Schlagwort-Archiv: ComFor

Publikationshinweis: „Frames and Framing in Documentary Comics“ von Johannes C.P. Schmidt

Kurz, nachdem  Comfor-Mitglied Johannes C.P. Schmid den Band „Framing [in] Comics and Cartoons“ (mit Christian A. Bachmann) herausgegeben hat, folgt auch schon seine nächste Publikation: bei Palgrave Macmillan erschien kürzlich – als ebook und Print-Ausgabe  – seine Monographie Frames and Framing in Documentary Comics.

 

Ankündigungstext:

„Frames and Framing in Documentary Comics explores how graphic narratives reframe global crises while also interrogating practices of fact-finding. An analog print phenomenon in an era shaped by digitalization, documentary comics formulates a distinct counterapproach to conventional journalism. In what ways are ‘facts’ being presented and framed? What is documentary honesty in a world of fake news and post-truth politics? How can the stories of marginalized peoples and neglected crises be told? The author investigates documentary comics in its unique relationship to framing: graphic narratives are essentially shaped by a reciprocal relationship between the manifest frames on the page and the attention to the cognitive frames that they generate. To account for both the textuality of comics and its strategic use as rhetoric, the author combines theories of framing analysis and cognitive narratology with comics studies and its attention toward the medium’s visual frames.“

Der Band kostet 74,89€ (ebook) bzw. 96,29€ (Print); weitere Informationen sowie Bestellmöglichkeiten finden sich auf der Verlagsseite.

 

1. Comfor Online-Workshop: Karikaturenkritik. Inhalte, Kontexte, Ästhetiken (12.03.2021)

Termin:
12.03.2021 10:00-14:00

Der Vorstand der Gesellschaft für Comicforschung (ComFor) lädt alle Mitglieder_ und Interessierten herzlich zum ersten Online-Workshop der Diversity Initiative ein, der sich dem komplexen Thema der Karikaturenkritik annähern soll. Der Workshop steht unter dem Zeichen der Selbstsensibilisierung und besteht aus zwei Teilen. Am Vormittag wird zunächst Ali Schwarzer als geladener Experte einen Gastvortrag zum Thema „Was darf man noch zeichnen?“ halten, dessen Fragestellungen weiter unten genauer skizziert werden. Nach reichlich Diskussionszeit und einer kurzen Mittagspause wollen wir im Anschluss gemeinsam einen Textvon Siegrid Jäger besprechen, der allen Teilnehmer*innen zuvor zur Verfügung gestellt werden wird. In diesem analysiert Jäger die Rezeption und Instrumentalisierung des sog. „Karikaturenstreits“ in der deutschen Presse aus diskursanalytischer Perspektive („Pressefreiheit und Rassismus. Der Karikaturenstreit in der deutschen Presse: Ergebnisse einer Diskursanalyse“, in: Thorsten G. Schneiders (Hg.): Islamfeindlichkeit: Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen. 2. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag, 2010, S. 319-336).

Gastvortrag Ali Schwarzer: Was darf man noch zeichnen? –Rassistische Stereotype in Cartoons erkennen und benennen

Regelmäßig wundert sich die Medienlandschaft stellvertretend für eine anscheinend zutiefst verunsicherte Gesellschaft: Was darf man eigentlich noch? Der N-Kuss heißt „neuerdings“ Schaumkuss, Schwarze Menschen soll man nicht als Eingeborene zeichnen und Karneval ist ohne Blackfacing auch nur noch halb so schön. Ja, was darf man eigentlich noch? Dass die Meinungsfreiheit eine grenzenlose sei, auf diesen Irrglauben durfte sich lange Zeit berufen, wer zu den Privilegierten der Gesellschaft zählte und zählt. Mittlerweile werden aber auch bekannte Karikaturist_innen (Greser & Lenz), beliebte Comedians (Dieter Nuhr) und alberne Politiker_innen (Martin Sonneborn) gelegentlich daran erinnert, dass Meinungsfreiheit sehr wohl ihre Grenzen hat und diese manchmal sogar für sie gelten. Ungewiss scheint indes, wo diese Grenzen zu verorten sind und wer diese auszuhandeln berechtigt ist. Durch eine sehr homogene Medienlandschaft einerseits und mangelndes Wissen über Rassismus in der Gesellschaft andererseits sind sich Medienschaffende und bekannte Persönlichkeiten häufig nicht im Klaren, wie schnell eine Grenze überschritten ist. Die fehlende Erfahrung in Selbstkritik tut ihr Übrigens und die Quittung folgt in den sozialen Medien. Der Vortrag will für rassistische Erfahrungen von (nicht nur) Schwarzen Menschen in Deutschland sensibilisieren und anhand praktischer Beispiele erläutern, wie tief Rassismen in unsere Gesellschaft eingeschrieben sind. Auf Grundlage dieser Erkenntnisse werden verschiedene Cartoons hinsichtlich ihres potentiell rassistischen Charakters erörtert und Lösungsansätze für die Schaffung diverser Cartoons zur Diskussion gestellt.

Ali Schwarzer hat Medien und Kommunikation sowie African Studies studiert. Während seines Studiums der Afrikanistik befasste er sich mit Meinungsfreiheit und Cartoons im Kontext der südafrikanischen Post-Apartheid-Gesellschaft. Für das Onlinemagazin Übermedien schreibt er in unregelmäßigen Abständen über Rassismus in den deutschen Medien.

Organisator_innen: Christina Meyer, Vanessa Ossa, Lukas R.A. Wilde

Termin: Freitag, 12. März 2021, 10-14 Uhr via Zoom.

Wir freuen uns über reichlich Beteiligung und auf gewinnbringenden Austausch!

Um Anmeldung bis zum 7. März wird gebeten an Vorstand@Comicgesellschaft.de. Die Zugangsdaten für das Zoom Meeting werden allen Teilnehmer_innen zugesandt.

Publikationshinweis: „Framing [in] Comics and Cartoons“ von Johannes C.P. Schmid und Christian A. Bachmann

Wir freuen uns, den kürzlich bei Bachmann erschienenen neunten Band der Reihe ‚Bildnarrative‘ ankündigen zu können: „Framing [in] Comics and Cartoons. Essays on Aesthetics, History, and Mediality“ – Herausgegeben von Christian A. Bachmann und Comfor-Mitglied Johannes C.P. Schmid versammelt der Band Beiträge von einer Vielzahl weiterer Comfor-Mitglieder:

Christina Meyer ist mit einem Beitrag zu Medial, Material,
and Aesthetic Frames/Framings vertreten, Lukas R.A. Wilde zu Framing 9/11 and the »War on Terror« in Editorial Cartoons; Astrid Böger mit »Things Are Different Now«: Re-Framing Australian Identity in Pat Grant’s Blue; Jeff Thoss setzt sich mit Intermedial Frames in Bryan Talbot’s Alice in Sunderland auseinander und Johannes C.P. Schmid mit Framing Documentary Comics.

Ankündigungstext:

Panels, grids, gutters, and pages—graphic narratives rests firmly on practices of setting apart and framing spaces. At the same time, frames—in the sense of cognitive categories as well as semiotic and material manifestations—form basic prerequisites of meaning-making. In contrast to virtually all other media in comics, frames represent not only general communicative aspects; they form its very basic grammar. The essays collected in this volume discuss some of these medial characteristics of comics and cartoons as materialized through their particular carrier media, and they investigate works that range from the inception of the form in the nineteenth century up until its most recent incarnations.

Übersicht über die Beiträge:

  • Johannes C.P. SCHMID/Christian A. BACHMANN
    Framing [in] Comics: A Preface
  • Christina MEYER
    »Enclosures for Looking«? Medial, Material,
    and Aesthetic Frames|Framings
  • Sebastian BARTOSCH
    How To Not Freeze the Frames of Mediality:
    Looking Back at Old Comic Books
  • Lukas R.A. WILDE
    Falling in Line: Framing 9/11 and the »War on Terror« in Editorial Cartoons
  • Johannes C.P. SCHMID
    Framing Documentary Comics: Considering Prologues
  • Astrid BÖGER
    »Things Are Different Now«: Re-Framing Australian Identity in Pat Grant’s Blue
  • Roger SABIN
    Framing pre-1914 British Comics
  • Christian A. BACHMANN
    Panoptical Spaces: Cross-sections in Nineteenth-Century Visual Satire and Early Comics
  • Jeff Thoss
    »Through the Proscenium Arch of the Comic Panel«: Intermedial Frames in Bryan Talbot’s Alice in Sunderland
  • Tobias YU-KIENER
    Musée du Louvre: When the Picture Does Not Fit the Frame: Three Problems With the Graphic Novel Le Ciel au-dessus du Louvre
  • Monika SCHMITZ-EMANS
    Museum Comics: Drawn Reflections on Images and Image-Spaces, Framings and Transgressions

Der Band kostet 28,99€; weitere Informationen sowie Bestellmöglichkeiten finden sich auf der Verlagsseite.

