflege von Sauerteigkulturen, zu verschiedensten Backtechniken und -traditionen sowie zahlreiche Brot-„Fun Facts“ mit äußerst empfehlenswerten Rezepten kombiniert. Forkish hat bereits zahlreiche „richtige“ Bücher übers Brotbacken verfasst, aber die schönen Bebilderungen von Becan und die sympathischen Avatare machen (mir) viel mehr Lust aufs Ausprobieren als irgendwelche Hochglanz-Stock Photos. Highly special interest, wie gesagt…
In ihrem beeindruckenden Graphic-Novel-Debüt lässt die Rina Jost ihre Protagonistin eine fantastische Reise erleben, die offen als Metapher steht für die Frage, wie man mit der Depression eines geliebten Menschen umgehen kann. Die Schweizer Künstlerin konnte eigene Erfahrungen in die Fiktion einfliessen lassen und hat die komplexe Thematik kreativ und einprägsam, doch stets zugänglich umgesetzt. Am Anfang wirkt die Redensart «in einer Depression versinken» sozusagen buchstäblich: Malins Schwester Sibyl mutiert von einem Deckenberg zu einem Felsen und versinkt durch ihre Matratze. Malin taucht hinterher und landet in fantastischen Gefilden. Hier versucht sie, Sybil zu finden – diese ist jedoch stets schon weitergegangen. Doch hat Malin zumindest in Dackel Wilma eine treue Begleiterin, während sie diese surreale Welt durchstreift und auf Figuren trifft, die oft mythologische Anspielungen verkörpern. Für den wohl eindrücklichsten Schreckensmoment sorgen die schwarzen Raben, die Malins Angst verkörpern, selbst an einer Depression zu erkranken. Schliesslich muss sie erkennen, dass sie ihrer Schwester eigentlich nicht helfen kann und jeder seinen Weg selber finden muss. Malins Reise zieht einen durch die sympathische Hauptfigur, die fantasievollen Stationen und allem voran ihrer Bildmächtigkeit in ihren Bann. Die Texte dazu sind knapp formuliert, und so erhält die Geschichte eine erzählerische Leichtfüssigkeit, die aber die Gewichtigkeit des Themas nicht untergräbt – womit «Weg» durchaus auch schon eine kindlich-jugendliche Leserschaft anspricht.
«Majestät, ihr seid noch bezaubernder als eine Espalüne!» Mit diesem extravaganten Kompliment sichert sich Serine, die Tochter eines verarmten Landadeligen, im barocken Frankreich überraschend eine Stellung als Hofdame der Königin. Obwohl niemand weiss, was das von Serine spontan erfundene Wort bezeichnet, wird es sofort der Hit im höfischen Getue. Trotz der Gunst der launischen Königin erkennt Serine bald, dass sich hinter den Oberflächlichkeiten des Hoflebens handfeste Skrupellosigkeiten verbergen. Doch sie manövriert sich so unbekümmert wie geschickt durch die höfischen Intrigen, bis sie ihre Stellung verliert und in den Fluss gestossen wird. Da beschliesst Serine, dass der Spass nun vorbei ist – und kehrt im Kostüm eines Hofnarren ins Schloss zurück. In dieser Rolle läuft sie zu Hochform auf und gewinnt die Gunst des alten Königs, während sie – unterstützt nur vom Henkerlehrling – herauszufinden versucht, wer dem König nach dem Leben trachtet. Die Literaturadaption präsentiert Serines Abenteuer in kleinteiligen Panels, die aber vom Schwung der wenigen Striche leben, die Serines Unbeschwertheit und ihre soziale und körperliche Agilität abbilden. Viele sprachspielerische Elemente sind immer wieder kreativ ins Bild integriert. Die Lächerlichkeit der Höflinge wird mit viel Augenzwinkern ausgestellt – umso mehr ist Serine mit ihrer Offenheit und Spontanität eine so liebenswerte wie clevere Heldin. Auch wenn sie in der Komödie und im Spielerischen verhaftet bleibt, ist Serine eine emanzipierte Version von Mantel-und-Degen-Helden à la Scaramouche, womit das zurzeit eher wenig produktive Genre hier eine lesenswerte Bereicherung erhält.
Das Buch ist ein Erstlingswerk – kommt aber routiniert und sehr gelungen daher. Wie der Verlag vermuten lässt: ein Bilderbuch für jüngere Kinder – und eine höchst amüsante, lesens- und sehwürdige Bildgeschichte für alle, die in Doppelbildern, Einzelbildern und zwei, drei oder vier Bildern auf einer Seite erzählt, stellenweise mit integriertem kurzen Erzähltext, mit Sprechblasen, aber bildmächtig auch mal ganz ohne Text. Im Wald, düster, angsterregend, spielt die Parabel; entsprechend betont die Farbgebung mit meist schwarz hinterlegtem Grund die Stimmung. Auf den ersten Blick wirken die aquarellierten Zeichnungen ein wenig ungelenk, sehr zeichenhaft und flach, die Akteure z. T. wie Schablonenfiguren. Aber man merkt schnell, dass diese einfache und unmittelbar ansprechende Bildsprache der Thematik wie der intendierten Zielgruppe genau entspricht. Man sieht sich ein, identifiziert sich, spielt mit, fühlt mit, wenn Bellwidder sein Morgenbad genießt, bis weit in den Morgen tanzt, und dann ängstlich im Wald bei der Suche nach Beeren sich beim leisesten Knacken das Schlimmste vorstellt. Angst hat Bellwidder vor Wölfen, denn Bellwidder ist ein Schaft. Doch bei aller Ängstlichkeit: Er lässt sich nicht unterkriegen. Er schneidert sich ein Wolfskostüm, dreht das bekannte Sprichwort herum und begibt sich – nun selbst ganz in der Wolfsrolle – mutig ins Walddickicht. Und Bellwidder trifft tatsächlich auf drei Wölfe, freundet sich mit ihnen an – und dann beginnt sein Wolfspelz Fäden zu verlieren, wird aufgezupft und enthüllt schließlich das Schaf. Der überraschende Clou der Geschichte, der auch Kinder wirkmächtig zum übertragenden Weiterdenken anregt, erweist sich, als Bellwider ergeben die Augen schließt und darauf wartet, von den Wölfe gefressen zu werden: Auch die drei Wölfe tragen nur Kostüme, entpuppen sich als Huhn, Hirsch und Ziege… Der Schluss ist programmatisch symbolisch: Bellwidder lädt die neuen Freunde zu sich ein – und zieht die Vorhänge auf: „Ich möchte hier nur ein wenig Licht hereinlassen.“
