Leseempfehlungen

COMFOR-LESEEMPFEHLUNGEN 2019

Die Redaktion der Gesellschaft für Comicforschung wünscht ihren Leser_innen  und Freund_innen einen guten Start ins neue Jahrzehnt. Wie immer gilt: kein Jahreswechsel ohne Best Ofs – höchste Zeit also, auch in diesem Jahr wieder mit einer Liste von Leseempfehlungen aufzuwarten. (Die Leseempfehlungen der letzten Jahre finden sich hier.)

Entsprechend haben wir unsere Mitglieder unter sanfter Redaktion von Katharina Serles um ganz subjektive Lektüretipps gebeten, die aus den vergangenen zwölf Monaten im Gedächtnis geblieben sind – aus welchen Gründen auch immer. Die Bandbreite reicht dabei nun etwa von Jodie Bellaires Buffy über Fumettibruttis P. La mia adolescenza trans bis zu Regina Hofers und Leopold Maurers Insekten

In diesem Sinn wünscht die ComFor inspirierende Lektüren ebenso wie produktive Diskussionen über Kanonisierungen und Diversität in der Comicwelt – und freut sich auf ein spannendes Comicjahr 2020!

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Julian Auringer

Comicforscher, www.bilderbogenforschung.de

Brian Augstyn, Mark Waid, Peter Krause, Kelly Fitzpatrick: Archie 1941
Was wäre wenn Archie & Co in jener Zeit gelebt hätten, als ihre ersten Comics erschienen? Erschuf man die Comics ursprünglich, um die daheimgebliebenen Kinder während des Zweiten Weltkriegs von der Abwesenheit ihrer Väter und dem Krieg an sich abzulenken, spielten ernste Themen folglich für die Comics keine Rolle. Doch inzwischen geht der Verlag neue Wege. Obschon es in den 70er Jahren einige düstere Experimente gab, widmete man sich erst in den letzten Jahren intensiv dem Horrorgenre und experimentiert nun also auch mit Themen wie Krieg.
Archie und seine Freund_innen stehen kurz vor dem Highschoolabschluss und wissen nicht, was sie mit ihrer Zukunft anstellen sollen, was Archie dazu inspiriert, sich beim Militär zu verpflichten und gegen die Nationalsozialisten zu kämpfen. Archie 1941 fokussiert dabei nicht nur die innere Zerrissenheit seines Protagonisten, sondern widmet sich vor allem denen, die nicht in den Krieg zogen und dennoch unter seinen Auswirkungen leiden. Das Artwork soll dabei besonders hervorgehoben werden und fängt den Geist der 1940er Jahre perfekt ein. Leider haben viele abgeschlossene Archie-Serien ein großes Manko: Im letzen Band (so etwa beim ebenso schönen Blossoms 666 – bei dem allerdings der Spannungsbogen plötzlich rasant abfällt und die Erwartungen nicht erfüllt werden) wird alles überhastet und teils sehr unprofessionell ins Gute verkehrt, was besonders bei diesem Thema leider den Gesamteindruck schmälert.

Jim: Eine Nacht in Rom (Band 3)
Wer hätte das gedacht? Nachdem die Story um Marie und Raphael bereits in den ersten beiden Bänden perfekt abgeschlossen zu sein schien, wird sie nun um zwei finale Bände erweitert. Beide Protagonist_innen gehen inzwischen auf die 50 zu – und sie stecken erneut in einer Sinnkrise. Einmal noch wollen sie sich treffen und Raphaels 50. Geburtstag in Rom feiern, doch sehen werden sie sich nur kurz.
Nachdem Jim mit Die Erektion mehr (Band 1) bzw. weniger (Band 2) gut mit den Erzählmöglichkeiten des Theaters experimentierte, widmet er sich nun endlich wieder Marie und Raphael. Und obwohl Marie wieder einmal viel zu jung aussieht (wie auch Jim im Nachwort zugibt) transportiert er erneut jene Melancholie, die bereits die ersten beiden Bände auszeichnete. Wieder einmal steht die Frage im Raum, was einen jetzt noch erwartet. Hat man bereits alles erlebt oder wartet die große Liebe noch? Wie mit den Alterserscheinungen umgehen? Wie mit Verlust? All das verpackt der Autor/Zeichner in wunderbare Bilder mit der für Jim typischen Farbpalette Delphines, deren Kolorierung den Geist des Comics perfekt einfängt.

Andreas Eikenroth: Woyzeck
Woyzeck wurde bereits vor einigen Jahren von Dino Battaglia als Comic adaptiert, bot schöne Bilder zu überhasteten Szenen sowie einen sehr ausführlichen Anhang mit einer sehr detaillierten Fassungsgeschichte des Dramentextes.
Obschon mir die Bilder Eikenroths nicht so zusagen wie die von Battaglia, der Stil zwar in die richtige Richtung tendiert (orientiert an Schiele, Liebermann und Co), m. E. jedoch nicht extrem genug ausfällt, überzeugt der Comic durch eine sehr eigene Erzählweise. Eikenroth verwendet einzig Metapanels, also ganzseitige Einzelbilder, die mehrere Handlungssegmente miteinander vereinen. Auf diese Weise gelingt es ihm, die kleine Welt Woyzecks und den Wahnsinn derselben in erdrückender Intensität zu fokussieren.
Unter der Vielzahl an zumeist schlechten Adaptionen bereits bestehender Texte hebt sich Woyzeck ab und zeigt, wie man mit dem Urtext umgehen kann, wenn man sich selbst die nötigen Freiheiten nimmt.

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Robin-M. Aust

Literaturwissenschaftler, Heinrich Heine Universität Düsseldorf

Lucas Harrari: Der Magnet
Der junge Architekturstudent Pierre ist fasziniert von der Therme des Architekten Peter Zumthor und macht sich auf den Weg ins schweizerische Vals, um das Gebäude zu zeichnen. Was vorerst nach einer eher trockenen Story klingt, wird in Lucas Harraris Der Magnet zu einem spannenden Thriller: Die Bewohner_innen von Vals und die anderen Gäste in der Therme verhalten sich seltsam, auch mit Pierre selbst scheint etwas nicht so ganz zu stimmen – und letztlich scheint auch die Therme ein Geheimnis zu bergen, das im Aberglauben der Einheimischen verwurzelt ist.
Harraris erste Graphic Novel ist gleichermaßen eine Hommage an die Architektur der Therme Vals als auch eine spannende Mystery-Geschichte mit metafiktionalen Anleihen. Dabei macht nicht nur die Geschichte den Reiz dieses Comics aus: Harraris rot-blau gehaltene Bilder versprühen einen wunderschönen Retro-Chic und erinnern an die ligne claire oder Werbeillustrationen der Jahrhundertmitte; sie sind gleichzeitig eigentümlich kühl und labyrinthisch, sodass die Leser_innen sich zwischen den organischen Formen der Schweizer Berge und den harten Kanten der Therme teils genauso desorientiert fühlen können wie Pierre auf seiner Suche nach
dem Geheimnis der Therme.

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Tillmann Courth

Comicjournalist und Blogger (COMIXENE, Comicoskop, tillmanncourth.de)

Darko Macan , Igor Kordey: Marshal Bass
Frei nach Eddie Murphys Ausspruch aus Nur 48 Stunden („Es ist ein neuer Sheriff in der Stadt – und er ist schwarz!“) tischen uns die kroatischen Kreativen Darko Macan (Text) und Igor Kordey (Zeichnungen) einen Western auf, wie es noch keinen gab.
Hilfsmarshal River Bass ist Afroamerikaner, alles andere als ein Held und nur ein Mann, der seine Vision von Gerechtigkeit durchzusetzen versucht. Da niemand ihn respektiert, selbst die eigene Frau nicht, muss Bass oft zu rabiaten Mitteln greifen.
Es wird viel gestorben in Marshal Bass, aber es tut immer weh. Dies ist jedoch kein Ballerwestern mit Guten und Bösen, sondern die womöglich realistischste Version des Westens, die uns Comics bis dato präsentiert haben.
Die Handlungsstränge sind erschütternd banal, aber sorgen ihrer Bodenständigkeit wegen für glaubwürdige und nachvollziehbare Entwicklungen. Bass unterwandert eine Bande marodierender Sklaven und gerät in die Bredouille. Bass verfolgt eine Siedlerfamilie, die Reisende ausplündert und umbringt. Bass läuft die Tochter weg und sein unehelicher Sohn will mit ihm abrechnen. Bass geht undercover in den Knast, um einen korrupten Politiker zur Strecke zu bringen.
Kordeys klumpige, fiebrige Illustrationen erinnern an Richard Corben, was dieser Serie einen unbequemen, plastischen Look verleiht. Ein Pseudorealismus, der uns Distanz zum Geschehen bewahren lässt. Noch dazu glänzt dieser Comic mit lebendigen Figuren, einem trockenen Humor und lakonischen Dialogen.
In bisher vier Alben kann River Bass alle Herausforderungen meistern. Denn er ist zäh, entschlossen, bauernschlau und clever genug, einfach mal zu überleben (auch wenn  er dafür anderen das Leben nehmen muss).
Die Geschichte der Comics ist mit Westernstoffen reichlich gesegnet. Für mich jedoch haben die Klassiker Leutnant Blueberry und Comanche erst mit Marshal Bass einen dritten, würdigen Vertreter dieses Genres gefunden.
Hier noch der Link zur Besprechung des ersten Bandes.

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Dietrich Grünewald

Kunstdidaktiker, Emeritus Universität Koblenz-Landau, ehem. 1. Vorsitzender der ComFor

Alain Ayroles, Juanjo Guarnido: Der große Indienschwindel
Das barocke Spanien hat uns den Schelmenroman geschenkt. Die Historia de la vida del Buscón von de Quevedo ist eines seiner Hauptwerke und schildert darin das Leben des Taugenichts Pablos. Der grandiose Comic von Ayroles und Guranido ist nun keine Adaption, sondern führt den Textroman fort, erzählt, wie Pablos, nachdem er in Spanien gescheitert ist, in den südamerikanischen Kolonien sein Glück machen will. Das 160 seitige Werk (Hardcover, 34 x 25 cm) ist wunderbar gezeichnet und koloriert. (Guardino hat seine Kunst ja u.a. schon in Blacksad, Carlsen, bewiesen). Es besticht ebenso durch die spannende, witzig-satirische und groteske Geschichte. Die begeistert vor allem durch die überraschende Dramaturgie. Das fängt schon mit dem zweiseitigen Prolog an. Wer sich ein wenig in der Kunstgeschichte auskennt, wird das gezeigte Personal wiedererkennen: Es entstammt dem berühmten Gemälde von Velazquez, auf dem er sich zeigt, wie er den spanischen König Philipp IV (genannt „König der Welt“, wenngleich mit ihm der Niedergang der spanisch-habsburgischen Weltmachtstellung einhergeht) und seine Gemahlin porträtiert, während die Infantin mit zwei Ehrenjungfern ins Atelier kommt. Eine Zwergin und ein Zwerg, der den Hund neckt, sind auch vertreten. Auf den Prologseiten wird das Bild gewissermaßen lebendig – ohne dass die Betrachter_innen wissen, worum es eigentlich geht, denn der Ich-Erzähler der eingeschobenen Textfahnen nimmt auf das Gezeigte keinen Bezug, sondern begründet seinen Entschluss, nach Indien (als was man damals fälschlicherweise Amerika verstand) aufzubrechen. Drei große Kapitel erzählen nun, wie Pablos auf der Suche nach dem sagenhaften El Dorado zwar nicht das Goldland findet, aber einen großen Betrugscoup startet, um in den Besitz von Silber zu kommen. Das soll per Schiff nach Madrid gebracht werden. Im ersten Kapitel wird aus der Sicht Pablos‘ erzählt, der auf der Streckbank liegend dem Kommandanten, der für den Silbertransport verantwortlich ist, berichtet. Der Ich-Erzähler Pablo spricht in den Textkommentaren; die Bildfolge zeigt das Geschehen in stimmungsvollen Szenerien, wunderbaren Typen, faszinierender Landschaft. Und wo das spannende Geschehen keiner Worte bedarf und ganz aus der Anschauung lebt, so kann über längere Seiten hinweg ganz auf Schrift verzichtet werden. Im 2. Kapitel berichtet dann der Kommandant seinem Vorgesetzten, im 3. Kapitel erzählt wieder Pablo, diesmal direkt dem_der angesprochenen Betrachter_in. Es macht Spaß, der Subjektivität der Erzählpositionen zu folgen, wie sie in modifizierten Wiederholungen den tatsächlichen Handlungsstrang allmählich in der Geschehensfolge freigeben. Der Epilog des Buches führt zurück in Velazquez‘ Atelier – und löst nun in überraschend erstaunlicher Weise auch dieses verblüffende Geheimnis. Um das zu lüften, sei die Lektüre dieses Comics dringend empfohlen. Es lohnt sich.