COMFOR-LESEEMPFEHLUNGEN 2020 (TEIL 3/3)

Auch im letzten Teil unserer Reihe haben wir spannende Leseempfehlungen unserer Mitglieder. Wir bedanken uns sehr herzlich für die Tipps sowie die Rezensionen! Sollte Ihnen im heurigen Jahr bei Ihrer Lektüre etwas besonders ins Auge stechen, behalten Sie es im Hinterkopf: 2022 kommt bestimmt, und damit auch die nächste Bitte der Redaktion um Empfehlungen!

Die Leseempfehlungen der letzten Jahre finden sich hier.

Den ersten Teil der Comfor-Leseempfehlungen 2020 finden Sie hier.

Den zweiten Teil der ComFor-Leseempfehlungen 2020 finden Sie hier.

 

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Jennifer Neidhardt

Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Lore Olympus (Webtoon)

„Witness what the gods do…after dark.”

Eines meiner absoluten Comic-Highlights der letzten Jahre ist Rachel Smythes Lore Olympus. Der Webcomic ist mit seinen über 300 Millionen Views der erfolgreichste Comic des Onlineportals Webtoon und kostenlos zugänglich. Momentan ist sogar eine animierte TV-Adaptation durch die Jim Henson Company in Planung.

Lore Olympus ist eine moderne Neuerzählung des griechischen Mythos von Hades und Persephone, in der die klassische Vergangenheit mit der Gegenwart verschmilzt. Die farbenfroh gestalteten Göttinnen und Götter dieser Welt gehen zur Universität, fahren Sportwagen und kommunizieren über Smartphones und Zoom-Meetings, während sich die menschliche Welt noch in der Antike befindet. Die Unterwelt wird so zu einer modernen Metropole und ihr Herrscher Hades zu einem überarbeiteten (und liebenswerten) Firmenchef, der sich auf einer Party in die junge Studentin Persephone verliebt.

Trotz der Einordnung des Comics als romantische Komödie behandelt er komplexe Themen wie Trauma, Missbrauch und Vergewaltigungen und zeigt die griechischen Göttinnen und Götter so von ihrer verletzlichsten und menschlichsten Seite. Die Emotionen der Figuren werden durch die expressionistische Farbgebung und den geschickten Einsatz des Webcomic-Mediums auf eindrucksvolle Weise zum Ausdruck gebracht. Durch miteinander verschmelzende, vertikal gelesene Panels und gelegentliche musikalische Begleitungen werden Leser*innen so auf intimste Weise in das Innenleben der Figuren gezogen.

 

Hanspeter Reiter

Comicoskop

Yuval Noah Harari, Daniel Casanave, David Vandermeulen und C.H.Beck: Sapiens – der Aufstieg

So geht gelungener Sach-Comic! Ein diesem Verlag durchaus angemessenes Großformat-Hardcover von knapp 250 Seiten, Entwicklung und Sein des Homo Sapiens in einer variantenreichen, kunterbunten vierteiligen Graphic Novel. Den Anfang macht „Sapiens. Der Aufstieg“. Als Story mit wechselnder Perspektive präsentiert, verstehen ggf. auch schon Kinder besser, was alles passiert ist, hin zum beginnenden Anthropozän. Darin tritt Yuval Noah Harari selbst auf und analysiert gemeinsam mit seiner Nichte Zoe vergnüglich wie informativ etwa das Schicksal der Neandertaler, schaut sich die Gameshow «Evolution» an und verfolgt die Abenteuer von „Prehistorik Bill“. Durchaus Augen zwinkernd, doch ernsthaft-fundiert auch und gerade für Erwachsene, Farben differenzierend einsetzend – und mit vielerlei Selbstbezügen zum Medium Comic: Da gibt es den Stil der Familie Feuerstein (S. 124ff.) und generell Anklänge an Tim und Struppi (etwa Frau Prof. Sarawati à la Bianca Castafiori) – oder à la Superman Den Doctor (Who?!) Fiction mit Augmented- und Virtual-Reality-Fähigkeiten (S. 81ff., zudem schwarz und eher androgyn): Leser werde selbst mit mehr fündig J … Und freue sich auf die Fortsetzung(en)! Weiter geht´s mit „Der größte Schwindel aller Zeiten – oder wie Super Sapiens vom Weizenmonster übers Ohr gehauen wurde!“.

 

Moritz Stetter: Mythos Beethoven

Fast in Vergessenheit geraten, in Zeiten wie diesen: Das Jubiläums-Jahr 250. Geburtstag Beethovens. Hiermit meldet er sich zurück, als Comic-Biografie von knapp 100 Seiten, als Graphic Novel zum “Revolutionär und Erneuerer“. Ein feines, variables Layout, gewaltig daher kommenden Bildern mit dickem Strich und flächigen Farben. Die Kapitel sind an Musik-Begriffe angelehnt: Präludium – Pathétique – Eroica – La Malinconia – Pastorale – Appassionata – Postludium – Ode an die Freude. „Ganz nach dem Rhythmus Beethovens gestaltet, erkundet die Erzählung in ausgewählten Episoden wichtige Stationen des Komponisten. Sein überragendes Talent und seine Beliebtheit beim Publikum werden ebenso thematisiert wie seine Überheblichkeit gegenüber seinen Zeitgenossen und Gönnern und der allmähliche Verlust seines Gehörs.“ Und sein dennoch (gerade deshalb?!) sensationelles Komponieren… „Gleichzeitig wird aber auch die Rezeption von Beethovens Werk nach seinem Tod behandelt sowie das ikonenhafte „Beethoven-Künstlerbild“ hinterfragt.“ Klischees aufgreifend also und zugleich diskutierend. Mit einem erhellenden Nachwort von Ariana Zustra S. 93ff. „Der Mythos Beethoven“, Ihres Zeichens u.a. Chefredakteurin des #beethoven Magazins. Und vielerlei Original-Zitaten von Zeitgenossen wie aus Veröffentlichungen über Beethoven, jeweils als Fußnote benannt und im Quellenverzeichnis zusammen gefasst: Ein bestens gelungenes Kunstwerk – so ist Comic „Neunte Kunst“, auch und gerade für eine Gattung der anderen, Musik! Hier integriert durch vielerlei Noten-Zitate, teils gar aufwändig eingezeichnet – so hat der Meister selbst mitwirken dürfen J … Eine Ode an Beethoven, dem Leser/Betrachter funke(l)nd schöne Freude bietend, visuell und zugleich – voll tönend, fast synästhetisch…

 

Martin Stark: Der Ring des Nibelungen, nach Richard Wagner

Bilderbogen haben (vor allem im 19. Jahrhundert) Geschichten erzählt, eben primär visuell, textlich nur ergänzend – Vorläufer der US-Comics, die ja lange Zeit als ganzseitige, großformatige Seiten der Sonntags-Zeitungen daher kamen. Diese Tradition hat die Büchergilde nun aufgegriffen und bringt nach und nach moderne Bilderbogen heraus. Hier in einem aufwändigen Konvolut gleich mehrere, die je eins der Werke Richard Wagners aus dem kompletten Zyklus „erzählt“: „Unter- und überirdische Verwicklungen voller Liebe, Drama, Neid und Gefahren und nicht weniger als eine neue Weltordnung. Mit dem Ring schuf Wagner eine generationenübergreifende Geschichte, die eine Aufführungszeit von über 16 Stunden erreicht.“ Der Illustrator Martin Stark hat nun in expressionistischem Stil den Opernzyklus auf vier Bilderbogen umfassend verbildlicht, wahrlich sequenziell. „En goldener Faden führt dabei erzählerisch durch die Handlung der Bilder, die Libretti sind in voller Länge abgedruckt und ein fünfter Bogen erklärt den Stammbaum der Figuren. Wagalaweia!“ Natürlich ein absolutes Schmankerl für jeden Opern- resp. Ring-Fan, fürs häusliche Erleben: Wer mag, kann die Bogen natürlich auch gerahmt an der Wand präsentierten – doch im Grunde ist das eine Graphic-Novel im besten Sinne, eben in Einzel-Bögen aufbereitet… „Jeder der fünf großformatigen Bogen funktioniert anders… Die Leserichtung gibt ein goldener Faden vor, der sich durch das Schwarz-Weiß der Zeichnungen zieht.“ Initiiert und begleitet übrigens von einer Cosima – statt Wagner hier Schneider, der Herstellungs-Leiterin der Büchergilde J …