Diese ausgesprochen farbenfrohe Bildgeschichte von 176 Seiten zeichnet das Leben der berühmten tschechischen Kunstturnerin Věra Čáslavská nach. Sie war eine außergewöhnliche Frau, die bei Olympischen Spielen insgesamt sieben Gold- und vier Silbermedaillen gewann. Sie war eine Frau, die sich nicht verbiegen ließ und für ihre Überzeugung kämpfte. Dieser Band würdigt diese Frau, die sich nicht unterkriegen ließ. Die Farben sind flächig eingesetzt und variieren mit den Erzähl-Strängen. Die Panels sehr variabel, mal sechs, mal vier, mal drei oder auch zwei, dazu ganz- und doppelseitige Bilder (meist angeschnitten), teils mit ergänzenden Auszügen als Kreisflächen. Ebenso flexibel sind Sprechblasen eingesetzt, dazu kommen erläuternde Fußzeilen-Texte und integrierte Kästen. Besonders interessant sind farblich abgesetzte Schattenwürfe bei Gesichtern, während sie in anderen Darstellungen nur in einer Art Ligne-Claire-Stil gestaltet sind. Nun, viele Seiten erinnern gar an PopArt, was Comics als Neunte Kunst verdeutlicht! Ein Kunstwerk mit gestaltetem Vorsatz. Interessant zudem für alle Turn-Interessierten, sind doch vielerlei der komplizierten Übungen an diversen Geräten sequenziell illustriert, etwa Stufenbarren oder Boden… Schön, dass diese exzellente Graphic-Novel nun auf Deutsch verfügbar ist, nachdem ich sie im Rahmen des Münchner Comic-Festivals schon mal im tschechischen Original hatte durchblättern können, beim Tschechischen Zentrum München, Programm siehe
… ist natürlich ein feines Wortspiel zur „besseren Hälfte“, was im Übrigen hier bei vielen der vorgestellten Ehefrauen absolut zutrifft – nur waren sie quasi zur falschen Zeit geboren und wurden so untergebuttert: Wie lebte es sich mit Bach, Mozart, Chaplin, Einstein oder Georg I. von England? Offensichtlich nicht gerade einfach! Manche kennt die Leserschaft wohl schon durch bewusstes Hervorholen in den vergangenen Jahren, zumindest für Minerva Einstein-Maric sollte das zutreffen. Die Künstlerin spielt auf diversen darstellerischen Ebenen mit der Illustration, neben reinem Bild nämlich auch mit kreativen Schriften (plus Hervorhebungen in Farbe und mit Konturierungen à la Schatten, S. 51 z.B.). Gar Sprechblasen kommen ins Spiel (S. 34f. z.B. bei den Mozarts oder S. 129 Ludwig XIV.). Klischees nutzt sie durchaus, seien es Profil-Vorlagen oder bekannte Darstellungen wie Einsteins ausgestreckte Zunge (S. 105). Wer mag, kann vielem folgen, weil S. 136ff. die Quellen für Zitate aufgeführt sind, seien sie textlich, seien sie bildlich. Knapp 150 Seiten fein gezeichneter „Graphic Novel“ im weitesten Sinne – lesen & betrachten! PS: Auch „am Rande“ des Genres Illustration/Bild-Geschichte wird mehr und mehr auf die „vergessene Hälfte“ geachtet: So wurde das berühmte Museum im Münchner Isartor umgetauft in „Valentin-Karlstadt-Musäum“, immerhin…
Mit Fürchten lernen (2023) legt Nando von Arb ein ausdrucksstarkes Werk zum Thema Angsterfahrungen vor. In seinem unverkennbaren Stil widmet sich von Arb in kurzen Episoden den unterschiedlichen Facetten von Angst: der Angst vor Dunkelheit, Einsamkeit, Krankheit, Tod, Versagen und Verlust. Dabei zeigt er nicht nur die verschiedenen Ebenen und Nuancen individueller Angsterfahrungen auf, sondern stellt sich einer besonderen Herausforderung: der Angst ein Gesicht verleihen. In expressiven und kontrastreichen Darstellungen gibt sich die Angst in Fürchten lernen in Form von grotesken, unheimlichen Fratzen, die den Protagonisten nachts aufsuchen oder als organische Auswüchse, die sich durch den Körper der Figur fressen, zu erkennen. Albträume werden grafisch ausdrucksstark festgehalten und durch die Gedanken des Protagonisten kommentiert und kontextualisiert. Neben den individuellen Bewältigungsstrategien mit Angsterfahrungen, bei denen die direkte Konfrontation neben der Flucht vor der Angst skizziert wird, wird dabei gleichermaßen die Frage nach der gesellschaftlichen Akzeptanz von Betroffenen mit Angsterfahrungen aufgeworfen. Die Ängste, Albträume und Panikattacken werden stets individuell – mit und in sich selbst – verhandelt, wodurch eine weitere Dimension von Angst eröffnet wird: die Angst davor, mit anderen über Angst zu sprechen. Nando von Arb gelingt es in Fürchten lernen in besonderer Weise, abstrakte, vielschichtige und persönliche Gefühlszustände, die sich oft nur fließend und nuanciert wahrnehmen lassen, greifbar zu machen. Auf sensible und gleichermaßen eindringliche Weise gelingt es dem Autor durch eine entschiedene Komposition aus Licht, Schatten, Form und Farbwahl ein überzeugendes Werk vorzulegen, das nicht nur durch seine inhaltliche Komplexität und Tiefe, sondern auch durch die stilistisch-grafische Raffinesse beeindruckt. Sein besonderes Talent für die bildhafte Konservierung des ‚Unsagbaren‘ bezeugt er damit auf vielfältige Weise.
Zwischen Januar und August hat Splitter diese Mini-Serie vorgelegt, deren Handlung am 02. Mai 1945 einsetzt. Die Rote Armee hat Berlin erobert; nun will Stalin zeigen, dass Hitler wirklich tot ist. Das ist schwierig, denn eine Leiche fehlt. Zwei Geheimdienste, der NKWD und die SMERSch, treten in einen Wettlauf darum ein, Hitlers Leiche oder zumindest Beweise für seinen Tod zu finden. Dabei bekämpfen sie sich innerhalb des von Konkurrenzen und Misstrauen durchzogenen sowjetischen Systems unerbittlich. Brisards Plot geht vielschichtig vor. Gezeigt wird die kleinteilige Suche nach Hitlers Leiche, die Elemente einer Detektiv-Serie aufnimmt. Im Trümmer-Berlin des Kriegsendes werden immer wieder die deutschen Informanten thematisiert. Im Vordergrund steht aber der Kampf der beiden ausführende Dienste, die für konkurrierende Fraktionen im System der sowjetischen Führung stehen. Auch deren Intrigen im Hintergrund, speziell um NKWD Chef Beria, werden nicht ausgespart. In atmosphärisch dichten Zeichnungen entfaltet Pagliaro diese Geschichte. Sein kantig abstrahierter Stil erinnert mal, gerade auch in der Kolorierung, an expressionistische Holzschnitte, mal bleibt er skizzenhaft und lehnt sich an die Illustrationsgraphik der 1940er/50er Jahre an. Dass die ebenso glaubwürdig wie fantastisch anmutende Geschichte außerdem historisch gut recherchiert ist, zeigt der Begleitteil im dritten Band.