Alexander Braun: George Herriman’s Krazy Kat.  The Complete Color Sundays 1935–1944
Da hat man was zu schleppen: 44,5 x 35 cm groß, 5 cm dick. Das voluminöse Werk bietet 632 großformatige Seiten: die surreal-philosophisch witzigen, unterhaltsamen, nachdenkenswerten, überraschenden Episoden um den/die verliebte(n) Krazy Kat, den backsteinwerfenden Mäuserich und den Hüter des Gesetzes, Officer Pupp. Ich gebe zu: Ich habe zu tun, das riesige Werk auf den Knien zu balancieren, wenn ich in meinem Lesesessel sitze – aber die Anstrengung lohnt sich! Sie lohnt sich vor allem, weil Alexander Braun dem Buch eine hervorragende Einleitung vorangestellt hat. Sie würdigt nicht nur Herrimans Leben und Schaffen, stellt nicht nur in Text und opulenten Bildern (Fotomaterial, verweisende Comic-Belege und Dokumente) die ganze Comic-Zeichner-Welt dieser Zeit vor. Sie macht vor allem mit klugen Analysen diese besondere, herausragende Comic-Serie ein großes Stück verständlicher, ohne ihr den geheimnisvollen Reiz und ihre Offenheit zu nehmen. Das ironische Papierschauspiel, das Herriman inszeniert und seinen autonomen Beitrag zur Kunstavantgarde des frühen 20. Jahrhunderts, wird vertrauter – und der Blick für all die Feinheiten und Besonderheiten, das freie Spiel mit den Komponenten Akteur, Handlungsort, Zeit, geschärft. Diese gesammelten farbigen großformatigen Sonntagsseiten demonstrieren nachhaltig, welch hohen Stellenwert Comics als Kunst- und Kulturform haben können. Gut – der Sammelband ist mit 150€ nicht gerade billig. Aber er ist sein Geld wert – ein Weihnachtsgeschenk, das einen lang anhaltenden und wiederkehrenden Genuss bietet.

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Thomas Hausmanninger

Christliche Sozialethik, Universität Augsburg

Michel Rouge, Christophe Bec:
Gunfighter 1
Christophe Bec hat mit diesem Comic einmal keine SciFi-Horrorgeschichte geschrieben, sondern beteiligt sich an dem – bis zu einem gewissen Grad – in letzter Zeit bei den französischen Comics feststellbaren kleinen Western-Boom. Seine Erzählung ist klassisch am amerikanischen Western der 1950er bis 1970er Jahre orientiert, nimmt die wachsende soziale Ungleichheit am Beispiel der Rinderzüchter auf und verwebt dies mit einer vielschichtigen Story, die in mehreren Strängen aufbereitet ist. Dabei fehlt auch der titelgebende Gunfighter nicht, dessen Backstory wohl erst in kommenden Alben erschlossen werden wird. Bec gelingen schon mit der Exposition ungemein packende dramatische Momente, die Michel Rouge meisterhaft in Szene setzt. Sein Artwork bietet exzellente, hoch detaillierte und filmisch angelegte Zeichnungen, variiert geradezu virtuos die Panelgrößen und setzt auch das Layout gekonnt dramaturgisch ein. In der französischen Ausgabe genießt man dies im Überformat, das wie ein Cinemascope-Kinoerlebnis wirkt (Splitter wird es wohl ähnlich großformatig veröffentlichen). Der Detailreichtum lädt dazu ein, das Album zu studieren; das dramatische Tempo wird dadurch ein wenig gebremst. Insgesamt ergibt das jedoch ein Leseerlebnis, das haften bleibt.

Laurent-Frédéric Bollée, Philippe Aymond: Les nouvelles aventures de Bruno Brazil 1: Black Program
Mit Bruno Brazil hatte der Texter Michel Régnier alias Greg in den späten 1960er und den 1970er Jahren eine vor allem den Älteren unter uns vertrauten Agentencomic geschrieben, dessen Abschluss die Leser_innenschaft nachhaltig geschockt hatte – eine nicht geringe Zahl der Protagonist_innen wird in der vorletzten und letzten Mission getötet oder mit bleibenden Schäden verletzt; die Titelfigur verfällt in eine Depression. Heute kennt man den schonungslosen Umgang mit Hauptfiguren freilich hinreichend etwa aus den amerikanischen romanartigen TV-Serien und Filmen. Gerade für die ältere Leser_innengemeinde bietet jedoch eben dieser Hintergrund der Originalserie den eigentlichen Point of interest für eine Fortsetzung. Das dürfte Bollée bewusst gewesen sein, als er den Auftakt zu den nouvelles aventures geschrieben hat. So siedelt er klugerweise die neue Story in den 1970er Jahren an – ein period piece, das für sich genommen schon einen Reiz hat und ein wenig an die britische TV-Serie Life on Mars erinnert. Die Geschichte setzt kurz nach dem Fiasko der letzten Mission ein und knüpft direkt an die ursprüngliche Serie an. Das ist ein gelungener erzählerischer Coup – für eben die ältere Leser_innengemeinde. Neuleser_innen hingegen wird man empfehlen müssen, zunächst diese alte Serie zu lesen, um in die Story einsteigen zu können. Philippe Aymond kennt man vor allem als Zeichner von Lady S. Er legt hier nun einen davon abweichenden, recht kraftvollen und mitunter etwas grob wirkenden Tuschestrich an den Tag. Das bricht mit den feinen Linien von William Vance, obschon Aymond in den Rückblenden dessen Panels zitiert. Gleichwohl ist die Neuinszenierung des Klassikers eine gelungene Fortsetzung, die schmutziger als das Original erscheint und dennoch letztlich so dessen Drastik in den letzten Alben in Erinnerung ruft.

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Linda-Rabea Heyden

Literaturwissenschaftlerin, Universität Jena

Shigeru Mizuki: Tante NonNon
Mit Tante NonNon bringt Reprodukt dieses Jahr eine weitere, längst überfällige, deutschsprachige Übersetzung von Mizuki heraus. Der Manga ist vor allem deshalb eine so große Freude für mich dieses Jahr, weil mein Interesse an Mizuki durch seine Darstellungen der japanischen Dämonen und Geisterwesen, den Yokai, geweckt wurde. In Tante NonNon erzählt Mizuki in episodenhaft aneinandergereihten Kapiteln aus seiner Kindheit mit der titelgebenden Ersatzgroßmutter, deren Geschichten und Wissen den Grundstein für Mizukis langjährige Befassung mit den Yokai legen. Von diesen begegnet im Manga ein ganzer Reigen mit oft verblüffend spezifischen Zuständigkeiten und Erscheinungsweisen – z. B. Nurunuru-Bozu, „die sich auf Menschen lehnen, die nachts am Strand sind.“ Die Yokai-Erscheinungen sind eingebettet in Geschichten über Shigerus Freund_innen und Familie, die einem mit ihren Eigenheiten und nicht zuletzt durch den cartoonhaft reduzierten Stil Mizukis ans Herz wachsen. Durch ihre Geschichten, z.B. über die Eröffnung eines Kinos im Ort, die Schul- und Arbeitssituation der Familie, die kindlichen Kriegsspiele, aber auch lebensbedrohliche Krankheiten und Menschenhandel, bietet der Manga nebenbei Einblicke in Japan in den 1930ern und damit verbundene größere Themenkomplexe. Insgesamt ergibt sich eine sowohl informative als auch facettenreiche Lektüre, die auf weitere Mizuki-Übersetzungen hoffen macht.

Jodie Bellaire, Dan Mora: Buffy, Vol. 1
Bis heute gilt die Fernsehserie Buffy für mich als das Beste, was das Fernsehen je hervorgebracht hat. Mit der Weitererzählung der Story in den damaligen Comics bin ich jedoch nie richtig warm geworden. Was für ein großer Spaß und was für eine Überraschung war da der erste Sammelband von Boom! Studios dieses Jahr, der ein Reboot der Serie im Comic darstellt und in der heutigen Zeit spielt. Dabei bleiben die Eckpunkte bestehen, aber werden eben nicht eins zu eins wiederholt. Perfekt schafft es Bellaire, dass Handlung und Figuren gleichzeitig vertraut wirken und doch neu. So ist Cordelia zwar immer noch Prom-Queen, aber weitaus sympathischer. Willow tritt direkt selbstbewusst und mutig auf und lebt offen in einer festen lesbischen Beziehung. Ebenso beginnt Xanders Handlungsbogen vielversprechend und deutet einen größeren an. Dass auch Spike und Drusilla von Anfang an dabei sind, erfreut sehr. Die Charakterisierungen und Storyführung verraten insgesamt eine große Vertrautheit mit den Figuren. Moras Zeichnungen unterstützen diesen Eindruck. Nicht zuletzt sind ganz besonders die Figurendialoge hervorzuheben, die genau den Whedon-esken Wortwitz einfangen und auch außerhalb der unterhaltsamen Actionszenen viel zum Lesespaß beitragen. Der Sammelband macht Lust auf den zweiten und bevor dieser im nächsten Jahr erscheint, möchte man direkt nochmal einen Buffy Re-watch starten.

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Kalina Kupczynska

Literaturwissenschaftlerin, Universität Lodz

Regina Hofer, Leopold Maurer: Insekten
2008 am Jahrestag der Novemberpogrome 1938 zerbricht in einer Wiener Wohnung ein Glas, auf einem Tisch, der von den früheren Bewohner_innen zurückgelassen wurde. Die früheren Bewohner_innen waren Juden, deren Schicksal in der Graphic Novel von Hofer und Maurer immer wieder mit Splittern, mit deformierten Hakenkreuzen, SS-Emblemen ins Abstrakte übertragen wird. Viele Split-Panels lassen die schwarz-weißen Formen, die diverse Tötungsarten als Kriegsrealität von Waffen-SS-Kommandos darstellen, zu beunruhigenden Puzzlebildern einer individuellen Vergangenheit werden, die den Angehörigen lange als unzumutbar erschien. 2004 hat das Wiener Zeichner_innenpaar Maurers Großvater, überzeugten Nationalsozialisten, von seinen Kriegserlebnissen erzählen lassen, die Aufnahmen wurden zur Grundlage der Graphic Novel. Großvaters Erinnerungen wechseln sich ab mit autobiografischen Szenen aus Leopold Maurers Jugend, eingestreut werden u. a. Zeugenaussagen der Überlebenden der Massaker im ukrainischen Babyn Jar sowie Aussagen der Kriegsverbrecher.
Insekten – Fliegen, Mücken – kreisen durch manche Panels, was harmlos wäre, würden sich nicht Panels mit Gräbern voller Leichen dazwischen schieben, und gäbe es da nicht geradezu reflexhaft eine Assoziation mit Art Spiegelman in der Maus-Maske am Zeichentisch, umschwirrt von Fliegen, die die Leichen zu seinen Füßen als organische Realität erkennen lassen. Surreal-rätselhaft wird es, wenn bei Hofer/Maurer menschengroße Insekten Rad fahren, am Tisch sitzen, in einem Blasorchester spielen und so eine Verwandlung suggerieren, die seit Kafka als Sinnbild der (Selbst)Entfremdung gelesen wird. Zwei Zeichenstile erzählen hier zwei Geschichten – Hofers reduzierte Abstraktion lässt den nüchternen Bericht des Großvaters ins Unheimliche steigern, Maurers skizzenhafter Strich verortet das Leben des Nazi-Opas in einer Normalität der österreichischen Provinz. Das Gesicht des Täters wird nicht gezeigt.

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Jennifer Neidhardt

Vergleichende Literaturwissenschaften, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Maia Kobabe: Gender Queer. A Memoir
„I don’t want to be a girl. I don’t want to be a boy either. I just want to be myself.” – Aus Maia Kobabes Tagebuch, 2005
In dem autobiografischen Comic Gender Queer: A Memoir erzählt Maia Kobabe aus eirem* Leben als nichtbinäre Person. Bereits in eirer frühen Schulzeit scheitert Kobabe daran, sich einer binären Identität zuzuordnen und findet stattdessen Halt in der Welt homoerotischer Fanfictions und der Musik von David Bowie. Die Episoden aus eirem Alltag reichen von humorvollen Anekdoten zu gescheiterten Frisörbesuchen bis hin zu beklemmenden Darstellungen von Albträumen über Menstruationsblut. Kobabe zeigt sich stets selbstreflektiert und stellt sich selbst die Frage: Wo ist die Grenze zwischen Geschlechtsdysphorie und internalisiertem Sexismus? Wer definiert überhaupt, was „männlich“ und „weiblich“ ist? E findet Antworten in der biologischen Geschlechterforschung und schlussfolgert: „So Lady Gaga was right – I was born this way.“ In einer Zeit, in der sich Medien über „Transtrender“ zerreißen, ohne diese Personen selbst zu Wort kommen zu lassen, bietet dieser Comic einen wichtigen Einblick in den Alltag queerer Personen und schenkt ihnen eine Stimme, die ihnen sonst oft verwehrt bleibt.
* Kobabe benutzt in der englischen Originalversion geschlechtsneutrale e/em/eir-Pronomen, die bisher kein deutsches Equivalent besitzen.