 

Aleta-Amirée von Holzen

Schweizerisches Institut für Kinder- und Jugendmedien SIKJM

Drew Weing: Die geheimnisvollen Akten von Margo Maloo

„Margo Maloo“ ist eine erfrischende und gleichwohl nostalgisch angehauchte „Monster in der Stadt“-Story für Kinder. Charles, der kindliche Protagonist, ist wenig begeistert, als er mit seinen Eltern in die Metropole Echo City zieht, weil sein Vater dort ein heruntergekommenes Hotel restaurieren soll. Nicht nur ist der Kasten baufällig, sondern zudem von einem Monster bewohnt. Von Nachbarjunge Kevin erhält Charles die Visitenkarte von Margo Maloo, Monster-Mediatorin. Zu Charles‘ Begeisterung entpuppt sich die gleichaltrige Margo als coole Troubleshooterin zwischen den Welten, ist doch die ganze Stadt vom Briefkasten bis zum Abwassersystem von allerlei Monstern unterwandert. An der Seite dieser souveränen Heldin glaubt Möchtegern-Reporter Charles den Stoff für eine Knüller-Reportage gefunden zu haben – obwohl er versprechen muss, niemandem etwas zu erzählen. Nur wir LeserInnen dürfen über Charles‘ witzige Einträge in seinem Erlebnistagebuch und seinem Blog schmunzeln. Und da Monster im Grunde auch (fast) nur Menschen sind, geht es nie darum, sie zu bekämpfen oder unschädlich zu machen. Vielmehr findet Margo für den jeweiligen Konflikt stets eine diplomatische Lösung – mit dem Hotelmonster lautet diese Actionfiguren-Tauschen. Der erste Band umfasst drei Geschichten; der nächste ist in Vorbereitung. Auf der Homepage des Autors gibt es auf Englisch schon weitere Abenteuer auszugsweise zu lesen.

 

Martin Panchaud: Die Farbe der Dinge

Die Farbe der Dinge wurde gleich zwei Mal empfohlen – einmal von Aleta-Amirée von Holzen und einmal von Lukas R.A. Wilde. 

Ein Unglück-im-Glück-Dilemma steht am Beginn von „Die Farbe der Dinge“: Der 14-jährige Londoner Simon, ein typisches „no hope, no future“-Kid, setzt bei den Pferdewetten tausend Pfund, aus Vaters Sparbüchse entwendet, auf einen Aussenseiter und gewinnt: 14 Millionen! Dumm nur, dass er zu jung ist, um den Gewinn auszulösen. Die Eltern kann er nicht fragen, denn gleich darauf liegt die Mutter nach einem tätlichen Angriff im Koma, der Vater befindet sich wohl auf der Flucht. Um ihn zu finden, nimmt ein ehemaliger Liebhaber der Mutter Simon mit auf einen kurzen Road Trip … Wem in dieser Welt voller (Un-)Glücksritter und Geschäftemacher kann Simon mit dem Los in der Tasche trauen? Simon scheint einfach kein Glück zu haben, doch schliesslich erscheint als abstruser „deus ex machina“ ein explodierender gestrandeter Wal. Martin Panchaud erzählt diese filmreife Geschichte spektakulärerweise in einer, so würde man meinen, absolut der Nüchternheit verpflichteter Darstellungsweise, nämlich allein in Infografiken. Die Figuren sind bunte Punkte, denen man aus der Vogelsperspektive zusieht, wie sie sich durch Pläne bewegen (ähnlich gewisser Game-Optiken); einige gut platzierte zusätzliche Infografiken informieren etwa über das Schmerzlevel bei Faustschlägen oder die Überlebenschancen von Walen. Dieses Gestaltungsprinzip setzt der Künstler beeindruckend einfallsreich wie konsequent um und schafft so eine aussergewöhnliche Graphic Novel.

 

Lukas R.A. Wilde

Medienwissenschaftler, Universität Tübingen

Martin Panchaud: Die Farbe der Dinge

Die Farbe der Dinge wurde gleich zwei Mal empfohlen – einmal von Aleta-Amirée von Holzen und einmal von Lukas R.A. Wilde. 

Die Farbe der Dinge ist schon auf den ersten Blick so ungewöhnlich, dass der Einstieg nicht ganz leichtfällt. Anstelle von szenischen Zeichnungen greift Panchaud ausschließlich auf Diagramme, Infografiken und schematische Kartendarstellungen zurück; seine Progatonist*innen werden exklusiv durch komplementärfarbige Kreise repräsentiert. Damit erschließt sich der Autor eine geradezu unverschämte Palette an neuen Darstellungsmitteln, hinter denen eine manchmal absurd-komische, zumeist aber schmerzhaft-tragische Coming of Age-Story prosaisch eingekleidet wird. Simon Hope, 14 Jahre, gewinnt am gleichen Tag 16 Millionen Pfund beim Pferdewetten, an dem seine Mutter ins Koma fällt und sein gewalttätiger Vater spurlos verschwindet. Trotz der kühlen, distanzierten Optik will Die Farbe der Dinge sehr ernsthaft erzählen, oft sogar in quälend langwierigen, tastenden Dialogen. Ein widerständiges, oft anstrengendes, mitunter auch spektakuläres Buch, an das man sich lange erinnern wird. Als kleines Gimmick zum Abschluss sei an dieser Stelle auch auf Panchauds humorvolle Adaption von Star Wars: A New Hope im gleichen Vokabular verwiesen: https://swanh.net.

 

Mariko Tamaki und Steve Punch: Harley Quinn: Breaking Glass – Jetzt kracht’s!

Harley Quinn in allen Medien! Nachdem der Frühjahrskinofilm trotz wohlgemeinter Ansätze nicht so wirklich aufging überzeugte die neue Harley-Animationsserie mit immer neuen überraschenden Wendungen und Figurenaspekten in konsequent durchgehaltener Cartoon/Comedy-Tonalität. Die alleinstehende Graphic Novel Breaking Glass schlägt einen anderen Weg ein und lässt mit Großmeisterin Mariko Tamaki endlich eine Comic-Gigantin an die Figur, die sie völlig neu erfinden kann – und den Rest von Gotham City gleich mit! Was früher wohl einfach „Elseworld“ genannt worden wäre – Breaking Glass erschien unter DC’s Label „Ink“, heute „Graphic Novels for Young Adults“ – macht schon nach wenigen Seiten vergessen, dass Harley nicht schon immer eine 15jährige Ausreißerin war, die in einem schillernden Drag-Palast voll hinreißender Nebenfiguren erwachsen wird. Nicht nur die Neuinterpretation von („Poison“) Ivy als aufgeklärte Aktivistin, auch Tamakis Abrechnung mit dem Joker machen es fast unmöglich, dieses Figurenensemble noch einmal mit den gleichen Augen zu sehen – oder sich mit weniger komplexen Fassungen zufrieden zu geben! Wer den perfekten Einstieg in etablierte Comic-Topoi für Skeptiker*innen sucht, findet hier ein echtes Juwel.