Wie beschränkt der Blick auf Comics (nicht nur) hierzulande nach wie vor ist, zeigt sich an ihrer Herkunft, die selten den europäischen oder nordamerikanischen Raum verlässt. Verdienstvoll hat der Reprodukt Verlag nun, nach Tungsténio bei Avant, das zweite Album des Brasilianers Marcello Quintanilha vorgelegt. Im Mittelpunkt der Geschichte steht die Krankenschwester Márcia, die sich sorgt, ihre Tochter Jaqueline, sorglos und ignorant, könne auf die schiefe Bahn geraten. Das bestätigt sich spätestens, als Jaqueline nach einer Festnahme rasch wieder freikommt. Márcia und ihr Freund Aluísio gehen der Sache nach und geraten in einen Strudel aus Drogenkriminalität und Milizen, bis Jaqueline dafür sorgt, dass Aluísio krankenhausreif geprügelt wird und selbst in den Knast geht. Am Ende des Comics aber ziehen Márcia und Aluísio aufs Land zu Jaqueline und deren Familie, ausgerechnet im Gefängnis war sie vom evangelikalen Priester schwanger geworden. Seine ziemlich bittere Geschichte von der Innenseite Brasiliens inszeniert Quintanilha in grellbunten Farben, einschließlich der menschlichen Körper. Viele Konturlinien fehlen. Konturen werden durch die Farben markiert, schwarze Linien gibt es nur dort, wo sie benötigt werden. Die Panels sind nie durch Linien gerahmt, was dem ansonsten nicht experimentell angelegten Band eine große Leichtigkeit in der Graphik verleiht. Zeichnungen und Narrativ stehen in maximalem Kontrast zueinander. Das alles macht Lust auf mehr, mehr von Quintanilha und mehr aus der offensichtlich schwer interessanten Comic-Szene in Brasilien.
Im Juni 1949 erreicht Josef Mengele Argentinien. Unterstützt durch ein gut ausgebautes Netz vor Ort, aber auch durch den niemals abreißenden Kontakt zu seiner Familie, die ein florierendes Unternehmen für Agrartechnik betreibt, baut Mengele sich zunächst eine gut situierte Existenz in Argentinien auf. Das Leben unter den ehemaligen Nazis ist mondän und gut situiert. Mengele reist unbehelligt nach Deutschland ein, um familiäre und finanzielle Belange zu klären, um den Vater zu beerdigen, holt seine Familie nach. Scheinbar geht das Leben im Exil und unter falscher Identität gut auf. Doch im Hintergrund versuchen sowohl der Frankfurter Staatsanwalt Fritz Bauer als auch der israelische Mossad Mengele ausfindig zu machen. Nach der Ergreifung Adolf Eichmanns wird es auch für Mengele eng, aber die deutsche Polizei und innenpolitische Prioritätensetzungen in Israel sorgen am Ende dafür, dass er unbehelligt bleibt. Unter dem Druck der Ermittlungen muss Mengele immer weiter flüchten, seine Netzwerke brechen sukzessive weg, seine Frau verlässt ihn. Die Familie kappt die Unterstützung; am Ende haust Mengele heruntergekommen in Brasilien. Mit 67 Jahren ertrinkt er beim baden im Meer. Basierend auf dem Roman von Olivier Guez hat Matz (Der Killer) ein dichtes, weitgehend chronologisch vorgehendes Script erstellt, das von Jörg Mailliet in flächigen Zeichnungen, die die Tradition der argentinischen Comics der Zeit aufgreifen, gekonnt und mit einer sehr schönen Kolorierung umgesetzt ist. Der Band bleibt konsequent an seinem Protagonisten und lässt dennoch keine falsche Nähe aufkommen; mit Flashbacks geht er angemessen sparsam um, es reicht völlig aus, zu wissen, um wen es geht.
Dank Yen Press hat dieser koreanische manhwa von JH von auch den Sprung vom Webtoon in Print geschafft! Sicherlich eines der düstersten und bedrückendsten Comics der letzten Jahre, überwältigt die Lektüre aber doch vor allem durch das unglaublich präzise, überwiegend visuelle Erzählen, in dem die wenigen gesprochenen Worte kaum mehr als einen düsteren Soundtrack bilden. Trotzdem werden die beiden kindlichen Protagonist*innen, mit denen wir durch eine postapokalyptische Schreckenswelt à la The Road (McCarthy) oder Parable of the Sower (Butler) wandern, vielschichtiger und komplexer als in der schillerndsten Prosa. Auf ihrer hypnotischen, oft phantasmagorischen Alptraumreise entsteht eine zerbrechliche Nähe, vielleicht auch eine Art von Hoffnung, die aber nie ganz die Einsamkeit und das Schweigen zwischen ihnen zu vertreiben vermag. Alle 21 Kapitel der Webtoon-Serie sind
Das Jahr war weltpolitisch ja nicht gerade einfach, manchmal tut daher Feel Good-Lektüre und gepflegter Eskapismus ganz wohl. Etwas Schöneres als Morikawas Kyūjitsu no Warumono-san, 2023 endlich auf Englisch übersetzt, findet man wahrscheinlich nicht so leicht. Episodische slice of life-Szenen laden zu kleinen „mental health“-Ausflügen in den Panda-Zoo oder den Konbini um die Ecke ein, wo sich ein außerirdischer Superschurke kurze Pausen von seinen Weltvernichtungsplänen gönnt. „That being said, today is my day off!“ wird so zu einer Formel, die nicht nur eine ganz zauberhafte Repetition entfaltet, sondern Genre-Regeln und Tonalitäten auch immer wieder neu überblendet und damit neben zauberhaftem Humor und unaufgeregtem Humanismus durchaus auch immer wieder poetische Qualitäten erzeugt.
Ehrlicherweise ist der Einstieg in dieses seltsame, oft geradezu surreale Drawn&Quarterly-Buch nicht gerade einfach. Schon das Erzählformat lässt sich auf keinen rechten Nenner bringen: Paul B. Rainey bündelt hier ein schnelles Feuerwerk aus einseitigen Punchline-Strips, die häufig in beliebiger Reihenfolge gelesen werden können, langsam aber stetig jedoch immer größere Arcs und ein übergreifendes Gedächtnis entstehen lassen. Der beißend schwarze, mitunter geradezu bizarre Humor lässt Lachen aber nicht wirklich zu: Die kurzen Schnappschüsse aus häuslichen Familienszenen präsentieren das genaue Gegenteil einer Idylle, in der jedes Alltagsdetail von den Depressionen, Verletzungen und Suchtproblemen der Eltern Claire und Mark überschattet ist, die sich nicht einmal die Namen ihres Sohnes merken können und ihre Ehe lange, lange schon aufgegeben haben. Von dieser schwer verdaulichen „baseline“ aus kippt der Plot aber immer weitere ins Surreale und Phantastische – präzise um die Frage herum, ob dies wirklich nicht die Realität ist, die Claire und Mark leben sollten und alles zuvor – selbst das merkwürdig episodische (Nicht-)Gedächtnis – verblüffend motiviert ist! Am Ende der 210 Episoden ist immer noch nicht ganz klar, was man da eigentlich genau gelesen hat, und angenehm war es auch meistens nicht, ganz sicher aber sehr einzigartig und bewegend unter den Publikationen der letzten 12 Monate.