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Hanspeter Reiter

Comicoskop-Redakteur

Kren Krimstein: Die drei Leben der Hannah Arendt
Eine starke Comic-Biografie hat hier ein Verlag (in Übersetzung) vorgelegt, der eben ein Literatur-Verlag ist: dtv. Als Graphic Novel konzipiert, also als gebundenes Buch (Softcover, fast 250 Seiten), strikt in Schwarz-Weiß (und Grau natürlich), nur der Protagonistin „ihr Grün“ gönnend, wie schon auf dem Cover angedeutet, mit vielerlei Zitaten und viel Einblick in jüdisches Leben unterschiedlichster Einstellungen und Lokationen: „Am Leben zu sein und zu denken ist ein und dasselbe… Hannah Arendt: streitbare Jahrhundertdenkerin, zu früh, zu wütend, auf so einschüchternde Weise klug, zu jüdisch, nicht jüdisch genug. 1933 floh sie aus Nazi-Deutschland ins Exil, über Tschechien, Italien und die Schweiz zunächst nach Paris. Später dann in die USA. Von dort aus avancierte sie zu einer der großen Ikonen unserer Zeit. Die drei Leben der Hannah Arendt skizziert rasant und liebevoll ihren Lebensweg. Mit einem Nachwort von Ken Krimstein.“ Der auf S. 234 seine Gedanken präsentiert, etwa diese: „Ich bin der Meinung, dass die Philosophie – das Denken – etwas sein sollte, womit sich jedermann auseinander setzen kann. Die G.N. mit ihrer einzigartigen Eigenschaft, Worte und Bilder gemeinsam wirken zu lassen, ist ein Medium, das sich besonders gut eignet, komplexe Themen zugänglich zu machen.“ Was er übrigens bestens (aus)nutzt, indem er Hannah Arendt und viele ihre Zeitgenoss_innen ausgiebig mit Worten ins Bild setzt (Walter Benjamin „Der Flaneur“ S. 98), teils auch grafisch aufbereitet, à la MindMap z. B. (siehe die Vielfalt ihres Netzwerks, wie wir heute sagen würden, S. 52f.: Maler_innen, Musiker_innen, Theoretiker_innen, Regisseur_innen) – oder als Podium intellektueller Diskutant_innen, Arendt inklusive (S. 162). Wieder kehrend und über weitere Strecken kommen private Beziehung und inhaltliches Auseinandersetzen mit Martin Heidegger ins Spiel (siehe „Die Jüdin und der Nazi“ u. a. rund um S. 207) – oder auch ihr Umgehen mit dem Eichmann-Prozess (eben „Die Banalität des Bösen“, rund um S. 225). Welch eine Fülle an Gedanken-Austausch, quasi interdisziplinär, Berühmtheiten wie Albert Einstein inkludierend: So geht Geist! Jedenfalls damals… Was ein eigenes Personenverzeichnis sinnvoll macht, das volle sechs Seiten umfasst (S. 238ff.)! Mehrfach entkommt Hannah nur knapp den Nazi-Schergen, mehrfach muss sie wieder weiter, deshalb auch die „drei Leben“, die die Leser_innen miterleben und -erdulden: Zu Anfang „Die Sorgen der kleinen Hannah“ (bis zur Studentin), danach „Hannahs erste Flucht“ (Berlin, S. 49ff.), dann die zweite Flucht (Paris, S. 89ff.), die dritte (New York, S. 149ff.), quasi erweitert final zu „Denken ohne Geländer“ (Jerusalem und danach, S. 213ff.). H. A. natürlich immer qualmend, seien es Zigaretten, seien es Havannas – andere Zeiten, andere Sitten. Ein wildes Denkerinnen-Leben, exzellent „eingefangen“ in Wort und Bild! Verarbeitet sind zudem Original-Texte, wieder eine Form der Adaption (siehe ComFor-Jahrestagung 2019)!

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Janek Scholz

Literaturwissenschaftler, ZPW an der Universität zu Köln

Fumettibrutti: P. La mia adolescenza trans
P. La mia adolescenza trans ist für mich das absolute Comic-Highlight des Jahres 2019. Fumettibrutti zeichnet darin ihre Geschichte als transsexueller Teenager nach, von Selbstzweifeln, die sie über sexuelle Begegnungen zu kompensieren versucht, über Beleidigungen und Gewalterfahrungen, bis hin zu ihrem Mut, die Erwartungen der Gesellschaft zu enttäuschen und sich selbst so zu lieben, wie sie ist – ein klares Plädoyer für mehr Toleranz jenseits der Binarität, was jedoch an keiner Stelle vorwurfsvoll, kitschig oder pathetisch daherkommt.
Es wird erzählt, wie brutal das Heranwachsen sein kann, wenn man „anders“ ist, aber auch, welche enorme Wirkung kleine Momente von Menschlichkeit haben. Der Zeichenstil ist schnörkellos, nichts wird beschönigt. Die Gesichter und die Umgebung werden stark reduziert dargestellt und die Kolorierung beschränkt sich auf gelb, schwarz und weiß – nur P.’s Erinnerungen sind in ein tiefes Lila gehüllt. Im Laufe der Erzählung nimmt P. immer weniger Raum ein, gemeint ist damit jedoch nicht nur der männliche Vorname der Protagonistin, sondern auch das Zeichen der Sünde auf ihrer Stirn (eine Anspielung auf das Purgatorio in Dantes Göttlicher Komödie). P. La mia adolescenza trans ist ein herausragender Comic, der schleunigst ins Deutsche übersetzt werden sollte.

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Véronique Sina

Medienwissenschaftlerin und Genderforscherin, Universität zu Köln,
2. Vorsitzende der ComFor

Helen Blejerman: Lulu la sensationelle
In ihrem autobiografischen Debütwerk Lulu la sensationelle (2014) inszeniert die in Großbritannien ansässige Künstlerin Helen Blejerman mit viel Feingefühl und zeichnerischem Geschick die Geschichte ihres Alter Egos Lulu, einem siebenjährigen Mädchen, das mit seinen Eltern in einem unbekannten Wohngebiet lebt. Eines Tages erleidet Lulus Mutter einen Nervenzusammenbruch, der sie dazu bringt, sich ohne weitere Erklärung in der heimischen Toilette einzuschließen und fortan dort zu leben. Um die emotionale Leere zu füllen, die die Abwesenheit ihrer Mutter hinterlässt, entwickelt Lulu eine Essstörung und beginnt, in ihrem Kleiderschrank zu schlafen. Ihre kulinarische Überkompensation bringt ihr jedoch keine Erleichterung und als Lulu nach den großen Ferien zur Schule zurückkehren muss, wird sie von ihren Mitschüler_innen aufgrund ihrer starken Gewichtszunahme schikaniert. Das Einzige, was Lulu noch bleibt, ist Trost in ihrer Fantasie zu suchen, in dem Traum, ‚Lulu la sensationelle’ zu werden.
Trotz der eher pessimistischen Grundstimmung und des düsteren Inhalts der Geschichte wird der Comic selbst von leuchtenden Pastellfarben dominiert und spielt so gekonnt mit der Erwartungshaltung der Leser_innen, die durch die Aufmachung der Bande Bessinée und Blejermans persönlicher Neuinterpretation der berühmten Ligne Claire an ‚leichte Unterhaltung’ und das Genre des Kinderbuchs erinnert werden. Durch den Verzicht auf Schraffuren oder Schattierungen und die Repräsentation geometrischer Formen sowie körperloser Bilder, kreiert Blejerman eine wunderschöne dichromatische Welt, die scheinbar keinen visuellen Raum für Zwischenräume oder -töne lässt und so das Gefühl von Verlust, Abwesenheit und Einsamkeit verstärkt, welches das Hauptmotiv des Comics bildet.

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Lukas R.A. Wilde

Medienwissenschaftler, Universität Tübingen

Jérôme Tubiana, Alexandre Franc: Guantanamo Kid: Die wahre Geschichte des Mohammed El Gharani
Verlangen verstörende Ereignisse nach verstörenden Darstellungen, um sich nicht der Verharmlosung zu verschuldigen? Jérôme Tubiana und Alexandre Franc werfen einen ganz anderen Blick auf die bis heute anhaltenden illegalen Inhaftierungen, die Menschenrechtsverletzungen und die alltäglichen Folterpraxen in Guantanamo Bay, als man es je in einem engagierten Dokumentarfilm gesehen hätte. Sie übersetzen dafür die Perspektive von Mohammed el Gharani, der nach 9/11 unschuldig an die US-amerikanische Regierung verkauft wurde – im Alter von 13 Jahren. Sie erzählen in simplen Cartoon-Strips von seinen langen Jahren in der Hölle, um gleichzeitig auch zu vermenschlichen: nicht nur eines der jüngsten Opfer der US-Amerikaner im „War on Terror“ und seine Mitgefangenen, sondern auch die „guten Wärter“, und, ja, irgendwie auch die rassistischen Bestien. Doch die naiv-hoffnungsvolle Trotzigkeit, mit der El Gharani heranwächst und dabei trotz allem erst langsam vom Kind zum Jugendlichen wird, motiviert eine Darstellung von Misshandlungen in Comic-Piktogrammen, nicht in graphischen Schockeffekten. Ja, selbst die grausamsten Monster erscheinen so irgendwo menschlich, und genau darin liegt die eigentliche Provokation der Lektüre: In der Alltäglichkeit und Routine, in der jeder nur seinen Job macht, wo doch alle wissen, dass „Nummer 269“ einfach nur unglücklich in die Räder einer ungerechten Maschine gekommen ist, die niemand aufhalten kann oder will.

David Füleki (hg. v. Adrian vom Baur): The Best (and Worst) of David Füleki. Jazam!
Ich habe aus meiner Füleki-Faszination noch nie einen Hehl gemacht, und 2019 wäre ein schlechter Zeitpunkt, damit zu beginnen. Nicht nur, dass Demon Mind Game (Tokyopop) endlich weitergeht; mit dieser wundervollen Jazam!-Werksausgabe ist auch ein Stück deutsche Comic- und Manga-Geschichte erschienen. Das Format Kurzgeschichte so zu meistern ist definitiv ein Ritterschlag, jede Seite vibriert geradezu vor aberwitzigen Ideen und Assoziationen. Und selbst, wenn man einiges schon kennt, wurde ein Großteil der Stories doch erweitert oder stark überarbeitet. Eigentlich fällt keine Geschichte richtig ab, der Ausschlag nach oben bleibt aber für mich „Beppo Biber“: eine Art Persiflage auf lustige Tiercomics aus der Wendy, die auf nur 12 Seiten eine ganze Klaviatur an überraschenden Wendungen formvollendet durchdekliniert. Wie gehabt und bekannt führt Fülekis beliebter Avatar ‚Def‘ durch den Band und schwatzt seinen Leser_innen allerhand Anekdoten und Hintergründe zu jedem Beitrag auf. Meist drehen sich diese um das rahmende Def-Multiversum, das alle Episoden (weit, weit im Hintergrund) irgendwie miteinander verknüpft. Gleichzeitig faltet sich aber auch ein Panorama der deutschen Comic- und Manga-Szenen 2010 bis 2017 vor dem geistigen Auge auf, denn tatsächlich verbindet Füleki beide wie kaum ein anderer…

Nadja Hermann: Erzähl mir nix
https://twitter.com/erzaehlmirnix?lang=de, https://www.facebook.com/erzaehlmirnix/Es wäre geradezu frevelhaft, in einer Liste der (für mich) wichtigsten Comics 2019 Nadja Hermann nicht zu erwähnen, denn: Wir haben sie gerade so bitter nötig! Erzählmirnix ist in diesem Jahr (2019) zum ersten mal vom Blog runter und exklusiv auf Twitter und Facebook, wo ihre Comics vielleicht auch einfach hin gehören, um ihren kleinen Sturm in der Filterblase loszutreten. Ihre „hässlichen, linksgrünversifften Paint-Comics“ (Selbstbeschreibung) sind unsere letzte, beste Chance, allen Familienmitgliedern mit Fremdschäm-Meinungen vielleicht doch irgendwann klar zu machen, was an unserer Kommunikation gerade alles schiefläuft. Kondensiert auf Standardszenen und Archetype, ohne mit all dem abzulenken, was Comics sonst offenbar brauchen: keine Bildhintergründe oder Figurenmerkmale, dafür die ganze szenischen Magie des silent panels und der ungefilterten Affektsemiotik. Dank Nadja Hermann ist der Webcomic gerade wichtiger denn je!