 

Darcy Van Poelgeests und Ian Bertrams: Little Bird – Der Kampf um Elders Hope

 Little Bird ist die vielleicht merkwürdigste Eisner-Auszeichnung dieses Jahres; zugleich zeitlos und völlig aus der Zeit gefallen mutet dieses Mini-Opus nach einem vergessenen Kult-Comic der 1980er Jahre an. Auf der Handlungsebene haben wir es mit einem dystopischen Regime des „New Vatican“ zu tun, das mit erzkonservativer Rute über ein American Empire wacht! Man kennt, was folgt: Indigene Widerstandskämpfer*innen, genmodifizierte Supersoldaten und grotesker Body Horror. Erzählerisch spielt Szenarist Darcy Van Poelgeests schamlos, und nicht immer nur elegant mit Genreversatzstücken, Pathosformeln, Archetypen, und unverhohlenen Klischees. Doch was Zeichner Ian Bertrams und Kolorist Matt Hollingsworth aus diesen Prämissen hochkochen lassen, muss man selbst gesehen und gelesen haben! Sie setzen nicht nur auf symbolschwere, surreale Verfremdungen, sondern verbinden amerikanische Traditionen (v.A. Geof Darrow, Frank Quitely) auch brillant mit frankobelgischen Phantasmagorien à la Möbius zu einem referenzwürdigen Bilder- und Panelrausch. Das ist Character Design und World Building, wie man sie nur im Comic findet, und auch hier nur selten in dieser Intensität – einzelne Splash Pages und Sequenzen brennen sich geradezu ins visuelle Gedächtnis.

 

Robin-M. Aust

Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Ralf König: Frankenstein

Als neuester Band der insgesamt durchweg interessanten und hochkarätig besetzten Grusel-Literaturcomic-Reihe Die Unheimlichen (hrsg. v. Isabell Kreitz) erschien kürzlich Ralf Königs Frankenstein-Adaption – hier treffen sich also zwei Herren, die bereits für sich genommen eine ungemeine Wirkung in der Popkultur bzw. Comicwelt entfalten konnten. Nach einigen insgesamt durchweg guten, teils aber relativ analogen und leider kurzen Literaturadaptionen der Reihe legt König nun ein konzeptuell und inhaltlich ambitioniertes Werk vor: seine sehr freie Transformation fungiert teils als Metatext zu Mary Shelleys Frankenstein-Erzählung. König verzichtet dabei unerwarteter- aber schönerweise auf die typischen, popkulturellen Frankenstein-Horror-Klischees und erzählt stattdessen eine einfühlsame Geschichte von Einsamkeit und Verlust, von der Sehnsucht nach dem perfekten Gegenstück, und zeigt dabei, dass die Triebfeder menschlichen Strebens manchmal einfach nur die Suche nach Liebe ist, selbst wenn diese gegen gesellschaftliche Normen oder eine göttliche Ordnung verstoßen mag.

Nicolas Mahler: Ulysses

Auch Nicolas Mahler fügt seiner eigenen Reihe von Literaturadaptionen einen weiteren Titel hinzu: nach Alice in Sussex, Alte Meister, Der Mann ohne Eigenschaften und Auf der Suche nach der verlorenen Zeit folgt nun mit Ulysses nach James Joyce ein weiteres Schwergewicht der Weltliteratur. Wie auch schon teilweise in früheren Transformationen geht Mahler mit seinen Prätexten ziemlich frei um – was angesichts der Vorlage vermutlich auch nicht anders möglich wäre: Aus Leopold Bloom wird Leopold Wurmb, aus Dublin wird Wien und aus Ulysses wird ein Comic über… ja, nun, über was eigentlich? Dazu müsste ich vermutlich eine genaue Idee haben, worum es überhaupt in Joyces Original geht. Auf jeden Fall geht es in dieser Transformation um Verlorenheit, Monotonie, Alkoholismus und sexuelle Leistungs(un)fähigkeit – nicht ganz untypisch für Mahler-Comics. Konzeptuell greift Mahler hier auf eine Technik zurück, die er bereits ähnlich auch für seine Gedichtbände Dachbodenfund, Solar Plexy und In der Isolierzelle verwendete, die aber auch in gewisser Hinsicht zur referentialistischen Vorlage Ulysses passt: Teile des Text- und Bildmaterials sind aus Werbeanzeigen und Annoncen des Wiener Neuigkeits-Welt-Blatt collagiert. Das hebt einerseits die Skurrilität dieser Anzeigen hervor (und liefert dem Freund von Jahrhundertwende-Kuriosa einiges an Material). Es macht Ulysses (wie schon Alice in Sussex) andererseits, in Kombination mit vielen Cameos bekannter früher Zeitungsstrip-Protagonisten, zu einer schwanengesangesken Hommage an das Massenmedium schlechthin, dessen Zeit nun langsam zu Ende geht: die Zeitung.

Peter Kuper: Kafkaesque. Fourteen Stories

Auch Peter Kuper widmet sich in seiner neuesten Erscheinung einem ›alten Bekannten‹: Nachdem er 2003 bereits eine höchst gelungene und vielschichtige Adaption von Die Verwandlung vorlegte und einzelne Strips zu anderen Erzählungen Kafkas veröffentlichte, folgt nun mit Kafkaesque eine Zusammenstellung von Adaptionen eher kürzerer Kafka-Texte: neben vielen weiteren werden Der Bau, Der Kübelreiter, Ein Hungerkünstler und Vor dem Gesetz auf wenigen, aber eindrücklichen, detailverliebten und symbolisch wie erzählerisch komplexen Seiten ins visuelle übertragen, teils in relativ analogen Adaptionen, teils in stark konzeptuellen Umdeutungen. In der Strafkolonie bekommt dabei den meisten Platz eingeräumt. Die vermutlich interessanteste Transformation nimmt Kuper aber in seiner Variante von Die Bäume vor: in wenigen Bildern deutet Kuper Kafkas Vier-Satz-Erzählung in eine bedrückende hegemonie- und kapitalismuskritische Bilderzählung um – eine Deutungslinie, die sich nicht nur durch die anderen Adaptionen in Kafkaesque zieht, sondern die er auch schon an Die Verwandlung anlegte und die auch sein sonstiges Werk bestimmt.

COMFOR-LESEEMPFEHLUNGEN 2020 (TEIL 2/3)

Den ersten Streich an Leseempfehlungen für 2020 haben wir bereits gepostet, und der zweite folgt sogleich. Unsere Mitglieder haben im vergangenen Jahr anscheinend doch die eine oder andere Minute zum Lesen gefunden und uns eine ganze Reihe an spannenden Empfehlungen zukommen lassen. Hier nun der zweite Teil; der dritte folgt am kommenden Montag (edit: am Donnerstag, dem 21.01.).

(Die Leseempfehlungen der letzten Jahre finden sich hier.)

 

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Laura Glötter

Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Sean Murphy: Batman: Curse of the White Knight

Mit Batman: Curse of the White Knight (2020) liefert Sean Murphy die Fortsetzung zu seinem vielfach gelobten Batman: White Knight (2019), das nicht nur mit einer extensiven Rogues Gallery, sondern darüber hinaus mit einer komplexen Handlung auftrumpfte. Im Fokus standen dabei die Gentrifizierung Gothams, Bruce Waynes Verstrickungen darin sowie der Einblick in Jokers Psyche. Mit Curse of the White Knight nimmt Murphy genau diese Fäden wieder auf, doch widmet er sich nun vor allem dem Ursprung der Stadt und damit einhergehend der Geschichte der Waynes. Die Basis für Batmans Abenteuer bildet erneut der im ersten Teil geschickt aufgebaute Populismus sowie die verwobene Beziehung zwischen Harley Quinn, Joker und Batman. Dass Murphy in seiner Fortsetzung jedoch den Joker in den Hintergrund rückt und Azrael die Bühne überlässt, ruft freudige Erinnerungen an die 1990er Reihe Knightfall hervor, ohne dabei repetitiv zu wirken. Das kantige, düstere Artwork, das ebenfalls von Murphy stammt und durch die Kolorierung Matt Hollingsworths ergänzt wird, zeichnet sich durch scharfe Schraffuren aus und konzentriert sich, trotz zeitweiligem Minimalismus, vor allem auf die Mimik der Figuren.
Obwohl Murphy bei seinem Charakter-Design Größen wie Tim Burton oder Frank Miller folgt und ebenfalls mit dem Bruch der für Batman typischen Regeln spielt, komponiert er den Batman-Mythos, der sein Finale 2021 im dritten Teil finden wird, doch neu.