“Believe me: you do NOT want to make an enemy of a librarian.” Diese Warnung stellt der schottische Comiczeichner Tom Gauld seiner jüngsten Sammlung von Comic Strips, die nun schon seit mehreren Jahren den Literaturteil des Guardian zieren, voran. Gauld zeichnet in seinen Comics eine Welt, in der Literatur mit groteskem Ernst behandelt wird und man sich vor der Poetry Police in Acht nehmen muss, die bei trivialliterarischen Äußerungen in der Öffentlichkeit sofort eingreift. Auch reimaginiert Gauld gerne die Entstehung der großen Texte der Weltliteratur, etwa wenn Jane Austen bei der Konzeption ihres berühmten Anfangssatzes von Pride und Prejudice darüber sinniert, was ein alleinstehener Mann denn besitzen muss, um eine Frau zu brauchen (Ein sprechendes Pferd? Eine Zeitmaschine? Oder vielleicht doch lieber ein beträchtliches Vermögen?). Gaulds Comics zeugen von einer immensen Liebe zu Büchern – und kombinieren diese gekonnt mit ebenso klugem wie absurdem Humor und einem minimalistischen visuellen Stil, der Comics mit Diagrammen, Pfeilbildern und Anleitungstexten vereint (beispielsweise in einer Studie über das lokale literarische Ökosystem, die über Habitat und gängige Verhaltensmuster der Spezies der Autor*innen aufklärt). Hier offenbart sich nicht zuletzt dann auch das kritische Potenzial der Strips, die bei aller Absurdität dazu anregen, den Blick zurück auf die Realität zu richten und auf die Rolle, die Literatur und literarische Akteur*innen in unserer Welt spielen und spielen sollten. Eine deutsche Version ist unter dem Titel Die Rache der Bücher erhältlich.
Während des Massakers durch die Hamas am 7. Oktober dieses Jahres in mehreren süd-israelischen Kibbuzim und einem Techno-Festival haben sich einige der Angreifer Kameras um den Hals gehängt, um die Bilder ihrer Gräueltaten in der ganzen Welt zu verbreiten. Unabhängig davon, dass ein Sprecher der Hamas inzwischen behauptet, nur militärische Ziele angegriffen zu haben – eine Behauptung, die ihren eigenen Aufnahmen Hohn spricht –, zirkulieren seitdem zahlreiche Bilder – und täglich kommen neue hinzu. Den auch in Deutschland plakatierten Bildern der von der Hamas entführten Menschen kontert die Terrororganisation mit Bildern von Kindern zwischen Trümmern – sie führt auch einen Krieg der Bilder. namesandfaces.il ist eine Initiative israelischer Illustrator*innen, die ihre Ablehnung des Massakers und des dadurch ausgelösten Krieges durch eine Serie von Zeichnungen auf der social media Plattform Instagram veröffentlicht. Kein Comic im eigentlichen Sinne, aber eine Serie von Bildern und Geschichten, die sich den nicht selten für Verschwörungstheorien dienenden Filmbildern auf derselben Plattform entgegenstellt. Nicht sehr laut, eben ohne die dramatische Musik die den Videos, die behaupten, Wahrheiten über den 7. Oktober zu verbreiten, eigen ist, reiht sich ein Beitrag an den anderen – ganz unterschiedliche Bilder: Skizzen, Portraits, Blumenbilder, Graphiken. Schon diese Heterogenität spricht eine andere Sprache als die Fotos, die Filme, die doch behaupten dokumentarisch zu sein, aber unschwer in jeden neuen Kontext gestellt werden können. Diese Bilder sind jeweils zugeeignet, sie sind nicht nur der Betrachtung, sondern auch jeweils einer Person gewidmet, die ermordet oder verschleppt wurden, die Menschen vor den Mördern gerettet haben, aber auch den Menschen in Gaza, „where darkness entered their homes“. Vielen ist wie in Bildergeschichten ein kurzer Text beigeordnet: was die Gezeichneten auszeichnete, was ihnen widerfuhr – Geschichten, die sonst kaum gehört würden, wie die von dem Busfahrer Haim Ben Aryeh: „On Saturday night, the end of Simchat Torah, Haim went to drive the children of Be’eri to safety on his bus. The horrors he had seen that night broke his heart, and he had not been himself since. In the morning of October 25th he was found dead inside his bus”. Diese kleinen digitalen Bilder wirken wie Talismane, uns vor dem Bösen zu schützen, von dem sie künden.
Schon der Goldschnitt verkündet etwas Besonderes. Er verbindet die verschiedenen Seiten, deren Figuren mal als Menschen, mal als Katzen, aber auch als andere Tiere gezeichnet sind. Der Stil wechselt von Kapitel zu Kapitel, auch wenn Feuchtenbergers eindrückliche Kohlezeichnungen, wie sie aus Der Spalt bekannt sein könnten, dominieren. Grad wenn sich die Lesenden an den Rhythmus aus zwei Bildern die Seite gewohnt haben, wird dies unterbrochen. So einfach ist die Geschichte, die im ländlichen Raum der Deutschen Demokratischen Republik angesiedelt ist, nicht zu haben. Sie fügt sich zu keiner übersichtlichen Erzählung wie sie im Genre der Graphic Biography so gängig geworden ist. Die Zeiten springen, die Figuren wechseln, manches erscheint als erinnerte Anekdote, anderes wirkt wie im Traum, die Übergänge sind fließend. Nur langsam setzen sich die Fragmente zusammen. Es geht um sexuellen Missbrauch, die Nachwirkungen des Zweiten Weltkrieges, es geht um Gewalterfahrung und Vergewaltigung und wie damit nicht umgegangen wurde. Genossin Kuckuck ist ein verstörendes, mutiges Buch, ein Comic, der mit einer Lektüre längst nicht ausgelesen ist. Es stellt uns die Frage, wie überhaupt solche Bücher mit Goldschnitt zu lesen sind, weil sie das Sehen und das Verstehen historischer Zusammenhänge neu denken lehren.