ComFor-Leseempfehlungen 2018

Die Redaktion der Gesellschaft für Comicforschung wünscht ihren Leser_innen  und Freund_innen nachträglich noch einmal einen guten Jahresstart. Kein Jahreswechsel ohne Jahresbestenlisten – höchste Zeit also, auch in diesem Jahr wieder mit einer Liste von Leseempfehlungen aufzuwarten! (Die Leseempfehlungen der letzten Jahre finden sich hier). Auch dieses Jahr haben wir unsere Mitglieder unter der Redaktion von Robin-M. Aust um ganz subjektive Lektüretipps gebeten, die aus den vergangenen zwölf Monaten im Gedächtnis geblieben sind – aus welchen Gründen auch immer. Hier also einige Notizen zum vergangenen Comicjahr 2018:

 

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Jörn Ahrens

Professor für Kultursoziologie, Justus Liebig Universität Giessen

Gipi: Die Welt der Söhne

avant-verlag

Gipis Stil wirkt skizzenhaft, zuweilen lässig bis geradezu nachlässig. Dennoch sind seine Zeichnungen, der Aufbau seiner Seiten ausgesprochen umsichtig durchkomponiert. Das scheinbar Unfertige, Flüchtige der Zeichnungen spiegelt die Fragilität der Figuren. In Die Welt der Söhne entwirft er ein apokalyptisches Szenario in schwarz-weiß, ganz ohne Backstory. Die Welt scheint geflutet, das Land ist weitgehend verschluckt. Die Katastrophe muss wenige Jahrzehnte zurückliegen; die Erwachsenen kennen noch eine andere Welt. Die Protagonisten, zwei Brüder und ihr Vater, leben auf dem Wasser, um sie herum kaum Menschen und beinahe nichts, das sie ernährt. Der Vater will, dass seine Söhne in dieser feindlichen Umwelt überleben können; Lesen bringt er ihnen gar nicht mehr bei. Jede Person, die auftaucht, wirkt erst einmal misstrauisch und kampfbereit. Menschen sind physiognomisch verunstaltet, wohl durch Kontamination, oder im Geiste durch eine grassierende inhumane Exzessreligion, die das Abschlachten anderer feiert. In seiner mit fast 300 Seiten bislang umfangreichsten Arbeit zeigt Gipi, wie sich Menschlichkeit reduziert auf Formen der Gewalt. Einerseits. Andererseits handelt es sich um eine ziemlich ruhige Meditation über die mentale Verfasstheit von adoleszenten Jungs, bei der die postapokalyptische Umwelt häufig nebensächlich wird. Die Brüder suchen etwas anderes, als nur das Überleben. Sie sehnen sich nach dem Anderen der Gewalt, nach Möglichkeiten der Kultur. Grandios, wenn sie das Tagebuch des Vaters nach dessen Tod durchblättern – über Seiten hinweg zeigt der Comic unleserliches Gekrakel, wie es die illiteraten Jungs sehen. Erst die allerletzte Seite eröffnet mit dem einzigen Lächeln im ganzen Buch einen Hinweis auf die Möglichkeit von Humanität.

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Pascal Regnauld / Roger Seiter: Mord für Mord, B.1: Gila Monster / B.2: Atemstillstand

Schreiber & Leser

Pascal Regnauld zeichnet Hintergründe für Sokals Inspector Canardo. Mit Mord für Mord hat er nun, nach einem Szenario von Roger Seiter, seine erste eigenständige, zweibändige Arbeit vorgelegt, und man darf sagen: das wurde auch Zeit. Ganz im Geiste des amerikanischen Film Noir (und gespickt mit Anspielungen) entwirft Seiter eine klassische, in den 1960er Jahren angesiedelte Gangstergeschichte um einen Mann, der seine Identität sucht. Wenn er sie schließlich findet, wird es zum Überleben zu spät sein. Das ist solide erzählt und macht Spaß zu lesen. Aber das wirkliche Fest sind Regnaulds Zeichnungen, die weder farbig sind, noch schwarz-weiß, die Figuren im Stil des Semifunny vor Art-Déco-Hintergründe setzen. Wenn Regnauld schwarz-weiß betont, mischt er zugleich blau ein und spielt mit der Palette möglicher Farbtonabstufungen, um seinen Zeichnungen trotz weitgehender Unfarbigkeit eine hohe Kontrastdichte zu geben; dasselbe kann er auch mit Sepia. Nur das Blut tropft rot ins Bild. Seinen Figuren gibt er häufig weiße Konturlinien, die Gegenstände haben oft gar keine. Selten hat man einen so eleganten Comic gesehen.

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Nury / Brüno: Tyler Cross, Bd.3: Miami

Carlsen

Seit 2016 erscheint Tyler Cross von Fabien Nury und Brüno im Carlsen Verlag; die Alben haben jeweils einen Umfang von um die 90 Seiten. 2018 ist mit Miami der dritte Band erschienen. Nury entwirft kompromisslos harte Geschichten, manchmal verwickelt, immer spannend und immer konsequent genregerecht. Wenn hier Klischees Verwendung finden, dann nur weil die Serie auch eine Hommage ist (ohne deshalb im mindesten ironisch zu werden). Tyler Cross ist ein Killer, der sehr professionell ist. Auch wenn er regelmäßig in Probleme schlittert, helfen ihm sein kühler Kopf und seine hinreichend rudimentär ausgeprägte Menschlichkeit am Ende immer, mit diesen auch klarzukommen. Brünos Zeichnungen sind, obwohl oberflächlich betrachtet ungemein konkret, extrem suggestiv und nur schwer einer Schule zuzuordnen. Alles ist über die Maßen stilisiert und flächig gehalten. Letztlich bleibt immer nur das Nötigste im Bild. Die Kolorierung von Laurence Croix greift dieses Prinzip konsequent auf und arbeitet ohne Abstufungen in einem monochromen Nebeneinander. So entfaltet sich eine extrem dichte Atmosphäre, die den Comic durchgängig trägt. Atemlos hechtet man als Leser durch die Bände und will gleich noch einmal oder mehr lesen.

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Robin-M. Aust

Literaturwissenschaftler, Heinrich Heine Universität Düsseldorf

Jakob Hinrichs: Der Trinker, nach Hans Fallada

Aufbau

Die Geschichte von Falladas Der Trinker (1944) ist an sich schnell erzählt: ein biederer Kaufmann gerät in die Alkoholabhängigkeit, verliert den bürgerlichen Halt und zerstört so sukzessive sein Leben. Soweit, so gut. Hinrichs kombiniert in Der Trinker diese fiktionale Geschichte mit Falladas eigener Biographie. Der Schriftsteller selbst agierte in seiner eigenen Alkohol- und Morphiumsucht vielleicht noch selbstzerstörerischer als der Protagonist seines Trinkers, versucht, seine Frau umzubringen und landet im Gefängnis. Hinrichs kombiniert die eigentlich simple Trinker-Erzählung mit Details aus anderen Erzählungen Falladas, aber auch biographischen Fetzen, Briefen zu einem Portraits eines Künstlers, der an seiner eigenen Existenz – grundlos? – scheitert. Wie auch schon bei Hinrichs vielleicht noch ein Stück dichteren Traumnovelle (nach Arthur Schnitzlers Erzählung von 1926) begeistern natürlich auch in Der Trinker die überbordend bunten, gleichzeitig tristen Bilder, die mal surreale-assoziativ, teils rauschhaft-ungreifbar, immer ungemein detailverliebt und anspielungsreich daherkommen.

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Isabel Kreitz (Hrsg.) u.a.: Die Unheimlichen (Reihe)

Carlsen

Eine Leseempfehlung, diesmal nicht unbedingt für individuelle Comics, sondern für eine neue Reihe: Die Unheimlichen erscheint bei Carlsen seit 2018 unter der Regie von Isabel Kreitz (Haarmann, Pünktchen und Anton, Die Entdeckung der Currywurst) und bringt unterschiedliche namhafte deutsche Zeichner_innen und klassische Gruselstoffe der Literaturwelt zusammen – ein Konzept, das bei mir natürlich auf Gefallen stößt und bisher zu einer Handvoll interessant-skurriler Adaptionen geführt hat. Bisher gezeichnet haben u.a. Nicolas Mahler (Der Fremde! nach Elfriede Jelinek) und Barbara Yelin (Das Wassergespenst von Harrowby Hall nach John Kendrick Bangs); für 2019 angekündigt ist Unterm Birnbaum nach Theodor Fontane, diesmal gezeichnet von Birgit Weyhe. Es bleibt, gespannt abzuwarten, welche Stoffe und Zeichner Isabel Kreitz noch für dieses Projekt zusammenführen kann.

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Nicolas Mahler: Das Ritual

Reprodukt

Auch 2018 war für Nicolas Mahler produktiv: Nach dem Re-Release seiner pseudo-autobiographischen Comics unter dem Titel Die Goldgruber-Chroniken,der gerade erwähnten Jelinek-Adaption, diversen Cartoon-Bänden, mehreren Lyriksammlungen und natürlich Literaturadaptionen erscheint mit Das Ritual mal wieder eine neue Erzählung von Mahler. Die kommt diesmal schon fast ungewohnt bunt daher – und es passiert für Mahler-Verhältnisse fast schon ungewöhnlich viel. Ausgangspunkt dieser Erzählung ist der japanische SFX-Pionier Eiji Tsuburaya, bekannt für die Godzilla-Filme – oder besser: für die in ihnen auftretenden Gummimonster. Mahler zeichnet in Das Ritual ein einfühlsames Portrait einer als Trash belächelten Kunst und der dahinterstehenden Künstler, das als Mahler-Comic gewohnt tragisch, komisch und selbstreflexiv daherkommt.

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Tillmann Courth

Comicjournalist und Blogger (COMIXENE, Comicoskop, tillmanncourth.de)

Mikael Ross: Der Umfall

avant

Beachtliche Graphic Novel über Menschen mit ‚Behinderung‘. Die jedoch nie als solche vorgeführt, geschweige denn als solche charakterisiert werden.
Noel Stock ist ein junger Mann, der nicht alleine leben kann. Als seine Mutter von einem Schlaganfall getroffen ins Koma fällt, kippt auch Noels Leben aus seiner Verankerung. Man bringt ihn zur Betreuung nach Neuerkerode, eine Dorfgemeinschaft aus Menschen mit und ohne Behinderung. Wie sich Noel hier in ein neues Leben finden muss und welche Kontakte er knüpft, davon erzählt Mikael Ross in Der Umfall. Ein Comic über Verluste, über Flüchtigkeit, Vergänglichkeit – und gerade dadurch auch über den Zauber des Augenblicks, die Macht der Fantasie und die Notwendigkeit menschlicher Fürsorge.
Am Ende sind einem Noel und seine schrägen Freunde (der ordnungsneurotische Valentin, die übergriffige Alice, der gutmütige Betreuer Robert, die lebenslustige Penelope) ans Herz gewachsen. Ein spezieller, leiser Humor sowie der karikatureske Strich runden DER UMFALL zu einer Sternstunde der ‚Graphic Medicine‘ ab. Besser kann man Menschen mit ‚Behinderung‘ nicht ins Licht rücken.

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Barbara „Eggy“ Eggert

Kunsthistorikerin und Comicautorin, ab Februar an der Kunstuniversität Linz

Jen Wang: The Prince and the Dressmaker

First Second

Eine warmherzig-humorvolle gender-bender Story mit überraschendem Ende, aus meiner Sicht geeignet für Menschen ab 10 Jahren. Die märchenhafte Geschichte im historischen Gewand verwebt zeitlose Themen wie Freundschaft, Liebe, Mode – und vor allem die Herausforderung, zu sich selbst zu stehen, auch wenn dies einen Bruch mit gesellschaftlichen Konventionen bedeutet. Ein panelsprengendes Farb- und Formvergnügen – was das Cover nicht
unbedingt erwarten liess… Das Buch wurde vom Cartoon Art Museum San Francisco von Februar bis August 2018 im „Emerging Artist Showcase“ gefeatured.

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Ole Frahm

Literaturwissenschaftler, Arbeitsstelle für Graphische Literatur (ArGL) Hamburg

Paul Karasik, Mark Newgarden: How to Read Nancy. The Elements of Comics in Three Easy Panels.

Fantagraphic Books

1998, im Schreibheft. Zeitschrift für Literatur 51, veröffentlichten Martin tom Dieck und Jens Balzer Variationen von Mark Newgarden über Ernie Bushmillers Nancy. Damals hieß es schon, meine ich, er arbeite an etwas Größerem über den Strip. Nun, läppische 19 Jahre später hat der Zeichner mit Paul Karasik (der vor wiederum zehn Jahren die Arbeit von Fletcher Hanks wiederveröffentlicht hat) eine wunderbare Würdigung des Strips vorgenommen, indem sie einen Strip der Serie mit drei Panels vom 8. August 1959 in seine 44 Bestandteile zerlegen. Vom Strip ist jeweils nur der Teil zu sehen: Nr. 28 zeigt die Blickbeziehungen, Nr. 35 die Gestaltung der Sprechblasen, Nr. 40 die Typographie des Copyrightvermerks und Nr. 43 diskutiert das vierte Panel und zeigt: eine weiße Seite. Ich kann mir keine bessere Literatur über Comics vorstellen.

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Neal Adams, Rafael Medoff, Craig Yoe: We Spoke Out. Comic Books and the Holocaust.

IDW Publishing

Inzwischen ist Stan Lee gestorben, aber sein Vorwort zu diesem Band wird er noch gelesen haben. Dort behauptet er, die Lektüre der Comic-Geschichten hätten die jungen Menschen dazu erzogen, dass der Holocaust sich nicht wiederholen dürfe. Ob die Geschichten, die hier zusammengesucht wurden, diesen Anspruch erfüllen, sollte jede und jeder selbst überprüfen. Manche berühren den Holocaust eher indirekt, wie die Batman-Story „Night of the Reaper“, andere gehen recht frei mit historischen Tatbeständen um, aber gerade fiktionale Geschichten wie „Thou Shalt not Kill“, in der eine Steinstatue zum Golem erwacht, um sich an den marodierenden Wehrmachtssoldaten zu rächen, sind es allemal wert, wieder gelesen oder überhaupt entdeckt zu werden: „The golem walks again!“

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Ari Folman, David Polonsky: Das Tagebuch der Anne Frank.