 

Dietrich Grünewald
Max: König Kohle

Ein anthropomorpher Vogelakteur schreitet ins Bild, sieht eine Linie, nimmt sie hoch und wickelt sie auf. Der Knäuel wird dick und dicker und zieht dabei so etwas wie ein sehr reduziert gezeichnetes Bergmassiv heran. Die Linie reißt, die Bergwelt verselbständigt sich, wird zum Handlungsort einer Geschichte. Max (d.i. der spanische Comickünstler Francec Capdevila) hat uns mit seinem textfreien Bildroman ein subtiles, vielschichtiges Grafik-Spiel geschenkt, das selbstreferentiell mit der Kunst der Zeichnung und der Bildgeschichte umgeht. Die Linie mag den sprichwörtlichen Erzählfaden einer Geschichte andeuten, der dann zur zeichengebenden Kontur wird. Die Idee, mit einem Stück Kohle einen Schatten-Umriss an der Höhlenwand festzuhalten, referiert auf eigene Art die bekannte Entstehunglegende der Malerei nach Plinius und mag zugleich an Platons Höhlengleichnis erinnern. Bild für Bild, Seite für Seite präsentiert Max eine lieare Geschichte, die demonstriert, wie reich bereits die einfachste Zeichnung sein kann, bewegt, lebendig, abstrakt und überraschend, witzig und dramatisch – bis hin zur Papierpuppenbühne. Große Comickunst für ein genussvolles Seh-Vergnügen.

 

Isaac Wens (Z)/Sylvain Venayre (Sz): Auf der Suche nach Moby Dick

Melvilles weltberühmter und berührender Roman ist schon vielfach als Comic adaptiert wurden, vom Illustrierten Klassiker Nr. 17, dem illistrierten Bestseller von Pelikan (Xenos) bis zu Eisners Moby Dick (dt. Ehapa 1998). Selbst als Mischung von Comic und Pop-up-Buch gibt es die Geschichte (Sam Ita; dt. Knesebeck 2009). Und doch: was Wens und Venayre hier vorlegen, ist keine übersetzte Nacherzählung, sondern ein kongeniales Werk, das nicht nur Melvilles Geschichte neu und spannend zu verfolgen präsentiert, sondern auch den Blickpunkit verändert, den Roman und seine Geschichte selbst thematisiert, uns motiviert weit, tiefergehend, über die spannende Handlung hinaus zu sehen. Ein wahres Denkmal für Melville und für den Wal.

 

Andrea Serio: Rhapsodie in Blau

1938 – Mussolini erlässt für Italien die Rassengesetze, was dazu führt, dass der Ich-Erzähler Andrea Goldstein seine Schulbildung nicht abschließen kann, aus seinem Freundeskreis gerissen wird und von seiner Familie in Sicherheit, in die Obhut einer Tante nach New York verschifft wird. Denn Andrea ist Jude. Er nennt sich jetzt Andrew, gewinnt in den USA ein neues Zuhause; aber er meldet sich zur Armee und kommt im Dezember 1944 mit einem Truppentransporter zurück nach Italien. Er ist Sanitäter – und bei dem Versuch, einen Kameraden zu retten, wird er erschossen. Serios Bildroman – eine freie Adaption des Romans Ci sarebbe bastato von Silvia Cuttin (Epika Editioni 2011) – erzählt die bedrückende Geschichte ruhig, ohne aufputschende Spannung, vielmehr besinnlich. Die wunderbaren Pastellzeichnungen wirken poetisch,  sind stimmungsvoll und lassen den Betrachter stets fühlen, was hinter dem äußeren Geschehen vorgeht. Die Geschichte ergreift durch diese Erzähl- und Darstellungweise auf besonders eindringliche Weise und wird so – vielleicht wirkungsvoller als manche pathetische Darstellung – zu einem ergreifenden Mahnmal.

 

Thomas Hausmanninger

Professor für christliche Sozialethik, Universität Augsburg

Jean Valhardi, l’intégrale 1-6, Dupuis 2015-2020

 Die Neuausgabe sämtlicher Geschichten von Valhardi – in Deutsch sind seinerzeit bei Carlsen nur die Geschichten ab Chateau maudit erschienen – glänzt durch zwei Leckerbissen: Bei den Comics sind nun auch die Geschichten aus den 1940er Jahren enthalten, die relativ gut aus den Vorlagen der Zeitschrift Spirou bzw. des Almanach Spirou reproduziert worden sind. Für das intellektuelle Publikum und die Comicforschung bieten die Bände zudem durch die sehr umfangreichen Dossiers v.a. des Ehepaars Pissavy-Ivernault hervorragende Hintergrundinformation. Dazu sind diese Dossiers mit seltenem Bildmaterial geradezu luxuriös ausgestattet. In diesem Jahr wurde die intégrale-Ausgabe mit dem 6. Band abgeschlossen, so dass sich die Anschaffung en bloc lohnt.

 

Lucky Luke: Nouvelle intégrale 1-2

Gegenüber der älteren französischen und bisherigen deutschen Gesamtausgabe glänzt auch diese Neuausgabe in Frankreich mit den hervorragenden Dossiers der Pissavy-Ivernaults. Leider ist Dupius hier recht zögerlich mit der Publikation, Band 3 ist derzeit zudem vergriffen und der 4. erst für 2022 angekündigt. Auf Deutsch liegt der 1. Band vor, der 2. ist für Juli 2021 angekündigt. Doch lohnen sich allein schon die ersten Bände wegen der genannten Dossiers – die französische Ausgabe ist zudem deutlich preisgünstiger als die deutsche.

 

Didier Convard, Denis Falque: Lacrima Christi 1-6

 In diesem Jahr ist diese Staffel um „Das Geheime Dreieck“ vollendet worden. Die Geschichte zählt zu den verschwörungstheoretischen Erzählungen, wählt mit einer schon im 17. Jahrhundert generierten Biowaffe und einer drohenden Pandemie ein derzeit unangenehm aktuelles Thema. Dennoch lohnt sich die Lektüre – und dies nicht nur wegen des routinierten Erzählers Convard, der einen gut verschachtelten Plot entwickelt, sondern vor allem wegen der extrem detaillierten und zugleich enorm filmischen Zeichnungen von Denis Falque. Befreit vom Produktionsdruck der ersten Staffel kann er nun seine ganze Zeichenkunst entfalten und erhält durch die stimmige, nuancierte Colorierung von Angélique Césano endlich auch eine dieser Kunst angemessene Farbgebung.

 

Kalina Kupczynska

Literaturwissenschaftlerin, Universität Lodz

Moa Romanova: Identikid

Kann man sich in seinem (gezeichneten) Körper verstecken und ihn zugleich entblößen? Moa Romanova zeigt in ihrem autobiografischen Comic so viel Körperlichkeit, dass die Panelrahmen für die weichen weißen, zuweilen rosa oder grau anlaufenden Beine, Rücken, Arme zu eng sind. Dies hat seine Logik: In den Panels wie auch in Moa Leben gibt es zu wenig safe space für das von Angstattacken geplagte weibliche Ich. Schon in den ersten Panels entblößt sich Moa, und zwar doppelt – sie zeichnet sich halbnackt, und sie zeichnet sich auf ihrem Bett liegend, am Handy, „faul und selbstgerecht“; in diesen Settings sieht man sie später oft. Der ausufernde Körper geht zu einer Therapie, auf Techno-Parties, trifft Freundinnen, die als Figuren ebenfalls zu groß und zu breit geraten sind. Viel Raum in den Panels nehmen auch Textnachrichten ein, Moa chattet viel mit einem viel älteren Fernseh-Promi, der angeblich ihre Kunst promoten möchte, aber eigentlich an ihr selbst interessiert ist. Und dann doch nicht. Es ist kompliziert; warum, das will ich nicht spoilern. Es ist auch nicht das Wichtigste in Identikid – der Comic ist vor allem visuell eine Attraktion. Flache, kalte Farben und kantige, urbane Landschaften erscheinen entwirklicht, künstlich und abweisend, kalt wie der Angstschweiß der Hauptfigur. Die raumgreifenden Körperformen erinnern in ihrer Überzeichnung an Figuren aus den US-amerikanischen Underground-Comics – auch diese hatten auffallend kleine Köpfe – bloß ist die Irritation der Körperproportionen hier nicht ein Selbstzweck. Der Comic bedient sich auch aus der Manga- und Funnies-Ästhetik, er ist zuweilen witzig und selbstironisch; Comics waren ein Teil der Sozialisation der schwedischen Autorin.