Die Einigkeit über die unvergleichliche Bedeutung George Herrimans Krazy Kat für die Geschichte der Zeitungscomics ist unter Comicforscher*innen groß. Die Wiederveröffentlichung des „Werks“ entspricht dieser Bedeutung allerdings nur zur Hälfte: die oft experimentellen Sonntagsseiten, die zwischen 1917 und 1944 erschienen, sind gleich mehrfach veröffentlicht seit Bill Blackbeard mit seinem San Francisco Academy of Comic Art Ende der 1980er Jahre begonnen hatte, diese jahrgangsweise zu edieren. Das Projekt stockte ab 1925, auch weil es für manche Jahre ausgesprochen kompliziert war, die Seiten zu finden, weil sie anders als die Tagesstrips oft nur in wenigen Zeitungen erschienen – sie waren von den Comic-Seiten ins Feuilleton verbannt worden, wo Redakteure sie gerne wegließen. Fantagraphics hat die Reihe dann ab 2002 übernommen und fortgesetzt – jüngst werden je drei Jahre ebendort in einer sehr schönen großformatigen Reihe zusammengefasst. Aber die Tagesstrips? Sie harren ihrer systematischen Veröffentlichung. Auch hier gab es vereinzelte Initiativen: Schon 1991 erschien in der letzten Ausgabe von RAW die Tiger Tea-Episode aus dem Jahr 1936. 2001 brachte ein Verlag namens Stinging Monkey als Volume 1 die Strips von 1918-1919 mit einem Vorwort von Blackbeard heraus. In der sehr verdienstvollen Library of American Comics, die verschiedene Strips jahrgangsweise veröffentlicht, läßt sich das Jahr 1934 nachzulesen. Ein opulentes Querformat macht die experimentellen Strips des Jahres 1920 bei Fantagraphics zugänglich. Die Strips 1921-23 sind beim Pacific Comics Club verlegt. Der norwegische Cartoonist Snorre Smári Mathiesen hat sich nun in Eigeninitiative einer Fortsetzung angenommen und begonnen, die Strips ab 1924 unabhängig, bei Amazon in Polen gedruckt, zu verlegen. Die Ausstattung ist bescheiden, die Gestaltung fragwürdig, die Ausgabe bleibt unvollständig, weil eben nicht alle Strips aufgefunden wurden, und Mathiesens Einleitung kann mit Blackbeards Sprachwitz nicht konkurrieren, zeitbezogene Kommentare schließlich, wie Blackbeard sie rudimentär zur Verfügung stellte, fehlen ganz. Doch die Qualität des Drucks der Strips ist meistens gut und wenn die Rückseite der Zeitung durchscheint, betont dies nur ihre Herkunft. Die Qualität der Strips indes bleibt auch 99 Jahre nach ihrem ersten Erscheinen überragend.
Es handelt sich um eine Pseudo-Biografie eines fiktiven Comic-Zeichners Charlie Chan Hock Chye (geb. 1938). Der Autor Sonny Liew (geb. 1974) erzählt die Lebensgeschichte dieses fiktiven Künstlers, die mit der jungen Geschichte Singapurs verschmolzen ist: Von der Unabhängigkeit Singapurs von der britischen Kolonialmacht, der Fusion Singapurs mit Malaysia und der Trennung kurz danach, bis auf das politische Ringen zwischen Lee Kuan Yew und Lim Chin Siong in den 50er und 60er Jahren, echte Ereignisse sind in der „Biografie“ überall zu sehen, und vor diesem echten historischen Hintergrund entfaltet sich die Geschichte des Künstlers, den es eigentlich nicht gab, die aber von zahlreichen „Beweisen“, wie z.B. Fotos des Künstlers und Zitate aus seinen Werken, gestützt ist. Eine kritische Haltung gegen die politische Lage sowie das Regime zeigt sich in den Parodien von Charlie Chan Hock Chye. Gerade die Kritik einer fiktiven Figur stellt eine echte, wenn auch subtile, Provokation gegen die nationale Narrativ Singapurs dar.
„Nach sechs Jahren in Hamburg und einer gescheiterten Ehe entschließt sich Nacha Vollenweider in ihr Heimatland Argentinien zurückzukehren.“, so der Text auf der Rückseite dieser wunderbaren Graphic Novel. Nach ihrem Debüt „Fußnoten“, die einen Außenseiterinnenblick auf Hamburg und Deutschland wirft, wird man als Leser:in nun mitgenommen in das aktuelle Argentinien, das viel mehr mit unserem Leben im Westen der Welt zu tun hat, als man denken mag. Während wir über unsere Inflationsrate jammern, beträgt diese in Argentinien 50% jährlich. Während wir über Elektroautos als Heilsbringer reden, verursacht der Abbau von Lithium für die Batterien dieser in Argentinien eine Dürre nach der anderen und verändert dortige Ökosysteme für immer. Während wir über Fachkräftemangel klagen, muss eine junge qualifizierte Frau aufgrund ihrer Scheidung von einer Deutschen das Land verlassen, in dem sie sechs Jahre lebt und arbeitet. Die Themen, die Nacha Vollenweider anspricht, könnten aktueller, interessanter und brisanter nicht sein. Wie in ihrer ersten schwarz-weiß Graphic Novel mit interessantem Pinselstrich schafft sie es auf wunderbare Weise ihre Themen zu unseren zu machen.
Seit mehreren Jahren macht David Kunzle, wie als Supplemente zu seinem maßgeblichen zweiten Band The History of the Comic Strip von 1990 in der Mississippi University Press die vielen Seiten zugänglich, die er dort oft nur in Auszügen veröffentlichte. Nach wunderbaren Bänden u.a. über Toepffer und Cham versammelt der marxistische Kunsthistoriker in seiner jüngsten Publikation diverse Zeichnende, vor allem aus Punch aber auch anderen Zeitschriften mit so klingenden Namen wie The Man in the Moon. Viele der Zeichnenden, auch Frauen wie Marie Duval sind darunter, sind eher durch Cartoons in Erinnerung geblieben, manche haben nur wenige Seiten zu der – im Begriff sicher befragbaren – Wiedergeburt des englischen Comic Strips beigetragen, aber es ist wunderbar, diese lang vergessenen Arbeiten so kundig kommentiert entdecken zu dürfen. So diskutabel Kunzles weiter Begriff des Comic Strips ist, so lehrreich bleibt es, den Blick über das 20. Jahrhundert hinaus in die Vergangenheit zu richten. Das 19. Jahrhundert, in dem das Bürgertum durch die Industrialisierung, forcierten Kolonialismus und die Ausweitung kapitalistischer Produktionsweisen die Erde ganz umpflügte, hält vieles zum besseren Verständnis der krisenhaften Gegenwart bereit. Kunzle zögert nicht, diese Aktualität zu benennen und darf so allen kommenden Comic-Forschenden als bewundernswürdiges Vorbild gelten.