Fischer

Manche der Bildfindungen, die Adams, Medoff und Yoe versammelt haben, lassen sich in der graphischen Version von Anne Franks Tagebuch wiederfinden. Viele andere wären zu ergänzen und erzeugen einen interessanten Eklektizismus, wenngleich der nicht immer unproblematisch ist. Ich bin gespannt, wie sich dieser Band in zwanzig Jahren liest und wie er dann bewertet werden wird. Das erste Jahr hat diese kluge Aktualsierung des Tagebuchtextes gut überstanden.

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Dietrich Grünewald

Kunstdidaktiker, Emeritus Universität Koblenz-Landau, ehem. 1. Vorsitzender der ComFor

Mikael Ross: Der Umfall.

avant

Hervorgegangen aus der privaten Initiative Pastor Gustav Stutzers 1868, hat sich die Evangelische Stiftung Neuerkenrode in Niedersachsen zu einem verzweigten sozialwirtschaftlichen Unternehmen entwickelt, das Menschen mit Beeinträchtigungen ein lebenswertes Zuhause bietet. Wenn diese großartige und wichtige Stiftung zum 150jährigen Jubiläum auf die Idee kommt, das mit einem Comic zu feiern – so sagt das viel über ihr liberales Selbstbewusstsein aus, zeigt aber auch, dass Bildgeschichten im kulturellen Bewusstsein unserer Zeit angekommen sind, dass sie akzeptiert werden und als eine wunderbare Möglichkeit der Kommunikation gesehen werden. Der Münchener und Wahlberliner Zeichner Mikael Ross, der mit Nicolas Wouters den gelungenen, spannenden wie nachdenkeswerten Bildroman Totem (avant 2016) geschaffen hat, hat zwei Jahre lang für seine Graphic Novel recherchiert. Der Umfall ist kein Werk sprühender ästhetischer oder dramaturgischer Innovation, aber Ross erzählt solide, gut mitempfindbar, in gelungenen leicht cartoonierten Zeichnungen, die jedes falsches Pathos, jede Form von „gutmeinender Anteilnahme“ ausschließen, die uns aber nahe miterleben, mitärgern, mitfreuen lassen, wenn der geistig behinderte junge Noel plötzlich alleine ist und in Neuerkerode lernt sein Leben zu meistern. Mir gefällt die Bildgeschichte sehr gut, eben weil sie kein Hymnus auf die Stiftung in beweihräuchernder Form ist, sondern völlig unpathetisch, lustig und unterhaltsam eine aufschlussreiche Geschichte erzählt, die sehr viel mehr Empathie wecken kann, als moralisierende Botschaften. Ich wünsche dem Comic viele viele Leser und Leserinnen!

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Linda Heyden

Literaturwissenschaftlerin, Universität Jena

Jeff Lemire, Dustin Nguyen: Descender, The Machine War (B. 6)

Image Comics

Von Jeff Lemire findet sich dieses Jahr vor allem „Black Hammer“ auf den Empfehlungslisten, aber ich möchte anlässlich des letzten Bandes, der dieses Jahr erschien, die Science-Fiction-Serie „Descender“ empfehlen.
Zugegeben beginnt die Geschichte zunächst sehr generisch in einer Zukunft, in der Menschen und Maschinen gegeneinander Krieg führen und der humanoide AI-Junge Tim-21 eine entscheidende Rolle spielt. Doch den Figuren, deren Hintergrundgeschichten und Charaktere sich nach und nach enthüllen, will man von Anfang an folgen. Vor diesen Figurenentwicklungen entspannt sich nebenbei die Geschichte, die dann im sechsten Band ihre größte Wendung nimmt und Lust macht auf die Fortsetzungsserie „Ascender“.
Vor allem aber fesselt vom ersten Cover an die visuelle Umsetzung in den Aquarellen von Dustin Nguyen, die beim Lesen wieder und wieder zum Verweilen einladen. Die Verbindung von SciFi-Genre und Aquarellstil ist ungewöhnlich und erzeugt eine besondere Atmosphäre. Nguyen wechselt immer wieder das Seitenlayout und die Farbpalette, so dass sich ständig neue visuelle Eindrücke bieten. Besonders das Layout mit 4 schmalen Panels, die über die Seitenbreite reichen, sind durch ihre Sequenzierung und Perspektivierung sehenswert. Farblich dominieren in Band 6 schließlich zarte Pastelltöne, in die sich die maschinellen Sprechblasen und Schriften von Steve Wands bei aller visueller Spannung durchaus harmonisch einfügen.

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Elisabeth Klar

Komparatistin, Autorin beim Residenz Verlag

Daniela Schreiter: Schattenspringer (Band 1-3)

Panini

Es wird viel zum Thema Autismus geschrieben, Betroffene hingegen kommen selten selbst zu Wort – schon allein deshalb wäre Daniela Schreiters (aka Fuchskind) Serie Schattenspringer, in der sie von ihrer Kindheit (Band 1) und Jugend (Band 2) als Asperger-Autistin erzählt, eine Empfehlung für alle, die sich mit dem Thema beschäftigen wollen. Fuchskinds Comics sind aber zudem noch abwechslungsreich erzählt und voller Humor, und nutzen das Medium und all seine Möglichkeiten gekonnt, um die eigene Erfahrungsrealität auszudrücken – dabei lässt Fuchskind sich keine Gelegenheit zu geekigen Pop-Kultur-Referenzen entgehen. Bereits in Band 1 erklärt Daniela Schreiter, dass die Erfahrung eine_s einzelnen Autist_in allein niemals Verallgemeinerung auf andere Betroffene zulässt. Umso konsequenter ist es, dass sie in Band 3 schließlich andere Autist_innen zu Wort kommen lässt und deren Lebensgeschichten Raum gibt. Fuchskinds Schattenspringer-Serie ist reflektiert und informativ, regt zum Hinausblicken über den eigenen (neuro-typischen) Tellerrand hinweg an, oder lässt vielleicht ein Wiedererkennen eigener Erfahrungen zu – und es ist auch einfach ein sehr gut gemachter Comic.

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Lukas Kummer, Thomas Bernhard: Die Ursache

Residenz

Nach Nicolas Mahlers Adaptationen von Büchern von Thomas Bernhard (Alte Meister, Der Weltverbesserer) hat Lukas Kummer die Herausforderung angenommen, den ersten Teil der Autobiografie von Bernhard, Die Ursache, in das Comic zu übertragen. Dass Lukas Kummer dafür einen anderen Weg als Mahler einschlägt, ist gut, denn auch den zugrundeliegenden Text tragen eine andere Stimmung und ein anderer Anspruch. Lukas Kummer arbeitet mit Rhythmus und Wiederholung, mit dem Text als das Bild teilweise überdeckendes Zeichen, mit Raum und dabei insbesondere Häuserfassaden als Ausdruck der „abtötenden“, erstarrten, nach außen hin abgeschlossenen Stadt Salzburg. Wie im Text selbst gibt es keine direkte Rede, nur Bernhards stetiges Kommentar der auf den Panels abgebildeten Orte und Ereignisse. Der abstrahierte, reduzierte Zeichenstil erschafft gemeinsam mit der Farbwahl (Grau- und Schwarztöne, starke Kontraste) eine harte, kalte, ja unmenschliche Atmosphäre, in der die Menschen den Dingen untergeordnet oder zumindest gleichgestellt sind, und die das Erleben Bernhards in dem Text authentisch widerspiegeln, den_die Leser_in gleichzeitig in das Geschehen und in Bernhards Gedanken hineinziehen, ja, gar nicht mehr loslassen.

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Lukas R.A. Wilde

Medienwissenschaftler, Universität Tübingen

Jeff Lemire und Andrea Sorrentino: Gideon Falls

Image

Während sich im amerikanischen Non-DC/Marvel-Bereich scheinbar das ganze Jahr nur um Jeff Lemires Black Hammer gedreht hat, wurde ich durch ein regelrechtes Image-Revival geschleift: Skottie Youngs zauberhaftes Middlewest, Ed Brubakers und Sean Phillips routiniertes My Heroes Have Always Been Junkies, Ann Nocentis und David Ajas verstörendes The Seeds, Jody Leheups und Nathan Fox‘ wahnwitziges The Weatherman, die schwindelerregende Worldbuilding-Prämisse in Ryan Cadys und Andrea Muttis Infinite Dark, selbst Joe Hendersons und Lee Garbetts hanebüchend unterhaltsames Skywards… Im Sommer machte indes ein Einkauf von TV-Rechten Schlagzeilen, der bereits vor dem Erscheinen der ersten Comic-Ausgabe unter Dach und Fach war: Ein anderer neuer Wurf von Lemire: Gideon Falls. Eine Twin Peaks-artige Horrorstory in einer Midwest-Kleinstadt, aus der man nach dem Lesen gar nicht mehr herausfindet; gefallene Priester, Geheimbünde, Schizophrenie… Warum ich bei dieser Adaptation trotzdem skeptisch bleibe: Angesichts der zuvor genannten Konkurrenz hätten es die soliden Gruseleien niemals ohne Zeichnerin Andrea Sorrentino an die Spitze meiner Liste geschafft. Gemeint sind noch nicht mal ihre grisselig-pseudofotografischen Bilder, sondern das schwindelerregende Panel-Layout. Mehrmals pro Ausgabe finden sich formale Experimente, wie man sie sonst höchstens bei J.H. Williams III gesehen hat; zersplitterte, gefaltete, zu Mosaiken zusammengesetzte Panel-Geflechte, die dennoch ganz im Dienst erzählerischer Verunsicherung stehen. Gideon Falls per Handy auf ComiXology-App zu lesen ist, wie einen Kinofilm ohne Ton zu schauen – allein wegen dieser Erkenntnis ist jede neue Ausgabe ein kleines Juwel!

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Steven Olando und Garry Brown: CRUDE

Image

Nachdem meine vorige Auflistung an Empfehlungen eher interessante Titel enthielt, als dass man ihre nachhaltige Relevanz bereits treffsicher einschätzen könnte, gibt es für Steven Olandos und Garry Browns CRUDE keinerlei Rückhalte. Die Autoren entwerfen hier eine Orwell‘sche Sozialallegorie, die tief in ein Fass Frank Miller getunkt worden ist, um dabei alles zu zertrümmern, was an Frank Miller schon lange toxisch und reaktionär geworden ist. Eine russische Arbeiterkolonie aus Raffinerien und industriellen Niederwelten wird uns als Utopie verkauft, um endlich in Freiheit leben und zu lieben zu dürfen. Darum herum ist eine kapitalistische Maschine errichtet, die den Traum dieser Freiheit in harten Zahlen ausbeutet. Im Inneren dieser erschreckend gegenwartsnahen Blade Runner-Welt prügelt sich eine scheinbare Hard Boiled-Karikatur durch die Gassen und Kasernen, um den Tod seines Sohnes zu rächen, der selbst unerhörte Angst vor ihm und seiner elenden Intoleranz hatte – die es vielleicht nie gab, wenn man mal angefangen hätte, miteinander zu reden. Der alte Bastard bricht Knochen und zersplittert Schädel um dabei – auf eine unerklärlich anrührende Weise – das Genre in den Dienst von Liebe und Toleranz zu prügeln, ohne dabei je seine Regeln zu verlassen.

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Magdalene Visaggio und Sonny Liew: Eternity Girl

DC’s Young Animal

Soviel zum Thema Image, doch ich muss auch sagen: ich habe DCs Vertigo-Imprint vermisst, insbesondere die schrägen, weirden Stories der ersten Phase des Labels! Nun steht zwar ein großer „DC Vertigo“-Relaunch an, die ersten Titel lesen sich auch ganz hervorragend (Border Town und American Carnage) – aber doch eher wie weitere neue Image-Comics. Indes hat parallel DC’s Young Animal-Label weiter Fahrt aufgenommen, und nun, nach dem DCU-Crossover „Milk Wars“ in Phase II, geht die Formal auch langsam richtig auf. Insbesondere von Magdalene Visaggios und Sonny Liews Miniserie Eternity Girl war ich schwer begeistert, die genau den sweet spot zwischen identitätsforschender psychologischer Erzählung, high concept-Superhero-Wahnsinn in Jack Kirby-Dimensionen und Genre- und Medienbespiegelungen umkreist. Ein wilder Ritt wie bei Grant Morrisons Frühwerken zu Zeiten von Doom Patrol oder Flex Mentallo: Visaggios erzählt von Caroline Sharp, einer manisch depressiven Super-Agentin in Zwangsbeurlaubung, die entweder unsterblich ist oder in einem grässlichen Kreislauf aus ewigen Wiedergeburten feststeckt. In verschachtelten, sich gegenseitig metaphorisierenden Erzähl- und Realitätsebenen taumelt Sharp durch eine kosmische Odyssee, die sich auf den erlösenden Tod zubewegt, dabei aber das gesamte Universum in die Auslöschung zu reißen droht. Deutlich zu weird, um es je in einen Kanon – oder in eine TV-Adaption – zu schaffen, und genau darum mein Geheimtipp des Jahres!