In Interviews sagt Romanova, sie wollte mit Identikid, der auf ihren Tagebucheinträgen basiert, vor allem eins erreichen – dass über Depressionen, Einsamkeitsgefühle mehr gesprochen wird, dass Betroffene in ihrer mentalen Isolation dennoch das Gefühl haben, sie sind nicht allein. Das Potential des Comics wurde schnell erkannt – er wurde bereits in sieben Sprachen übersetzt (u.a. Englisch, Französisch und Finnisch), in der deutschen Übersetzung begeistern vor allem die vielen jugendsprachlichen Bezeichnungen für Emojis.

COMFOR-LESEEMPFEHLUNGEN 2020 (Teil 1/3)

Die Redaktion der Gesellschaft für Comicforschung wünscht ihren Leser_innen  und Freund_innen einen guten Start ins neue Jahr!

Auch 2020 ist, ob man es glaubt oder nicht, vorbei. Ob wir neben allem anderen auch noch Zeit zum Lesen hatten, sei mal dahingestellt. Zumindest konnten wir aber den Blick zur Genüge über das heimische Bücherregal schweifen lassen – und wie jedes Jahr wollen wir den Leser_innen des ComFor-Blogs auch diesen Winter wieder aktuelle Leseempfehlungen von Comicforscher_innen präsentieren. (Die Leseempfehlungen der letzten Jahre finden sich hier.)

Auch dieses Jahr haben wir unsere Mitglieder unter der Redaktion von Robin-M. Aust und Michaela Schober um ganz subjektive Lektüretipps gebeten, die aus den vergangenen zwölf Monaten im Gedächtnis geblieben sind – aus welchen Gründen auch immer.

Anders als in den letzten Jahren haben wir uns dieses Jahr entschieden, die Empfehlungen auf mehrere Posts aufzuteilen, um den einzelnen Beiträgen mehr Raum bieten zu können. Hier also nun der erste Teil – der zweite und dritte folgen in Kürze!

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Jörn Ahrens

Professor für Kultursoziologie, Justus Liebig Universität Giessen

 

Uli Oesterle: Vatermilch. Buch 1: Die Irrfahrten des Rufus Himmelstoß

Mit Vatermilch legt Uli Oesterle eine atemberaubende, auf vier Bände angelegte Autofiktion vor. Darin erzählt er die Geschichte seines Vaters und zugleich seine eigene und nennt dies im Nachwort eine „fiktive Biografie“. Dieses sehr persönliche Nachwort verleiht dem Buch das Air der Authentizität, was zweifellos zu dessen Faszination beiträgt. Zugleich fiktionalisiert Oesterle programmatisch und ganz offensichtlich, sodass nie wirklich unterscheidbar ist, wo die Erinnerung in Fiktion übergeht oder Fiktion zu Erinnerung wird. Wie er selbst über das von ihm Erdichtete schreibt: „Jedes einzelne Wort davon ist wahr“. Schöner wurde der Wahrheitsanspruch von Erinnerung selten dekonstruiert, in einer chronologischen und dennoch elliptischen Erzählung. Insbesondere ist dieser Comic auch eine Augenweide. Wo es um den Vater geht, in den 1970er Jahren angesiedelt, reicht die Ästhetik zurück bis in Designs der 1950er und 60er Jahre. Oesterle arbeitet im Grundsatz in schwarz-weiß, zumeist unterlegt mit einer Variation an Grautönen; mal löst er Panelstrukturen auf, mal lässt er Konturlinien weg, sodass die Bilder aussehen, wie Illustrationen aus Kinderbüchern jener Zeit. Erzählt er von der Gegenwart, markiert Oesterle diese Zeitspur mit einem Lilaton, der nichts schönt. Auch seinem Alter Ego schenkt er nichts. Ein großer Comic, auf dessen Fortsetzung man sehr gespannt sein darf.

 

Hub: Schlange und Speer. Teil 1: Schatten-Berg

Mit seiner neuen Serie entwirft Hub eine im Grunde klassisch angelegte Kriminalgeschichte im Reich der Azteken. Außerhalb der Hauptstadt werden Mumien offenbar ermordeter und verunstalteter Mädchen gefunden. Die Mumien und das dahinter stehende Verbrechen sind unheimlich und erschrecken den Vizekönig zutiefst, der einen skrupellosen Sonderermittler beauftragt, die Fälle zu klären. Zugleich ist ein Hohepriester aufgeschreckt von den Vorfällen und beauftragt seinerseits einen Vertrauten mit Ermittlungen. Erzählerisch wie auch in den Zeichnungen ist der Franzose Hub ein Routinier. Da gibt es keinen unnötigen Originalitätswillen. Die Zeichnungen dienen der Geschichte, die klassisch filmisch gebauten Panels unterstreichen die Spannung und den Verlauf der Geschichte. Die wiederum ist ebenso schnörkellos wie gekonnt erzählt. Spannung baut Hub gleich auf mehreren Ebenen auf. Nicht nur gilt es, das Geheimnis der Mumien aufzuklären, auch zwischen den drei Protagonisten gibt es eine Verbindung, die im ersten, voluminösen Band (von dreien) nur angedeutet wird. Die für die Azteken unbedeutende Jahreszahl 1454 zeigt an, dass die Erzählzeit noch deutlich vor Einsetzen der Invasion durch die Spanier liegt. Ein gelungener Band für eine unterhaltsame Abendlektüre.

 

Sylvain Runberg / Francois Miville-Deschenes: Zaroff

Da gab es 1932 die Verfilmung einer Kurzgeschichte von 1924, The Most Dangerous Game, worin Schiffbrüchige auf eine Insel geraten und dort von einem Lebemann wie Wild gejagt werden, dem exilierten russischen Aristokraten Zaroff. Sowohl das Buch als auch diese, scheinbar bekannteste, Filmadaption enden mit dem Tod des Übeltäters. Variationen gab es einige, ob man das alles kennen muss, ist fraglich. Nun folgt eine Variante für den Comic, die eine Fortsetzung entwirft, worin Zaroff überlebt und eine neue Insel bezogen hat. Darin verfolgt die Tochter eines der Opfer seiner Spur, bis sie nicht nur das Inselversteck aufspürt, sondern auch die Familie seiner Schwester. Zaroffs Unglück ist, dass jenes Opfer selbst ein Gangsterboss war, weshalb die Tochter über die nötigen Mittel verfügt, Zaroffs Schwester und ihre drei Kinder auf dessen Insel zu verfrachten und dort selbst zu Objekten eines Jagdspiels zu machen – entweder Zaroff findet sie zuerst oder die Männer der Tochter töten sie. Nun beginnt eine atemlose Jagd durch den Dschungel. Das ist spannend und geradlinig erzählt. Und auch wenn der Realismus der Figuren zuweilen etwas steif wirkt, ist das Dschungel-Ambiente grandios in Szene gesetzt. Zaroff ist ein klassischer Genre-Comic, der, um der stilistischen Geradlinigkeit willen, auch vor Klischees nicht zurückscheut. Gerade das macht ihn aber aufregend und angesichts des offenen Endes wünscht man sich gleich eine Fortsetzung.