„Das Private ist stets politisch“, ist auf der Reprodukt-Seite über Luka Lenzin, vormalig Martina zu lesen – und „lebt nonbinär“. Doch anders als Abfackeln von Nino Bulling, der die Unsicherheit und den Wechsel des Geschlechts zum ausdrücklichen Thema macht und formal sicher ebenfalls einen der innovativsten Bände des Jahres vorgelegt hat, lenkt Lenzin nicht den Blick auf sich, sondern verdichtet in bewundernswürdiger, eleganter und die Lesenden wenig schonenden Weise Gespräche, die Lenzin in der Hamburger Drogenberatungsstelle beim Hauptbahnhof beim Jobben dort geführt hat. Jemanden wie mich, der lange in Hamburg gelebt hat, erfreut besonders, wie sehr hier sprachliche Idiome aufbewahrt und über die Grenzen der Stadt hinaus hörbar werden. Doch der größte Vorzug des Bandes stellt das überzeugende Plädoyer für einen anderen Umgang mit Drogen dar, vor allem mit deren Konsumierenden, deren verdichtete Erzählungen die Lektüre schwer aus der Hand legen lassen. Sind Bullings Innovationen auf die Form selbst bezogen, zeigt Lenzin wie groß der erzählerische Raum zwischen Autobiographie, Dokumentation und poetischer Verdichtung ist. Die überraschend selbstverständlich wirkenden Tierköpfe machen das Geschlecht der Figuren gelegentlich unlesbar und greifen so aufs Schönste die interessanteren Momente der Comic-Geschichte auf.
A propos Comic-Geschichte: Manche von Milt Gross‘ Sonntagsseiten wirken wie Drogentrips. Die Verkettung des Unwahrscheinlichen erzeugt eine Komik, die auch 90 Jahre nach dem ersten Erscheinen ihre Wirkung nicht verfehlt. Zu einer Zeit als der Slapstick aus dem Kino zu verschwinden begann, wird er hier nicht nur aufbewahrt, sondern macht dessen gelegentliche Radikalität im Umgang mit den deformierenden gesellschaftlichen Verhältnissen unüberlesbar. Heute erscheinen auch die damals gängigen Sexismen und ethnische Stereotype wie vergrößert. Diese Ausgabe, wie in den letzten Jahren nicht mehr unüblich, kommt dem Druck im Zeitungsformat nahe, wodurch Gross‘ großartige zeichnerische Virtuosität lesbar wird. Ich hab sie jetzt erst in die Hände bekommen und hoffe, dass sie noch viele andere findet.
Eine Kiste mit dem Foto aus dem Nachlass ihres Großvaters, der Assistent der Rechtsmedizin in Bonn war, ist Anstoß für Jennifer Daniels Bildroman. Die spannende Kriminalgeschichte ist fiktiv, wenngleich sie – bedrückend und mahnend – sehr reell an die deutsche Geschichte gebunden ist, an die Zeit des Dritten Reiches, den Zweiten Weltkrieg – und wie die schrecklichen Ereignisse und Verbrechen dieser Zeit (in der jungen Bundesrepublik nachhallen bzw. unterdrückt werden. Die Geschichte hat ihren Ausgangspunkt 1977, als der Protagonist Karl Martin – Mitarbeiter der Gerichtsmedizin – mitbekommt, wie bei einem Autounfall eine junge Frau zu Tode kommt. Es ist eine RAF-Sympathisantin; der Unfallverursacher flieht. Martin lässt das Geschehen keine Ruhe und er beginnt zu recherchieren. Daniel weiß spannend zu erzählen, bindet das Geschehen an reale Orte, verschiebt die Erzählebenen, Erinnerungen aus NS-Zeit und Krieg werden mit der Zeit aktuellen Erzählzeit verwoben und decken Haltungen, Verhalten, Positionen auf. Dabei steht das bedrückend düstere Geschehen im provokativen Kontrast zu Daniels farbiger Visualisierung.
Der Tod eines Kindes schlägt eine furchtbare seelische Wunde, insbesondere, wenn dieser Tod offenbar zu verhindern gewesen wäre. Was Garanin hier erzählt, ist autobiografisch. Ihre farbigen Zeichnungen, leicht karikaturistisch angelegt, bauen eine für Betrachter erträgliche Distanz zum tragischen Geschehen auf und sind für die Autorin selbst Mittel zur Verarbeitung. Sie schildert ihr glücklich-fröhliches Familienleben, in das der kleine Nils und seine drei älteren Geschwister eingebunden sind. Zeigt dann, wie er erkrankt, wie die Familie ihn begleitet, wie sie hofft und dann doch seinen Tod hinnehmen muss. Und wie sie versucht den offensichtlichen Fehler der ärztlichen Behandlung aufzuklären und zur Rechenschaft zu ziehen – gegen eine geschlossene Front von Ärzten, Politikern, Juristen. „Das Verfahren wird eingestellt.“ Die Fantasie, die in der Bildgeschichte Gestalt bekommt, hilft, die Wut zu überwinden und Nils mit den Wildgänsen, wie er es einst beobachtet hat, davon fliegen zu lassen aber stets in Erinnerung zu behalten.
Häflingers leichter, fast skizzenhafter Zeichenstil, die zarte aquarellierte Farbgebung, das Zusammenspiel von handschriftlichem Text (wörtliche Rede, Erzählerkommentar) erwecken den Eindruck einer lyrisch-zarten Geschichte. Doch die Idylle familiären Alltags bricht. Seiten mit wilden, harten dynamisch bewegten Kritzelstrichen, brutalen Versalien (NEEEIIIIN) spielen immer wieder auf seelische Zustände an, eindrucksvolle, erschreckende Bildmetaphern. Es geht in der Geschichte um Lars, der seelisch erkrankt, was die Familie erst allmählich merkt, um seine Versuche, der gefühlten ständigen Bedrohung zu begegnen, die verlorene Realität wieder zu gewinnen. Einfühlsam nimmt die Autorin die Leserschaft mit auf diesen Weg, den Lars, seine Eltern, seine Schwester gehen müssen. Sie erzählt uns eine Geschichte, die die Augen öffnen kann, bedrohlich fremde Blicke zwar nicht zu wissenden, aber ahnend verständnisvollen zu wenden.
Die beiden Bände enthalten fast den ganzen Run von Ross Andru als penciller und sind (inklusive des Todes von Gwen Stacy) von Gerry Conway geschrieben. Andru ist ein leider unterschätzter Zeichner, dessen Perspektiven und anatomische Verzerrungen nicht hinter dem großen Gil Kane zurück stehen müssen. Als besonderes Highlight kann zudem gelten, dass Andru die Geschichten im real existierenden New York zeichnet. Anders als Kane, Romita sr. und Ditko erzeugt er keine generischen Hintergründe und Räume. Er hat mit seiner Kamera immer wieder dokumentiert und das ergibt das Vergnügen, eine reale Raumtiefe und ein Stadtbild sehen zu können, welches wirklich distinkt erscheint. Das hat viel Atmosphäre. Conway schreibt interessante Geschichten, deren Plots sich – typisch Marvel – über viele Hefte ziehen. Wer den frühen Spiderman mag, wird an diesen Bänden sein Vergnügen haben!