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ComFor-Leseempfehlungen 2017

Die Redaktion der Gesellschaft für Comicforschung wünscht ihren Leser_innen  und Freund_innen nachträglich noch einmal einen guten Jahresstart. Auch zu diesem Jahreswechsel möchten wir uns an den Listen aus Leseempfehlungen beteiligen, die man zum Jahreswechsel allerorts finden kann (hier geht es zu Leseempfehlungen der Vorjahre 2014-2016). Unter der Redaktion von Lukas R.A. Wilde haben wir unsere Mitglieder um ganz und gar subjektive Lektüretipps gebeten, die aus den vergangenen zwölf Monaten im Gedächtnis geblieben sind – aus welchen Gründen auch immer. Im Folgenden also einige Notizen zum Comicjahr 2017!

Juliane Blank

Literaturwissenschaftlerin (Germanistik), Universität des Saarlandes

D’Orsay-VariationenManuele Fior: D’Orsay-Variationen
Avant-Verlag

Auch wenn es sich um ein Auftragswerk des Musée d’Orsay handelt, erzählt der Comic nicht einfach die Geschichte des Museums. Stattdessen träumt sich Fior einen Streifzug durch die Kunstgeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zusammen – und zwar ganz wörtlich. Die von den Besucher*innen und den Gemälden genervte Museumswärterin schläft während der Arbeit ein und sieht im Traum ‚ihre‘ Künstler, die sie so gut kennt: In Momentaufnahmen wird gezeigt, wie sich die impressionistischen Künstler*innen um Edgar Degas darüber streiten, ob Kunst in der Natur oder im Museum von den ‚Klassikern‘ gelernt wird. Was hier in Variationen durchgespielt wird, ist die Frage nach der Dynamik von Ablehnung und Verehrung, nach den Mechanismen der Zuschreibung von Kanon und Avantgarde. Die Anekdoten, die Fior erzählt, sind nicht immer belegt; aber der Band ist auch kein Lehrbuch der Kunstgeschichte. Er zeigt vielmehr, wieviel Bewegung in der Kunstgeschichte ist, die uns heute so fixiert und scheinbar unumstößlich entgegen tritt, zumal im Museum. Dabei sieht der Comic auch noch wunderschön aus. Fior demonstriert einmal mehr seine Spezialität, durch Variation des visuellen Stils zu erzählen. Die Überblendungen zwischen verschiedenen Bilderwelten lassen die Leser*innen abtauchen in den Traum von der Kunst, aber auch immer wieder in ihrer eigenen Welt aufwachen – vielleicht mit einem neuen Blick.
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Tillmann Courth

Comicjournalist und Blogger (COMIXENE, Comicoskop, tillmanncourth.de)

My Favorite Thing is MonstersEmil Ferris: My Favorite Thing is Monsters
Fantagraphics

Das ganze Jahr schon mache ich Propaganda für dieses US-amerikanische Werk, das aus dem Nichts kam. Mein Comic des Jahres 2017! Die Comicdebütantin Ferris legt einen 380-Seiten-Klotz vor, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat: ein höchst eigenwillig illustriertes Werk um ein Mädchen aus Chicago, das im Jahr 1968 mit ihrer sexuellen Identität ringt und ihre Umwelt wie einen düsteren Horror-Krimi wahrnimmt. Auf liniertem und gelochtem Schreibheftpapier (!) breitet Ferris mit feinem Buntstift ein Panoptikum der Zeit und ein Sittengemälde der Nachbarschaft aus. Protagonistin Karen fantasiert sich aus ihrem elenden Unterschichten-Alltag heraus, indem sie sich in Kunst flüchtet, Selbstermächtigung aus Horror-Trash gewinnt und als kecke Detektivin einem realen Mordfall nachgeht. Dabei kommen noch dunkle Geheimnisse zu Tage, die bis in ein deutsches Konzentrationslager zurückreichen. Das alles klingt wahnsinnig verblasen, therapeutisch und anspruchsvoll. Dank der Brille der Naivität, durch die Karen blickt, kann Ferris jedoch ihre Themen federleicht und mit viel trockenem Witz jonglieren. My Favorite Thing is Monsters bewältigt auf spielerische Weise, woran sich Dutzende Kunstcomicschaffende die Zähne ausgebissen haben: ein popkulturelles, genderbewusstes, zeitkritisches Familiendrama mit Humor! Für mich ist dieser Comic „the great American GRAPHIC novel“ (eine extensive Besprechung findet sich auf meinem Kulturblog).
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Weiterlesen: Empfehlungen von elf weiteren Comic-Expert_innen der ComFor

ComFor-Leseempfehlungen 2016

Die Redaktion der Gesellschaft für Comicforschung wünscht ihren Leser_Innen  und Freund_Innen nachträglich noch einmal einen guten Jahresstart. Auch zu diesem Jahreswechsel findet man sie überall, die Jahresbestenlisten. Die ComFor möchte sich erneut beteiligen (hier geht es zu Leseempfehlungen der Vorjahre). Wir haben unsere Mitglieder um ganz und gar subjektive Leseempfehlungen gebeten, die aus den vergangenen zwölf Monaten im Gedächtnis geblieben sind – aus welchen Gründen auch immer. Hier also einige Notizen zum Comicjahr 2016:

Ole Frahm

Literaturwissenschaftler, Arbeitsstelle für Graphische Literatur (ArGL) Hamburg

van DrielGuido van Driel: Als wir gegen die Deutschen verloren haben

Sind Comics ein besonders geeignetes Medium für die Darstellung von Erfahrungen mit Gewalt? Nach der Lektüre von Als wir gegen die Deutschen verloren haben lässt sich sagen: ja, nicht zuletzt weil die gezeichnete, hier gemalte, pastose Bildserie als Tableaus eine Distanzierung erlaubt, in der Traum und Wirklichkeit, Projektion und Materialität seltsam gleichwertig und kritisierbar werden. Das Unwirkliche unserer Wirklichkeit und ihrer Geschichte wird erinnerbar – van Driel erzählt es berdrängend genau. Schon 2002 in den Niederlanden erschienen ist der Band in diesem Jahr endlich auf Deutsch veröffentlicht worden und wirkt so aktuell und überzeugend, als sei er gerade erst produziert.
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MeurisseCatherine Meurisse: Die Leichtigkeit

Sind Comics ein besonders geeignetes Medium für die Darstellung von Erfahrungen mit Gewalt? Nach der Lektüre von Catherine Meurisse Buch Die Leichtigkeit läßt sich sagen: ja, nicht zuletzt weil das gezeichnete Bild eine Distanzierung erlaubt, in der noch das grausamste Geschehen – wie das Massaker, bei dem ein großer Teil der Redaktion von Charlie Hébdo ermordet wurde – mit einem Witz in Rabelaischer Tradition tradiert werden kann. Das ist auch eine Strategie gegen den um sich greifenden identitären Wahn unserer Tage. Dabei ermäßigt Meurisse nichts, der Schrecken, der Schock, das Unwirkliche des Geschehens treten in ihren karikaturesken Zeichnungen deutlich hervor – und beweisen die Kraft der Karikatur und des seriellen Bildes, deren Wiederholungen nicht nur Bearbeitungen des Traumas erlauben, sondern auch manchen Scherz.
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GottfredsonFloyd Gottfredson: Mickey Mouse Vol. 5: ‚Outwits the Phantom Blot’

Sind Comics ein besonders geeignetes Medium für die Darstellung von Erfahrungen mit Gewalt? Nach der Lektüre von dem fünften Band der wiederveröffentlichten Tagesstrips von Mickey Mouse läßt sich sagen: nein. Zwar treten die Deformation der Menschen der kapitalistischen Gesellschaft in Floyd Gottfredsons Zeichnungen deutlich zu Tage, aber die Gewalt, die der Rassismus der 1930er in den Südstaaten bedeutet, wird kaum durch die Kannibalen mit gebrochenen Südstaatenakzent – oder wie Gottfredson schreibt: „cannibals who speak English with a colored accent“ – reflektiert. Da hilft es auch nicht, dass diese Darstellung gerahmt ist: sie findet als Film von Disney in einem Studio statt (und erinnert an den ersten Strip von Mickey Mouse, den Disney geschrieben hat und in dem es auch Kannibalen gibt). Diese Wiederveröffentlichung ist zwar eingeleitet, aber die Kommentare machen vor allem deutlich, wie wenig entwickelt die Comic-Wissenschaft hinsichtlich philologischer Editionen ist. Und so wird auch nur hagiographisch kommentiert, warum die Augen von Mickey am 22.12.1938 von einfachen schwarzen Pupillen in den beiden Rundungen ihres Gesichts zu kleineren Augen werden, wodurch die Rundungen ihre Bedeutung verlieren, und zwar genau in dem Strip, in dem der rassistische Film beginnt. Sehen wir Mickey seitdem nurmehr als Schauspieler, der – wie gegen den agilen Tintenfleck Phantom – alle möglichen Rollen annimmt?
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Dietrich Grünewald

Kunsthistoriker, Emeritus Universität Koblenz-Landau, ehem. 1. Vorsitzender der ComFor

Ich möchte auf zwei Comics hinweisen, die ich mit großem Vergnügen gelesen habe und die ich gerne empfehlen möchte. Beide legen neben der Geschichte besonderen Wert auf eine adäquate Visualisierung:
Smolderen Clerisse
Alexandre Clerisse und Thierry Smolderen: Ein diabolischer Sommer

In Ein diabolischer Sommer erzählt ein Icherzähler ein einschneidendes Erlebnis aus seiner Jugend, das damit endet, dass sein Vater spurlos verschwindet. 20 Jahre später publiziert er die Erinnerung, trifft seine alte Jugendliebe wieder und erhält durch sie Hinweise, die das mysteriöse Geschehen aufklären. Die Geschichte entpuppt sich als spannende Agentengeschichte mit überraschendem Ausgang. Der Reiz des Bildromans liegt in seiner Gestaltung. Das Jugenderlebnis spielt sich 1967 ab – und der Zeichenstil greift wunderbar die bunte Illustrationswelt dieser Zeit auf, wie wir sie z. B. aus Kaukas Münchhausen, aus Bilderbüchern und Zeitschriften kennen, eine bunte glatte Farbenwelt, die mit der Pop-Art und ihr verbundenen Comics wie Jodelle korrespondiert. Nicht nur Architektur, Einrichtung und Kleidung spiegeln die 1960er Jahre, so manche Szene erinnert an die Motive David Hockneys, wobei die Landschaftsdarstellungen mit ihren sich in die Bildtiefe windenden Straßenverläufe seine grandiose Bildwelt aus den 1990er Jahren zitiert und damit eine Brücke über die Zeit schlägt. Und dann ist da noch Diabolik- der maskierte Dunkelmann aus der italienischen Comicserie um den 1962 von Angela und Luciana Giussani erfundenen und von Luigi Marchesi gezeichneten Gentlemen-Verbrecher, der im Geschehen auftaucht… So ist die Geschichte mit ihrem Verweis auf Diabolik und auf das Magazin Pilote auch eine Hommage an frühe Comiclektüre.
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LehmannMatthias Lehmann: Die Favoritin

Lehmann erzählt aus der Perspektive der kleinen Constanze, die isoliert von der Außenwelt in einem Schloss aufwächst, unter der Fuchtel einer gewalttätigen Großmutter und eines passiv-erduldenden Großvaters. Doch Constanze ist tatsächlich ein Junge, dem die Großmutter die Mädchenrolle aufzwingt. Das erinnert an Rilke, den die Mutter im Verlustschmerz über die verstorbene Schwester in eine Mädchenrolle drängte; wie einst Rilke muss auch „Constance“ Mädchenkleidung und lange Haare tragen. Der historisierende Aspekt wird durch die Visualisierung aufgegriffen. Die Zeichnungen wirken ein wenig wie alte Holzstiche, ihr Schwarz-Weiß trägt den bedrückenden Charakter der Geschichte, was wiederum durch absurd-witzige Elemente und die cartoonhafte Darstellung der Akteure, gebrochen wird. Realität und Fantasie, Wunsch und Konstruktion greifen ineinander. Das zeigt sich in Dramaturgie und Layout, in zahlreichen Bildmetaphern und Bildzitaten (wie Ary Scheffers Tod Géricaults, 1824), in den ohnmächtigen Gewaltfantasien „Constances“, der Einbeziehung von Comic-, Film- und Literaturlektüre (Goethes Leiden des jungen Werther) ins Kinderspiel. Wenn „Constance“ den Kindern des portugiesischen Hausmeisterpaares mit einer Maske begegnet, so spielt das auf raffinierte Weise mit der Doppelbödigkeit der Situation, und ihre Demaskierung (was die getragene Maske wie die aufgezwungene Mädchenrolle betrifft) veranschaulicht Leid und Tragik „Constanzes“, die – wie sich dann zu Ende der Geschichte herausstellt – eigentlich Maxime heißt und als Zweieinhalbjähriger geraubt worden war…
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Thomas Hausmanninger:

Christliche Sozialethik, Universität Augsburg

Dorison Allart Xavier Dorison und Thomas Allart: HSE – Human Stock Exchange 1-3

Xavier Dorisons Comics sind bei uns vor allem durch den Erfolg von Das Dritte Testament bekannt geworden und daher häufig auch in Deutsch übersetzt. Bei diesem Dreiteiler fehlt leider (bislang?) die deutsche Ausgabe. Dorison präsentiert darin eine Art Social Science fiction, in der er die neoliberale Konzeption der Marktwirtschaft und die Konsequenzen eines deregulierten Börsenkapitalismus weiter denkt: Die Börse war einst eine Erfindung, die die Acquisitation von Kapital für Unternehmen durch Ausgabe von Anteilsscheinen ermöglichen sollte und in der Folge diese Anteilsscheine selbst als auf dem Markt handelbare Ware betreute. Ausgehend von einem realen Fall lässt Dorison, selbst Absolvent einer Elite-Wirtschaftsschule, nun einzelne Personen und ihre wirtschaftlichen Unternehmungen börsennotierbar werden. Seine Hauptfigur Felix Fox, tätig als Verkäufer im Call Center eines Automobilproduzenten, versucht diese Chance zu nutzen und muss erfahren, was es bedeutet. wenn der Mensch als Ganzer nur noch durch die ökonomische Brille betrachtet wird. Die französische Gesellschaft der Zukunft wird von Dorison als extreme Klassengesellschaft mit über 50% Arbeitslosigkeit gezeichnet, in der die Bürger*innen in ökonomisch aufgeteilten, von paramilitärischen Truppen bewachten Zonen leben. Treffend zerlegt der Autor dabei die Stereotypen neoliberaler Ideologie.
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Rodolphe MarchalBertrand Marchal und Rodolphe: Memphis 1-3

Durch die Zusammenarbeit mit Leo am Universum von Kenya und Namibia steht der Name Rodolphe in letzter Zeit mehr und mehr für phantastische period pieces, also in einer zurückliegenden Epoche mit recht authentischer Zeitgeschichte angesiedelter Erzählungen, die Historie und Phantastik miteinander verweben. Bertrand Marchal und sein ausgezeichneter Colorist Sebastien Bouet setzen mit Memphis nun eine Geschichte in scheinbar den 1960er Jahren in den USA um, bei der sich zunehmend zeigt, dass man sich mitnichten in dieser Region und Zeit befindet. Verschwörungstheoretische Elemente und eine an Rätseln orientierte Narration sorgen für Spannung in einer angenehm langsam und sorgfältig erzählten Geschichte, die als Krimi beginnt und als Science fiction endet. Sebastian Bouets Lichtführung in den Farben ist – wie schon in Namibia – erneut ein Augenschmaus.
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Philippe Richelle u.a.: Les mystères de la … republique

Richelle Philippe Richelle hat sich einen Namen gemacht durch seine beiden vorangehenden Serien Sectrets bancaire und Secrets bancaire USA, in denen er – ähnlich Dorison, aber in der aktuellen Zeitgeschichte platziert – die Folgen des Finanzkapitalismus durchbuchstabiert. Mit den drei parallel laufenden Serien Les mystéres de la – triosième, quatrième, cinquième – republique arbeitet er nun die Zeitgeschichte Frankreichs nach dem Zweiten Weltkrieg auf. Alle drei Serien sind außerordentlich lesenswert, werden aber wegen ihrer ausschließlichen Konzentration auf die französische Geschichte kaum je übersetzt werden. Es handelt sich jeweils um Krimis, die fokalisiert auf jeweils einen Kommissar als Hauptfigur durcherzählt werden. Skandalöse politische Hintergründe werden dabei stets aufgedeckt, die die Hauptfiguren mit der politischen Zeitgeschichte konfrontieren. Richelle geht mit Frankreich sehr kritisch ins Gericht. Wer Es war einmal in Frankreich hierzulande geschätzt hat, wird mit diesen drei Serien gut und spannend bedient sein. Zeichnerisch leisten Pierre Wachs, der hier einen fließenden Pinselstrich pflegt, und François Ravard, der ähnlich arbeitet, in zwei der drei Serien detailreiche, atmosphärische Bilder. Alfio Buscaglia, der die mittlere Serie zeichnet, bleibt leider hinter den beiden anderen zurück.
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Stephan Packard

Juniorprofessor für Medienkulturwissenschaft in Freiburg, 1. Vorsitzender der ComFor
King Walta
Tom King, Gabriel Hernandez Walta und Jordie Bellaire: The Vision

Superheldencomics habe ich an dieser Stelle schon öfter empfohlen. Die Geschichte, die Tom King hier in 12 Episoden anspinnt und zu Ende bringt, ist auf den ersten und auf den dritten Blick auch einer. Auf den ersten, weil der Protagonist Marvels Superheld The Vision ist: ein vom bösartigen Ultron geschaffener und später zum Guten bekehrter Androide, Mitglied der Avenger, und bisher siebenunddreißigmal Retter der Welt, wie wir in der neuen Serie vorgerechnet bekommen.
Auf den zweiten Blick erweist sich die Erzählung als subtile und perfekt skandierte Tragödie. Ihre meisten Szenen spielen in dem amerikanischen Vorstadthaus, in dem die künstliche Familie, die der Androide sich gebaut hat, scheitert. Die empfindsame Komposition läuft ruhig und nachdenklich ab und raubt den Atem. Zugleich bietet sie beste Hard SF, die noch einmal präzise die bekannte und wieder aktuelle Frage nach dem künstlichen Menschen als Frage nach dem Menschen überhaupt stellt. Eine Antwort auf diese Frage kann ja Liebe lauten. Wie das unerbittlich schiefgeht, steht hier.
Mit Kings genialem Arrangement des Sujets und seinem Wort für Wort perfektem Text (unbedingt im Original lesen!) spielt die graphische Brillanz zusammen: Waltas scheinbar sachliche Zeichnungen treffen jeden emotionalen Ton exakt, und Bellaires gedämpfte Farben kehren die künstliche Pose der Androiden dort hervor, wo sie die verzweifelte Bemühung um authentische Affekte besonders menschlich macht. Dass es allen dreien in Plot, Wort und Bild dann gelingt, auf den dritten Blick auch noch der ganzen Vorgeschichte der Hauptfigur aus mehreren Jahrzehnten populärer Superheldencomics gerecht zu werden, kann man wahrscheinlich erst glauben, wenn man es selbst liest.
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Lukas R.A. Wilde

Medienwissenschaftler, Universität Tübingen

BaitingerMax Baitinger: Röhner

Meine erste Begegnung mit Max Baitingers gleichermaßen brachialer wie subtiler Befindlichkeitsstudie fand in der Erlanger Schuhstraße statt, in der Rotopol während des Comic-Salons eine hübsche kleine Ausstellung arrangiert hatte. Es war aber weniger der Vernissage-Sekt und nicht einmal die Anwesenheit des Künstlers, die mich hinein gelockt hat, sondern eine etwas grummelige Bemerkung eines Erlanger Passanten: „Jetzt stelle’se do schon Gebrauchsanweisungen aus!“ Der aufgeräumte Minimalismus in Baitingers zweitem längeren Werk (nach einer grandiosen Heimdall-Neuinterpretation) ist aber durchaus kein Selbstzweck. Es geht um die pedantischen Zwangsneurosen, die festgelegten Flächen und geordneten Abläufe einer Großstadtexistenz, in die eine Art Naturgewalt namens „Röhner“ einbricht – der „Freund von früher“, den man nicht mal seinem ärgsten Feind wünscht, obwohl er doch eine absolut nette Type ist. Und es gibt ja noch die Frau von Nebenan, und alle Dreiecks-Geometrien dazwischen. Von „unterkühlten Punchlines“ schrieb Oliver Ristau in seiner Kritik, das trifft es recht genau: aber nicht nur sprachlich so perfekt geschliffen, dass keine Silbe Verschleiß bleibt, sondern eben auch in der Bildersprache, die Räume und Gegenstände ständig mit aberwitzigen Metamorphosen bedroht. Das Alltägliche und das Surreale – am Ende ist man sich tatsächlich nicht mehr sicher, warum man beides je für Gegenpole hielt.
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BonhommeMatthieu Bonhomme: Der Mann, der Lucky Luke erschoss

Apropos Comic-Salon: Von all den wiederkehrenden Gesprächsthemen dieses Salon-Jahres ist mir ein etwas alberner Running Gag in besonders guter Erinnerung. „Also dieser Matthieu Bonhomme… Ein guter Mann!„, „Wirklich, ein guter Mann, muss man sagen!“ Scherz beiseite, Bonhomme ist sogar ein ganz großartiger Mann, dem hier etwas wirklich Wunderbares geglückt ist! Überzeugende Nebenfiguren, Italo-Western, kritische Mythen-Reflexion… zu all dem Lob, das dieser Überraschungs-Band bereits erhalten hat, lässt sich nichts hinzufügen. Besonders raffiniert fand ich, dass alles, was man über die Figur „Lucky Luke“ zu wissen glaubte, in Bonhommes Welt selbst Hörensagen-Status hat; quasi die Lagerfeuer-Folklore eines etwas romantisch-überschwänglichen Biographen. Bei Bonhomme zieht niemand schneller als ein Schatten, aber jeder möchte (natürlich!) weiter daran glauben. Und wenn keine Zigaretten mehr geraucht werden können, dann aufgrund von allzumenschlicher Ressourcenverknappung, gemeinen Regenschauern und plötzlichen Windstößen. Auf den Nikotinentzug folgt dann auch unvermeidlich der Zitterich, da ist es mit schnellem Ziehen ohnehin vorbei. Man liest unweigerlich ein wenig mit hinein, wie etwa Tim und Struppi unter einem Bonhomme’schen Weltfilter aussehen könnten…
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Millar QuitelyMark Millar und Frank Quitely: Jupiter’s Legacy

Apropos Dekonstruktion: Ich bin selbst sehr überrascht, dass ich mich noch einmal auf Mark Millars (gefühlt ca. 7000ten) Entwurf einer Superhelden-Entmantelung einlassen konnte. „Was, wenn Menschen in bunten Kostümen die Realpolitik der Gegenwart übernehmen und ein totalitäres Regime zur Weltenrettung errichten würden?“: Von Watchmen über Kingdom Come bis zu The Authority, eigentlich wäre kein Element dieser wilden, genre-reflexiven Collage nicht bereits in den 1990ern in den Tropen-Baukasten eingegangen und längst bekannt. Aber es liegt nicht nur an Frank Quitelys weiterhin atemberaubender Inszenierung, dass es sich hier – einmal mehr, diesmal wirklich, jetzt aber! –“larger than life“ anfühlt. Vielleicht paradoxerweise, weil Millar hier gar nicht größer schreiben will als das Leben. Es sind doch die ganz kleinen Geschichten der sorgfältig ausgearbeiteten Nebenfiguren, die sich am stimmigsten anfühlen. Der leider schon etwas gewohnte Zynismus des Autors lässt hier endlich wieder viel Platz für anderes, für das Licht am Ende des Tunnels, für eine Familien-Saga über drei Generationen, für leise Töne und unverhohlenes Mitfiebern! Endlich wieder mehr als eine Vorlage für actionreiche Verfilmungen (die paradoxerweise vermutlich genau darum auch einen großartigen Film abgeben könnte)! Man darf tatsächlich gespannt sein, ob die Schöpfer diese Töne länger durchhalten.
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ComFor-Leseempfehlungen 2015

Die Redaktion der Gesellschaft für Comicforschung wünscht ihren Leser_Innen  und Freund_Innen nachträglich noch einmal einen guten Jahresstart. Auch zu diesem Jahreswechsel findet man sie überall, die Jahresbestenlisten. Die ComFor möchte sich erneut beteiligen und hat ihre Mitglieder_Innen um ganz und gar subjektive Leseempfehlungen gebeten, die aus den vergangenen zwölf Monaten im Gedächtnis geblieben sind – aus welchen Gründen auch immer. Hier also einige Notizen zum Comicjahr 2015:

Ole Frahm

Literaturwissenschaftler, Arbeitsstelle für Graphische Literatur (ArGL) Hamburg

Kus 23
Kus #23: Redrawing Stories from the Past
Zu diesem Band, das sei vorweg gewarnt, habe ich das Nachwort geschrieben. Weil die lettische, kleinformatige (A6), aber international vertriebene Comic-Zeitschrift aber wenig bekannt ist, erlaube ich mir dennoch hier den Hinweis. Der Band erscheint mir aus mindestens fünf Gründen lesenswert: 1. Weil er andere Perspektiven auf den Holocaust eröffnet – und auf das Verhältnis von Comic und Holocaust. 2. Weil die fünf Kurzgeschichten indirekt die seltsam selbstverständlich gewordene Notwendigkeit in Frage stellen, vom Holocaust als Graphic Novel zu erzählen. 3. Weil die fünf ZeichnerInnen sehr unterschiedliche ästhetische und narrative Entscheidungen getroffen haben. 4. Weil sie aus vier verschiedenen Ländern kommen: Paula Bulling and Max Baitinger aus Deutschland, Zosia Dzierżawska aus Polen, Vuc Palibrk aus Serbien und Mārtiņš Zutis aus Lettland und auch die den Diskurs interessant öffnet. 5. Paula Bulling an die vergessene Solidarität zwischen arabischen und jüdischen Franzosen erinnert. http://www.komikss.lv/

Golem's VoiceDavid G. Klein: The Golem’s Voice:
Diese Graphic Novel über den Holocaust wäre nicht der Rede wert, wenn sie nicht noch einmal auf den Punkt bringen würde, was seit siebzig Jahren viele Comics umtreibt, die geheime Verbindung zwischen dem Golem und den Comics, dem anorganischen Lehmwesen, das zugleich lebt und nicht lebt, nicht tot ist, aber auch nicht lebendig, und dem anorganischen, bedruckten Papier. Klein lässt wenig Klischees aus, die Geschichte lässt sich ohne weiteres als kitschig bezeichnen, aber wer, die oder der Comics gerne liest, würde das als Argument gegen einen Band verstehen wollen?