 

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Romain Becker

 

Moreil, Roxanne; Pedrosa, Cyril, L’âge d’or. Volume 2, Aire Libre

Klar, L’Âge d’Or ist eine klassische, unterhaltsame Fantasy-Geschichte, in der es um Ritter, Kriege und Schätze geht; sie ist aber auch viel mehr. Einerseits ist da Cyril Pedrosas wundervoller und unvergesslicher Zeichenstil, der hervorragend zur Atmosphäre passt. Inspiriert von mittelalterlichen Wandteppichen und von klassischen Disney-Filmen (der Künstler hat übrigens eine Zeit lang bei Disney als Trickfilm-Animator gearbeitet), mit satten und teils surrealen Farben koloriert, sind die auf Doppelseiten dargestellten Landschaften und Schlachten wahrhaftig beeindruckend – das übergroße Format spielt hierbei auch eine Rolle. Hinzu kommt, dass Pedrosa hier – in mittelalterlicher Manier – im Allgemeinen wenig Panels verwendet und lieber seine Figuren auf ein- und derselben Seite mehrfach durchs Bild laufen lässt: So ist wirklich jede Seite des Comics ein Augenschmaus. Andererseits hinterlässt aber auch die Geschichte, für die Roxanne Moreil und Pedrosa zusammen verantwortlich sind, einen bleibenden Eindruck. Denn die an sich schon interessanten Intrigen rund um die Thronanwärterin Tilda sind eigentlich eine Metapher für die politische und soziale Situation Frankreichs (und anderer Länder): So kann man beispielsweise in den Bauern Gelbwesten und in Tildas Kontrahent*innen und Gefährt*innen verschiedene politische Parteien und Ideologien erkennen. Wie bereits der erste, ist dieser zweite Teil von L’Âge d’Or, der nächstes Jahr auch auf Deutsch (Das Goldene Zeitalter), nämlich bei Reprodukt, erscheinen soll, ein mitreißendes und zutiefst engagiertes Werk.

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Helene Bongers

Kunsthistorikerin, Freie Universität Berlin

 

Hannah Brinkmann: Gegen mein Gewissen

Brinkmann verarbeitet die eigene Familienhistorie und bettet die Biografie ihres Onkels in den gesellschaftlichen und politischen Diskurs um die Kriegsdienstverweigerung im Deutschland der 1960er und 1970er Jahre ein. Der 18-jährige Hermann ist Pazifist und verweigert den Kriegsdienst. Trotz der Verweigerung und eines erniedrigenden und laufenden Verfahrens wird er zum Wehrdienst eingezogen. In der Folge begeht er Suizid. Die Familie sieht in Hermanns Suizid das Versagen des gesellschaftspolitischen Systems. Brinkmanns Spurensuche drückt sich in der Darstellung von Dokumenten, Fotografien und Briefen aus, geht aber darüber hinaus. Sie lässt das bürgerliche Nachkriegsdeutschland anhand von Orten, wie die Kneipe Kehrwieder und das Haus der Großeltern, visuell auferstehen. Interieur- und Gegenstandsdarstellungen, beispielsweise die Libelle in Plexiglas, werden detailreich und wirklichkeitsnah ausgearbeitet. Dieses Abarbeiten an den Oberflächen wird durch die Ästhetik der Bilder unterstützt. Der monochrome Einsatz gedeckter Farben und die klaren schwarzen Konturen generieren eine Flachheit, die in einem spannungsreichen Kontrast zu den Darstellungen des Innenlebens des Protagonisten stehen. Besonders eindrucksvoll ist dabei die formal und inhaltlich zentrale Sequenz der gerichtlichen Anhörung: Die Angst und der Schmerz des Protagonisten werden durch psychedelische Kompositionen vermittelt. Der Schmerz wird körperlich und die Körperlichkeit wird visuell seziert. Am Ende bleibt die Wut über eine Zeit, in der Gesellschaft und politisches System noch eng mit der Nazivergangenheit verbunden waren und das Grundgesetz sich gegen die Menschen wendete. Ein erschütterndes Kapitel des jungen Nachkriegsdeutschlands, bildgewaltig umgesetzt.

 

Melanie Garanin: NILS. Von Tod und Wut. Und von Mut

NILS ist Garanins autobiografische Chronik über die Leukämieerkrankung und den Tod ihres jüngsten Sohnes. Sie umspannt mehrere Jahre und begleitet die Familie aus Sicht der Mutter und Künstlerin durch die Diagnose, den Krankheitsverlauf, den Tod und vor allem auch durch das erste Trauerjahr. Mitweilen humorvoll schafft die Künstlerin Zeichnungen, die eindrucksvoll den Schmerz, die Ohnmacht und den Kontrollverlust und gleichsam die gesellschaftliche ausgesparte Alltäglichkeit und Normalität von Krankheit und Tod vermitteln. Die Dokumentation des Krankheitsverlaufs beinhaltet auch die Krankenhausaufenthalte, die endlosen Gespräche mit den Ärzt*innen, die rechtlichen Folgen und die Friedhofsbesuche. Die Erzählung wird von einer fantastischen Kinderwelt überformt: die Ärzt*innen haben Namen wie Frau Antibiotika-Aber, Tiere und Gegenstände werden zum Leben erweckt und helfen der Protagonistin wie auch uns als Rezipient*innen, das Leid zu ertragen. Die humorvoll detaillierten lavierten Zeichnungen beinhalten kleine Vögel mit Ritterhelmen und Laserschwertern oder die diskutierende Schreibtischlampe, die für die Protagonistin einsteht. Sie erinnern an Sven Nordquists Illustrationen von Pettersson und Findus und greifen Nils‘ kindliche Perspektive innerhalb des ausgewachsenen Leids auf. Diesem fantastischen Realismus folgt auch das bewegende letzte Kapitel, in dem die Künstlerin zu einer Katharsis führt, die sie nur innerhalb ihrer Zeichnungen eigenständig konstruieren kann. Zeichnen fungiert bei Garanin als Trauerbewältigung und Tabubruch.

 

Bernd Kissel und Marc-Uwe Kling: Die Känguru-Comics

Seit Dezember durchbricht auf Zeit Online ein Webcomic in klassischer Comicstrip-Ästhetik das tägliche Doomscolling. Bernd Kissel gewährt dem prominentesten Beuteltier Deutschlands nach Buch, Radio und Film nun auch den Einzug in das Medium Comic. Mit subversiver Leichtigkeit gehen das Känguru und der befreundete Kleinkünstler durch den Corona-Alltag dieses Jahres. Die lakonischen Kommentare zu Kinderbetreuung, Verschwörungstheorien, einschlägigen Videokonferenzplattfomen, Schlangestehen vor dem Späti oder vollen U-Bahnen verpacken eine Prise erbauliche Gesellschaftskritik in kurze und kurzweilige Strips und Tableaus. Formal orientieren sich die Känguru-Comics nostalgisch an klassischen Formaten der Druckpresse: samstags erscheint ein farbiges Tableau im Stil einer ganzseitigen Wochenendbeilage, werktags ein einzeiliger Strip monochrom in Schwarzweiß und Grau. Erstere sind besonders gut für die Rezeption auf dem Smartphone geeignet, letztere für die Rezeption am PC. Kissels Umsetzung von Klings abgeschlossenen Kurzerzählungen zeichnen sich durch aufmerksamen Detailreichtum in Kombination mit reduzierter Strichführung aus, die an Calvin und Hobbes von Bill Watterson erinnert. Insgesamt sind die kurzen Reflexionen des tagesaktuellen großstädtischen Alltags erfrischend und eignen sich als humorvolle Abwechslung zur Lockdown-Depressivität am Ende des Jahres 2020.

 

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Ole Frahm

Literaturwissenschaftler, Arbeitsstelle für Graphische Literatur (ArGL) Hamburg

Rutu Modan: Tunnel

Wenige Tage vor Weihnachten trudelte Rutu Modans neue Graphic Novel ein. Sieben Jahre ist die Veröffentlichung von Das Erbe her, sieben Jahre hat sie an diesen 275 Seiten gearbeitet. Am Ende des Bandes ist eine Liste der Menschen, die für sie die vielen verschiedenen Figuren dargestellt haben – wen das an Hergé erinnert, liegt richtig, denn Zeichenstil, aber auch Figurenrepertoire orientieren sich an der ligne claire, nur dass in der komplexen Welt Israels alles nicht ganz so klar ist. Anders gesagt: 44 Jahre nach dem letzten Tim und Struppi-Album Tim und die Picaros schließt Modan da an. Es gibt verrückte Wissenschaftler, zwielichtige Händler und die karge Landschaft, wie sie aus Im Reiche des schwarzen Goldes oder auch Die Zigarren des Pharaos bekannt ist. Doch tritt auch der Islamische Staat auf, die Mauer, die Israel von der Westbank trennt, spielt ihre Rolle und die sagenumwobende, seit Jahrtausenden verschollene Bundeslade dient als Handlungstreiber. Kurzum: es ist die beste Graphic Novel, die ich seit langem gelesen habe.