Hades, der griechische Gott der Unterwelt, sucht einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin und lässt Einladungen zur Bewerbung über den Erdball flattern. Tatsächlich findet sich am Tor A 23 des Totenreichs bald eine ganze Schar von Anwärter:innen ein, darunter die 16-jährige Suzanne, die Hades eigentlich bloss bitten will, ihren Freund wieder lebendig zu machen. Das Bewerbungsprozedere entpuppt sich als mörderischer Wettbewerb mit «Hunger Games»-Vibe. Fünf Aufgaben gilt es zu lösen, die allesamt nicht etwa mythologische Kenntnisse verlangen, sondern Wissen um die Beschaffenheit des Erdreichs. Dazu werden die Bewerber:innen immer kleiner gezaubert und tauchen immer tiefer in die Mikroebene des unterirdischen Lebens ein, während sich die Rivalität unter ihnen verschärft. Suzanne freundet sich mit dem gleichaltrigen Tom an. Als unwahrscheinliche Heldenfiguren – Tom etwa hat Angst vor Mikroben, überwindet diese aber, als sie grösser sind als er – kommen die beiden unscheinbaren Teenager mit Kreativität, Teamgeist und dem nötigen Glück jeweils eine Runde weiter. Eingebettet in die actionreiche Handlung ist ein eindrückliches Sachbuch über die Mechanismen und Lebewesen in jenen anderthalb Metern Erdschicht, denen alles, was wächst, entspringt. Die Informationen etwa über Stickstoff, Pilze, Bakterien oder Nematoden stören dabei den Spannungsbogen des Wettbewerbs keineswegs, sondern wirken als Teil davon. Das befeuert beide Leseinteressen, das literarische und das sachliche – zu wissen, wie die Handlung ausgeht, aber auch mehr über den Boden zu erfahren.
Völlig meschugge?! ist der Comic zur gleichnamigen und gleichzeitig erschienenen ZDF/Kika-Fernsehserie. Das Freundestrio Benny, Charlie und Hamid hält sich für unzertrennlich. Doch dann trägt Benny nach dem Tod seines Opas dessen Judenstern um den Hals und löst damit eine ungewollte Lawine von Vorurteilen aus. Erst gibt es blöde Sprüche, dann stellt sogar Hamid ihre Freundschaft deswegen infrage. Dabei gerät Hamid selbst in Verdacht, ein Handydieb zu sein. So wimmelt es an der Schule plötzlich vor Vorurteilen, und trotz einzelner versöhnlicher Stimmen sind die Erwachsenen angesichts des grassierenden Rassismus zunehmend überfordert. So liegt es an Charlie, die ungläubig zwischen den Parteien steht, sich ins Zeug zu legen, um ihre zwei besten Freunde und die ganze Schule zur Räson zu bringen und nebenbei die Handydiebstähle aufzuklären. Damit das gelingt, braucht es natürlich ein dramatisches Finale. Im Unterschied zur Serie ist der Comic aus der Sicht von Charlie, dem einzigen Mädchen des Trios, erzählt. Zeichnerin Melanie Garanin hat den von Kinderbuchautor Andreas Steinhöfel («Rico und Oskar») verfassten Text kongenial ins Bild gesetzt. Bild- und Textebene überzeugen je für sich, aber auch in ihrem Zusammenspiel. Nah an jugendlichen Lebenswelten, hält die Erzählung gekonnt die Balance zwischen Ernsthaftigkeit und
Visualisieren als hoch relevantes Thema, in einem Begleitbuch fürs eigene Umsetzen oder fürs Begleiten im Umsetzen durch Fachleute, bei diesen Themen in aller Regel: Therapeuten. Doch auch diesseits von Therapie für Weiterbildner jeglicher Couleur sinnvoll nutzbar, sich anregen zu lassen! Geschrieben/getextet von unterschiedlicher Fach-Autorenschaft, alle illustriert von der selben Zeichnerin: Bis dato sind fünf Hefte erschienen, jeweils als Graphic Novel umgesetzt, im je gleichartigen Konzept – hier für Trauma kurz dargestellt: „Trauma ist ziemlich strange. Was ist ein Trauma? Wie verändert es die Funktionsweise unseres Gehirns? Und wie können wir es bewältigen, es überwinden und wieder ganz werden? Schafft Verständnis für die Betroffenen, unterstützt Helfer in ihrer Arbeit, hilft Betroffenen, sich und den eigenen Körper zu verstehen… Mit klugen Bildern und Katz- und Maus-Metaphern, grundlegenden wissenschaftlichen Fakten und einer gesunden Portion Humor erläutert Steve Haines, wie zur Heilung eines Traumas nicht nur die Psyche, sondern insbesondere auch der Körper mit einbezogen wird. Er zeigt Methoden und Übungen, mit denen Spannungen abgebaut und tiefe muskuläre Stressmuster gelöst werden können.“ Jeweils um 32 Seiten, variiertes Layout, meist mit Erklär-Texten im Panel, teils auch mit Sprechblasen, je sequenzielle Passagen: So gelingt Erklär-Comic auf beste Weise!
Oha, dieses Mal ist eine Menge mehr drin, in diesem nun schon achten Band der MM-Enzyklopädie – nämlich eine starke Analyse zum Einfluss der großen Erika Fuchs! Mehrere Autoren haben dazu beigetragen, u.a.: ich 😉 … Als Comicoskop-Redakteur habe ich die damalige Leiterin des Erika-Fuchs- Hauses und –Museums in Schwarzenbach a.d. Saale interviewt, als studierter Sprachwissenschaftler zentrale linguistische Momente des Wirkens der grande dame eingedeutschter Disney-Comics dargestellt. Eingedeutscht? Ja, denn sie hat weit mehr geschafft (und geschaffen!) als ein Übersetzen – sie hat im besten Sinne die Sprechblasen lokalisiert. So, genug verraten, Details lese Leser:in gefälligst selbst. Denn „das Buch zeigt auf 312 Seiten alle Cover und Rückseiten der Micky Maus-Hefte von 1959 und zu jeder Ausgabe die etwa fünf oder sechs wichtigsten Innenseiten – und das alles in Originalgröße und in den Originalfarben der uralten Hefte.“ Das allein genügt im Grunde, zuzugreifen. Doch weiter geht´s mit der oben genannten Besonderheit: „Wir haben in Band 8 das wissenschaftliche wie leidenschaftliche Vorwort Frau Dr. Erika Fuchs gewidmet, der wir mehr als nur perfekte Übersetzungen verdanken. Ein Sprach-Experte, eine Museums-Leiterin, ein mehr als fachkundiger Donaldist und der Autor selbst haben auf 25 Seiten die unsterblich gewordenen Verdienste der Frau Dr. Erika Fuchs zusammengetragen…“. Very special!