LindberghAhndongshik: Lindbergh (8 Bände):
Lindbergh von Ahndonghik enthält alles, was das postmoderne Leser-Herz begehrt: eine Vielzahl von Charakteren, die weder gut noch böse sind; Figuren, die zugleich original wirken und zahllose Klischees zitieren; keine zentrale Erzählperspektive; die Gleichzeitigkeit verschiedener historischer Moden; eine Handlung aus noch mehr Versatzstücken: Ben Hur in den Lüften, Ritterromantik, Piratenabenteuer und moderne Kriegsführung, ein par force-Flug durch die Menschheitsgeschichte – kurzum ein völlig selbstreferentieller Kosmos, der gleichwohl einen entscheidenden bürgerlichen Mythos aufs Korn nimmt: die Beherrschung der Natur, ihre Maschinisierung. Und dies in interessanten Bildern und Verdichtungen, die daran erinnern, dass der Zeichenstift ganz andere Phantasien freizusetzen vermag als selbst das digitalisierte Filmbild.

Dietrich Grünewald

Kunsthistoriker, Emeritus Universität Koblenz-Landau, ehem. Vorsitzender der ComFor

Humboldts letzte ReiseFroissard & Le Roux: Humboldts letzte Reise, eine fantastische Geschichte in packenden und zugleich poetischen Bildern über die (fiktive) letzte Reise des großen Wissenschaftlers.

Ètienne Davadeau: Der schielende Hund – für alle, die Spaß an Kunst und Museen haben – eine amüsante Geschichte um und im Louvre.

Flurin von Salis: Der Mon Ventoux. Kein Comic im eigentlichen Sinne, eine Wort-Bild-Geschichte über den Berg in der Provence, der immer wieder die Fahrradfahrer anlockt – gerade in der etwas spröden Art der Zeichnung ein sehr poetisches Werk…

Und auf noch eine Bildgeschichte möchte ich verweisen, auch wenn sie bereits 2014 erschienen ist, aber wohl zu wenig Aufmerksamkeit bekommen hat:
Der FlussAlessandro Sanna: Der Fluss.
Eine textfreie Geschichte: Jede Jahreszeit wird mit einem seitenfüllenden Bild eingeleitet, um dann über zahlreiche Seiten textfreie Episoden in Registern, i. d. R. in vier untereinander geordneten Panorama-Bildstreifen, zu präsentieren. In einer Reise den Fluss entlang verfolgen wir, wie das Hochwasser im Herbst über die Ufer tritt, im Winter Nebel und Schnee Fluss und Ufer beherrschen und im Stall ein Kälbchen geboren wird, wie im Frühling Hochzeit gefeiert wird mit Tanz und Feuerwerk und im Sommer ein Tiger aus dem Zirkus ausbricht, den ein mutiger Maler im Bild festhält. In wunderbaren, stimmungsvollen Aquarellen, in zarten wie kräftigen Farben, die die Jahreszeiten atmosphärisch aufgreifen, lässt uns Sanna das Leben am Fluss erleben. Das braucht keine Worte; Bildstreifen für Bildstreifen taucht der Betrachter in die gezeigte Stimmung wie in den erzählten Prozess ein und wird vom Beobachter zu Mitspieler, zum Radler auf dem Damm, zum Bootsführer, zum Fluggast im Fesselballon. Die Bildgeschichte ist eine lyrisch-visuelle Ballade, eine Hymne auf den Fluss, nicht nur auf Norditaliens Po, der Sanna inspirierte, sondern übertragbar eine Liebeserklärung an alle Natur.

Max Höllen

Kulturwissenschaft und Kulturmanagement an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg
Der TrinkerJakob Hinrichs: Hans Fallada – Der Trinker.
Scott McCloud beschreibt in seinem Lehrbuch Comics machen vier verschiedene Typen von Comic-Künster_innen: Klassizisten, Animisten, Formalisten und Ikonoklasten. Wenn solche Archetypen auch oft einer universalen Anwendbarkeit entbehren und mit der Zeit überdacht werden müssen, so kann man sie doch zur Analyse der Dimensionen Schönheit, Erzählung, Originalität und Authentizität verwenden, wobei man feststellen muss, dass Hans Fallada – Der Trinker von Jakob Hinrichs an allen vier Lagerfeuern seinen Platz findet: Die expressionistischen Illustrationen mit ihren ständig wechselenden Farbkombinationen und –kompositionen lassen den Grafik-Design-Handwerker erkennen, doch reizt dieser damit das Medium Comic bis an seine Grenzen aus und experimentiert grafisch mit Figurengestaltung, Seitenarchitektur und Paneleinteilung was das Zeug hält. Die Geschichte ist dabei genial verschränkt und so vielschichtig, dass man in der Mitte bei einem Buch in einem Buch in einem Buch angekommen ist, nur damit die Ebenen am Ende auf verblüffende Weise zusammenkrachen. Das Farbenspiel hilft bei der Orientierung, wobei die bunte Welt, die Hinrichs erschafft, nicht über Dreck und Elend von Drogensucht, Gefängnis und nationalsozialistischer Unterdrückung hinwegtäuschen kann. So bekommt sogar die deutsche Comic-Koryphäe und Zeitgenosse Hans Falladas e.o.plauen seine Hommage. Wer nüchtern an die Sache herangeht, wird durch die komplexe Erzählung, die aufreizende Farbsymbolik und die psychedelischen Zeichnungen bald betrunken sein von diesem künstlerischen Hochgenuss – also bitte nicht zu viel auf einmal zu Gemüte führen, sondern in kleinen Dosen konsumieren.

Stephan Packard

Medienkulturwissenschaftler, Vertretungsprofessor für Theorien und Kulturen des Populären an der Universität zu Köln
Resist Comics
Can Yalçınkaya hat mit Resist Comics: Scenes from the Gezi Resistance eine bemerkenswerte, ästhetisch wie politisch widerständige Anthologie herausgegeben. Auf 110 Seiten finden sich fast 30 Comics: abstrakte und konkrete, Erzählungen und Impressionen, Einseiter und Fortsetzungsgeschichten, von bekannten Namen und pseudonymen sowie anonymen Künstler_innen. Alle beschäftigen sich mit der sog. „Occupy Gezi“-Bewegung in der Türkei im Sommer 2013. Am Protest gegen ein Bauprojekt im Gezi-Park in Istanbul hatte sich ein allgemeiner Widerstand gegen Erdogans Regierung gebildet; nach der gewaltsamen Räumung am 31. Mai wiederholten sich Proteste in anderen Städten. Die vorliegende Sammlung verhandelt die Möglichkeiten von Politik und Zeitgeschichte in Comics in verschiedensten Registern: Einige Beiträge sind unmittelbar engagierte Kunst, die zu spezifischem Handeln aufruft; andere reflektierten autobiographisch Erlebnisse bei den Protesten; etliche finden Bilder für die oft nur indirekt greifbare Hoffnung auf eine andere und anders politische Zukunft. Die Sammlung entstand auf sozialen Netzwerken; an #diren/#resist hängte sich #DirenCizgiRoman/#ResistComics an. Neben einer Kickstarter-finanzierten Druckausgabe hat sich die Anthologie nun vor allem digital über Comixology international verbreitet. „Gezi“ bedeutet Rundgang oder Spaziergang; die Comics in dieser spannenden Sammlung durchwandern persönliche Erinnerungen und politische Entwürfe und werfen ruhige oder aufgeregte Blicke in die jüngste Vergangenheit und auf mögliche Szenarien für die Zukunft.

Lukas R.A. Wilde

Medienwissenschaftler, Doktorand Universität Tübingen

Sousanis: UnflatteningNick Sousanis‘ Unflattening
hat nun wahrlich einiges an Aufmerksamkeit erhalten im vergangenen Jahr – eine Dissertation in Form eines Comics, eingereicht und angenommen an der ältesten erziehungswissenschaftlichen Graduiertenschule der USA, dem Teachers College der Columbia University, das hatte einiges an Spektakelwert! Dieser hat meines Erachtens leider ein wenig überschattet, was für ein inspirierender Lesestoff Unflattening vor Allem geworden ist! Entlang Edwin A. Abbotts phantastischer Novelle Flatland (1884), in der ein Bewohner eines 2D-Universums Ausflüge in die erste, dritte und schließlich sogar vierte Dimension unternimmt, lädt Sousanis ebenfalls auf eine Reise an die Grenzen der Vorstellungskraft und des Denkens ein – und zwar programmatisch entlang des Zusammenspiels von Textlichkeit und Bildlichkeit. Dass er dabei ohne gezeichnete Erzählerfiguren à la McCloud, aber auch ganz ohne Darstellungen raumzeitlicher „Storyworlds“ auskommt, stellt nebenbei eine interessante Herausforderung an solche „Comic“-Definitionen dar, die allzu sehr dem Narrativen verhaftet sind. Auf fast jeder Doppelseite darf man sich neu von den diskursiven, metaphorischen und epistemischen Funktionen von „Bildern“ überraschen lassen, die weitaus mehr (und immer wieder anderes) können, als die Wahrnehmbarkeit von physischen Einzeldingen abzubilden. Ob Unflatting wissenschaftlich anschlussfähig sein mag, dahingestellt – trotz unzähliger Fußnoten und weiter kulturgeschichtlicher Überblicke bleibt es doch vor Allem ein Lektürespaß, den man schon alleine aus diesem Grund zur Hand nehmen sollte.
Weiterlesen: Drei Bonus-Empfehlungen von Max Höllen aus dem Kalenderjahr 2014

ComFor-Leseempfehlungen 2014

Zu jedem Jahreswechsel findet man ihn überall, den geheimnisvollen Zauber der Liste. Auch die Gesellschaft für Comicforschung möchte sich beteiligen und hat ihre Mitglieder nach subjektiven Leseempfehlungen befragt, die aus den vergangenen zwölf Monaten im Gedächtnis geblieben sind – aus welchen Gründen auch immer. Hier also einige Notizen zum vergangenen Comicjahr 2014:

Ole Frahm:

Medienwissenschaftler, Arbeitsstelle für Graphische Literatur Hamburg

2014_Burns_kleinCharles Burns: Sugar Skull
Es ist immer traurig, den dritten Band einer Trilogie zu lesen, der doch auch gerne der erst dritte Band einer unendlichen Serie werden könnte. Und dann lösen sich die verschiedenen Auslassungen, ausgemerzten Erinnerungen, mit denen der erste Band X’ed Out seine Leser verwirrte, bei einer ersten Lektüre vielleicht zu leicht auf, was immer einen Grund für eine Enttäuschung bietet. Doch Charles Burns gelingt es mit dieser scheinbaren Einfachheit überhaupt erst sein Argument über die Comics, insbesondere Tim und Struppi zu entfalten. Das alte Thema der Abwesenheit von Sexualität in Hergés Serie gewinnt hier in dieser graphischen Psychoanalyse eine neue, keineswegs einfach zu deutende Perspektive – nicht zuletzt in der Konstellation mit Romance Comics, dem New Wave-Aufbruch der frühen 1980er Jahre, Jugendkultur und der aktuellen Frage der Aneignung der Zeichen.

2014_tardi_kleinJacques Tardi: Ich, René Tardi, Kriegsgefangener im Stalag IIB
Ein merkwürdiger Comic. Der Zeichner als Jugendlicher geht in einem dauernden Verfremdungseffekt mit seinem Vater durch dessen Soldatenleben im 2. Weltkrieg, besonders dessen Gefangenschaft im Stalag. Die Penetranz, mit der Tardi als Junge unbeantwortete Fragen stellt – sein Vater ist schon lange tot, der Zeichner vermerkt im Vorwort, dass er eben versäumte, diese Fragen zu stellen, erzeugt eine ganz eigenartige, dichte Atmosphäre, in der die Geschichte als Konstruktion tatsächlich von der Jetztzeit erfüllt ist, wie sie nur im Comic zu haben ist: gespalten, aber auf einer Seite, in einem Buch. Und es macht deutlich, wie säumig die bundesdeutschen Comiczeichner sind.

2014_kichka_kleinMichel Kichka: Zweite Generation
Ein wirklich kluger und anrührender Versuch vom Leben der Generation zu erzählen, deren Eltern den Holocaust überlebt haben. Vor allem Kichkas am funny geschulter Zeichenstil vermag es, der Überlieferung des Holocaust in unseren Tagen einen bisher so nicht gekannten Aspekt abzugewinnen.

Weiterlesen: Zu drei mal drei weiteren Leseempfehlungen