 

Paul C. Tumey: Srewball. The Cartoonists who Made the Funnies Funny

Mit einiger Verzögerung ist bei mir wiederum dieser sehr schöne quadratische Band angekommen, der in die frühe Zeit der Comics zurückführt. Neben alten Bekannten wie Frederick Burr Opper oder E.C. Segar, gleichwohl mit Material aus dem Archiv, das wenig wahrgenommen wurde, gibt es tolle Zeichnende zu entdecken wie Clare Victor Dwiggins alias ‚Dwig’ oder George ‚Swan’ Swanson, der so tolle Titel wie Nonsense und $alesman $am gezeichnet hat. Tumeys Texte stehen in der Tradition von Coulton Waugh mit vielen unerlässlichen Informationen, kurzum ein Muß für alle, die sich entfernt für die Geschichte der Comics vor 1939 interessieren.

 

Linda Berry: Making Comics.

Dieser Band wurde mir in dem Hamburger Comic-Laden meines Vertrauens empfohlen und ich habe das nicht bereut. Linda Berry ist eh großartig und hier faßt sie ihre Lehre als Comic-Zeichnerin an der University of Wisconsin-Madison in wunderbare Text-Bild-Seiten zusammen. Ihre Aufgaben für die angehenden Zeichner*innen sind auch ohne Ergebnisse unterhaltsam zu lesen, weil sie die Möglichkeiten der Comics elegant nebenher aufzeigen. „My way of teaching comics is not about developing characters, it’s about waiting to see who shows up in certain circumstances“. Und entsprechend wartet die Sektion über Monster mit sehr lustigen Gefährten auf – um dann auf Batman zu kommen. Für Comic-Forschende eine, wie ich meine, notwendige Ergänzung für jeden Blick auf dieses seltsame Medium.

Erinnerung: Comfor-Jahrestagung 2020: „Comics & Agency“

An dieser Stelle eine kurze Erinnerung in eigener Sache: Die diesjährige ComFor-Jahrestagung findet vom 08 bis 10. Oktober statt – natürlich, wie fast alle aktuell stattfindenden Veranstaltungen, in digitaler Form als Zoom-Konferenz.

Neben einer Vielzahl von Vorträgen (Link zum Programm sowie als PDF-Download) findet im Rahmen der ComFor-Jahrestagung auch die Verleihung des diesjährigen Martin Schüwer Preises statt, nachdem die Gewinner_innen bereits auf der GfM-Jahrestagung verkündet worden sind.

Anmeldungen sind noch bis zum 5. Oktober per Mail an comfor@comicgesellschaft.de möglich. Wir danken im Namen aller Teilnehmer_innen Vanessa Ossa, Jan-Noël Thon und Lukas R. A. Wilde hiermit herzlich für die diesjährigen Organisation und freuen uns auf eine interessante und inspirierende Tagung!

GfM Jahrestagung 2020

…und schon neigt sich der Sommer langsam aber sicher dem Ende zu – die Sommerpause der Comfor-Redaktion ist nun definitiv vorbei.

Entsprechend melden wir uns direkt mit einer Ankündigung zurück: Die Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft (GfM) des Instituts für Medienwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum findet vom 29.09. bis 02.10.2020 statt – dieses Jahr aus allseits bekannten Gründen allerdings online.

Nichtsdestotrotz bietet die Tagung ein dichtes und vielschichtiges Programm rund um den diesjährigen Themenschwerpunkt „Experimentieren“ an – unter anderem auch das Panel „REMEDIATE! Mediale Experimente und Grenzüberschreitungen im Comic“ (30.09.2020, ab 15:00) mit den ComFor-Mitgliedern Juliane Blank, Dorothee Marx und Véronique Sina. Ebenso trifft sich am 02.10. die AG Comicforschung.

Das vollständige Programm sowie weitere Informationen zur Tagung und der Teilnahme finden sich auf der Tagungswebseite.

Publikationshinweis: Closure 6.5: Obszönität und Tabubruch in den Comics der Familie Crumb

Das Kieler e-Journal für Comicforschung Closure hat – unter tatkräftiger Mitarbeit seitens mehrerer ComFor-Mitglieder_innen – die letzten Wochen und Monate genutzt und nach der letztjährigen Ausgabe zu Nicolas Mahler eine weitere Sondernummer veröffentlicht: herausgegeben von unserer zweiten Vorsitzenden und Mitbegründerin der AG Comicforschung der GfM Véronique Sina und Kalina Kupczynska versammelt die Ausgabe 6.5. Beiträge zur Obszönität und zum Tabubruch in den Comics der Familie Crumb; darunter auch weitere Texte von Comfor-Mitgliedern.

Ankündigungstext:

»[…] in Worten läßt Crumb ständig die Hosen runter, in den zahllosen Zeichnungen aber zieht er sie wieder hoch und schreitet mit festem Schritt sein Terrain ab« schrieb Robert Gernhardt 1982 in Der Spiegel, anlässlich der Veröffentlichung von Robert Crumbs Sketchbook 1966–1967 im deutschen Verlag Zweitausendeins. Zu dieser Zeit war Aline Kominsky-Crumb in Deutschland weitgehend unbekannt, und dies obwohl Crumb ›sein Terrain‹ bereits seit 1972 immer wieder in Form kollaborativer Arbeiten mit ihr teilte. In diesem Zusammenhang spricht Hillary Chute völlig zurecht von einem kulturtypischen »double standard«. Denn während die Künstlerin wiederholt für ihre als ›pornografisch‹ und ›primitiv‹ bezeichneten Werke kritisiert, verkannt und aus der ›kanonischen‹ Comicgeschichtsschreibung sowie -forschung ausgeschlossen wird, wird Robert Crumb, dessen Werke nicht minder kontrovers oder tabubrechend sind, als genialer Comickünstler gefeiert. Dabei vereint ein Aspekt das Comic-Schaffen von Robert Crumb und Aline Kominsky-Crumb mit verblüffender Konsequenz: Beide zeichnen autobiografisch.

Beiträge:

  • Ole Frahm: »How could anyone say that our work is repetitious.« »I yam what I yam an’ thass al I yam…« – Differenz und Wiederholung der autobiografischen Comicfigur in den gemeinsamen Arbeiten von Aline Kominsky-Crumb und Robert Crumb
  • Kalina Kupczynska : »Ärger mit den Frauen«. VerCrumbte Bekenntnisse an der Kreuzung der Diskurse
  • Katharina Serles: The Book of Robert. Crumb und die ›illustrierte‹ Schöpfung
  • Aline Kominsky-Crumb, Sarah Lightman: Aline Kominsky Crumb in conversation with Sarah Lightman
  • Lukas Etter: »It[’]s a Relief !«Verbal Aspects of Aline Kominsky’s Style
  • Véronique Sina: »The Good, the Bad, and the Ugly« Obszönität und Tabubruch in den Comics von Aline Kominsky-Crumb
  • Joanna Nowotny: Gesammelte Subjektivität. Paradoxien und Analogien von Form, Inhalt und Rahmung in Sophie Crumbs The Evolution of a Crazy Artist

Weitere Informationen zu den Beiträgen sowie die PDF der Ausgabe finden sich auf der Webseite der Closure.

 

ComicCon@Home und Eisner Award Preisverleihung

Termin:
24.07.2020

Auch wenn die ComicCon dieses Jahr nicht in San Diego, sondern ‚at home‘ und bei YouTube stattfindet, bietet sie dieses Jahr an insgesamt fünf Tagen ein volles und breit gefächertes Vortragsprogramm:

Programm für den 22. Juli

Programm für den 23. Juli

Programm für den 24. Juli

Programm für den 25. Juli

Programm für den 26. Juli

Im Rahmen der ComicCon werden am 24. Juli auch die diesjährigen Eisner Awards verliehen. Besonders freuen wir uns, dass ComFor-Mitglied Christina Meyer für ihr Producing Mass Entertainment: The Serial Life of the Yellow Kid in der Kategorie Best Academic/Scholarly Work nominiert wurde! Wir drücken Frau Meyer die Daumen und wünschen natürlich auch allen anderen Nominierten viel Glück!