Strahlende Bilderwelten des Mittelalters erleben, so der Slogan dieses einzig verbliebenen Luzerner Faksimile-Verlags. Und diese auf 680 Exemplare weltweit strikt limitierte Edition ist ein bestensgelungener Beleg für diese Aussage. Denn „Das Alte Testament in 529 Bildern“ ist in diesem Faksimile exzellent wieder gegeben – in einer Bild(er)geschichte also: Im weitesten Sinne ein früher Comic, nämlich vom Ende des 14. Jahrhunderts. Das zeigt schon der Auszug in der Abbildung, dort auch das durchaus variable Layout erkennbar, das meist allerdings vier Bilder pro Seite zeigt. Alles im allem also „eine prächtige Bilderbibel: In Text und Bild verschmelzen auf einzigartige Weise die Vergangenheit der biblischen Geschichte mit der Gegenwart des Auftraggebers aus Padua um 1400….allesamt Teile des Weltkulturerbes. Unter der Lupe: Bilder wie in einem Film“ oder eben wie in seiner sequenziellen Abfolge von Bildern, mit begleitenden Texten unter dem jeweiligen „Panel“. (Mehr dazu
Wow, ein feiner und gelungener Mix aus Ratgeber, Handbuch und tour d´horizon durch Geschichte und Genre der Comics (plus Graphic Novel und Manga)! Geboten sind „über 250 aufregende Empfehlungen und Abbildungen – durchgehend vierfarbig“, auf deutlich über 300 Seiten, gewidmet eben der Neunten Kunst… Oder schlicht anregende Lektüre mit einer Fülle an Einblicken in Comic-Themen quasi jeder Art: Drei Dutzend Artikel sind geboten, unterschiedlicher Länge, durchweg bebildert und mit Kurz-Verzeichnis der jeweils besprochenen Comics (bzw. Reihen) – dazu „Outtakes“, die kurz kommentiert derlei aufführen (S. 7 erläutert): „die …a) sich super verkaufen (die ich aber weniger gut finde), b) gut aussehen, aber mich erzählerisch nicht überzeugen, c) toll sind, aber leider nicht mehr leicht erhältlich“. Beiträge u.a. Wiedereinstiegsdrogen I bis IV / Ein Sattelfest: Lucky Luke und seine Enkel / Der rote Faden für den Blasendschungel /) / Die echten Reporter ohne Grenzen [Comic-Journalismus] / Panel, Splash & Gutter: Begriffe für Blasendrescher / Was steckt hinter der neuen Comic-Hoffnung? [Graphic Novel] / Die Sache mit den Mangas [sic!] / Mittendrin statt nur dabei (Comic-Künstlern beim Arbeiten) Schon diese zufällig (und dennoch bewusst 🙂 …) ausgewählten Überschriften zeigen, wie unterhaltsam der Stoff geboten ist – und wie „dennoch“ höchst informativ!
In der brasilianischen Comicszene gab es im November 2022 ein Highlight, auf das viele lange gewartet haben: Die Veröffentlichung von Marcelo D’Saletes neuem Comic Mukanda Tiodora. Nach Cumbe und Angola Janga beschäftigt sich der Autor ein weiteres Mal mit der Geschichte der Sklaverei in Brasilien und erzählt anhand der Titelfigur Tiodora von den Möglichkeiten und Schwierigkeiten, die 1866, 22 Jahre vor der Abschaffung der Sklaverei, für versklavte Personen bestanden, mittels Briefe miteinander in Kontakt zu treten. Tiodoras Brief muss zugestellt werden, doch diese Zustellung wird zum Abenteuer für Benê, der sich dafür von São Paulo bis zu den Kaffeeplantagen im Hinterland durchschlagen muss.
Es ist mittlerweile ja fast schon eine feste Formel, nach der King Jahr um Jahr einen neuen legacy character von Marvel oder DC ausgräbt und dann seine ganz eigene, paranoid-psychologische Erzählweise mit mehr oder minder kurioser Superhelden-Continuity verbindet um so die merkwürdigsten narrativen Kippfiguren zu generieren. Nach Vision, Mister Miracle (meinem bisherigen Highlight) und zuletzt Strange Adventures wird nun also Christopher Chance, „The Human Target“, durch diese Maschine gejagt. King überblendet hier – doch nochmal verblüffend – eine hübsche Noir/Crime-Story im Brubaker-Stil mit Keith Giffens und J.M. DeMatteis‘ eher für Ulk-Humor erinnerte Justice League International-Ära (1987-89). Das ist an sich bereits ein wilder, äußerst lesenswerter Mix, beeindruckend wird das Ganze aber erst durch Greg Smallwoods Mise-en-page und Layouts, die so einzigartig und unkonventionell anmuten, dass man sie sofort in Parodien wiedererkennen könnte.
Eigentlich bereits zum Jahresabschluss 2021 auf Tapas fertiggestellt, habe ich Lisa Frühbeis‘ 15teiliges Webcomic zu meiner Schande erst durch seine Prämierung mit dem diesjährigen
Auf James Tynion IV ist immer Verlass, eingespielte Genre-Formeln auf den Kopf zu stellen, hier: die „Cabin in the Woods“-trope, bei der am Ende nur eine Person überleben darf. Stattdessen beobachten wir hier einen 11köpfigen Freundeskreis bei der langsamen Realisierung, dass außerhalb ihrer Hütte im Wald die Apokalypse begonnen haben könnte und nur sie selbst gerettet und unsterblich sind, alles Dank ihres langjährigen Freundes Walter, der womöglich schon immer ein Alien ist. Rückblenden durch viele Jahrzehnte meditieren dabei in überraschender Tiefsinnigkeit und Ernsthaftigkeit über Freundschaften, Lebenswege und Lebensziele. All das wird auch noch sehr originell durch häufig wechselnde Erzählebenen – Dialogprotokolle, Email-Verkehr, Diagramme – trianguliert. Lange war ich nicht mehr so auf ein zweites (abschließendes) Trade Paperback gespannt wie hier.














































Alain Ayroles, Juanjo Guarnido: Der große Indienschwindel
Alexander Braun: George Herriman’s Krazy Kat. The Complete Color Sundays 1935–1944
Michel Rouge, Christophe Bec:
Laurent-Frédéric Bollée, Philippe Aymond: Les nouvelles aventures de Bruno Brazil 1: Black Program







David Füleki (hg. v. Adrian vom Baur): The Best (and Worst) of David Füleki. Jazam!
Nadja Hermann: Erzähl mir nix